Fahrverbot für Boote nach Orca-Angriffen

Das angriffslustige Verhalten von Schwertwalen vor der iberischen Atlantikküste gibt Forschern Rätseln auf. Auch wenn sich bei den Orca-Angriffen auf Boote bislang niemand ernsthafte Verletzungen zuzog, ergriff das spanische Verkehrsministerium temporäre Maßnahmen zur Sicherheit von Crews. Denn bereits mehr als 25 Boote wurden bei Orca-Attacken so stark beschädigt, dass sie abgeschleppt werden mussten.

Fahrverbot für kleine Boote

Orca mit springendem Baby

Sind die Angriffe von Orcas vielleicht nur spielerisches Verhalten? – Foto: skeeze/Pixabay

Das zweite Mal in elf Monaten verhängte die spanische Regierung ein zweiwöchiges Fahrverbot für fast alle Boote unter 15 m Länge. Es betrifft einen Abschnitt zwischen Kap Trafalgar und der Hafenstadt Barbate nahe der Straße von Gibraltar auf einem Streifen von etwa 2 bis 9 Seemeilen ab Küste. Es gilt noch bis 20. August. Im letzten Herbst war ein Abschnitt an der Küste vor Galicien im Nordwesten Spaniens betroffen.

Der Grund: Wiederholte Angriffe von Orcas auf kleinere Boote, meist Segelboote. Seit März dieses Jahres soll es zu mehr als 50 Begegnungen mit angriffslustigen Schwertwalen gekommen sein, wie das Verkehrsministerium mitteilt. Bei 25 Vorfällen musste die Seenotrettung zu Hilfe kommen, um die beschädigten Boote in einen Hafen zu schleppen.

Es klingt wie der Rachefeldzug der Wale aus Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“ …

Im Juli 2020 etwa umzingelten 9 Orcas in der Straße von Gibraltar ein Segelboot und rammten es wiederholt. Erst nach einer Stunde zogen sich die zu den Delfinen zählenden Meeressäuger zurück. Die Crew blieb unverletzt, Steuerruder und Motor des Boots waren jedoch zu Bruch gegangen.

Zwischen Juli und November 2020 soll es 45 Orca-Angriffe an der iberischen Küste von der Straße von Gibraltar bis Galicien gegeben haben.

Hintergrund der Orca-Attacken ist rätselhaft

Orcas in der Gruppe

Die Ursache der Orca-Angriffe auf Boote ist nach wie vor rätselhaft – Foto: djmboxsterman/Pixabay

Die Attacken auf Boote vor den Küsten Spaniens und Portugals und an der Straße von Gibraltar durch Orcas sind völlig untypisch und geben Anlass zu vielerlei Spekulationen. Kleinere und mittelgroße Segelboote in langsamer Fahrt scheinen sie besonders „anzuziehen“. Bekannt war bislang ein einziger Fall von 1972 vor den Galapagos-Inseln. Damals versenkte eine Orca-Gruppe das Holzsegelboot einer englischen Familie.

Orca-Angriffe: Spielverhalten oder Stress?

Möglicherweise handelt es sich bei den Orca-Attacken um reines Spielverhalten, z. B. als Angriffstraining für die Kälber. Vielleicht sind es Stressreaktionen, ausgelöst durch Nahrungsmangel oder zu hohe Lärmbelastungen. Ob es sich um ein gezieltes „Beschädigen-Wollen“ handelt, ist Spekulation, auch wenn Orca-Experten es für durchaus wahrscheinlich halten, dass diese intelligenten Tiere mit der Zeit gelernt haben, wozu das Ruder eines Bootes dient.

Schließt man Spielverhalten/Training aus, dann ist die Körpersprache der Tiere eindeutig. Sie fühlen sich massiv gestört und sie drücken ihren „Unwillen“ dadurch aus, dass sie in für sie attackierbare Objekte des Schiffskörpers wie das Ruder beißen. Damit wollen sie erreichen, dass sich die Boote aus ihrem Lebensraum entfernen.

Orca-Angriffe: Rache oder Umweltbelastungen?

Eine andere Theorie besagt, dass die Tiere auf einer Art „Rachefeldzug“ sind, nachdem zwei Weibchen aus ihrer Gruppe durch Fischer verletzt worden seien.

Auch die Coronapandemie wird als Ursache ins Spiel gebracht. Nachdem es viele Monate sehr ruhig ihrem Lebensraum war, könnte der wieder zunehmende Schiffsverkehr Auslöser dieser ungewöhnlichen Aggressivität gewesen sein.

Als weitere mögliche Ursache kann man auch Infektionen oder Vergiftungen mit Umweltgiften wie PCB nicht gänzlich ausschließen.

Gibraltar-Population

Beobachtung von Orcas vor San Juan Islands USA

Orcas gehören zu den Lieblingen beim Whalewatching – Foto: iStock/lilly3

Die etwa 50 Individuen zählende Gibraltar-Populationen steht generell unter starkem Stress durch den hier herrschenden Schiffsverkehr, durch Lärm, Verschmutzung und Überfischung. Immer wieder kommt es auch zu Konflikten mit Fischern, die mit den Delfinen um ihre Lieblingsbeute, den Roten Thunfisch, konkurrieren. Bislang zeigten sich diese Orcas allerdings sehr friedfertig und werden regelmäßig von Whalewatching-Anbietern von Juli bis Anfang September besucht.

Schwertwale in Delfinarien

In Delfinarien lebende Orcas haben wiederholt Menschen angegriffen und getötet. Dies lässt sich aber nicht mit der Situation der Attacken auf Boote vergleichen.

Verhaltenstipps

Die Tiere nicht mit Gegenständen bewerfen, um sie so zu vertreiben. Bei einem Nachtangriff Ende März 2021 vor der marokkanischen Küste behalf sich die Crew beispielsweise mit dem Entzünden einer roten Seenotfackel.

Trifft man beim Segeln auf Orcas, so empfiehlt das spanische Verkehrsministerium, soweit dies möglich ist und man sich damit nicht in Gefahr begibt: Motor ausschalten, Segel einholen, Steuerruder auf Kurs lassen, Echolot ausschalten.

 

Titelbild: Orcas begleiten ein Boot – © Ministerio de Transportes, Movilidad y Agenda Urbana