Grundschleppnetzfischerei

Steht Dynamitfischerei in Nichts nach

„Fischen mit Grundschleppnetzen ist so, als würde man mit einem Bulldozer in einen Teich fahren, um die Fische zu fangen“, beschreibt der Fischereiexperte Elliot Norse, Präsident des Marine Conservation Biology Institute eine Fischereimethode, die – abgesehen von der Dynamitfischerei – die größten Zerstörungen in der Meeresumwelt anrichtet. Die Bezeichnung Grundschleppnetzfischerei verweist auf Einsatzgebiet und Zielfischarten: am Meeresgrund lebende Grundfische und seit einigen Jahren auch Tiefseefische. Hinter dem noch harmlos klingenden Wort verbirgt sich ein absolut rücksichtsloser und in seinen negativen Auswirkungen auf die Meeresumwelt mit keiner anderen legalen Fischereimethode vergleichbarerer Raubbau. Es ist eine Fischerei der verbrannten Erde, bzw. der zerstörten Meere.

Moderne Form legaler Dynamitfischerei

Bei der Grundschleppnetzfischerei ziehen Fischkutter riesige mit großen Metallplatten oder schweren Stahlseilen beschwerte trichterförmige Netze am Boden des Meeres entlang. Zusätzlich sind seitliche Scherbretter aus Holz oder Stahl angebracht. Dadurch wird ein noch größerer Bereich des Meeresbodens umgepflügt.

Mit ihrer martialischen Konstruktion verursachen Grundschleppnetze immense und irreparable ökologische Schäden. Je nach Einsatzgebiet und Zielfischart können sich die Netze erheblich voneinander unterscheiden. Man differenziert sie nach Art der horizontalen Netzöffnung, in verschiedene Kategorien: Grundscherbrettnetze, Zweischiffgrundschleppnetze, Grundscherbrett-Hosennetze und Baumkurren.

Fischen nach dem Zufallsprinzip, ohne Rücksicht auf Verluste

Wie beim Einsatz von Langleinen oder Schleppnetzen, fischen Grundschleppnetze nach dem Zufallsprinzip. Daher zeichnet sich auch die Grundschleppnetzfischerei durch geradezu aberwitzige hohe Beifangraten (unbeabsichtigter Fang von Nichtzielarten) von bis zu 90 Prozent aus. Zusätzlich – und hier unterscheidet sich diese Fischereimethode grundsätzlich von allen anderen legalen – zerstört ein Grundschleppnetz den Meeresboden. Es hinterlässt eine Todeszone. Eine Schneise der Verwüstung. Ein Korallenriff, über das ein Grundschleppnetz gezogen wurde, sieht anschließend so aus, als sei hier mit Dynamit gefischt worden. Und nur mit dieser illegalen Fischereimethode lässt sich die Grundschleppnetzfischerei vergleichen.

Vergeblich fordern Wissenschaftler und Meeresschützer seit Jahren ein absolutes Verbot dieser Fischereimethode. Doch in den meisten Meeresgebieten ist sie nach wie vor völlig legal.

Rotbarsch auf dem Teller – Todeszonen in der Tiefsee

„Nachdem die Fischerei in den flachen Gewässern fast überall am Rande des Abgrunds schwimmt, greifen die neuen, noch schnelleren Fangflotten in die unbekannten Tiefen der Weltmeere“, erklärt Callum Roberts, Ozean-Ökologe der Harvard University. „40 Prozent aller Fischereigründe befinden sich bereits in der Tiefsee, also tiefer als der Kontinentalschelf“, so der Wissenschaftler. „Die neuen Technologien sind so effektiv, dass sie nicht nur ernten, sondern im wahrsten Sinn des Wortes abbauen.“

Und so gelangen einst als Exoten geltende Tiefseearten wie Granatbarsch (Hoplostethus atlanticus), Grenadierfisch (Coryphaenoides rupestris) und vor allem Rotbarsch (Sebastes marinus) heute immer öfter auch in Deutschland auf dem Teller. Nach Angaben von Fischbestände online stammt der weitaus größte Teil des Meeresfisches auf dem deutschen Markt derzeit aus Grundschleppnetzfischerei.

Tiefseefisch, eine nicht erneuerbare natürliche Ressource

Tiefseearten wachsen langsam. Sie werden spät geschlechtsreif. Rotbarsch zum Beispiel erst nach 12 bis 20 Jahren. Und sie haben nur wenig Nachwuchs. Dafür werden sie sehr alt. Ein Granatbarsch kann sogar bis zu 150 Jahre erreichen. Damit sind diese Arten im Grunde zur Befischung ungeeignet. Daher bezeichnet man sie mittlerweile auch als „nicht erneuerbare natürliche Ressourcen“. Denn die Bestände kollabieren sehr schnell. Trauriges Beispiel: Tasmanien. Nach nur wenigen Jahren der Befischung mussten die Regierungen Neuseelands und Australiens 2007 einen Fangstopp für den Granatbarsch aussprechen – die Fischereiflotten zogen weiter.

Selbst wenn vermehrungsfähige Exemplare einer Tiefseefischart den Angriff eines Grundschleppnetzes überlebt haben sollten, nutzt ihnen dies wenig. Denn anschließend gibt es für ihren Nachwuchs keinen Lebensraum mehr. Die Fischtrawler suchen gezielt Regionen auf, die sich durch einen besonderen Reichtum an Fischen auszeichnen: Seeberge und Kaltwasserkorallenriffe. Doch ein Grundschleppnetz rasiert diese über Jahrtausende gewachsenen und sehr empfindlichen Lebensräume innerhalb kürzester Zeit einfach ab. Da ist dann nichts mehr.

Zerstörungen durch Grundfschleppnetzfischerei an einem Tiefseeberg.

Zerstörungen durch Grundfschleppnetzfischerei an einem Tiefseeberg.
Foto: CSIRO Marine Research

Es ist eine „Fischerei der verbrannten Erde“. Zahlreiche Untersuchungen haben deutlich gezeigt, dass Grundschleppnetze die letzten Bastionen der Tiefsee komplett zerstören.

Als Kinderstube für unzählige Arten extrem wertvolle Kaltwasserkorallenriffe benötigen 5.000 Jahre zum Wachsen. Innerhalb weniger Minuten sind sie vollständig vernichtet. Und auch die Lebensgemeinschaften des Weichbodens überleben die Befischung mit Grundschleppnetzen nicht.

EU fördert Katastrophe der Tiefseefischerei mit Subventionen

Allein die EU ist mit fast 400 Trawlern für 80 Prozent der Tiefseefischerei verantwortlich. Durch massive Subventionen ermöglichte Brüssel den Aufbau von Tiefseetrawlerflotten, vor allem in Spanien, Frankreich und Großbritannien.

Grundschleppnetzfischerei in Nord- und Ostsee

Bereits im November 2008 forderten Wissenschaftler zum Abschluss einer dreitägigen Fachtagung in Stralsund für die Nord- und Ostsee ein Verbot der Fischerei mit schweren Grundschleppnetzen. Denn hier dürfen sie sogar in Meeresschutzgebieten eingesetzt werden. Wegen ihrer abgewandelten Konstruktion nennt man sie bei uns „Baumkurren“. Henning von Nordheim, Leiter des Fachgebietes Meeres- und Küstennaturschutz im Bundesamt für Naturschutz, sagte, diese Fischereiform habe bereits zu massiven Schäden an Sandbänken und Riffen geführt. Die Folge sei der Ruin verschiedener Fischbestände. Zusätzliche Schäden entstünden durch zu hohe Beifänge. Auch Seevögel und Schweinswale zählten zu den Opfern der Fischerei der verbrannten Erde. Die Zeit zum Handeln dränge, unterstrich Nordheim.

Einrichtung von Verbotszonen scheitert an politischem Egoismus

Trotz zahlloser Proteste von Meeresschützern und Wissenschaftlern – 2004 wurde eine von 1100 Wissenschaftlern unterzeichnete Petition gegen Grundschleppnetze veröffentlicht – scheitern Versuche diese extreme Form der Meereszerstörung zu verbieten, regelmäßig am Egoismus einiger Fischereinationen und dem Einfluss der Fischereilobby. Die Vereinten Nationen konnten sich 2006 nicht auf ein Verbot einigen. Auch im Deutschen Bundestag fand sich keine Mehrheit für die Unterstützung eines UN-Moratoriums.

Die CDU hielt ein Verbot für nicht mehrheitsfähig und wollte es daher erst gar nicht versuchen. Bei der SPD war man gar der Meinung, die Grundschleppnetzfischerei sei nur in Teilen der Tiefsee schädlich und man müsse die Arbeitsplätze in dieser Branche im Ausland erhalten. Die FDP dagegen winkte ab, da sie ein solches Verbot für nicht vollständig kontrollierbar hält.

Verbote im Pazifik und Atlantik

Angesichts des Versagens der Politik und der immer deutlicher werdenden negativen Auswirkungen der Grundschleppnetzfischerei hat an anderer Stelle immerhin ein langsames Umdenken eingesetzt.

Im Juni 2008 einigten sich die 15 Staaten des Oslo-Paris-Abkommens OSPAR, dass in einer Alpen der Tiefsee genannten Untersee-Bergkette des Mittelatlantischen Rückens die Tiefseefischerei mit Grundschleppnetzen stark eingeschränkt, in manchen Gebieten auch verboten wird. Das so entstehende Schutzgebiet liegt auf halber Strecke zwischen Island und den Azoren. Es entspricht etwa der Größe Italiens. Damit gehört es zu den größten Meeresschutzgebieten. Doch von weltweiter Ächtung oder funktionierender Überwachung bestehender Schutzzonen ist man noch weit entfernt. Sehr weit.

Wiederentdeckte Meeresdinosaurier – bald endgültig ausgestorben?

Glasschwämme bildeten vor 155 Millionen Jahren die größten Riffe der Weltgeschichte. Eines reichte über 7000 Kilometer vom Kaukasus über den heutigen Atlantik bis nach Tennessee. Vor 55 Millionen Jahren starben sie aus, dachte man. Bis man 1997 zufällig ein Glasschwammriff vor der Küste der kanadischen Provinz British Columbia entdeckte.

Grundschleppnetzfischer im Hafen von Büsum.

Grundschleppnetzfischer im Hafen von Büsum.
Foto: U.Karlowski

Es gibt sie heute nur noch im Nordpazifik auf einer Fläche von 1000 Quadratkilometern in Tiefen von 150 bis 250 Metern. Natürlich ist der Fischreichturm rund um diese Kaltwasser-Organismen der Fischerei nicht lange verborgen geblieben. Und jetzt läuft den wiederentdeckten Dinosauriern der Meere, nach Millionen von Jahren, die Zeit davon. Während es etwa 9000 Jahre dauert, bis ein Glasschwammriff gewachsen ist, benötigt ein Grundschleppnetzfischer ganze 90 Minuten, um es auszulöschen.

Auf Tiefeseefisch verzichten

Unser Konsumverhalten könnte zum wesentlichen Faktor im Kampf gegen die das Leben in Meeren zerstörende Grundschleppnetzfischerei werden.

Rotbarsch zum Beispiel liegt in Deutschland mit knapp 32.600 Tonnen pro Jahr an Platz elf der beliebtesten Fische. Er hat damit einen Marktanteil von drei Prozent. Man sollte ganz einfach auf Rotbarsch und andere Tiefseefische verzichten.

Gute Alternativen sind Bio-Zuchtfische, z. B. Pangasius oder Tilapia oder auch FOS-zertifizierte (Friend of the Sea) Meeresfische.
Foto oben: Illegaler Grundschleppnetzfischer auf der Flucht vor Fischereiaufsicht, Mayumba Bucht, Gabun: Michael Markovina