Ostsee-Schweinswale: Mutloser Schutz

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Vom 1. November an gelten erstmals Fischereiverbote in der zentralen Ostsee zum Schutz von Ostsee-Schweinswalen. Auf Druck der EU-Kommission verbieten Schweden, Dänemark, Polen und Deutschland Stellnetze in Teilflächen ihrer Meeresschutzgebiete. Damit will man Schweinswalbeifänge reduzieren. In deutschen Meeresschutzgebieten gilt das Verbot jedoch nur bis zum 31. Januar.

Verbote nur mäßig effektiv für den Schutz der Ostsee-Schweinswale

„Zu wenig, zu kurz, zu zaghaft. Das Verbot ist reine Symbolpolitik. Das drohende Aussterben der Schweinswale in der zentralen Ostsee wird man damit nicht aufhalten können“, kritisiert der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz. Der Verbotszeitraum ist zu kurz und entspricht für die meisten Gebiete nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES). ICES hatte u. a. für deutsche Meeresschutzgebiete Gebietsschließungen für die Stellnetzfischerei bis zum 30. April empfohlen.

Ostsee-Schweinswale sind besonders

Ostsee-Schweinswale unterscheiden sich genetisch erheblich von anderen Schweisnwal-Populationen.
Foto: iStock.com/Brendan Hunter

In der Ostsee leben zwei Schweinswal-Populationen. Sie unterscheiden sich genetisch und in ihrer Morphologie. In der Wissenschaft ist der Sonderstatus der in der inneren Ostsee lebenden Schweinswal-Population der Ostsee-Schweinswale seit Jahren etabliert. Auch ICES betont, dass sich Tiere aus dieser Population genetisch erheblich von denen der anderen Populationen unterscheiden. Daher ist ICES der Auffassung, dass man sie auch als eine gesonderte Populationseinheit betrachten sollte. Dem schloss sich die EU-Kommission an.

Akustische Zählungen des SAMBAH-Projekts (Static Acoustic Monitoring of the Baltic Sea Harbour porpoise) ergaben, dass es 2016 nur noch 497 Ostsee-Schweinswale gab. Ihr genaues Verbreitungsgebiet war lange unbekannt. Daten von SAMBAH zeigten dann, dass sich die meisten Tiere im Sommer zwischen Bornholm und Gotland aufhalten und dort ihre Jungen gebähren. Das Rote-Liste-Zentrum stuft den Status der Gesamtpopulation der inneren Ostsee und auch für die deutschen Ostsee-Anteile als „vom Aussterben bedroht“ ein.

Als stabil gilt dagegen der Bestand der Beltsee-Schweinswale. Sie leben westlich von Rügen bis ins dänische Kattegat und angrenzende Gewässer. Nach der jüngsten Schätzung gab es 2016 etwa 42.000 Beltsee-Schweinswale. Beim Meeresmuseum Stralsund geht man aktuell allerdings von sinkenden Bestandszahlen aus.

EU-Kommission: Erst viel Druck, dann doch wieder nicht

Nach Jahrzehnten des Stillstands beim Schutz des Ostsee-Schweinswals verdonnerte die EU-Kommission die Ostsee-Anrainerstaaten Ende Februar 2022 mit der Verordnung 2022/303 zu Gebietsschließungen für die Stellnetzfischerei in Meeresschutzgebieten. Damit sollen Ostsee-Schweinswale vor dem Ertrinken in Stellnetzen geschützt und ihr Aussterben verhindert werden. Die Kommission stützte sich dabei auf ICES-Forderungen. Nur um dann gleich wieder zurückzurudern. Denn mit Rücksicht auf Fischereien der Ostsee-Anrainer kürzte man das Verbot für deutsche Meeresschutzgebiete (Natura-2000-Gebiete Adlergrund, Westliche Rönnebank, Pommersche Bucht mit Oderbank sowie Greifswalder Boddenrandschwelle und Teile der Pommerschen Bucht) auf drei Monate und reduzierte die vom Stellnetzverbot betroffenen Gebiete.

Ostsee-Schweinswale können die feinen Fäden der Stellnetze schlecht orten.

Schweinswale können die feinen Nylonfäden von Stellnetzen mit ihrem Biosonar kaum orten. Foto: U. Karlowski/DSM

In einigen schwedischen Meeresschutzgebieten (Nördliche Midsjöbank, Hoburgs bank och Midsjöbankarna), in denen sich Ostsee-Schweinswale besonders häufig aufhalten und wo sie im Sommer ihren Nachwuchs zur Welt bringen, dürfen dagegen ganzjährig keine Schlepp- und Stellnetze eingesetzt werden. Hier ist allerdings noch Fischfang mit Reusen, Fischfallen und Langleinen möglich.

„Mit der neuen EU-Verordnung werden erstmals in deutschen Schutzgebieten verpflichtende Fischereimanagementmaßnahmen speziell zum Schutz des Schweinswals in der Ostsee umgesetzt. Das ist ein wichtiger erster Schritt zum Schutz des stark bedrohten Schweinswals, der in Deutschland die einzige heimische Walart ist. Weitere wichtige Schritte sollten folgen, unter anderem sind auch Maßnahmen außerhalb der Schutzgebiete dringend erforderlich, um die Schweinswalpopulation der zentralen Ostsee vor dem Aussterben zu retten.“

Sabine Riewenherm, Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz (BfN)

Zu viele Gefahren für Ostsee-Schweinswale?

Verluste durch Stellnetze sind neben immer mehr Unterwasserlärm, Schiffsverkehr, Übertourismus, Meeresverschmutzung und den Auswirkungen der Klimakatastrophe eine der Hauptbedrohungen für Schweinswale.

Stellnetze sind eine der Hauptbedrohungen für Schweinswale in der zentralen Ostsee.

In einem Stellnetz ertrunkener Schweinswal. Foto: Krzysztof E. Skora, Hel Marine Station

Eine Studie schwedischer Forscher vom Nationalen Veterinärinstitut in Uppsala und vom Schwedischen Museum für Naturgeschichte in Stockholm vom Dezember 2021 zeigte, dass Beifänge mit 31,4 % die häufigste Todesursache bei Schweinswalen waren. Für die Studie hatte man 128 Tiere, die zwischen 2006 und 2020 an der schwedischen Küste strandeten, untersucht. An zweiter Stelle standen demnach Krankheiten wie Lungenentzündung oder Infektionskrankheiten mit 21,3 %.

Aktuell soll der geschätzte Stellnetzbeifang in der inneren Ostsee sieben Tiere pro Jahr betragen. Damit die kleine Population überhaupt eine Chance hat, sich zu erholen, müsste die Beifangrate laut ICES allerdings auf 0,7 im Jahr gesenkt werden. In der EU-Verordnung heißt es dazu: „Der ICES stellte in seinem Gutachten fest, dass Schutzmaßnahmen angesichts der Lebenserwartung kleiner Wale nur dann wirksam sein können, wenn sie kontinuierlich über einen langen Zeitraum angewandt werden.“

„Zwar hatte sich die neue Bundesregierung verpflichtet, Fischerei und Natur eine Zukunft zu geben. Zu spüren ist davon allerdings nur wenig. Mit den jetzt getroffenen, viel zu unentschlossenen Maßnahmen ist weder den notleidenden Ostseefischern noch den Ostsee-Schweinswalen geholfen“, meint Ulrich Karlowski.

Wirkungslos geblieben: Infotafel über die freiwillige Vereinbarung für kürzere Netze zum Schutz für Ostsee-Schweinswale im Hafen von Maasholm.
Symbolpolitik: Die im August 2013 vom damaligen schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck mit Fischereiverbänden getroffene Vereinbarung über freiwillige Netzkürzungen zu bestimmten Zeiten zum Schutz von Ostsee-Schweinswalen funktioniert nicht. Trotzdem wurde sie im Oktober 2022 um weitere vier Jahre verlängert. Obwohl sie nachweislich keinen einzigen Schweinswal vor dem Beifangtod bewahrt hat. Im Gegenteil. Von 2014 bis 2020 war die Zahl der Schweinswal-Totfunde in Schleswig-Holstein unverändert hoch und lag im Durchschnitt bei etwa 120 Tieren pro Jahr. Foto: U. Kirsch/DSM

Stellnetzverbote müssen ganzjährig gelten!

Dass ein ganzjähriges Stellnetzverbot Wunder bewirken kann, zeigt ein Beispiel aus den USA. Seitdem die Stellnetzfischerei in kalifornischen Gewässern verboten wurde, haben sich die dortigen Schweinswalbestände fantastisch erholt!

Titelfoto: Stellnetzfischer © U. Kirsch/DSM


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