Nicht auf Kurs: Meeresschutz in Deutschland

Unter dem Motto „Lebendige Meere“ tagte vom 6. bis 7. Mai in Berlin die erste Nationale Meereskonferenz. Nur eingeladene Gäste durften teilnehmen. Für uns war Iris Ziegler dabei. Rund 400 Teilnehmende aus Wissenschaft, Wirtschaft, Behörden und Meeresschutzorganisationen folgten der Einladung. „Angesichts des umfassenden Scheiterns der deutschen Meeresschutzpolitik kam das Expertentreffen viel zu spät“, meint der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz. „Deutschland ist nicht auf Kurs. Das Erreichen des 30-×-30-Ziels1 der Biodiversitätskonvention (CBD) scheint aus heutiger Sicht unerreichbar.“

Iris Ziegler und Franziska Saalmann (links) von Greenpeace auf der ersten Nationalen Meereskonferenz in Berlin.
Iris Ziegler und Franziska Saalmann (links)
von Greenpeace auf der ersten
Nationalen Meereskonferenz in Berlin.

Die Meereskonferenz war die letzte Amtshandlung der bisherigen Umweltministerin Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen). Sie übergab den Staffelstab an den früheren Bundesbeauftragten für Ostdeutschland Carsten Schneider von der SPD.

Ob der Meeresschutz für die neue Regierung allerdings eine messbare Rolle spielen wird, ist – trotz Schneiders Aussage, dass er eine Priorität sei – fraglich. Denn als eine ihrer ersten Maßnahmen strich die neue Regierung neben vielen anderen Beauftragten auch die Stelle des Meeresbeauftragten.

Es wäre schön, wenn sich Deutschland einmal als echter Vorreiter des Meeresnaturschutzes in den eigenen Gewässern erweisen würde.

Prof. Detlef Cybulka aus: Der Schutz unserer Meere

Meeresschutz in Deutschland?

Fischereifreie Zonen (No-take) muss man in unseren Küstenmeeren (12-Meilen-Zonen mit ca. 12.500 km2 in der Nordsee und ca. 10.900 km2 in der Ostsee) mit der Lupe suchen. Von jeglicher Nutzung ausgenommene Gebiete (No-go) gibt es nicht. Kaum besser sieht es in den vergleichsweise kleinen angrenzenden Ausschließlichen Wirtschaftszonen Deutschlands aus (AWZ/Internationale Gewässer bis zur 200-Seemeilen-Grenze mit ca. 28.539 km2 in der Nordsee und nur ca. 4.452 km2 in der Ostsee).

Mit der Amrumbank, einer 50 km² großen Sandbank im Naturschutzgebiet Sylter Außenriff, gibt es seit 2023 eine erste, tatsächlich fischereifreie Zone in der deutschen Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) der Nordsee. Damit sind gerade einmal 0,63 Prozent von 7.920 km², die die deutschen AWZ-Schutzgebiete in der Nordsee umfassen, als fischereifrei ausgewiesen. Im seit 40 Jahren bestehenden Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer sind im Bereich des Küstenmeers (12-Meilen-Zone) lediglich 3 Prozent als nutzungsfreies Gebiet ausgewiesen.

Wie schon bei den ersten Maßnahmen zum Schutz des Ostsee-Schweinswals 2022 bedurfte es gehörigen Drucks aus Brüssel, damit Deutschland auch in der Nordsee tätig wurde (Vertragsverletzungsverfahren Nr. 2.262/2014, Klage vor dem Europäischen Gerichtshof EU-Komm 2021). Immerhin waren es die ersten Fortschritte nach 20 Jahren Stillstand. Besser als nichts. Aber nur wenig weit davon entfernt.

Intensive Grundschleppnetzfischerei in deutschen Meeresschutzgebieten

Das ungefähre Ausmaß des Fischereiaufwands der bodenberührenden Fischerei in deutschen Meeresschutzgebieten zeigte 2020 eine Analyse von Satelliten-Tracking-Daten von Fischerbooten über Global Fishing Watch.

Der Schwerpunkt der Analyse lag dabei auf europäischen Natura-2000-Gebieten. Demnach gehörten fünf deutsche Meeresschutzgebiete in der AWZ und im Küstenmeer zu den Top 10 der am stärksten in der EU mit Grundschleppnetzen befischten Gebiete. Auf Platz 1 lag dabei ausgerechnet der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer mit über 730.000 Stunden! Platz zwei ging an das übrige Wattenmeer und angrenzende Küstengebiete (über 576.000 Stunden). Auf dem dritten Platz landete schließlich das Schutzgebiet Sylter Außenriff, mit über 318.000 Stunden Befischung durch Grundschleppnetze.

Unsere Forderungen

Meerespolitik 2025: eine Zukunft für Meer und Mensch

  • Für den effektiven Schutz aller Meeresschutzgebiete in den deutschen Meeren braucht es ein vollumfängliches und adaptives Management, wobei mindestens 50 Prozent der Schutzgebietsflächen aus der wirtschaftlichen Nutzung genommen werden müssen.
  • Zudem muss in natürlichen, sedimentären und biologischen Habitaten mit hoher Kohlenstoffspeicherfähigkeit die bodenberührende Schleppnetzfischerei (Grundschleppnetzfischerei) konsequent ausgeschlossen werden. Es braucht darüber hinaus eine flächendeckende Umstellung auf nachhaltige Fischereimethoden, um intakte natürliche Kohlenstoffsenken und damit einen dauerhaften Beitrag zum Klimaschutz zu gewährleisten.

Diese und weitere Voraussetzungen für besseren Meeresschutz in Deutschland stammen aus dem Forderungspapier „Meerespolitik 2025 – Eine Zukunft für Meer und Mensch“. Es wurde von uns gemeinsam mit den Umwelt- und Entwicklungsorganisationen BUND, DEEPWAVE, Deutsche Umwelthilfe, DNR, Environmental Justice Foundation, fair oceans, Forum Umwelt und Entwicklung, Greenpeace, NABU, WDC und WWF formuliert.

Für besseren Meeresschutz in Deutschland fordern wir von der neuen Bundesregierung, politische Entscheidungen konsequent auf den Schutz von Meeresökosystemen auszurichten.

  1. Ende 2022 hatten die 196 Vertragsstaaten der CBD sich auf das 30-×-30-Ziel verständigt, um die Biodiversitätskrise und den Verlust von Ökosystemen aufzuhalten. Auch Deutschland stimmte dem damals zu. 30-×-30 bedeutet, dass 30 Prozent der Land- und 30 Prozent der Meeresflächen bis 2030 unter Schutz stehen. ↩︎

Update: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter Beitrag

Titelfoto: © Krzysztof E. Skora


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