Indischer Ozean: Einschränkung der FAD-Fischerei

Voraussichtliche Lesedauer: 10 Minuten

Nach dreijährigen Vorbereitungen verabschiedete die Fischereikommission für den Indischen Ozean (IOTC) auf einer Sondersitzung Anfang Februar 2023 in Mombasa (Kenia) endlich Einschränkungen für die FAD-Fischerei mit frei treibenden Fischsammlern (Fish Aggregating Device/FAD). Für Meeresschützer ist die Entscheidung ein Dammbruch. „Es ist die vielleicht letzte Chance, den Zusammenbruch der Population des Gelbflossenthunfischs im Indischen Ozean aufzuhalten. Die Transformation zum FAD free fishing im Indischen Ozean hat endlich begonnen“, erklärt der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Überfischung der Thunfischbestände im Indischen Ozean

Die IOTC-Sondertagung fand vor dem Hintergrund jahrelanger Überfischung der Thunfischbestände im Indischen Ozean statt. Der Bestand des hochpreisigen Gelbflossenthunfischs ist seit 2015 überfischt. Neuerdings gilt auch der Großaugenthunfisch als überfischt. Der im Indischen Ozean gefangene Thunfisch ist vorwiegend für Märkte in der EU und in Großbritannien als Thunfischkonserve oder für Japan und die USA als Sashimi bestimmt.

Industrielle Ringwadenfischer fingen im Indischen Ozean von 2015 bis 2021 über 98 Millionen junge Gelbflossenthunfische mithilfe von Fischsammlern. Das waren etwa 97 % der jährlichen Gesamtfangmenge.

Weniger FADs – kürzere Einsatzdauer – bessere Überwachung

Die Entscheidung der IOTC kam gegen den immensen Widerstand der EU auf Druck von elf Küstenstaaten und anderer Befürworter zustande. Ab dem 1. Januar 2024 gibt es jetzt eine schrittweise Verringerung der Zahl der zulässigen FADs pro Schiff. Im ersten Jahr von 300 auf 250, dann auf 200 im Jahr 2025.

Zur Oberflächenvergrößerung und um ein Verdriften zu verhindern, sind an den Fischsammlern Netze befestigt, die in der Wassersäule schweben.
© IPNLF

Außerdem beschloss die IOTC die Einrichtung eines Registers für frei treibende FADs. Damit erfüllte die Fischereikommission eine zentrale Forderung von Meeresschutzorganisationen. Dieses Register sorgt für mehr Transparenz und eine bessere Überwachung der umstrittenen Fischsammler.

Ab 2024 wird es zudem eine 72-tägige Sperrfrist für den Einsatz von FADs (FAD-free, FAD free fishing) geben. Besonders dieser Punkt stieß auf erbitterten Widerstand der EU. Sie drohte, das gesamte Maßnahmenpaket scheitern zu lassen.

Martin Purves, geschäftsführender Direktor der International Pole and Line Foundation (IPNLF), der an der Tagung teilnahm, sagt: „Wir beglückwünschen die Küstenstaaten, die so hart gearbeitet haben, um diesen wichtigen Sieg für die Thunfischbestände und die Lebensgrundlagen der Küsten in der gesamten Region des Indischen Ozeans zu sichern. Die neuen Maßnahmen zu den schädlichen treibenden FADs werden erhebliche Auswirkungen auf die Eindämmung der von den industriellen Ringwaden-Thunfischflotten verursachten Schäden haben.“

FAD-Fischerei mit frei treibenden Fischsammlern

Die FAD-Fischerei mit frei treibenden Fischsammlern und Ringwadennetzen ist eine nicht nachhaltige, zerstörerische Fischfangmethode. Zum einen fängt man damit zu viele Jungthunfische, noch bevor sie sich vermehren konnten. Im Indischen Ozean trifft dies den Bestand der Gelbflossen-Thunfische, der bereits stark geschwächt ist. Zum anderen sterben beim Einholen der Ringwadennetze viele Nicht-Zielarten wie Meeresschildkröten, Delfine und Haie als Beifang, die sich ebenfalls gerne im Bereich der FADs aufhalten.

FAD mit Netzmaterial. Beim FAD free fishing werden keine Fischsammler eingesetzt.

FAD-Fischerei verursacht hohe Beifangraten. Foto: ISSF/David Itano

Beim Einsatz von FADs wird der natürliche Schutzinstinkt von Schwarmfischen ausgenutzt, die sich gerne unter an der Wasseroberfläche treibenden Objekten versammeln. Zur Oberflächenvergrößerung und um ein Verdriften zu verhindern, sind an den Fischsammlern Netze befestigt, die in der Wassersäule schweben.

Jedes Jahr gehen Zehntausende der aus Bambusstäben und anderen schwimmenden Materialien gefertigten Fischsammler verloren oder versinken. Bislang konnte man Fischer, die ihre FADs verlieren, nicht zur Rechenschaft ziehen.

FAD-Fischerei im Indischen Ozean: Eine tote Meeresschildkroete hängt in einem Geisternetz.

© International Pole & Line Foundation (IPNLF)

Durch die verlorenen FADs ist ein gewaltiges Geisternetzproblem im Indischen Ozean entstanden. Beim Anlanden richten Netzteile der FADs zusätzliche Zerstörungen an Korallenriffen an. Außerdem stellen sie die zumeist armen Anrainerstaaten des Indischen Ozeans vor kaum zu lösende Entsorgungsprobleme für die aus Kunststoff bestehenden Netzabfälle.

Ein auf den Seychellen gestrandeter Fischsammler wird demontiert.

© Seychelles Island Foundation

Unser Einsatz gegen FADs im Indischen Ozean

Wir treten für einen vollständigen Verzicht auf frei treibende FADs ein (FAD-free, FAD free fishing). Im März 2021 hatten wir gemeinsam mit über 100 Organisationen die IOTC aufgefordert, die FAD-Fischerei im Indischen Ozean einzuschränken. Auch der Wissenschaftliche Ausschuss der IOTC hatte eine Reform gefordert. Doch die IOTC blieb tatenlos.

Im Vorfeld der IOTC-Sondertagung in Mombasa vom Februar 2023 hatten wir dann gemeinsam mit 120 anderen Organisationen einen Appell an die EU-Kommission, die Generaldirektion Maritime Angelegenheiten und Fischerei (DG MARE), alle Staatsoberhäupter der Europäischen Union und den EU-Fischereiausschuss für ein wirksames Management frei treibender Fischsammlern (FADs) unterstützt.

Die Unterzeichner des Appells betonen, dass die EU moralisch und rechtlich verpflichtet ist, im besten Interesse ihrer 450 Millionen Bürger zu handeln und nicht nur die Interessen von Handelsunternehmen in Spanien, Frankreich und Italien zu schützen, die von ihren Fischereiaktivitäten im Indischen Ozean profitieren.

Appell an EU: Rettet die Thunfische im Indischen Ozean, schützt unsere Ozeane! ↗

120 Organisationen fordern von der EU Unterstützung für ein wirksames Management frei treibender Fischsammlern (FADs) im Indischen Ozean (PDF).

EU-Fangflotten rotten Thunfischbestände im Indischen Ozean aus

Für die Überfischung des Gelbflossenthuns im Indischen Ozean sind vor allem industrielle Ringwadenfänger verantwortlich. Dies hat bereits zu großen Spannungen zwischen den Küstengemeinden und lokalen Fischereien im Indischen Ozean und den großen Ringwadenfischereien geführt. Die Küstengemeinden befürchten, dass es für sie nicht mehr genügend Gelbflossenthunfische gibt und dass ihre lokale Wirtschaft zusammenbricht, sobald der Bestand vernichtet ist.

Nach den Statistiken für 2020 hat die EU-Flotte im westlichen Indischen Ozean 217.000 Tonnen Thunfisch gefangen. Von diesem Fang entfielen 69 % auf Spanien, 28 % auf Frankreich, 2 % auf Italien und 1 % auf Portugal. Der Fang bestand hauptsächlich aus Echtem Bonito (Skipjack-Thunfisch), Gelbflossen- und Großaugenthunfisch. Dabei hatten Gelbflossenthune mit mehr als 60 % des Fangs den höchsten Anteil unter den EU-Fängen.

Die EU-Delegation bei der IOTC hatte sich 2021 und 2022 gegen Versuche zur Verbesserung der bestehenden FAD-Bewirtschaftungsmaßnahmen gewehrt. Angeblich fehle es an wissenschaftlichen Daten, die als Grundlage für solche Entscheidungen dienen könnten.

Was sind Fischsammler (FADs)?

Aussetzen eines FADs.
© IPNLF

Mit dem Einsatz sogenannter Fischsammler (Fish Aggregating Device/FAD) nutzen Fischer das natürliche Schutzbedürfnis von Jung- und Schwarmfischen. Denn Jungfische suchen gerne Schutz unter an der Wasseroberfläche treibenden größeren Objekten. Im Prinzip kann auch ein vor sich hin trödelnder Blauwal ein Fischsammler sein. Mithin gab es natürliche FADs, wie Baumstämme oder Algenansammlungen, schon immer.

Hinzu kommt, dass treibende Objekte für Thunfische eine Art „Landmarke“ oder „Treffpunkt“ darstellen. Hier finden sie sich dann zu größeren Schwarmverbänden zusammen. Diese Fischansammlungen bleiben Meeresjägern natürlich nicht lange verborgen. Folglich kommen große Thunfische, Haie oder Delfine da gerne einmal für eine Mahlzeit vorbei.

Beim Einsatz von FADs wird der natürliche Schutzinstinkt von Schwarmfischen ausgenutzt, die sich gerne unter an der Wasseroberfläche treibenden Objekten versammeln.
© IPNLF

Fischerei mit Ringwadennetzen um natürliche schwimmende Objekte wird schon lange durchgeführt. Erst in den 1980er-Jahren begann der Einsatz künstlicher Objekte (FADs). Dieser entwickelte sich in den frühen 1990er-Jahren dann schnell weiter.

Künstliche FADs können reine Bambusflöße oder Bambusflöße mit Netzmaterial sein. Das Netzmaterial verringert die Verdriftung des FAD. Zusätzlich erhöht es die Attraktivität als Aggregationsort.

Meist treiben FADs frei oder verankert an der Wasseroberfläche. Wohingegen andere in einer bestimmten Wassertiefe schwimmen. Zum leichteren Auffinden werden viele FADs mit Signalgebern ausgestattet. Einige sind auch mit einem Echolot ausgerüstet, um die Menge an Fisch unter dem FAD festzustellen.

Unter Verwendung von Informationen zur FAD-Fischerei von: Fischbestände online – Thünen-Institut für Ostseefischerei
Titelfoto: ISSF/Fabien Forget


MSC zertifiziert FAD-Fischerei

Im November 2018 zertifizierte das Marine Stewardship Council (MSC) erstmals eine FAD-Fischerei als nachhaltig. Es handelt sich um das spanische Unternehmen Echebastar. Folglich darf sie für im Indischen Ozean gefischten Skipjack-Thunfisch das begehrte, verkaufsfördernde blaue Fischsiegel verwenden.

8000 tote Seidenhaie mit nur 5 Schiffen für 35.000 Tonnen Thunfisch

Wie zerstörerisch die FAD-Fischerei von Echebastar ist, zeigt sich an den jährlich mindestens 8.000 als Beifang getöteten Seidenhaien (Carcharhinus falciformis). Bemerkenswert ist, dass diese gewaltige Beifang-Menge von nur 5 Trawlern verursacht wird. Deren durchschnittliche Fangmenge liegt bei etwa 35.000 Tonnen Thunfisch.

Besserer Schutz für Haie und Rochen. Ein Seidenhai.
Seidenhai – Foto: Alex Chernikh

Auch der WWF, der einst gemeinsam mit Unilever 1997 das Marine Stewardship Council (MSC) gründete, kritisiert die Entscheidung. Konsequenterweise weist der WWF darauf hin, dass „Fischkonsumenten nicht davon ausgehen sollten, dass das Fischereiunternehmen Echebastar den Standards des MSC-Umweltsiegels in seiner Performance ausreichend nachkommt.“

Wendepunkte beim MSC

Bislang hat der MSC damit geworben, dass er nur Fischereien zertifiziert, die keine Fischsammler (fad free fishing) einsetzen.

„Es ist zwar ein einfacher Weg, Fischerei zu betreiben, aber auch verschwenderisch und destruktiv, da viele junge Thunfische gefangen werden, ehe sie sich fortpflanzen können, gemeinsam mit einem hohen Anteil an Beifang anderer Spezies. Die Probleme, die mit dieser Fischereimethode einhergehen, sind von sehr kritischer Bedeutung für den Erhalt und die Gesundheit des Ozeans.“

MSC

Im August 2017 erhielt auch eine mexikanische Fischerei das blaue Fischsiegel. Sie setzt zum Fang von Gelbflossenthunfisch das hochumstrittene Umkreisen von Delfinschulen ein. Dabei werden viele Delfine verletzt und getötet.

Verbrauchertipps

  • Achten Sie beim Kauf von Fischprodukten auf die Fangmethode UND das Fanggebiet.
  • Unterstützen Sie mit Ihrem Kauf Fischereien, die nachhaltige Fangmethoden einsetzen: Pole & Line (Angelruten), Handangeln, Fischfallen, Wurfnetze, etc.
  • Meiden Sie grundsätzlich mit Fischsammlern (FAD) gefangenen Fisch. Achten Sie auf Kennzeichnungen wie: FAD-free, FAD free fishing
  • Meiden Sie Fisch aus dem Indischen Ozean ohne Angabe der Fangmethode.

Nachhaltige Fischerei unterstützen!

Alternative zur industriellen Fischerei: Nachhaltiger Fischfang mit Pole and Line.

Nachhaltige Fischerei ist der einzige Ausweg aus der globalen Fischereikrise. Für die Menschen! Für die Artenvielfalt in den Meeren!


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