Aquakultur ist keine Lösung

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Aquakultur (Aquafarming) gilt als Hoffnungsträger für die Beendigung der globalen Fischereikrise. Gleichzeitig soll die Zucht von Speisefisch und Meeresfrüchten (z. B. Garnelen, Algen, Muscheln, Seetang, Seegras, Seegurken) helfen, die Ernährung einer stetig wachsenden Weltbevölkerung langfristig zu sichern. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Darauf machen Wissenschaftler in einer kürzlich erschienenen Studie1 von zehn Instituten verschiedener Nationen unter Beteiligung vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel im Fachjournal Frontiers in Marine Science aufmerksam. Aquafarming ist keine Lösung. Weder für das globale Ernährungsproblem, noch für die Überfischung der Weltmeere. Denn die Wachstumsraten von Aquakulturen haben ihren Höhepunkt überschritten. Ein stärkerer Ausbau könnte zudem zu verheerenden sozioökonomischen Folgen für Küstenländer führen, warnen die Forscher.

Aquakultur hat die Grenzen des Wachstums erreicht

Weltweit züchtet man mehr als 600 Fisch-, Krebs- und Muschelarten in Aquakultur. Laut des jüngsten SOFIA-Berichts der Welternährungsorganisation FAO (The state of the worlds fisheries and aquaculture) lag die globale Aquakultur-Produktion 2020 bei 122,6 Millionen Tonnen. Ein neuer Rekord. Dagegen sank 2020 der offizielle globale Fangertrag von Meeresfischen gegenüber 2018 um 4 Prozent auf 78,8 Millionen Tonnen.

FAO, Weltbank und OECD prognostizieren bis 2030 eine jährliche Nachfrage nach Speisefisch von 173 Millionen Tonnen. Gleichzeitig rechnen sie bis 2030 mit einer durchschnittlichen jährlichen Speisefisch-Produktion aus Aquakulturen von 101 Millionen Tonnen. Ohne den Fang von Wildfisch laufen wir laut der Studie bis 2030 somit in einen jährlichen Mangel an Speisefisch von etwa 71 Millionen Tonnen.

Das lässt sich mit einer weiteren Steigerung der Aquakultur-Produktion nicht kompensieren. Denn dazu müsste die Kapazität von Fischzuchtbetrieben mindestens um das Dreifache der von der FAO prognostizierten durchschnittlichen jährlichen Rate wachsen. Stattdessen hat die globale Produktion ihre ökologischen Grenzen erreicht. Auch wenn die Produktionsmengen für die zehn wichtigsten Zuchtarten steigen. Weder die Ernährungs- noch die Überfischungskrise kann man damit bewältigen.

Ohne nachhaltige Fischerei keine Ernährungssicherheit

„Selbst technologische Fortschritte würden nach derzeitigem Stand nicht dazu führen, dass der Fischbedarf durch Aquakultur gedeckt werden könnte. Ein Umbau der Fischereiwirtschaft zu einer ökologisch verträglichen Fischerei böte ein deutlich höheres Zukunftspotenzial“, sagt Rainer Froese, mariner Evolutionsökologe am GEOMAR und deutscher Fachexperte für die Studie.

Hochpreisige Zuchtfische aus Aquakultur machen die Welt nicht satt

„Der globale Hunger nach Fisch und Meeresfrüchten kann nicht hauptsächlich durch Aquakultur gesättigt werden. Produktion von hochwertiger Nahrung ist gesellschaftlich akzeptiert, aber Lachs, Doraden, Austern, Shrimps und gemästete Thunfische werden die Welt nicht ernähren“, betont Rainer Froese.

Frischer Lachs.

Einige Bereiche der Aquakultur haben, laut der Studie, ihren Wachstumszenit bereits vor Jahren überschritten. Am stärksten bemerkbar macht sich das beim Atlantischen Lachs. Während die Zuwachsrate 1970 noch bei 314 Prozent lag, ist sie mittlerweile auf 0,9 Prozent gesunken. © Caroline Attwood – unsplash.com

Auch Filtrierer bieten keine Wachstumsperspektive

Die Grenzen des Wachstums betreffen zur Überraschung der Forscher selbst Arten, die nicht von Fütterung abhängen. Wie Seegras, Seetang, Großalgen und Muscheln. Diese sollten eigentlich eine besondere Rolle bei der Ernährungssicherheit einnehmen und sie sind der am schnellsten wachsende Aquakulturbereich. Ihre Erntemenge hat sich in den vergangenen 20 Jahren nahezu verdreifacht. Die Zucht ist ökologisch weniger schädlich, oftmals nachhaltig und kann sogar positiv für die Umwelt sein.

Seetang und Abaloneschnecken im Great Barrier Reef. Beides wird auch in Aquakulturen gezüchtet.
Muscheln, Seetang, Seegurken und andere Filtrierer und Sedimentreiniger benötigen keine zusätzliche Nahrung oder Medikamente. Sie reinigen das Meerwasser und den Meeresboden. Dabei nehmen sie auch überschüssige Nährstoffe auf, helfen damit, die Überdüngung lokaler Küstengewässer zu bekämpfen. Foto: Abaloneschnecken und Seetang. © Ocean Image Bank/Stefan Andrews

Mehr Schaden als Nutzen?

In Aquakulturen züchtet man gerne hochpreisigen Fisch (z. B. Lachs, Brassen) oder Meeresfrüchte wie Garnelen, Seegras, Algen, Muscheln. „Besonders die Garnelen- und Lachszucht sind hochumstritten. Wegen extrem negativer Umweltfolgen und weil die Arbeitsbedingungen, wie in der industriellen Fischerei, auf vielen Farmen katastrophal sind“, erklärt der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Zerstörung von Küstenökosystemen für Shrimp-Farmen

In Südostasien und China, das weltweit führend beim Aquafarming ist, rodete man für Garnelenzuchten großflächig Mangroven oder zerstörte Seegraswiesen.

Garnelen / Shrimps sind sehr beliebte Aquakultur-Produkte.
© Ocean Image Bank/Richard Barnden

In Südostasien holzte man von 2000 bis 2012 rund 100.000 Hektar Mangrovenwälder ab, um Platz für Aquakultur-Anlagen zu schaffen. Fast ein Drittel davon für den Bau von Teichen für die Garnelenzucht.

Die Folgen für den lokalen Fischreichtum – und damit den Ertrag lokaler Küstenfischer – sowie durch ausbleibende Küstenschutzfunktionen dieser Küstenökosysteme sind verheerend.

Vergiftete Küstenökosysteme

Hinzu kommt der in vielen Aquafarmen gängige Einsatz von Wachstumshormonen und Medikamenten. Nicht genutztes Futter und Fäkalien tun ein Übriges, um angrenzende Ökosysteme zu vergiften und die Gesundheit der Küstenbevölkerung zu gefährden.

Allerdings hat sich hier einiges getan. Lachsfarmen konnten den Einsatz von antibakteriellen Medikamenten reduzieren. In Norwegen beispielsweise auch durch den Einsatz von Putzerfischen (Seehasen). Diese kleinen, grün schimmernden Fische fressen die gefürchtete Lachslaus (Lepeophtheirus salmonis). Ein zu den Ruderfußkrebsen zählender Lachsparasit, der in Norwegens Fjorden von Natur aus vorkommt.

So fand Stiftung Warentest im Lachsfilets-Test vom September 2021 keine Antibiotika-Rückstände in den getesteten Produkten. Hintergrund ist, dass Aquakultur-Lachse durch Impfungen resistenter gegenüber Krankheiten sind. Auch nennenswerte Belastungen mit Quecksilber, Blei, Kadmium, Pflanzenschutzmitteln oder Ethoxyquin konnten die Warentester nicht feststellen. Ethoxyquin ist ein Fischfutter-Zusatzstoff, der sich im Fettgewebe anreichert. Eines seiner Umwandlungsprodukte kann das Erbgut schädigen. Seit April 2020 dürfen Aquakulturen in der EU Futtermittel, die Ethoxyquin enthalten, nicht mehr verwenden.

Durch Aquakultur eingeschleppte Parasiten

Gelangen Parasiten aus Aquafarmen in benachbarte Ökosysteme, können sie diese im gesamten erweiterten Umfeld der Anlagen negativ beeinflussen. Außerdem besteht das Risiko der Entstehung neuer, auch für Menschen gefährlicher Keime, die z. B. Durchfallerkrankungen auslösen. Wissenschaftler sehen hauptsächlich für die Küstenregionen Indiens, Bangladeschs und Myanmars hierfür ein erhöhtes Risiko. Denn trotz hoher Bevölkerungsdichten züchten diese Länder intensiv Speisefisch und Meeresfrüchte. Jedoch überschwemmen Monsunregenfälle regelmäßig die Anlagen. Im Zuge der Klimakatastrophe treten diese zudem häufiger auf und sind intensiver. Dadurch breiten sich Keime rasend schnell aus.

Fische fangen, um Fische zu füttern?

Zwar ist der Ressourceneinsatz bei Aquakultur-Anlagen, im Vergleich zur klassischen landwirtschaftlichen Tierhaltung, weitaus geringer. Denn Zuchtfische verbrauchen keine Energie für das Erzeugen von Körperwärme. Daher fließt der Großteil der über das Futter aufgenommenen Kalorien direkt ins Wachstum. Im Ergebnis erzielt man damit bei gleichem Futtereinsatz somit eine deutlich höhere Proteinausbeute. Und Filtrierer wie Muscheln oder Seegurken und Pflanzen wie Seegras, Tang und andere Algen benötigen keinerlei Futterzusätze. Dennoch arbeiten viele Speisefisch-Aquakulturen immer noch mit einer negativen Produktionsbilanz.

Aquakultur-Lachsfarm bei den Färöer-Inseln
Lachsfarm auf den Färöern Inseln. Zuchtlachse machen rund die Hälfte der färöischen Exportwaren aus. Foto: Erik Christensen/CC-BY-SA-3.0

Für 1 kg gezüchteten Speisefisch muss man oft weit mehr als 1 kg Wildfisch als Futterfisch (für Futterpellets, Fischmehl und -öl) verfüttern. Diese Form des Aquafarming ist nicht geeignet, wesentlich zur Entlastung von Wildfischbeständen beizutragen.

Erheblich gestiegene Weltmarktpreise für Fischmehl und -öl sowie intensive Forschung zu Alternativen führten mittlerweile dazu, dass der Anteil von Fischmehl und -öl im Futter immerhin deutlich abgenommen hat. Zunehmend setzt man beim Aquafarming auf Ersatzstoffe aus pflanzlichem Eiweiß (Getreide, Soja, Weizen, Erbsen, Raps- und Algenöl). In der Folge ist der Futteranteil aus tierischen Produkten z. B. bei der Zucht von Forellen oder Lachsen in vielen Aquafarming-Anlagen auf zehn Prozent und weniger gesunken.

Die Zucht von Speisefischen könnte auch völlig ohne Wildfisch funktionieren. Mit der kostengünstigen Produktion von Mikroalgen in großen Mengen. Mikroalgen enthalten wie Fischmehl Omega-3-Fettsäuren. Und diese sind unabdingbar für die Fischgesundheit und machen Fisch gleichzeitig zu einem für Menschen wichtigen Nahrungsmittel. Fische und Meeresfrüchte enthalten auch viel Jod, das wichtig für die Schilddrüse ist, sowie die Vitamine D, B6 und B12. Außerdem sind sie eine besonders hochwertige Proteinquelle. Fischproteine sind zudem leichter verdaulich als das Eiweiß von Schwein oder Rind.

Faunenverfälschung

Entkommen nicht heimische, gezüchtete Arten, hat das unkalkulierbare Folgen für das betroffene Ökosystem. Wie 2018 in Chile, als rund 700.000 Zuchtlachse aus Fischfarmen entwichen. Doch diese Raubfische gehören hier gar nicht hin.

Im Dezember 2019 entkamen nach einem Feuer in einer Aquakultur-Anlage vor der Küste von Vancouver Island Tausende Atlantische Lachse ins Meer. Doch sind hier natürlich Pazifische Lachse heimisch.

Daher züchtet man in vielen Regionen verstärkt einheimische Arten. In Europa etwa Wolfsbarsche (Dicentrarchus labrax), Doraden (Sparus aurata), Atlantische Lachse (Salmo salar) oder Steinbutt (Scophthalmus maximus).

Aquakultur fördert die Klimakatastrophe

Theoretisch verursachen Aquakulturen weniger Klimagase (CO₂, Methan, Lachgas, u. a.) als die Massentierhaltung an Land. So kann der CO₂-Fußabdruck beim Aquafarming nach Angaben des Aquaculture Stewardship Council (ASC) bis zu zehnmal niedriger sein.

Allerdings entstehen beim einseitigen globalen Handel über weite Entfernungen mit Fisch und Meeresfrüchten aus Aquakultur viele Klimagas-Emissionen sowie Emissionen von Schadstoffen, wie Ruß, Schwefeloxiden oder Stickoxiden. Hinzu kommt, dass die Vernichtung von potenten natürlichen CO₂-Speichersystemen wie Mangrovenwäldern und Seegraswiesen gewaltige Mengen von dort seit Jahrhunderten bis Jahrtausenden gespeichertem Kohlendioxid sowie das gefährliche Treibhausgas Methan freisetzt.

Integrierte multitrophische Aquakultur-Systeme

Sogenannte integrierte multitrophische Aquakultur-Systeme (Integrated Multi-Trophic Aquaculture, IMTA) sind ein neuer, nachhaltigerer Ansatz. Hierbei wird versucht, in einem geschlossenen Nährstoffkreislauf weitgehend auf Futterzusätze zu verzichten. Verschiedene Arten aus unterschiedlichen Ebenen des Nahrungsnetzes sollen einander ergänzen. Dabei sollen die Ausscheidungen der einen Art als Dünger oder Futter für die im Nahrungsnetz folgenden Arten dienen.

Beispielsweise hält man in einem integrierten multitrophischen Aquakultur-System neben Speisefischen Muscheln, Krebse und Großalgen. Lediglich am Anfang des Systems kommt Fischfutter zum Einsatz. Die darauffolgenden Ebenen aus Muscheln und Algen filtern den Fischkot und nutzen ihn als Nahrungsquelle. Ganz zum Schluss agieren dann Krebse. Sie ernähren sich von allem, was bei der Fisch- und Muschelzucht übrig bleibt und herabsinkt. Die Vorteiler derartiger Aquakulturen sind offensichtlich. Sie produzieren, ohne das umgebende Küstenmeer mit zusätzlichen Nährstoffen (Fischfutter-Reste) zu belasten. Gleichzeitig sinkt das wirtschaftliche Risiko für die Betreiber durch die gleichzeitige Zucht verschiedener Arten.

Technisch anspruchsvoll und teuer

Integrierte multitrophische Aquakultur-Systeme könnten besonders in tropischen Regionen eine elegante Lösung für benötigte Produktionssteigerungen sein. Südostasien ist hier Schwerpunkt der Entwicklung. Aber auch in Kanada, Chile, Israel und Südafrika arbeitet man an dem Thema. Die Etablierung von IMTA-Systemen ist allerdings teuer und technologisch anspruchsvoll.

Reich gegen Arm im Ringen um Ernährungssicherheit

Vielfach übersehen wird die Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern, afrikanischen und südamerikanischen Küstenstaaten. Diese gerät noch stärker in Schieflage, wenn man in ihren Küstengewässern den Fang preisgünstiger kleiner Speisefische wie der Peruanischen Sardelle (Engraulis ringens) weiter steigert. Nur um ihn andernorts in teure Fischereiprodukte wie Lachsfilet umzuwandeln, die sich nur Besserverdiener leisten können. Etwa 25 Prozent aller gefischten Schwarmfische landen als Fischmehl und -öl im Futter von Aquafarming-Betrieben.

Ökologische Fischerei statt Aquakultur-Produktion.

Die Fangmengen in europäischen Gewässern könnten um etwa fünf Millionen Tonnen steigen. Allerdings nur, wenn Europa seine Fischerei nachhaltig gestaltet. Das ist mehr als die derzeitige jährliche europäische Aquakultur-Produktion. Foto: Maike Nicolai/GEOMAR

Die meisten Aquakulturen gibt es in Asien

Etwa 90 Prozent der globalen Aquakultur-Produktion stammt aus dem asiatischen Raum. China, Norwegen und Indonesien sind die größten Aquakultur-Meeresfischproduzenten. Bei der Krabben- und Krebstierzucht dominieren China, Indonesien und Vietnam. Während die Zucht von Meeresmuscheln fast ausschließlich in chinesischer Hand liegt. China liegt somit weit an der Spitze, auch bei der Zucht von Seegras und Großalgen. Wir sind auf Importe angewiesen. Europa steuert nur etwa vier Prozent zur globalen Aquakultur-Produktion bei. Doch auch andere Länder befinden sich in bedenklichen Abhängigkeiten bei der Versorgung mit Fisch und Meeresfrüchten von den Produktionsschwerpunkten in Asien.

Forscher befürchten gesellschaftliche Verwerfungen

Den globalen Fischbedarf durch Aquakultur zu sättigen, könnte, angesichts des bestehenden geografischen Fokus, schwerwiegende sozioökonomische, ernährungswissenschaftliche und die Ernährungssicherheit betreffende Konsequenzen für die ganze Welt nach sich ziehen. So das Fazit der Studie.

Update: erweiterter und überarbeiteter Beitrag

Titelfoto: Tapani Hellman
Quellen:
GEOMAR
world ocean review
FAO SOFIA-Bericht 2022

Aqua Stewardship Council

  1. Sumaila, U. R., Pierruci, A., Oyinlola, M. A., Cannas, R., Froese, R., Glaser, S., Jacquet, J., Kaiser B. A., Issifu, I., Micheli, F., Naylor, R., Pauly, D. (2022): Aquaculture over-optimism? Frontiers in Marine Science.
    Doi: https://doi.org/10.3389/fmars.2022.984354 ↩︎

Weiterführende Informationen