Fischer verstümmeln Seevögel

Wenn sich Seevögel über Köder an Angelhaken hermachen, bleiben sie oft mit dem Schnabel daran hängen. Um sich des lästigen, noch lebenden Beifangs schnell zu entledigen, wenden Langleinenfischer im Südwestatlantik eine perfide Methode an: Sie schneiden den Seevögeln einfach die Schnäbel ab und werfen die Tiere dann ins Meer zurück!

Ein internationales Forscherteam um Dimas Gianuca kam dieser unsäglichen Praxis auf die Spur, wie das Natural History Museum jetzt berichtet, das mit einem Mitarbeiter ebenfalls an der Studie teilnahm. Betroffen sind insbesondere Albatros- und Sturmvogelarten, darunter auch stark gefährdete wie Gelbnasenalbatros (Thalassarche chlororhynchos) und Brillensturmvogel (Procellaria conspicillata).

Aufgedeckt dank Internet: Fischer verstümmeln Seevögel

Toter Nördlicher Königlicher Albatros, der von Fischern verstümmeltwurde liegt am Strand.

Von Langleinenfischern verstümmelter Nördlicher Königlicher Albatros (Diomedea sanfordi) – © Fernando Faria

Ein Foto in den Social Media gab den Ausschlag: Es zeigte einen lebenden Albatros, dessen obere Schnabelhälfte gekappt war. Um herauszufinden, ob dies eher Einzelfälle sind oder es sich um eine gängige Praxis in der Langleinenfischerei handelt, starteten die Forscher einen Aufruf mit Bitte um Zusendung von entsprechenden Dokumentationen.

So konnten sie Daten von mehr als 20 Jahren sammeln. Der älteste Fall reicht zurück ins Jahr 1999.

46 Seevögel und acht Arten, darunter vier gefährdete oder gar stark gefährdete, sind die traurige Bilanz der Sammlung. 17 der Vögel waren von den Fischern getötet worden. Die Tiere hatten den Angaben zufolge Traumata durchlitten, gebrochene Füße oder Flügel, Verletzungen am Körper oder verstümmelte Schnäbel. 29 Fälle betrafen überlebende Vögel.

Spezialfall im Südwestatlantik

In Zusammenarbeit mit der Albatross Task Force, einem internationalen Expertenteam zum Schutz von Albatrossen, durchforsteten die Forscher Unterlagen aus Namibia, Südafrika, Brasilien, Uruguay, Argentinien, Chile und Peru.

Kopfansicht eines Albatros mit Schnabelverstümmelung.

Von Langleinenfischern verstümmelter Albatros – © Nicholas Daudt

Doch Nachweise, dass Langleinenfischer Seevögel verstümmeln, fanden sich nur für Brasilien, Uruguay, Argentinien und in geringerem Umfang aus Chile. Deren Fischer operieren alle (auch) im Südwestatlantik.

„Diese Praxis wird anscheinend speziell von Fischern in der Region abgewandt“, erklärt Dr. Alex Bond, Mitautor der Studie und Hauptkurator für Vögel im Natural History Museum in London.

Langleinenfischerei

Die Langleinenfischerei weckte einst Hoffnungen auf eine effektive und gleichzeitig selektive Fangtechnik.

Doch schnell folgten Ernüchterung und heftige Kritik. Langleinen werden zum Fang von Thun– und Schwertfisch eingesetzt, aber auch von tiefer lebenden Arten wie z. B. Schwarzer Seehecht. Die Beifangraten zahlreicher Nichtzielarten sind horrend.

Langleinen mit ihren mehreren Tausend beköderten Angelhaken sind insbesondere für Seevögel eine große Gefahr. Denn diese stibitzen sich die Beute von den Köderhaken und bleiben dann selbst daran hängen. Inzwischen gibt es schon etliche Methoden, um den Beifang zu reduzieren: etwa durch direktes schnelles Absenken der Leinen mit Gewichten oder nächtliches Ausbringen, da die Seevögel tagaktiv sind. Selbst wenn die Vögel schon am Haken hängen, kann man sie, ohne sie zu verletzen, befreien. Doch das scheint die Fischer im Südatlantik nicht zu scheren.

Von Langleinenfischern verletzter Albatros in der Luft.

Von Langleinenfischern verletzter Albatros – © Nicholas Daudt

Gräueltaten unbekannten Ausmaßes

Wie lange die vob Fischern verstümmelten Seevögel überleben können, ist unbekannt. „Wir können kaum herausfinden, wie viele dieser gefährdeten Vögel als direkte Folge der ihnen von Fischern zugefügten Verletzungen umkommen. Die von uns dokumentierten Fälle sind höchst wahrscheinlich nur ein Bruchteil eines viel größeren Bildes“, erklärt Dr. Bond.

Maßnahmen

Die Forscher hoffen, dass ihre Veröffentlichung ein erster Schritt ist, um die grausamen Praktiken zu verhindern. Neben dem Einsatz vorhandener Techniken zur Beifangreduzierung schlagen sie zudem für die Vögel ungefährliche Abschreckvorrichtungen vor, wie Flatterbänder oder Wasserstrahler, um sie daran hindern, den Ködern nachzutauchen. Aufklärung und Training der Fischer wären zusätzliche wichtige Maßnahmen, damit Fischer nicht länger Seevögel verstümmeln.

Fernüberwachung

Zudem plädieren Wissenschaftler für den verstärkten Einsatz von Fernüberwachungssystemen (REM/remote electronic monitoring). Dabei werden mithilfe von GPS und Videokameras die Fischfangaktivitäten eines Fangschiffes auf See überwacht.

Auch Beobachter an Bord der Fangschiffe würden helfen: „In Gegenwart von Beobachtern an Bord der Schiffe würde die von uns dokumentierte brutale Praxis der Fischer, den Vögeln in großem Maßstab den Schnabel abschneiden und über Bord zu werfen, sehr wahrscheinlich aufhören“, erklärt Dr. Bond.

 

Die Studie „Intentional killing and extensive aggressive handling of albatrosses and petrels at sea” wird im Dezember 2020 im Journal Biological Conservation veröffentlicht.

Foto oben: Von Langleinenfischern verstümmelter Albatros – © Nicholas Daudt