Erneut weniger Seehunde im Wattenmeer

Es gibt immer weniger Seehunde im Wattenmeer. Seit 2020 gibt es einen durchschnittlich abnehmenden Trend von -4 %. Wobei 2025 das dritte Jahr in Folge markiert, in dem die jährlichen Seehund-Zählungen deutlich niedriger ausfielen als die von 2012. Daran ändert auch die leichte Bestandszunahme von ca. 1 % in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr nichts (von 23.772 auf nunmehr 23.954 erwachsene Tiere). Gleichzeitig gab es 2025 ungewöhnlich viel Nachwuchs: 10.044 Seehundwelpen, das ist die zweithöchste jemals beobachtete Welpenzahl (ein Anstieg von 22 % gegenüber 2024). Das sind die Ergebnisse des jährlichen Expertenberichts, den das Gemeinsame Wattenmeersekretariat (CWSS) im Rahmen der trilateralen Zusammenarbeit zum Schutz des Wattenmeeres am 14. November veröffentlichte.1

Kernaussagen

  • Der Bestand von Seehunden im Wattenmeer sinkt weiterhin, trotz eines leichten Anstiegs in diesem Jahr.
  • Es gibt einen Anstieg bei Jungtieren, jedoch hat sich deren Sterblichkeit erhöht.
  • Ursachen für den langfristigen Bestandsrückgang sind unklar, könnten aber durch Umweltbedingungen und Überfischung bedingt sein.
  • Zusätzliche Stressoren wie Plastikmüll, Lärm und Tourismus beeinträchtigen die Seehundpopulation.
  • Luftaufnahmen werden verwendet, um die Seehunde während der Fortpflanzungszeit zu zählen und zu überwachen.

Forscher stehen vor einem Rätsel

Die CWSS-Wissenschaftler sehen einen anhaltend, rätselhaften Trend: Während der Bestand der Seehundpopulation im Wattenmeer im letzten Jahrzehnt sinkt, gibt es, im Verhältnis zur Gesamtzahl, immer mehr Jungtiere. „Die Zahlen könnten auf einen höheren Anteil fortpflanzungsfähiger Weibchen und gleichzeitig auf eine höhere Jungtiersterblichkeit hindeuten, was dazu führt, dass weniger Jungtiere die erwachsene Population erreichen“, sagt Anders Galatius, Hauptautor des Berichts und leitender Wissenschaftler am Institut für Ökowissenschaften der Universität Aarhus.

Wie in vorangegangenen Erhebungen variieren die Zahlen regional deutlich: In Dänemark sank der Bestand mit 1.721 Tieren gegenüber 2024 um 20 %. In Schleswig-Holstein sank er um 8 % auf 7.806 Exemplare (2024 hatte es noch eine Zunahme um 7 % gegenüber dem Vorjahr gegeben).

Niedersachsen und Hamburg dagegen verzeichneten Zuwächse (um 9 % auf 7.042) wie auch die Niederlande mit 10 % oder 7.285 Seehunden. Auf Helgoland wurden 100 Erwachsene und zwei Jungtiere gezählt, verglichen mit 56 Erwachsenen und keinem Jungtier im Jahr 2024.

Uneinheitliche Entwicklung bei Seehundwelpen

Den größten Anstieg (44 %) beim Nachwuchs der Seehunde im Wattenmeer verzeichneten die Niederlande mit 2.809 Welpen gegenüber 1.956 im Vorjahr. In Dänemark gab es 727 Seehundwelpen, was einem Rückgang von 4 % gegenüber 2024 mit 758 Welpen entspricht. Sowohl in Schleswig-Holstein (4.375) als auch in Niedersachsen und Hamburg (2.131) stiegen die Welpenzahlen dagegen um 25 %. 

Ursachen sind unklar

Noch gibt es keine belastbaren Hinweise, warum der Bestand der kleinen Hundsrobben in der deutschen Nordsee langfristig gesehen sinkt. Am wahrscheinlichsten ist, dass die Tiere unter verschlechterten Umweltbedingungen leiden.

„Eingeschränkte Nahrungsressourcen oder Umweltgifte, die die Tiere schädigen, sind hier sicher ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Zudem gibt es immer mehr Störungen durch zu viele Touristen (Übertourismus). Und in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg ist das Meeressäuger-Management mangelhaft“, erklärt der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Seehundjäger mit einem jungen Seehund am Strand von St. Peter-Ording.
Seehundjäger erschießen jedes Jahr Hunderte kranke, verletzte oder verlassene, meist junge, Robben. © U.Karlowski

Viele Stressoren gefährden die Seehunde im Wattenmeer

Die zunehmende Belastung des Wattenmeeres mit Plastikmüll hat Einfluss auf die Bestände von Seehunden und Kegelrobben. Das zeigen Studien niederländischer und belgischer Wissenschaftler. Dabei sind Seehunde im Wattenmeer hauptsächlich durch das Verschlucken von Nylon-Angelschnüren gefährdet.

Andere Stressoren für die Unterwasserjäger sind:

  • Meeresverschmutzung (darunter Ewigkeitsgifte wie PCB oder Glyphosat)
  • Verklappung von hochgiftigem Hafenschlick aus der Elbe vor Cuxhaven
  • Nahrungsmangel durch Überfischung
  • Lärm von touristischen und kommerziellen Schiffen
  • Bau von Offshore-Windkraftanlagen und der dazugehörigen Infrastruktur (Unterseekabel mit Landungsstellen)
  • Umweltbelastungen durch das LNG-Terminal vor Wilhelmshaven (Lärm und Einträge von Chlor in die Nordsee)
  • Störungen durch Übertourismus
  • eine Ölplattform mitten im Weltnaturerbe und Nationalpark Wattenmeer
  • destruktive Grundschleppnetzfischerei im Nationalpark Wattenmeer und anderen Meeresschutzgebieten

Geschwächte Seehundwelpen

Wie bereits im Vorjahr verzeichneten unsere Partner vom Robbenzentrum in Wyk auf Föhr spät im Jahr verletzte und geschwächte Seehundwelpen. Viele von ihnen waren Opfer des Sturms „Joshua“.

Robben zählen

Gezählt werden Robben im Wattenmeer und auf Helgoland durch Luftaufnahmen während der Fortpflanzungszeit und in der Zeit des Fellwechsels. Seehunde sind dann recht gut auf Sandbänken zu beobachten.

Im Rahmen des trilateralen Überwachungs- und Bewertungsprogramms koordiniert die trilaterale Expertengruppe Meeressäugetiere die Zählungen und harmonisiert die Daten aus der gesamten Wattenmeerregion. Der Seehund ist trilateral durch das Übereinkommen zur Erhaltung der Robben im Wattenmeer (WSSA) geschützt, das unter der Schirmherrschaft des Übereinkommens der Vereinten Nationen zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten (CMS) geschlossen wurde.

  1. Survey Results of Harbour Seals in the Wadden Sea in 2025 vom Gemeinsamen Wattenmeersekretariat (CWSS) ↩︎

Update: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter Beitrag

Titelfoto: Robbenzentrum Föhr


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