Wissenschaftler bilden drei neue Unterarten für Schwertwale

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Kanadische und US-Wissenschaftler wirbeln die Systematik der Top-Prädatoren der Ozeane, der Orcas oder Schwertwale, gehörig durcheinander. Bisher fasste man die größten Vertreter innerhalb der Delfinfamilie zu einer Art (Orcinus orca) mit weltweiter Verbreitung, unterteilt in bis zu zehn Ökotypen, zusammen. Doch diese Betrachtungsweise geriet angesichts neuer Erkenntnisse über umfangreiche innerartliche Unterschiede ins Wanken. Im März 2024 veröffentlichten Wissenschaftler der US-Klima- und -Ozeanbehörde NOAA Fisheries eine Studie1, die zeigt, dass man die im Nordpazifik lebenden Schwertwal-Populationen eigentlich als zwei eigenständige Arten betrachten muss. Doch so weit wollte das für die Anerkennung neuer Meeressäugerarten zuständige Taxonomie-Komitee der Society of Marine Mammalogy nicht gehen. Anfang Juli 2024 teilten die Wissenschaftler Orcinus orca vorerst in drei Unterarten:

  • O. o. ater – Residente Schwertwale
  • O. o. orca – Gewöhnlicher Schwertwal
  • O. o. rectipinnus – Bigg-Orcas

Ebenfalls im März 2024 hatte ein Forschungsteam der Universität von British Columbia mit einer Studie über eine neue Orca-Population für weitere Aufmerksamkeit gesorgt. Sie lebt im offenen Ozean vor Kalifornien und Oregon an der Westküste Nordamerikas und zeichnet sich durch ein bisher nicht bekanntes, ungewöhnlich breites Nahrungsspektrum aus. Denn diese Schwertwale greifen nicht nur Lederschildkröten und Delfine, sondern auch Pottwale an. Eine taxonomische Einordnung steht noch aus.

Das Geheimnis der Schwertwale im Nordpazifik

Im Nordpazifik leben Gruppen aus drei Orca-Ökotypen: Meeressäuger jagende Transients (nomadisch lebend, auch Bigg-Orcas genannt nach dem Forscher Dr. Bigg), auf Fisch spezialisierte Residents (teilsesshaft lebend) und die weniger bekannten Offshore-Orcas, die vor allem Haie, aber auch andere Fische fressen. Ginge es nach den NOAA-Wissenschaftlern, dann besteht kein Zweifel, dass die zum Bigg-Ökotyp gehörenden Gruppen eine eigenständige Art (Orcinus rectipinnus) sind. Die den gleichen Lebensraum besetzenden Residents sind wiederum eine andere Art (Orcinus ater). Für die Abgrenzung analysierten die Wissenschaftler morphologische, verhaltensbezogene (soziale Organisation und Ausbreitung sowie Ernährung), akustische, genetische und anderen Daten.

Drohnenaufnahmen von zwei Individuen der zwei neuen Schwertwal-Arten.
Vergleichende Drohnenaufnahme von erwachsenen männlichen Bigg- und Resident-Schwertwalen aus der Salish Sea im Süden von Vancouver Island. Die größenskalierten Aufnahmen haben John Durban und Holly Fearnbach mit einer nicht-invasiven Drohne gemacht. Autorisiert mit der Forschungsgenehmigung 19091 des US National Marine Fisheries Service (NMFS).

„Diese Schwertwale könnten unterschiedlicher nicht sein, doch sie leben direkt nebeneinander und sehen sich immerzu“, sagt Meeressäugerspezialistin Barbara Taylor – ehemals bei NOAA Fisheries –, die an der Studie beteiligt war. „Aber sie bleiben für sich.“

Genetische Daten aus früheren Studien zeigen, dass sich die beiden Orca-Ökotypen wahrscheinlich bereits vor mehr als 300.000 Jahren voneinander trennten. Spätere Studien bestätigen, dass beide Ökotypen unterschiedliche Nischen des marinen Ökosystems des Nordwestpazifiks besetzen.

Schädel der beiden neuen Orca-Arten.
Schädel eines Bigg-Schwertwals Orcinus rectipinnus (links) und eines residenten Schwertwals Orcinus ater (rechts). Der Schädel des Bigg-Orcas ist robuster und sein Rostrum (Schnabel) ist breiter. Das sind vermutlich Anpassungen an die Ernährung mit größeren Beutetieren (Meeressäugetieren). © NOAA Fisheries

Anerkennung weiterer Arten?

Ob die drei neuen Unterarten doch eher als eigenständige Arten betrachtet werden müssen, sollen nun genetische Untersuchungen zeigen. Wissenschaftler erwarten jedenfalls die Identifizierung weiterer Arten unter den Schwertwalen. Führender Kandidat ist dabei eine der fünf Orca-Ökotypen, die im Südpolarmeer rund um die Antarktis2 leben. „Je mehr wir lernen“, meint John Durban, Drohnenspezialist und außerordentlicher Professor am Meeressäuger-Institut der Oregon State University, „desto klarer wird mir, dass zumindest einige dieser Ökotypen zu gegebener Zeit als verschiedene Arten anerkannt werden.“

Ein neuer Orca-Ökotyp vor der Westküste Nordamerikas?

Im März 2024 veröffentlichten kanadische Wissenschaftler von der Universität von British Columbia im Fachmagazin Aquatic Mammals eine Studie über die Entdeckung einer neuen Schwertwal-Population, die sich noch keinem Ökotyp zuordnen lässt. Diese im offenen Ozean an der Westküste Nordamerikas vor Kalifornien und Oregon lebenden Schwertwale jagen unter anderem Pottwale und Meeresschildkröten.

Infografik mit Orca-Ökotpen und der neu entdeckten Orca-Population vor der Westküste von Nordamerika.
Unterschiede zwischen den drei Orca-Ökotypen und der neu entdeckten, einzigartigen Population an den Küsten von Kalifornien und Oregon. © UBC Media Relations

Sie jagen sogar Pottwale

Zur Identifizierung der Population nutzten die Wissenschaftler Daten aus den Jahren 1997 bis 2021. Bislang konnte man 49 Tiere identifizieren. Dabei beobachte man auch, wie eine Gruppe dieser ozeanischen Orcas neun weibliche Pottwale angriff und einen davon erbeutete. Es war die erste Beobachtung dieser Art an der nordamerikanischen Westküste.

Orca OCX040 beim Angriff auf einen Rundkopfdelfin.
Orca OCX040, ein erwachsenes Weibchen oder subadultes Männchen. Angriff auf einen Rundkopfdelfin in der Monterey Bay, Kalifornien, am 25. August 2021. © Slater Thomas Moo

Außerdem greifen diese Schwertwale Zwergpottwale an, jagen Nördliche See-Elefanten, Rundkopfdelfine und Lederschildkröten.

Fischer machen begeistert mit beim Citizen-Science-Projekt

Das Beobachten der neuen Schwertwal-Population ist zu einer Art Hobby unter Fischern geworden. Einige haben sich gezielt dafür Kameras gekauft. Mit ihren Beobachtungen helfen sie, mehr über diese Orcas zu erfahren. Ergänzt werden soll dies durch weitere akustische Daten, Verhaltensstudien und genetische Informationen.

Neue Arten und Populationen – neue Herausforderungen für den Artenschutz

Die Aufteilung einer global vertretenen Art in mehrere Arten, Unterarten oder definierte, einzigartige Populationen bringt neue Herausforderungen für nationale und internationale Schutzmechanismen. Managementpläne – so vorhanden – müssen neu definiert werden. Da es die neuen Arten oder Unterarten in internationalen Artenschutzgesetzen wie dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) nicht gibt, verlieren die betroffenen Populationen ihren bisherigen Schutzstatus. Gleiches gilt für nationales Gesetze, wie den Endangered Species Act der USA.

  1. Morin PA, McCarthy ML, FungCW, Durban JW, Parsons KM, Perrin WF, Taylor BL,Jefferson TA, Archer FI. 2024 Revised taxonomy ofeastern North Pacific killer whales (Orcinus orca):Bigg’s and resident ecotypes deserve speciesstatus. R. Soc. Open Sci. 11: 231368. https://doi.org/10.1098/rsos.231368 ↩︎
  2. Pitman, R.L., Durban, J.W., Greenfelder, M., Guinet, C., Jorgensen, M., Olson, P.A., Plana, J., Tixier, P. and Towers, J.R., 2011. Observations of a distinctive morphotype of killer whale (Orcinus orca), type D, from subantarctic waters. Polar Biology34, pp.303-306. ↩︎

Titelfoto: © Vincent Kneefel/Ocean Image Bank

Update: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter Beitrag


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