EU-Supertrawler

Voraussichtliche Lesedauer: 11 Minuten

Am 10. Januar 2022 tauchten die beiden EU-Supertrawler „Afrika“ und „Zeeland“ etwa 15 Seemeilen vor der malerischen Nordküste von Cornwall auf. Die Anwesenheit der riesigen Fischereifahrzeuge löste Wut und Empörung aus. „Mit ihren gigantischen Netzen fangen sie alles, was schwimmt“, twittern britische Küstenfischer. Denn ihre Netze bleiben leer, wenn die Supertrawler weitergezogen sind.

Die 1999 gebaute „Afrika“ ist mit ihren 126 m Länge einer der größten EU-Supertrawler. Die zum niederländischen Fischereikonzern Cornelis Vrolijk BV aus IJmuiden gehörende, schon 33 Jahre alte „Zeeland“ (Foto oben) ist mit 105 m Länge kleiner, aber nicht weniger gefährlich. Denn mit ihren bis zu 600 m langen und 200 m breiten Schleppnetzen ziehen diese Supertrawler nicht nur jeden Tag zig Tonnen Fisch an Bord. Sie vernichten auch alles, was sonst noch so in die Netze gerät: Robben. Haie und RochenDelfine und Schweinswale. Nicht-Zielfischarten. Doch all das ist legal.

EU-Supertrawler AFRIKA

EU-Supertrawler AFRIKA – Foto: Mike Pennington/Creative Commons Licence

Viele tote Delfine: Beifangopfer der Supertrawler

„EU-Supertrawler vernichten die Artenvielfalt der Meere. Sie zerstören weltweit kleine Küstenfischereien. Die EU-Kommission beruft sich immer wieder auf ihre nachhaltige Fischereipolitik‘. Unterm Strich jedoch geht es der Kommission um die Durchsetzung von Interessen der Industriefischerei. Auf der Strecke bleiben die Menschen und die Natur“, meint der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Auch Delfinschützerin Thea Taylor, Koordinatorin für Forschung und Sichtungen beim Sussex Dolphin Project bereiten die hohen Beifangraten der Supertrawler große Sorgen: „Sie fahren so schnell, dass sie das gesamte Meeresleben im Bereich ihres Schleppnetzes zerstören. Und dann werfen sie ihren unerwünschten Beifang, der an einem Tag Hunderte von Tonnen betragen kann, über Bord. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Anzahl der an unseren Stränden tot aufgefundenen Delfine drastisch zunimmt, wenn Supertrawler in der Nähe sind.“

Die Organisation hat gemeinsam mit ihrer Dachorganisation der World Cetacean Alliance (WCA) die Kampagne „Dolphins Aren’t Discard – Stop dolphins dying in supertrawler nets“ (Delfine sind kein Rückwurf – Schluss mit dem Delfinsterben in Supertrawlernetzen) gestartet, mit der von der britischen Regierung strenge Gesetze zur Beifangbegrenzung der Supertrawler gefordert werden.

Unterstützen Sie die Petition:
Stop dolphins dying in supertrawler nets

Fischereikrieg um Fischereirechte

Mehrere Monate lang stritten britische und französische Fischer im vergangenen Jahr erbittert um Fischereirechte in britischen Gewässern. Britische Fischer protestierten mit ihren Kuttern in der Themse, während um ihre Lebensgrundlage fürchtende französische Fischer Ende November vorübergehend die Zufahrt zu drei französischen Häfen blockierten.

Beide Länder tauschten giftige diplomatische Noten aus. Paris drohte sogar mit der Einleitung eines EU-Rechtsverfahrens gegen Großbritannien. Am 11. Dezember 2021 schließlich verkündete die EU-Kommission einen vorläufigen Durchbruch. Demnach erhalten französische Fischer 23 zusätzliche Fischereilizenzen.

Doch das emotional aufgeladene Geschacher um ein paar Lizenzen rund um die englischen Kanalinseln zielt am eigentlichen Problem vorbei. Denn Profiteure derartiger Auseinandersetzungen sind EU-Fischereigroßkonzerne, vornehmlich aus den Niederlanden. Denn sie dürfen weiterhin ungestört mit Supertrawlern britische Gewässer leer fischen und dabei unzählige Meerestiere als Beifang töten.

Wenige Einschränkungen für EU-Fischer nach dem Brexit

Im Brexit-Handelspakt ist lediglich eine Übergangsphase von fünfeinhalb Jahren vorgesehen. In dieser dürfen EU-Fischer in britischen Gewässern 25 Prozent weniger fischen. Die verfehlte Fischereipolitik der EU geht damit fast ungebremst weiter.

EU-Supertrawler gegen britische Küstenfischer

Anfang Dezember 2021 tauchte vor Brighton im Ärmelkanal eine Armada aus acht Supertrawlern auf. Darunter der 94 m lange Fabriktrawler „Dirk Dirk“. Unter den Fischereimonstern befanden sich noch die in den Niederlanden registrierte „Scombrus“ (81 m), die Fabrikschiffe „Afrika“ (126 m) und „Alida“ (100 m) sowie die 119 m lange „Frank Bonefaas“, einziger Supertrawler der britischen Fischereiflotte. Ergänzt wurde die Flotte vom einzigen deutschen Supertrawler „Maartje Theadora“ (140 m).

Vor acht Jahren verdonnerte ein Gericht in Cherbourg die Betreiber der „Maartje Theadora“, die Westbank Hochseefischerei GmbH aus Sassnitz, zu einer Geldstrafe von 580.000 Euro: wegen Verstößen gegen das französische Fischereirecht. Die Westbank Hochseefischerei GmbH wiederum ist eine Tochterfirma des niederländischen Fischereigroßkonzerns Parlevliet & van der Plas, der viele der Supertrawler unter Vertrag hat.

EU-Piratenfischer dürfen in EU-Gewässern fischen

Unter dem zwischenzeitlichen Namen „Geelong Star“ hatte die „Dirk Dirk“ von 2015 bis 2016 während Fangfahrten in australischen Gewässern für erhebliche Proteste und parlamentarische Debatten gesorgt. Denn wiederholt schaltete die Besatzung des Supertrawlers das automatische Identifikationssystem (AIS) aus. Damit operierte die „Geelong Star“ als illegaler Piratenfischer. Bei ihren Fangfahrten starben auch geschützte Delfine, Robben und sogar ein gefährdeter Walhai.

Als die Proteste in Australien immer stärker wurden, verlies der Fabriktrawler am 31. Oktober 2016 schließlich australische Gewässer, wurde in die Niederlande umgeflaggt und erhielt seinen ursprünglichen Namen „Dirk Dirk“ zurück.

Supertrawler Dirk Dirk

Die „Dirk Dirk“ wechselte mehrfach Namen, Besitzer und Flaggenstaat. Hier ankert der Supertrawler im Hafen Klaksvik (Schiffsname: Naeraberg). Foto: Joost J. Bakker from IJmuiden licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license

Die Industriefangschiffe, jedes über 80 m lang, fischen völlig legal. Sie besitzen Lizenzen und Quoten. Bei der historischen Einigung auf den Brexit-Handelspakt in letzter Minute verspielte Boris Johnson leichtfertig die Chance, diesem mit ungleichen Waffen geführten „Fischereikrieg“ ein Ende zu bereiten. Das wäre aber bitter nötig gewesen. Denn die Festlandeuropäer fahren schweres Geschütz gegen die meist nur 10 m großen britischen Konkurrenten auf.

Jeremy Percy, Direktor der Vereinigung NUFTA, die Großbritanniens Kleinfischereien vertritt, beklagt den ungleichen Kampf: „Es ist extrem ärgerlich. Diese Supertrawler tauchen in unseren Gewässern auf. Dann fischen sie, was die Netze hergeben“. Auch der Nationale Verband der Fischereiorganisationen (The National Federation of Fishermen’s Organisations/NFFO) schätzt, dass britischen Fischern jährliche Brexit-Verluste von umgerechnet fast 75 Millionen Euro ins Haus stünden. Dies unterscheide sich doch recht deutlich von Regierungsversprechen. Demnach sollte die Branche bis 2026 dank des Brexits umgerechnet über 172 Millionen Euro mehr einnehmen.

Keine Chance gegen Supertrawler: Vier kleine Fischkutter liegen bei Ebbe auf Sand.

Etwa 80 Prozent der britischen Fischereiflotte sind Boote von unter 10 Metern Länge – Foto: pixabay

Aus Australien verbannter Supertrawler „Margiris“ darf in der EU fischen

Selbst die „Margiris“, der mit 143 m Länge zweitgrößte Fabriktrawler der Welt, darf in EU-Gewässern fischen. Das erstaunt. Denn aus australischen Gewässern wurde sie bereits 2013 verbannt. Dennoch müssen britische Fischer und Behörden den Raubzügen des in Litauen registrierten Trawlers hilflos zusehen. Ihnen sind die Hände gebunden. Wie zahlreiche andere Supertrawler gehört auch die „Margiris“ zu Parlevliet & van der Plas.

Die „Magiris“, mit 143 m Länge der zweitgrößte Supertrawler der Welt.

Supertrawler „Margiris“ – Foto: Blue Planet Society

Supertrawler Frank Bonefaas – ein britisches Fischerei-Dilemma

Die 119 m lange „Frank Bonefaas“ ist der größte Trawler der britischen Fischereiflotte. Sie allein vereint fast ein Viertel der englischen Fischereiquote auf sich! Ihren Fang jedoch landet sie nicht in Großbritannien, sondern komplett im niederländischen Hafen IJmuiden. Denn Eigentümer des Supertrawlers ist der niederländische Fischereikonzern Cornelis Vrolijk BV aus IJmuiden. Zu deren Flotte gehörten auch Trawler, die die umstrittene und seit dem 1. Juli 2021 in der EU verbotene Elektrofischerei (pulse trawling/Pulsschleppnetzfischerei) einsetzten.

Dabei legten sich die Briten dieses „dicke Ei“ auch noch selbst ins Nest. Denn erst seit August 2019 ist die „Frank Bonefaas“ in Großbritannien registriert. Bis dahin fuhr sie unter niederländischer Flagge. Mit ihrer Weitsicht brachten Cornelis Vrolijk BV die Engländer auch für den Fall eines No-Deal-Brexits in die Zwickmühle. Auch deshalb wollte die britische Regierung derartige Schiffe verpflichten, entweder 70 % ihrer Fänge in britischen Häfen anzulanden oder einen Teil ihrer Quote zurückzugeben. Diese Pläne wurden mit dem Abschluss des Brexit-Handelsabkommens jedoch obsolet.

Hart umkämpfte Fischereiquoten

Fischkutter vor der Küste von Schottland.

Fischkutter vor der Küste von Schottland – Foto: U. Karlowski

Dass den Briten das Thema Fischerei von derart großer Wichtigkeit ist, dass sie gewillt waren, darüber die Verhandlungen zum Brexit scheitern zu lassen, ist nicht verwunderlich. Denn es ist nicht nur die „Frank Bonefaas“, die die Gemüter erregt. Mehr als die Hälfte der englischen Fischereiquote wird von ausländischen Fischereiunternehmen kontrolliert. Meist sind das EU-Fischer. Spanische Fischereien zum Beispiel besitzen einen Großteil der Quote vom Bristolkanal bis zur schottischen Grenze. Niederländer und Isländer dominieren an der englischen Ostküste. Daher wollen die Stimmen für eine radikale Überarbeitung der Fischereipolitik aus gutem Grund nicht verstummen.

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Fischerei-Streit zwischen Frankreich und England

Ende September 2021 flammte zwischen London und Paris ein Fischereistreit auf. Denn Großbritannien erteilte von 175 für französische Fischer zum Fischen in britischen Gewässern beantragten Lizenzen nur 100. Dabei hatte man im Brexit-Abkommen die Vergabe entsprechender Lizenzen für EU-Fischer in einer Zone von sechs bis zwölf Seemeilen vor der britischen Küste vorgesehen.

Insbesondere die britische Kanalinsel Jersey verweigerte sich französischen Fischern. Bereits im Mai 2021 war der Streit um Fischereirechte kurzzeitig eskaliert. Französische Fischer drohten mit einer Hafen-Blockade von Saint Helier auf Jersey. Daraufhin entsandten die Briten Kriegsschiffe in das Gebiet. Was Frankreich mit entsprechender Marine-Präsenz beantwortete.

Schon 2020 hatte das kleine Jersey französische Fischer auf die Palme gebracht. Damals verhängte man ein Fangverbot für Rote Thunfische ab 2021. Diese Entscheidung fand zwar bei lokalen Fischern auch nur wenig Beifall. Doch zielte sie auf Fischer aus Frankreich.

Foto oben: Supertrawler „ZEELAND“ / Facebookseite Niels van der Plas


Parlevliet & van der Plas

Parlevliet & van der Plas haben nach eigenen Angaben etwa 8.000 Mitarbeiter und über 40 Fangschiffe. Zur Gruppe gehört auch die Deutsche See GmbH in Bremerhaven. Nach eigenen Angaben sei man, zusammen mit Tochtergesellschaften, das derzeit größte Fisch verarbeitende Unternehmen in Westeuropa. Weltweit gehöre man zu den Top 25. Zu den Tochtergesellschaften gehören u. a. die Doggerbank Seefischerei GmbH und GSF (German Seafrozen Fish) aus Bremerhaven sowie die Mecklenburger Hochseefischerei GmbH aus Sassnitz. Alle drei betreiben die zerstörerische Grundschleppnetzfischerei.

Der niederländische Fischereikonzern schmückt sich mit dem MSC-Siegel für mehrere Produkte, z. B. für Hering aus der Nordsee. Zudem behauptet man, den FAO-Verhaltenskodex für verantwortungsvolle Fischerei zu befolgen. Nach der Greenpeace-Studie „Fischereimonster“ aus dem Jahr 2014 gab es zum damaligen Zeitpunkt weltweit 20 Supertrawler. Neben der „Margiris“ gehören auch die 144 m große „Annelies Ilena“, die 116 m große „Helen Mary“, die 140 m große „Maartje Theodora“ sowie die 125 m große „Jan Maria“ zur Flotte des niederländischen Konzerns.