Der einst als „König der Fische“ gepriesene Lachs ist heute der beliebteste Fisch der Deutschen. Bei der Kaufentscheidung spielen Tierschutz- und Nachhaltigkeitsaspekte allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Dabei ist selbst Zuchtlachs mit dem angeblich für nachhaltige, tier- und umweltfreundliche Produktion stehenden ASC-Fischsiegel (Aquaculture Stewardship Council) weit davon entfernt, nachhaltig zu sein. Dies zeigt eine weltweite Untersuchung von SeaChoice.1
So erhielten und behielten kanadische Lachsfarmen mit einem 148-mal höheren als erlaubten Seelausbefall ihre Zertifizierung. Ebenso Betriebe in Norwegen und Chile, obwohl sie 330 % höhere Mengen chemischer Substanzen, als es die Norm zulässt, zur Bekämpfung von Seeläusen einsetzten.
Kernaussagen
- Nur etwa 20 % der vom Aquaculture Stewardship Council (ASC) zertifizierten Zuchtbetriebe erfüllen die ASC-Kriterien für nachhaltige Fischzucht.
- Die Untersuchung von 257 Lachsfarmen zeigt erhebliche Abweichungen von den Nachhaltigkeitsstandards des ASC-Salmon-Standards.
- Kanadische Lachsfarmen erhielten trotz hohen Seelausbefalls das ASC-Siegel, was die Glaubwürdigkeit des Labels infrage stellt.
- Zuchtlachse leiden massiv unter schlechten Bedingungen der Aquakultur. Auch bei als nachhaltig zertifizierten ASC-Fischfarmen.
- Nach 1992 und 2000 war der Atlantische Lachs 2019 zum dritten Mal Fisch des Jahres.
- Atlantische Lachse haben hohe Umweltansprüche und benötigen saubere, naturnahe Gewässer, die zunehmend bedroht sind.
Deutschland ist (nach den Niederlanden) weltweit der zweitgrößte Markt für ASC Lachs. In Europa wird insgesamt der meiste Lachs verkauft.
Nur selten erfüllt: Nachhaltigkeitsstandards für ASC Lachs
Erstmals nahm man weltweit Lachsfarmen genauer auf die Einhaltung des sogenannten ASC-Salmon-Standards unter die Lupe. Wie nachhaltig arbeiten sie? Welche Auswirkungen haben Abweichungen vom Standard? Auf diese und andere Fragen hin wurden 257 Farmen, darunter Betriebe in Australien, Kanada, Chile, Norwegen und Schottland, untersucht. Damit erfasste man die Mehrheit aller Lachszuchten weltweit.
Für eine erfolgreiche Zertifizierung muss ein Betrieb den ASC-Salmon-Standard hundertprozentig erfüllen. Jedoch zeigte die Untersuchung, dass dies in der Praxis selten der Fall ist. Denn es kommt zu erheblichen Abweichungen. Das Fischsiegel garantiert keineswegs, dass ASC Lachs vom Ei bis zum Ertrag aus verantwortungsvoller Fischzucht stammt.

Innerhalb der Europäischen Union ist Zuchtlachs das am dritthäufigsten konsumierte Fischereierzeugnis, © Caroline Attwood/unsplash.com
„Eine Umweltzertifizierung sollte nur Zuchtbetriebe mit exzellenten Verfahren auszeichnen. Diese müssen ohne Ausnahme die strengen Kriterien erfüllen. Stattdessen stellte sich heraus, dass nur rund 20 % der Lachsfarmen tatsächlich die ASC-Kriterien erfüllen. Wenn Verbraucher Produkte mit diesem Label kaufen, bekommen sie nicht das, was sie denken“, erklärt Kelly Roebuck, Hauptautorin des Berichts.
Verantwortungsvolle Fischzucht?

Die Nachfrage nach umweltschonenden Fischprodukten ist hoch. 40 % der europäischen Bürger sind bereit, für nachhaltige Erzeugnisse mehr als den durchschnittlich erhobenen Aufschlag von 14 % zu zahlen. © Caroline Attwood/unsplash.com
„Als Folge wurden viele der ursprünglichen Anliegen des Standards ausgehöhlt“, erklärt John Werring, SeaChoice-Vertreter der David Suzuki Foundation. Gemeinsam mit der Industrie hatten sich die SeaChoice-Mitgliedsorganisationen und andere Nichtregierungsorganisationen an einem sechsjährigen Dialog (Salmon Aquaculture Dialogue) zum Thema Lachs-Aquakultur beteiligt. Daraus war der ASC-Salmon-Standard für Zuchtlachs hervorgegangen.2
SeaChoice hat den ASC aufgefordert, die Empfehlungen des Untersuchungsberichts umzusetzen. Denn nur so ließen sich die ursprüngliche Intention des Standards für ASC Lachs und seine Bedeutung bewahren und das Vertrauen der Verbraucher wiederherstellen.
Fisch des Jahres 2019 ist der Atlantische Lachs

Fisch des Jahres 2019 ist der Atlantische Lachs (Salmo salar). Mit der Wahl machen der Deutsche Angelfischerverband (DAFV), das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) auf die kritische Situation der Lachse in Deutschland aufmerksam. Denn für eine erfolgreiche Lachs-Wiederansiedlung fehlt es an passierbaren Flüssen. Es gibt zu wenig intakte Laichgebiete. Diese müssten unbedingt wiederhergestellt werden. Bereits 1992 und 2000 war der Atlantische Lachs Fisch des Jahres.3
Der Lachs kommt nicht wirklich voran
Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchschwammen Atlantische Lachse regelmäßig Rhein und Elbe. Dann zerstörten die zunehmende Belastung mit Abwässern und Veränderungen der Gewässer seine Lebensräume.

Auf seiner Wanderung kann ein Lachs bis zu 2 m hohe Hindernisse überspringen, © Pixabay
Mit Inkrafttreten der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie im Jahr 2000 erhielten die seit den 1990er-Jahren laufenden Bemühungen zur Lachs-Wiederansiedelung entscheidende Unterstützung. Seither macht man Fließgewässer schrittweise wieder durchwanderbar. Flusstypische Lebensräume werden wiederhergestellt, der Fischauf- und -abstieg durch Wanderhilfen verbessert.
Artensteckbrief Atlantischer Lachs
Atlantische Lachse werden 60 bis 100 cm lang. Sie erreichen 3 bis 15 kg Körpergewicht. Wobei einzelne Exemplare auch größer und schwerer werden. Sie gehören, wie auch Forellen, zur Familie der Salmoniden (Lachsfische). Es handelt sich um sogenannte anadrome Fische. Diese beginnen ihr Leben in Flüssen. Im Süßwasser. Als Jungfische schwimmen sie dann ins Meer. Dort bleiben sie. Erst zum Laichen kehren sie an ihren Geburtsort zurück.

Ihr Körper ist spindelförmig. Die Zähne sind gut entwickelt. Im Meer sind sie silbrig. Kurz vor der Laichzeit zeigen die Männchen ihre auffällige Laichfärbung. Sie reicht von goldenen und roten bis zu moosgrünen Farben. Ihr Unterkiefer wird zum charakteristischen „Laichhaken“.
Die meisten Lachse sterben nach dem Laichen
Die Weibchen schlagen am Laichplatz mit mächtigen Schwanzschlägen schüsselförmige Gruben. Meist mit einem Durchmesser von 1 bis 2 m. Dort hinein legen sie die Eier. Anschließend erfolgt die Besamung. Lachsweibchen bedecken die Laichgrube mit Kies und Sand, um sie zu schützen.
Meistens sterben sie nach dem Laichen. Nur wenige Lachse wandern als sogenannte Kelts wieder ins Meer.
Atlantischer Lachs hat hohe Umweltansprüche
Lachse haben hohe Umweltansprüche. Deshalb benötigen sie naturnahe, bevorzugt kiesige bis steinige Gewässerbereiche mit geringen Feinsedimentanteilen. Das Wasser muss kühl und sauerstoffreich sein. Unverzichtbar sind zudem freie Wanderwege.
Einst gab es Atlantische Lachse in vielen europäischen Flüssen. Ihre Verbreitung reichte vom Süden Portugals über Nordspanien bis in den Norden nach Island. Von Westen nach Osten über Frankreich, Großbritannien, Deutschland und ganz Skandinavien bis nach Russland.
Zuchtlachs aus der Massentierhaltung
Heute züchtet man Lachse in tierquälerischer Massentierhaltung (Aquakultur). Die Bedingungen, unter denen die Fische leben müssen, sind in der Regel katastrophal, auch bei Lachsen, die mit dem Fischsiegel des ASC ausgezeichnet sind. Der Medikamenteneinsatz ist hoch. Trotzdem zählt Lachs in Deutschland zu den beliebtesten Speisefischen.
Marktführer beim Lachs-Export aus dem Aquafarming ist Norwegen mit über 1,5 Millionen Tonnen jährlich. Die dort lebenden ca. 400 Millionen Zuchtlachse verzwergen die Population der ca. 500.000 norwegischen Wildlachse. Chile folgt an Nummer zwei. Großproduzenten von Lachsen aus der Massentierhaltung in Netzkäfigen finden sich auch in Schottland, Irland, auf den Färöer-Inseln, in Kanada und den USA.
- SeaChoice ist eine Kooperation der David Suzuki Foundation, des Ecology Action Centre und der Living Oceans Society. Die Organisationen nutzen ihre umfassenden Kenntnisse, um Lösungen für gesunde Ozeane zu finden. SeaChoice hat sich besonders die Erhöhung der Nachhaltigkeit von Fischereierzeugnissen in Kanada auf die Fahnen geschrieben. ↩︎
- Der ASC-Salmon-Standard wurde 2012 als Ergebnis eines als „Salmon Aquaculture Dialogue“ bekannten Verfahrens mit verschiedenen Stakeholdern beschlossen. Dabei legte man Kriterien fest, um ökologische und soziale Auswirkungen der Aquakultur von Zuchtlachs zu minimieren. Hinzu kommt, dass externe Prüfunternehmen die Zuchtfarmen beurteilen. Letztlich achten sie auf die Einhaltung des Standards und erteilen Zertifizierungen für das ASC-Fischsiegel. ↩︎
- Die Auszeichnung Fisch des Jahres gibt es seit 1984. Sie macht auf bedrohte Fischarten und deren Lebensräume aufmerksam. ↩︎
Titelfoto: Colin Czerwinski/unsplash.com
Weiterführende Informationen
- ASC global review
- Global Review of the Aquaculture Stewardship Council’s Salmon Standard
- Die ASC-Strategie
- Aquakultur ist keine Lösung
- Tasmanien: Öko-Aquakulturen gefährden Rochen in Macquarie Harbour
- Nachhaltige Fischerei
- Das Fischsiegel SAFE – für delfinsicheren Thunfischfang
- UN-Nachhaltigkeitsziel 14 – Leben unter Wasser


