Industrielle Fischerei

Fisch und Meeresfrüchte gehören mit einem jährlichen Handelswert von über 143 Milliarden Dollar zu den meist gehandelten Gütern der Welt. Folglich ist die industrielle Fischerei auf bestem Wege, unsere Ozeane in eine leblose Wasserwüste zu verwandeln. Denn gnadenlos wird mit immer größerem Aufwand noch der „letzte Fisch“ aus dem Wasser geholt.

Stirbt das Leben in den Meeren?

Fast 171 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte kommen weltweit jährlich aus Wildfang und Aquakultur – noch. Sogar bis in die Tiefsee dringt man heute mit Grundschleppnetzen vor. Dabei werden einmalige Lebensräume und Lebensgemeinschaften unwiederbringlich zerstört.

Traditionelle Kleinfischer – chancenlos gegen industrielle Fischerei

Die „Magiris“, mit 143 m Länge der zweitgrößte Fabriktrawler der Welt. Foto: Blue Planet Society

Die „Margiris“ ist mit 143 m Länge der zweitgrößte Fabriktrawler der Welt – Foto: Blue Planet Society

Laut des SOFIA-Berichts (The State of World Fisheries and Aquaculture) vom Juli 2018 der FAO (Food and Agriculture Organisation of the United Nations – Welternährungsorganisation) sind weltweit auf den Meeren und an den Küsten ca. 4,6 Millionen Fischfangboote im Einsatz. Doch nur von einem Prozent dieser Boote geht der hauptsächliche Überfischungsdruck aus.

Die etwa 35.000 Industrieschiffe, darunter Supertrawler, fangen dabei über die Hälfte der weltweiten jährlichen Fangmenge im Meer und 80 % des gehandelten Fischs. Supertrawler können täglich bis zu 250 Tonnen Fisch fangen und verarbeiten.

Hemmungslose Überfischung

Überfischung ist heutzutage unbestreitbar vor allem Folge der Industriefischerei und deren technischer Aufrüstung: Fischfinder, satellitengestützte Informationen, Helikopter, Fischsammler (FADs) usw. Dennoch hat all der technische Aufwand die globalen Fangmengen von etwa 80 Millionen Tonnen Fisch jährlich nicht steigern können. Ist eine Art erschöpft, weicht die industrielle Fischerei auf andere, noch nicht überfischte Bestände aus.

Viele Fischbestände sind daher bereits so stark dezimiert, dass eine fischereiliche Nutzung aus biologischer Sicht nicht mehr zu verantworten ist. Laut FAO sind 33,1 % (in Europa 41 %) der Bestände kommerzieller Fischarten überfischt. Weitere 59,8 % werden maximal befischt. Lediglich 7,1 % der weltweiten Bestände werden moderat oder nur wenig befischt. Die Folgen sind nicht nur für den Menschen gravierend, sondern für alles Leben in den Meeren.

Industrielle Fischerei hat Bogenstirn-Hammerhaie an den Rand der Ausrottung gebracht.

Bogenstirn-Hammerhaie stehen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) aktuell als „critically endangered“ – vom Aussterben bedroht. Damit stehen sie eine Stufe vor „extinct in the wild“ – ausgestorben. Foto: Kris Mikael Krister

Jährlich sterben zwischen 63 und 273 Millionen Haie durch die industrielle Fischerei und beim sogenannten Shark Finning (Haiflossenfischerei). Viele Arten sind dadurch mittlerweile vom Aussterben bedroht.

Sinnloses Sterben in der industriellen Fischerei: Beifänge und Rückwürfe

Die konventionelle oder industrielle Fischerei verursacht horrende Beifangmengen. Schätzungen zufolge sollen es weltweit fast 38 Millionen Tonnen Meerestiere sein. Das entspricht in etwa 40 Prozent der weltweiten jährlichen Gesamtfangmenge. Diese Unmengen ungewollt getöteter Tiere können die Ökosysteme langfristig nicht verkraften.

Auch etwa 300.000 ertrunkene Meeressäuger wie Wale und Delfine befinden sich unter den jährlich zu beklagenden Beifangopfern.

In der EU liegt das Ausmaß ungewollter Beifänge und Rückwürfe bei jährlich etwa 1,7 Millionen Tonnen Fisch. Verletzt, sterbend oder tot werden so jedes Jahr Millionen von Meerestieren sinnlos vernichtet. Trotz vorhandener Gesetze, wie der ab 2019 EU-weit geltenden „Anlandeverpflichtung“, hat sich an der Rückwurfpraxis nichts geändert.

Da es an Kontrollen und Dokumentationen mangelt, wird sich an dieser Form der Raubfischerei durch die EU-Fischereiflotten auch nichts ändern.

Fischereilobby dirigiert EU-Politiker

Nachhaltiger Fischfang mit Pole and Line statt industrielle Fischerei.

Quelle: Australian Fisheries Management Authority (AFMA)

Maßnahmen zur Bekämpfung der Überfischung gibt es viele: z. B. selektivere Fangtechniken, Fangquoten, Schutzgebiete und Schonzeiten für gefährdete Fischarten oder Öffnung versperrter Wanderrouten für Zugfische. Nicht nur Meeresschutzorganisationen aus aller Welt fordern dies seit vielen Jahren. Auch wissenschaftliche Fischereikommissionen z. B. von der EU raten zu drastischen Einschränkungen.

Doch das Gegenteil passiert. Regionale Fischereiabkommen erweisen sich als wirkungslos. Regelmäßig knickt die Politik – allen voran die EU – vor der Fischereilobby ein. Gefälligkeiten für die industrielle Fischerei, z. B. durch Subventionen für den Ausbau von Fangflotten unter dem Deckmantel einer nachhaltigen Fischerei sind an der Tagesordnung.

Laut einer Studie des Geomar–Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel wird in deutschen Meeresschutzgebieten sogar intensiver gefischt als außerhalb. Die Kieler Experten sprechen von einer um 40 Prozent stärkeren Fischereiintensität.

Erschöpfung sämtlicher Fischbestände droht

14 Meeresbiologen und Wirtschaftswissenschaftler analysierten die Entwicklung der Fischbestände in den Weltmeeren über die vergangenen rund 50 Jahre. Ihr Fazit ist deutlich: Ändert sich nichts, dann gibt es noch vor dem Jahr 2050 in den Ozeanen keinen Seefisch mehr. Dann stirbt das Leben in den Meeren.

Foto oben: Alex Hofford/Greenpeace/Marine Photobank