Industrielle Fischerei

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Fischerei und Aquakultur sind Lebensgrundlage für mindesten zehn Prozent der Weltbevölkerung. Doch die industrielle Fischerei ist auf bestem Wege, unsere Ozeane in eine leblose Wasserwüste zu verwandeln. Denn gnadenlos wird mit immer größerem Aufwand noch der „letzte Fisch“ aus dem Wasser geholt. Fisch und Meeresfrüchte aus Wildfang und Aquakultur gehören mittlerweile zu den am häufigsten gehandelten Nahrungsmitteln. Im Jahr 2018 soll ihr globaler Erstverkaufswert bei 401 Milliarden US-Dollar gelegen haben. Nach Angaben der FAO (Food and Agriculture Organisation of the United Nations – Welternährungsorganisation) lag die weltweite Produktion 2018 bei 179 Millionen Tonnen. Davon stammten rund 82 Millionen Tonnen aus Aquakultur. Hier nicht enthalten sind die unbekannten, beträchtlichen Gewinnmargen und Fangmengen aus der IUU-Fischerei (illegal, undokumentiert und unreguliert) sowie ebenfalls beträchtlichen Mengen nicht angelandeter und nicht gemeldeter Beifänge. Sogar bis in die Tiefsee dringt man heute mit Grundschleppnetzen und Langleinen vor. Dabei werden einmalige Lebensräume und Lebensgemeinschaften unwiederbringlich zerstört.

Die fischereiliche „Bewirtschaftung“ dürfte eines der schlimmsten Beispiele menschlicher Misswirtschaft darstellen. Trotz einer Unmenge von Steuerungsinstrumenten ist dieser Sektor von Habgier und Gewinnstreben gekennzeichnet und nimmt wenig Rücksicht auf den Schutz von Gemeingütern oder auf das Recht zukünftiger Generationen, Zugang zu diesen Ressourcen zu genießen und von deren Nutzung nachhaltig zu profitieren.

Dr. Awni Behnam, Präsident des International Ocean Institute, world ocean review 2

Es wird viel zu viel gefischt

China führt die Liste der sieben wichtigsten Fangnationen für Meeresfischerei an. Es folgen Peru, Indonesien, Russland, die USA, Indien und Vietnam. Laut des SOFIA-Berichts (The State of World Fisheries and Aquaculture) der FAO waren 2018 auf den Meeren und an den Küsten ca. 4,56 Millionen Fangboote im Einsatz. Mit ca. 3,1 Millionen Schiffen verfügte der asiatische Raum über die Abstand größten Fangflotte. Der hauptsächliche Überfischungsdruck jedoch geht dabei von den etwa 67.800 Industriefangschiffen aus.

Kleinstfischer – chancenlos gegen Supertrawler

Laut FAO waren 2018 nur etwa 3 Prozent der aller motorisierten Fischereifahrzeuge 24 m und größer. Darunter auch sogenannte Supertrawler, mit über 80 m Länge. Supertrawler können täglich bis zu 250 Tonnen Fisch fangen und verarbeiten.

Die „Magiris“, mit 143 m Länge der zweitgrößte Fabriktrawler der Welt. Foto: Blue Planet Society

Die „Margiris“ ist mit 143 m Länge der zweitgrößte Fabriktrawler der Welt. Foto: Blue Planet Society

Ozeanien, Europa und Nordamerika verfügen über die meisten dieser großen Fischereifahrzeuge. Aus der industriellen Fischerei stammt über die Hälfte der weltweiten jährlichen Fangmenge und 80 % des gehandelten Fischs. FAO-Daten zeichnen allerdings nur ein unvollständiges Bild über das Ausmaß der weltweiten Fischereiaktivitäten. Denn nicht alle Länder kooperieren mit der FAO, wie Brasilien. Andere verfügen nicht über qualifizierte Fischereibehörden. Das Ausmaß der illegalen Fischerei und von Rückwürfen (Beifang) kann nur geschätzt werden.

Hemmungslose Überfischung

Überfischung ist heutzutage unbestreitbar vor allem Folge der Industriefischerei und deren technischer Aufrüstung: Fischfinder, satellitengestützte Informationen, Helikopter, Fischsammler (FADs) usw.

FAD mit Netzmaterial.

FAD-Fischerei (Fischsammler) verursacht hohe Beifangraten. Foto: ISSF/David Itano

Dennoch hat all der technische Aufwand die globalen Fangmengen von Meerestieren seit 2005 nicht wesentlich steigern können. Meist liegen sie zwischen 78 und 81 Millionen Tonnen im Jahr. Ist eine Art erschöpft, weicht die industrielle Fischerei auf andere, noch nicht überfischte Bestände aus. Hier hinzu kommen zusätzliche Fangmengen aus der IUU-Fischerei sowie nicht gemeldete Beifänge.

IUU-Fischerei und Beifänge

Berechnungen der Forscher von Sea Around Us für das Jahr 2016 gehen von zusätzlich mindestens 15 Prozent der erfassten jährlichen Gesamtfangmenge aus IUU-Fischerei (17,6 Millionen Tonnen Fisch) und etwa 7,8 Prozent (8,1 Millionen Tonnen Fisch) aus Beifängen aus.

Dabei wächst das Ausmaß der IUU-Fischerei stetig. Schätzungen gehen davon aus, dass mittlerweile fast jeder fünfte bis sechste konsumierte Meeresfisch auf illegale Weise gefischt wurde. Die Verlockungen sind groß. Experten schätzen den jährlichen Verkaufswert von illegal gefangenem Fisch auf zwischen zehn und 23 Milliarden US-Dollar. Die weltweite IUU-Fischerei hat Dimensionen der internationalen organisierten Kriminalität erreicht. Führende Fischereinationen in diesem dunkeln Bereich sind China, Taiwan, Kambodscha, Russland und Vietnam.

Demnach besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen den FAO-Zahlen und den Zahlen anderer Meeresforschungsinstitute. So kommt Sea Around Us für 2016 auf rund 104 Millionen Tonnen Meeresfisch, während die FAO von 78,3 Millionen Tonnen in 2016 ausgeht.

Auch Schwarmfische wie Sprotten oder Sardinen, die nicht für den menschlichen Verzehr sondern zur Verarbeitung zu Fischmehl und Futtermitteln gefischt werden, erfasst die FAO nicht. Ihr Anteil könnte bei schätzungsweise 25 Prozent aller Meeresfänge liegen. Was auch immer stimmt, es wird viel zu viel gefischt.

Welche Fische werden am meisten gefischt?

Die Peruanische Sardelle (Engraulis ringens) war 2017 bis 2018 mit mehr als sieben Millionen Tonnen die weltweit mit Abstand am stärksten befischte Art. Auf Platz zwei folgte der Pazifische Pollack (Theragra chalcogramma) mit 3,4 Millionen Tonnen. Dicht gefolgt vom weltweit am häufigsten gefischten Thunfisch, dem Skipjack (Katsuwonus pelamis), mit 3,2 Millionen Tonnen.

Überfischte Bestände

Viele Bestände sind durch die industrielle Fischerei bereits so stark dezimiert, dass eine fischereiliche Nutzung aus biologischer Sicht nicht mehr zu verantworten ist. Laut FAO waren 2017 bereits 34,2 Prozent der bewerteten Bestände kommerzieller Fischarten überfischt. Innerhalb von nur vier Jahrzehnten hat sich ihr Anteil damit mehr als verdreifacht. Am stärksten überfischt sind dabei das Mittelmeer und das Schwarze Meer, 62,5 Prozent der hier vorkommenden Bestände gelten hier als überfischt. Allerdings finden in vielen Meeresregionen mangels qualifizierter Fischereibehörden keine oder nur unzureichende Bestandserfassungen statt.

Moderat oder nur wenig befischt waren 2017 laut FAO lediglich 6,2 Prozent der erfassten weltweiten Fischbestände. Die Folgen sind nicht nur für den Menschen gravierend, sondern für alles Leben in den Meeren.

Toter Hammerhai in einem Geisternetz vor Hawaii

Jährlich sterben zwischen 63 und 273 Millionen Haie und eine nicht erfasste Zahl von Rochen durch die industrielle Fischerei und beim sogenannten Finning (Flossenfischerei). Viele Arten sind dadurch mittlerweile vom Aussterben bedroht. Foto: © OceanImageBank/Toby Matthews

Sinnloses Sterben: Beifänge und Rückwürfe

Die konventionelle oder industrielle Fischerei verursacht horrende Beifangmengen. Diese Unmengen ungewollt getöteter Tiere können die Ökosysteme langfristig nicht verkraften. Auch etwa 300.000 ertrunkene Meeressäuger wie Wale und Delfine befinden sich unter den jährlich zu beklagenden Beifangopfern. In der EU-Fischerei geht man von jährlich etwa 1,7 Millionen Tonnen Fisch aus, die durch Beifänge und Rückwürfe vernichtetet werden. Trotz vorhandener Gesetze, wie der ab 2019 EU-weit geltenden „Anlandeverpflichtung“, hat sich an der Rückwurfpraxis nichts geändert. Es mangelt an Kontrollen.

Fischereilobby

Maßnahmen zur Bekämpfung der Überfischung gibt es viele: z. B. selektivere Fangtechniken, Fangquoten, Schutzgebiete und Schonzeiten für gefährdete Fischarten oder Öffnung versperrter Wanderrouten für Zugfische. Nicht nur Meeresschutzorganisationen aus aller Welt fordern dies seit vielen Jahren. Auch Wissenschaftler von Fischereikommissionen raten zu drastischen Einschränkungen.

Doch das Gegenteil passiert. Regionale Fischereiabkommen erweisen sich als nur bedingt hilfreich. Regelmäßig knickt die EU vor der Fischereilobby ein. Gefälligkeiten für die industrielle Fischerei, z. B. durch Subventionen für den Ausbau von Fangflotten unter dem Deckmantel einer nachhaltigen Fischerei sind an der Tagesordnung.

Laut einer Studie des Geomar–Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel wird in deutschen Meeresschutzgebieten sogar intensiver gefischt als außerhalb. Die Kieler Experten sprechen von einer um 40 Prozent stärkeren Fischereiintensität.

Überfischung ist der gravierendste Eingriff in marine Ökosysteme

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) lässt keinen Zweifel daran, dass die globale Überfischung der gravierendste Eingriff in marine Ökosysteme ist. Fangmengen und Konsum übersteigen seit Jahren die natürliche Produktivität der Meere. Zusätzlich verschärft die Klimakrise die ohnehin kritische Lage.

Hoffnung machen die vielen Menschen, die beginnen umzudenken. Sie lernen, kleine handwerkliche Fischereien wertzuschätzen. Diese wiederum sorgen durch Direktvermarktung für Nachschub aus nachhaltigem Fischfang.

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Nachhaltige Fischerei ist der einzige Ausweg aus der globalen Fischereikrise. Für die Menschen! Für die Artenvielfalt in den Meeren!


End of Fish Day

Der „End of Fish Day“ markiert das Ende unserer eigenen „Fischreserven“. Von diesem Tag an ist Deutschland rein rechnerisch auf den Import von Fischereiprodukten angewiesen. 2021 fiel er auf den 19. März und trat damit mehr als zwei Wochen früher ein als 2020 und 2019 (5. April.) Denn mit fast 14 kg pro Kopf liegen wir zwar unter dem Weltdurchschnitt von fast 20 kg, essen allerdings weitaus mehr Fisch, als deutsche Fischer fangen oder heimische Aquakulturen bereitstellen können.

Mit dem „End of Fish Day“ machen Slow Food Deutschland und Fair Oceans seit 2019 auf die weltweit anhaltende Krise der Fischerei und die Vernichtung der Artenvielfalt in den Meeren aufmerksam. Der „End of Fish Day“ errechnet sich auf Grundlage von Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Er nimmt so direkten Bezug auf die Analyse der Fischereiwirtschaft durch die Bundesregierung.

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) veröffentlicht in ihrem Jahresbericht über Fischerei und Fischwirtschaft den aktuellen Selbstversorgungsgrad Deutschlands mit Fischereierzeugnissen. Mit dem geringen Selbstversorgungsgrad von 20 Prozent sind wir dabei einer der größten Importeure von Fischereiprodukten auf dem Weltmarkt.


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