Roter Thunfisch

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Früher war der Rote Thunfisch, eine von drei Blauflossen-Thunfischarten, das Aushängeschild für Überfischung. Jedes Jahr bringt sein Fang mehr als 1 Milliarde Dollar ein. Bei einer Länge von bis zu 5 Metern kann ein ausgewachsener Roter Thunfisch 700 Kilogramm und mehr auf die Waage bringen. Derart große Exemplare sind heute allerdings eine Rarität. Es gilt schon als Sensation, wenn Fischern heutzutage noch ein mäßig großer Roter Thun ins Netz geht. Wie im Februar 2022, als griechische Fischer im Ionischen Meer ein rund 380 kg schweres Exemplar fingen. Der prächtige Raubfisch soll der schwerste und größte Fang dieser Art in den letzten zehn Jahren gewesen sein. Das ist typisch für zu stark befischte Bestände.

Fischereiindizierte Evolution

Werden Fischbestände zu intensiv befischt, weichen die Tiere dem Fischereidruck aus. Ihre Geschlechtsreife tritt früher ein, es gibt überwiegend kleinere Exemplare. Große und alte Tiere, die für viel Nachwuchs sorgen könnten, werden immer seltener. Eine fischereiindizierte Evolution hat nachteilige Folgen für die Fischerei und die betroffenen Arten.

Fischer fangen zu viele große Fische

Genügend alte und große Fische in einem Bestand wirken wie eine Reproduktionsversicherung. Derart ausgeglichene Fischbestände sind widerstandsfähiger gegenüber sich verändernden Umweltbedingungen. Sie können Zeiten, in denen etwa Nahrungsmangel herrscht, wesentlich besser abpuffern und in der darauffolgenden Saison verlässlich Nachwuchs zeugen.

Roter Thunfisch

Rote Thunfische (Thunnus thynnus) gehören mit den beiden verwandten Arten Südlicher Blauflossenthunfisch (Thunnus maccoyii) und Nordpazifischer Blauflossenthunfisch (Thunnus orientalis) zu den Blauflossenthunen. Seinen Namen verdankt Thunnus thynnus dem stark dunkelroten Fleisch.

Innerhalb von nur 30 Jahren brachen die einst riesigen Bestände zusammen. Am schlimmsten traf es die Populationen im Westatlantik. Ihr Bestand sank seit den 1970er-Jahren auf gerade noch 10 Prozent seiner ursprünglichen Größe. Hauptursache war katastrophales Fischereimanagement. Denn der weltweite Sushi-Hype heizte die Nachfrage kräftig an. Naturgemäß ist dabei Japan der wichtigste Abnehmer. Für Dosenthunfisch wird Roter Thunfisch dagegen nicht verwendet. Hierfür ist er zu kostbar.

So führte der seit Jahrzehnten anhaltende Fischereidruck im Mittelmeer und im Schwarzen Meer dazu, dass Roter Thunfisch im türkischen Teil dieser Meere seit 17 Jahren als ausgerottet gilt. In der Folge verschwanden auch Weiße Haie aus diesen Meeresregionen. Sie waren noch bis in die 1980er-Jahre zu ihren Laichplätzen wandernden Thunfischen ins Marmarameer gefolgt.

Ein Weißer Hai schwebt unter der Wasseroberfläche.

Kettenreaktion im Ökosystem: Erst verschwindet der Rote Thun, dann der Weiße Hai. Foto: Gerald Schömbs/unsplash

Noch vor 100 Jahren mutete man das streng schmeckende Fleisch allerhöchstens Hunden oder Katzen zu. Zum Speisefisch – und einer begehrten Delikatesse – wurde Roter Thun erst in den vergangenen 50 Jahren.

„Ferrari“ unter den Knorpelfischen

Rote Thunfische sind enorm schnell. Sie erreichen Reisegeschwindigkeiten von bis zu 70 km/h. In der Spitze auch 80 km/h. Eine Atlantikdurchquerung schaffen die Riesenfische in nur 40 Tagen.

Rote Thunfische sind fast warmblütig

Ein ungewöhnlich stark entwickeltes, meist neben den Muskelpaketen befindliches Blutgefäßsystem, auch Wundernetz genannt, ermöglicht es dem Roten Thun, seine Körpertemperatur gegenüber der umgebenden Wassertemperatur relativ konstant zu halten. Wenn sie es so richtig eilig haben, sollen bis zu 15 Grad über der Umgebungstemperatur drin sein. Rote Thunfische sind die einzigen Knochenfische, denen dieses Kunststück gelingt.

Junge Weibchen legen pro Laichsaison im Schnitt 500.000 Eier. Alte und große Thunfischweibchen dagegen bis zu zehn Millionen. Die Larven schlüpfen nach nur drei Tagen. Dann sind sie gerade einmal drei Millimeter groß. Doch bereits nach einem Monat haben die kleinen Thunfische stolze 3,5 Zentimeter erreicht. Ihre Lebenserwartung soll bei bis zu 20 Jahren liegen. Doch derartige Methusalems gibt es kaum noch. Wegen Überfischung.

Rote Thunfische jagen wie Wölfe

Rote Thune jagen wie Wölfe: im Verband. Sie kesseln ihre Beute ein. Nähern sich ihr rasend schnell im Halbkreis und umschließen sie. Eine Jagdtechnik, die auch verschiedene Delfinarten, wie z. B. Orcas, gerne anwenden. Ihre bevorzugte Jagdbeute sind Makrelen und Sardinen.

Heringe sind eine begehrte Beute von Roten Thunfischen. Eine Ladung Heringe in einer Fischkiste.

Heringe: begehrte Beute.
Foto: Public Domain Pictures/Pixabay

Rote Thune fressen alles, was sie erwischen, und sie erwischen fast alles, was da im Wasser oder am Boden schwimmt oder treibt, krabbelt oder haftet. Dafür benutzen sie hauptsächlich ihren Gesichtssinn. Bald flinke Makrelen, bald am Grund lebende Flundern, ja sogar Schwämme. Bradford Chase von der Massachusetts Division of Marine Fisheries fand im Magen von Roten Thunfischen vor New England an erster Stelle Heringe. Aber auch vielerlei andere größere und kleinere Fische. Von Haien bis zu Seepferdchen. Von Rochen bis zu Plattfischen sowie die verschiedensten Tintenfische, Krebse und anderes.

Weite Wege

Die Art verteilt sich im Wesentlichen auf zwei Lebensräume. Westatlantik und Ostatlantik. Außerdem soll es noch eine dritte, südliche Population vor der Küste von Südafrika geben. Rote Thunfische schwimmen in Schwarmverbänden. Dabei gerne zusammen mit anderen Thunfischarten (Albacore, Gelbflossen– und Großaugenthune oder Skipjack).

Springender Roter Thunfisch in der kroatischen Adria

Ein Roter Thunfisch springt, kroatische Adria
Foto: Marco Aumann/DSM

Während sich die Bestände des West- und Ostatlantiks bei der Nahrungssuche vermischen, schwimmen sie zum Ablaichen getrennte Wege. Rote Thune haben feste Laichplätze. Deshalb sind sie auf ihren jährlichen Wanderungen dorthin berechenbar. Das macht sie vergleichsweise leicht befischbar.

Die Population aus dem Westatlantik laicht zwischen April und Juni im Golf von Mexiko ab. Dagegen ziehen Rote Thune aus dem Ostatlantik von Juni bis August ins Mittelmeer. Auf dem Weg zu den Laichgebieten legen sie mehr als 5.800 Kilometer zurück. Durchqueren den gesamten Atlantik. Dabei bleiben sie die meiste Zeit dicht an der Wasseroberfläche. Denn dort ist es mit Wassertemperaturen von 12 bis 16 Grad noch vergleichsweise angenehm temperiert.

Ermutigende Signale

Zuständig für die Bewirtschaftung und den Erhalt der Bestände im Mittelmeer und Atlantik ist die Internationale Kommission zum Erhalt des Atlantischen Tunfischs (ICCAT,  International Commission for the Conservation of Atlantic Tunas).

Alle drei Blauflossenthunfischarten waren 2011 vom Aussterben bedroht. Doch nach einem Jahrzehnt der Bemühungen von Naturschützern und der Industrie, darunter strenge Fangquoten und ein hartes Vorgehen gegen illegalen Fischfang, beginnen sich die Bestände zu erholen. Zumindest beim Roten Thunfisch und beim Südlichen Blauflossenthunfisch.

2021 verschob sich der Status für den Roten Thunfisch auf der letzten Aktualisierung der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN von „gefährdet“ auf „nicht gefährdet“. Ein ermutigendes Signal.

Auf ihrer Jahrestagung 2022 verabschiedete die ICCAT dann, nach fast zehnjährigen Verhandlungen, eine neue Fangstrategie für Roten Thunfisch. Hierbei will man sich zur Berechnung der zulässigen Gesamtfangmenge (TAC) zukünftig auf ein wissenschaftlich abgesichertes Bewirtschaftungsverfahren stützen. Meeresschützer sehen hier einen entscheidenden Paradigmenwechsel beim Fischereimanagement für den Roten Thun. Denn jetzt gibt es eine Verpflichtung, mehr Nachhaltigkeit bei der Festlegung der Fangquoten anzustreben.


Die teuersten Fische der Welt: Nordpazifische Blauflossenthunfische

Nach rücksichtsloser jahrzehntelanger Überfischung gab es 2014 nur noch etwa 40.000 ausgewachsene vermehrungsfähige Nordpazifische Blauflossenthunfische (Thunnus orientalis) im Pazifik. Dies entsprach etwa 4 Prozent der ursprünglichen Bestandsgröße. Nordpazifische Blauflossenthune gehören in Japan zu den gefragtesten und teuersten Fischen überhaupt. Etwa 90 Prozent des weltweiten Fangs gehen nach Japan.

Zwei Blauflossen-Thunfische bei einer Auktion auf einem Fischmarkt in Tokio.
Foto: Sarah Carr, 2009/Marine Photobank

Dennoch bleibt der Druck hoch. Besonders auf große Exemplare der seltenen Arten. 2019 zahlte ein Tokioter Sushi-Unternehmer für einen 278 kg schweren Blauflossenthunfisch die Rekordsumme von rund 2,6 Millionen Euro. Das war allerdings eher als Werbeaktion zu verstehen, denn im Schnitt liegen die Preise in Japan bei etwas über 150.000 Euro für größere Exemplare.

Der griechische Rekordfang vom Februar wird allerdings in Europa vermarktet. Wegen der Coronapandemie sei es nicht möglich, diesen Roten Thunfisch nach Asien zu exportieren.

Titelfoto: Thunfischschwarm, NOAA/Marine Photobank


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