Tiefseefischerei: EU-Fangquoten immer noch zu hoch

Tiefseefische vermehren sich nur sehr langsam. Sie sind extrem anfällig für Überfischung und ihre Bestände sind meist klein. Dennoch fischen Tiefseefischer in vielen Hunderten bis weit über tausend Meter mit Netzen und Langleinen zum Beispiel Tiefseehaie oder die als Delikatesse geltenden über 1,5 m großen Schwarzen Degenfische. Ende Oktober nun veröffentlichte die EU-Kommission einen Vorschlag zur Eingrenzung zulässiger Gesamtfangmengen (total allowable catch/TAC) für die Tiefseefischerei für 2021–2022 im Nordostatlantik [1]. Doch der Vorschlag geht nicht weit genug.

Keine nachhaltige Tiefseefischerei im Nordostatlantik

Bedroht durch Tiefseefischerei: Rote Fleckbrassen auf Eis im Fischmarkt.

Rote Fleckbrassen – Foto: P.Lameiro – Lizenz: CC BY-SA 3.0

Im Bündnis Seas at Risk zusammengeschlossene Meeresschutzorganisationen fordern nachdrücklich Fangbeschränkungen für Tiefseefischpopulationen, die im Einklang mit wissenschaftlichen Empfehlungen stehen [2].

Diese verlangen die Einhaltung des Vorsorgeprinzips, um negativen Auswirkungen der Fischerei sowohl auf die betroffenen Arten als auch auf die fragilen Tiefseeökosysteme vorzubeugen.

Bislang enthält der Kommissionsvorschlag lediglich für drei Tiefseearten Fangquoten und das auch nur in einigen Fanggebieten, die zudem noch allein von EU-Fischern befischt werden.

Und so sinken zwar die TACs für Rundnasen-Grenadiere (Coryphaenoides rupestris), Schwarze Degenfische (Aphanopus carbo) und die auch als Graubarsch, Seekarpfen, Meerbrasse oder Dorade bekannte Rote Fleckbrasse (Pagellus bogaraveo). Die Regelungen zur Bewirtschaftung von sechs mit Großbritannien geteilten Tiefseebeständen jedoch fehlen.

Stark gefährdete Tiefseeart darf weiter befischt werden

Bedroht durch Tiefseefischerei: Rundnasen-Grenadier.

Rundnasen-Grenadier – Foto: oceanexplorer.noaa.gov/NOAA

Dass der laut Roter Liste der IUCN in Europa als „stark gefährdet“ eingestufte Rundnasen-Grenadier überhaupt weiter gefischt werden darf, stößt auf besonders viel Kritik [3].

Lediglich für das ICES-Fanggebiet 3 (Skagerrak und Kattegat) ist ein Quasi-Fangstopp bei einer kleinen erlaubten Beifangquote vorgesehen. Damit widerspricht die EU-Kommission allerdings den aus ihrer eigenen Biodiversitätsstrategie erwachsenen Verpflichtungen zur Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme der Meere.

Verbot der Fischerei von Tiefseehaien

Immerhin enthält der Kommissionsvorschlag ein Verbot des Fangs von Tiefseehaien. „Angesichts der schlechten biologischen Lage der Bestände von Tiefseehaien sollte die Fischerei weiterhin verboten bleiben“, heißt es dazu im Kommissionspapier. Weitergehende Maßnahmen sind jedoch nicht vorgesehen.

„Wir sind sehr besorgt über das mangelnde Management von Tiefseehaien“, sagt Irene Kingma von der Niederländischen Elasmobranchier-Gesellschaft. Tiefseehaie sterben immer wieder auch als Beifang in Netzen oder bei der Tiefseelangleinenfischerei.

Bedroht durch Tiefseefischerei: Stumpfnasen-Sechskiemerhai in der Tiefsee, Pacific Remote Islands Marine National Monument.

Sechskiemerhaie sind ursprüngliche Tiefseehaie. Sie zeichnen sich durch sechs Kiemenspalten auf jeder Kopfseite aus. Damit unterscheiden sie sich von allen anderen Haien. Foto: NOAA Office of Ocean Exploration and Research, Deepwater Wonders of Wake

(K)ein Abkommen mit Großbritannien?

Eines der großen Brexit-Streitthemen ist die Fischerei. Die Briten haben wenig Veranlassung, hier Vereinbarungen mit der Rest-EU auf den Weg zu bringen. Sie sähen die EU-Trawler lieber gestern als heute aus ihren Fanggründen verschwinden. Und das nicht ohne Grund.

Nun drohen Zeiten unregulierter Tiefseefischerei. Denn noch gelten für mehr als 60 % der Tiefseebestände gemeinsam vereinbarte Fangbeschränkungen. Ab 2021 müssten neue Regelungen in Kraft treten. Leider sieht es nicht so aus, als könnten diese noch rechtzeitig zustande kommen. Dabei hängen das Überleben vieler Tiefseefischbestände und der Erhalt ihrer Lebensräume ganz wesentlich von der Zusammenarbeit beider Parteien ab.

Ein Großteil der europäischen Tiefseebestände ist bereits stark erschöpft

Einige der kommerziell genutzten Tiefseearten leben bis zu 80 Jahre. Viele von ihnen erreichen erst nach vielen Jahren ihre Fortpflanzungsreife. Aufgrund von Wissenslücken und schwerwiegenden Mängeln im Fischereimanagement sind die meisten europäischen Tiefseebestände bereits stark erschöpft. Über andere wiederum gibt es nicht genügend Informationen, ihr Zustand ist unbekannt.

Auf lange Sicht ist damit auch die Überlebensfähigkeit der von der Tiefseefischerei abhängigen Fischergemeinden gefährdet. Auch aus diesem Grund fordert Seas at Risk Maßnahmen, um Datenlücken zu schließen und dringend Bewirtschaftungs- und Regenerationspläne für einige der am stärksten bedrohten Arten, wie Tiefseehaie, zu verabschieden und vollständig umzusetzen [5].

„Man sollte die Tiefsee einfach in Ruhe lassen. Denn Eingriffe wie Tiefseefischerei oder Tiefseebergbau sind mit schwerwiegenden und lang anhaltenden ökologischen Folgeschäden verbunden“, fordert DSM-Biologe Ulrich Karlowski.

[1] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=COM:2020:666:FIN
[2] In June 2020, ICES Advice for deep sea species confirmed that most deep sea fish populations remain in worrying condition and with insufficient data to properly assess them.
[3] https://www.iucnredlist.org/species/15522149/45136880
[4] ICES, Working group on the biology and assessment of deep-sea fisheries resources (WGDEEP), Volume 2, Issue 38, 2020 page 1: “Deep-water stocks have overall lower biological productivity than continental shelf and coastal stocks.”
[5] NGO recommendations for deep-sea fishing limits 2021-2022

Foto oben: Schwarzen Degenfische auf einem Fischmarkt von AngMoKio – eigenes Werk, CC BY-SA 2.5