Ab dem 18. November 2025 soll die Hälfte des deutschen Meeresschutzgebiets NSG Doggerbank für die Fischerei mit Grundschleppnetzen gesperrt werden. Darauf einigten sich Deutschland, die Niederlande und die Europäische Kommission Ende Oktober. Die Einrichtung dieser Schutzmaßnahmen wurde im Amtsblatt der EU (EU-Verordnung 2025/4706) veröffentlicht.1 Außerdem wird im ca. 4.700 km² großen niederländischen Meeresschutzgebiet Doggerbank das Fischen mit Grundschleppnetzen auf fast 28 Prozent der Fläche verboten sein.
„Leider erfasst das Verbot nur den Teil der deutschen Doggerbank, wo ohnehin nur wenig mit bodenberührenden Netzen gefischt wird“, bedauert der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz. Denn der hauptsächliche Fischereiaufwand mit Grundschleppnetzfischen (etwa 72 Prozent) findet außerhalb der neuen Verbotszone im südlichen Teil der deutschen Doggerbank statt. Ein weiterer Kotau vor der Fischereiwirtschaft nach den kürzlich vom EU-Fischereirat beschlossenen neuen Fangquoten für Dorsch und Hering in der Ostsee.
Kernaussagen
- Die fast 18.000 km2 umfassende Doggerbank ist die größte Sandbank der Nordsee und ein wichtiger Lebensraum für Meerestiere wie Muscheln, Haie, Wale, Schweinswale, Delfine und Robben.
- In den vergangenen Jahrzehnten degradierten Grundschleppnetzfischer die Doggerbank zu einem monotonen Gebiet mit geringer Artenvielfalt.
- Die britische Regierung verbot bereits 2022 die bodenberührende Fischerei in ihrem Teil der Doggerbank (12.000 km2), was die Rückkehr von Arten und die Erholung des Ökosystems fördert.
- In einem Teil des deutschen NSG Doggerbank wird die Grundschleppnetzfischerei zum 18. November 2025 verboten. Das Verbot greift allerdings zu kurz.
- Doggerland war einst ein zusammenhängendes Festland, das vor etwa 7000 Jahren durch den steigenden Meeresspiegel verschwand.
Das deutsche Meeresschutzgebiet NSG Doggerbank
Das deutsche NSG Doggerbank ist ca. 1.700 km2 groß. Es befindet sich im sogenannten Entenschnabel der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) in der zentralen Nordsee. Da hier bislang Grundschleppnetzfischerei erlaubt war, blieb das vor acht Jahren eingerichtete Meeresschutzgebiet faktisch wirkungslos. Daten des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zeigen, dass das deutsche NSG Doggerbank bis zu 1,5-mal im Jahr, im südwestlichen Teil auch bis zu dreimal im Jahr, bodenberührend befischt wurde.

Im Oktober 2025 zeigte eine Analyse des BUND, dass im NSG Doggerbank jährlich ca. 94.000 Tonnen Sandaale mit besonders engmaschigen (Maschenöffnung kleiner als 32mm), bodenberührenden Schleppnetzen gefischt werden.2 Und zwar ausschließlich zur Produktion von Fischmehl und Fischöl für Aquakulturen und Futtermitteln für landwirtschaftliche Massentierhaltungen. Die höchste Quote halten Fischer aus Dänemark, dann folgen schwedische, deutsche und britische Sandaal-Fischereien.3
Fatal ist, dass das Marine Steward Council (MSC) diese Gammelfischerei als nachhaltig zertifiziert hat. Die zwischen 20 und 40 cm großen Sandaale sind bedeutende Futterfische in marinen Nahrungsnetzen, wie für Papageientaucher oder Schweinswale.
Die Zerstörung der Doggerbank
Die Doggerbank ist die größte Sandbank der zentralen Nordsee. Sie liegt zwischen der englischen Ostküste und der dänischen Westküste und ist ein bedeutender Lebensraum und Nahrungsgebiet für viele Meeresbewohner. Noch in den 1920er Jahren befand sich die 300 km lange und an die 120 km breite Sandbank in einem unberührten Zustand. Britische Forscher hatten die Artenvielfalt ausführlich dokumentiert.
Damals gab es am Meeresboden des etwa 18.000 km2 umfassenden Sandbank-Lebensraums ausgedehnte Muschelbänke. Viele große Muschelarten lebten hier: die dickschalige Gedrungene Trogmuschel (Spisula subtruncata) oder die bis zu 6 Zentimeter lange Bunte Trogmuschel (Mactra stultorum), auch Strahlenkörbchen, Strahlenkorb, oder Narrenkappe genannt. Ebenfalls häufig war deren Fressfeind, die Glänzende Mondschnecke oder Glänzende Nabelschnecke (Euspira pulchella).
Die Nordsee bebte hier vor Leben. Moostierchen und bunt schimmernde Seeanemonen siedelten in großer Zahl auf den Muschelbänken. Verschiedene Krebs- und Fischarten nutzten diesen Lebensraum zur Nahrungssuche. Davon wiederum profitierten Meerestiere auf höheren Ebenen des Nahrungsnetzes wie Seehunde, Kegelrobben oder Schweinswale. Dann war alles vorbei.
Mitte des vorigen Jahrhunderts entdeckten Grundschleppnetzfischer die Untiefe als lohnendes Revier für den Fang von Sandaalen. Diese wurden und werden zu Fischmehl verarbeitet. Es dauerte nur wenige Jahre, dann hatte die Fischerei die Doggerbank zu einem weitgehend monotonen Gebiet mit stark reduzierter Artenvielfalt degradiert. Dem Druck des mehrmaligen Umpflügens des Meeresbodens halten nur wenige, unempfindliche Arten stand.
Heute dominieren hier Lebensgemeinschaften kleiner und unempfindlicher Arten wie Flohkrebse, Kleine Tellmuschel oder die mit Seesternen verwandten Schlangensterne.
Wiederauferstehung der Doggerbank?
Im Juli 2022 verbot die britische Regierung, in ihrem 12.000 km2 umfassenden Teil der Doggerbank die bodenberührende Fischerei. Dies könnte eine Erholung und teilweise Rückkehr der ursprünglichen Lebensgemeinschaften zur Folge haben. Denn mit der Strömung gelangen auch Larven der Trogmuschelarten aus anderen Teilen der Nordsee zur Doggerbank. Bisher hatten sie hier jedoch keine Chance, heranzuwachsen. Höchstens als Jungtiere kamen sie noch sporadisch vor.

Für Schweinswale ist die Doggerbank ein wichtiger Teil ihrer Aufzucht- und Fortpflanzungsgebiete in der deutschen Nordsee, wie die Sichtungen von Mutter-Kalb-Paaren belegen. Foto: Brendan Hunter/iStock
Für eine vollständige Erholung der marinen Artenvielfalt müsste das Fischen mit Grundschleppnetzen auf der gesamten Sandbank eingestellt werden.
Doggerbank und Doggerland
Vor etwa 10 000 Jahren bestand die Nordsee größtenteils aus Festland. Flüsse durchzogen diese große, zusammenhängende, von Mooren und Birkenwäldern geprägte Landmasse zwischen den heutigen Niederlanden, Deutschland, Dänemark und Großbritannien. Sie waren Vorläufer von Rhein, Weser, Themse und Elbe. Ihre Mündungen lagen damals mehrere Hundert Kilometer weiter nördlich im Meer als heute. Der Helgoländer Felsen dürfte zu dieser Zeit als mächtiger Tafelberg aus der weiten Ebene geragt haben. In Anlehnung an die Untiefe Doggerbank in der Nordsee wird die frühere Landmasse als Doggerland bezeichnet.
Im Verlauf der seit etwa 15 000 Jahren andauernden Warmzeit stieg dann der Meeresspiegel immer weiter an. Das Doggerland begann zu schrumpfen, bis es vor etwa 7000 Jahren ganz verschwand. Damals lag der Meeresspiegel etwa 25 Meter unter dem heutigen Niveau. Zu jener Zeit entstand die Nordsee.4
Heute bedecken Sand und weiches Sediment weite Teile des Nordseebodens und das Wattenmeer an der niederländischen, deutschen und dänischen Küste. Diese Sedimente hatten die Vorläufer von Rhein, Weser, Themse und Elbe weit hinaus ins damalige Doggerland getragen.
Rungholt
Die sagenumwobene Stadt Rungholt, auch als „Atlantis des Nordens“ bekannt, soll am 16. Januar 1362 in der Nordsee untergegangen sein. Darüber verfasste Detlev von Liliencron 1882 sein berühmtes Gedicht „Trutz blanke Hans“. Noch bekannter allerdings ist die Rungholt-Sage in der „Nordfriesischen Chronik“ des Pfarrers Anton Heimreich aus Nordstrand. Niemand erinnert in ähnlicher Weise an den Untergang des geradezu paradiesischen Muschelparadieses, das die Doggerbank in der Nordsee einst darstellte.
- Delegierte Verordnung (EU) 2025/2191 der Kommission vom 16. Juli 2025 zur Änderung der Delegierten Verordnung (EU) 2017/118 hinsichtlich Erhaltungsmaßnahmen für die Doggerbank und einige Gebiete im Kattegat ↩︎
- BUND-Analyse: Wie die Jagd auf Sandaale ein Schutzgebiet zerstört – Industriefischerei im Herzen der Nordsee ↩︎
- Fischbestände Online: Sandaal auf der Doggerbank (SA1r)r ↩︎
- Vom Werden und Vergehen der Küsten – World Ocean Review World Ocean Review ↩︎
Titelfoto: Grundschleppnetzfischer in der Nordsee, © Dietmar Hesse/Pixabay
