Meeresschutzgebiet Doggerbank: Grundschleppnetzfischer sollen verschwinden

Am 11. Mai 2026 entschied das Bezirksgericht Den Haag, dass niederländische Grundschleppnetzfischer nicht mehr wie bisher ohne Genehmigung im geschützten Natura-2000-Gebiet Doggerbank fischen dürfen. Eine derartige generelle Ausnahmeregelung für diese schädliche Fischereimethode verstoße gegen geltendes Naturschutzrecht, urteilte das Gericht. Die Entscheidung ist ein bedeutender Sieg gegen die zerstörerischste aller legalen Fischereimethoden.1

Das auch „Doggersbank“ genannte, ca. 4.735 km² große Meeresschutzgebiet ist das größte der Niederlande. Geklagt hatten die Umweltorganisationen Doggerland Foundation, ARK Rewilding Nederland, ClientEarth und Blue Marine Foundation.

Die Freude währte nur kurz

Laut Informationen der niederländischen Doggerland Foundation vom 1. Juni 2026 hat Landwirtschaftsminister Jaimi van Essen eine einstweilige Verfügung beantragt, die die Fortsetzung der Grundschleppnetzfischerei ohne Genehmigung ermöglicht. Gleichzeitig kündigte er an, Berufung gegen das Urteil des Bezirksgerichts Den Haag einzulegen.

„Das Verhalten des Landwirtschaftsministers ist enttäuschend. Statt sich kraftvoll für die Regenerierung eines Naturschutzgebietes von zentraler Bedeutung für die Nordsee einzusetzen, knickt der Minister vor der Lobbymacht der Fischereiindustrie ein und stellt kurzfristige Profitmaximierung über gesamtgesellschaftliche Interessen einer intakten Meeresumwelt“, sagt Ulrich Karlowski, Diplom-Biologe von der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Kernaussagen

  • Das Bezirksgericht Den Haag verbietet am 11. Mai 2026 niederländischen Grundschleppnetzfischern das Fischen im Natura-2000-Gebiet Doggerbank ohne Genehmigung.
  • Anfang Juni 2026 beantragte Landwirtschaftsminister Jaimi van Essen eine einstweilige Verfügung, die die Fortsetzung der Schleppnetzfischerei ohne Genehmigung ermöglicht.
  • Die Doggerbank war einst ein artenreicher Lebensraum, der durch menschliche Eingriffe erheblich geschädigt wurde. Sie gilt als das ökologische „Herz der Nordsee“.
  • Die Weltnaturschutzorganisation IUCN stuft die Doggerbank als ökologisch bedeutendes Nahrungs- und Aufenthaltsgebiet für Meeressäugetiere als „Important Marine Mammal Area (IMMA)“ ein.
  • Bis vor etwa 10.000 Jahren war das Gebiet noch eine große zusammenhängende Landmasse (Doggerland). Vorläufer von Rhein, Weser, Themse und Elbe mündeten damals mehrere hundert Kilometer weiter nördlich ins Meer als heute.
  • Der Mythos der sagenumwobenen Stadt Rungholt, die am 16. Januar 1362 in der Nordsee nahe Nordstrand unterging, rankt sich um das versunkene Doggerland.

Was ist die Doggerbank?

Die Doggerbank ist die größte Sandbank der zentralen Nordsee und gilt als ökologisches „Herz der Nordsee“. Sie liegt zwischen der englischen Ostküste und der dänischen Westküste und ist ein bedeutender Lebensraum und Nahrungsraum für viele Meeresbewohner.

Im südlichen Teil beträgt die Wassertiefe nur selten mehr als 20 Meter. Die Untiefe erstreckt sich auf ca. 25.000 km2 Fläche und ist damit in etwa so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. Vier Nordseeanrainerländer teilen sie unter sich auf: Deutschland, Dänemark, Großbritannien (mit dem weitaus größten Anteil) und die Niederlande.2

Bis auf Dänemark haben die anderen Länder ihre Anteile als Natura-2000-Meeresschutzgebiete unter Schutz gestellt, das entspricht 18.765 km2 der Gesamtfläche.

Bereits im Juli 2022 hatte die britische Regierung in ihrem 12.000 km2 umfassenden Teil (Dogger Bank) der insgesamt etwa 25.000 km2 großen Untiefe das Fischen mit Grundschleppnetzen verboten.

Artenvielfalt

Noch in den 1920er-Jahren befand sich die 300 km lange und an die 120 km breite Sandbank in einem unberührten Zustand. Britische Forscher hatten die Artenvielfalt ausführlich dokumentiert.

Damals gab es am Meeresboden des etwa 25.000 km2 umfassenden Sandbank-Lebensraums ausgedehnte Muschelbänke. Viele große Muschelarten lebten hier: die dickschalige Gedrungene Trogmuschel (Spisula subtruncata) oder die bis zu 6 Zentimeter lange Bunte Trogmuschel (Mactra stultorum), auch Strahlenkörbchen, Strahlenkorb oder Narrenkappe genannt. Ebenfalls häufig war deren Fressfeind, die Glänzende Mondschnecke oder Glänzende Nabelschnecke (Euspira pulchella).

Die Nordsee bebte hier vor Leben. Moostierchen und bunt schimmernde Seeanemonen siedelten in großer Zahl auf den Muschelbänken. Verschiedene Krebs- und Fischarten nutzten diesen Lebensraum zur Nahrungssuche. Davon wiederum profitierten Meerestiere auf höheren Ebenen der Nahrungsnetze wie Seehunde, Kegelrobben, Schweinswale und viele andere Meerestiere, darunter auch Riesenhaie oder Zwergwale.

Das ökologische „Herz der Nordsee“ wird zerstört

Mitte des vorigen Jahrhunderts entdeckten Grundschleppnetzfischer die Untiefe als lohnendes Revier für den Fang von Sandaalen. Diese wurden und werden zu Fischmehl verarbeitet. Es dauerte nur wenige Jahre, dann hatte die Fischerei die Doggerbank zu einem weitgehend monotonen Gebiet mit stark reduzierter Artenvielfalt degradiert. Dem Druck des mehrmaligen Umpflügens des Meeresbodens halten nur wenige, unempfindliche Arten stand.

Heute dominieren hier Lebensgemeinschaften kleiner und unempfindlicher Arten wie Flohkrebse, Kleine Tellmuschel oder die mit Seesternen verwandten Schlangensterne.

Warum ist die Doggerbank eine „Important Marine Mammal Area (IMMA)“?

Anfang Mai 2026 meldete das Bundesamt für Naturschutz (BfN) die ungewöhnliche Sichtung von vier Orcas im Gebiet der Doggerbank. Die Orcas erbeuteten eine ausgewachsene Kegelrobbe. Außerdem wurden Zwergwale, Weißschnauzendelfine und sogar eine Meeresschildkröte entdeckt.

Diese Beobachtungen zeigen, so das BfN, die hohe ökologische Bedeutung der Doggerbank als Nahrungsgebiet für Meeressäuger und Seevögel. Die Doggerbank wird von der Weltnaturschutzorganisation IUCN als ökologisch bedeutendes Nahrungs- und Aufenthaltsgebiet für Meeressäugetiere als „Important Marine Mammal Area (IMMA)“ eingestuft.

Das deutsche Meeresschutzgebiet NSG Doggerbank

Das deutsche NSG Doggerbank ist ca. 1.700 km2 groß. Es befindet sich im sogenannten Entenschnabel der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) in der zentralen Nordsee. Da hier bis November 2025 Grundschleppnetzfischerei erlaubt war, blieb das Meeresschutzgebiet faktisch wirkungslos.

Daten des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zeigen, dass das deutsche NSG Doggerbank bis zu 1,5-mal im Jahr, im südwestlichen Teil auch bis zu dreimal im Jahr, bodenberührend befischt wurde.

Seit dem 18. November 2025 ist die nördliche Hälfte des etwa 1.700 km2 großen deutschen Meeresschutzgebiets NSG Doggerbank für die Fischerei mit Grundschleppnetzen gesperrt. Darauf hatten sich Deutschland, die Niederlande und die Europäische Kommission in der Delegierten Verordnung (EU) 2025/2191 der Kommission vom 16. Juli 2025 geeinigt. Außerdem wurden noch 28 Prozent der Fläche der „Dutch Dogger Bank“ für Grundschleppnetzfischer gesperrt.3

Der hauptsächliche Fischereiaufwand mit Grundschleppnetzen im deutschen NSG Doggerbank (etwa 72 Prozent) findet allerdings außerhalb der Verbotszone statt.

Hoher Fischreiaufwand durch MSC-zertifizierte Gammelfischer

Zwei Papageientaucher, Island.
© Ursula Karlowski/DSM

Im Oktober 2025 zeigte eine Analyse des BUND, dass im NSG Doggerbank jährlich ca. 94.000 Tonnen Sandaale mit besonders engmaschigen (Maschenöffnung kleiner als 32 mm), bodenberührenden Schleppnetzen gefischt werden.4 Und zwar ausschließlich zur Produktion von Fischmehl und Fischöl für Aquakulturen und Futtermitteln für landwirtschaftliche Massentierhaltungen.

Die höchste Quote halten Fischer aus Dänemark, dann folgen schwedische, deutsche und britische Sandaal-Fischereien.5

Fatal ist, dass der Marine Steward Council (MSC) diese Gammelfischerei als nachhaltig zertifiziert hat. Die zwischen 20 und 40 cm großen Sandaale sind bedeutende Futterfische in marinen Nahrungsnetzen, wie für Papageientaucher oder Schweinswale.

Wiederauferstehung der Doggerbank?

Im Juli 2022 verbot die britische Regierung in ihrem 12.000 km2 umfassenden Teil der Doggerbank die bodenberührende Fischerei. Dies könnte eine Erholung und teilweise Rückkehr der ursprünglichen Lebensgemeinschaften zur Folge haben. Denn mit der Strömung gelangen auch Larven der Trogmuschelarten aus anderen Teilen der Nordsee zur Doggerbank. Bisher hatten sie hier jedoch keine Chance, heranzuwachsen. Höchstens als Jungtiere kamen sie noch sporadisch vor.

Im britischen Teil der Doggerbank sind Schweinswale in Sicherheit vor Grundschleppnetzen.

Für Schweinswale ist die Doggerbank ein wichtiger Teil ihrer Aufzucht- und Fortpflanzungsgebiete in der deutschen Nordsee, wie die Sichtungen von Mutter-Kalb-Paaren belegen. © Brendan Hunter/iStock

Für eine vollständige Erholung der marinen Artenvielfalt müsste das Fischen mit Grundschleppnetzen auf der gesamten Sandbank eingestellt werden.

Ihre Stimme für das ökologische „Herz der Nordsee“

Die Doggerbank-Erklärung können auch Einzelpersonen unterstützen. Machen Sie mit.

  1. Richter: Keine Carte Blanche für Schleppnetzfischerei in Schutzgebieten ↩︎
  2. Report to inform appropriate assessment of fishing operations on the Dogger Bank SACs ↩︎
  3. Delegierte Verordnung (EU) 2025/2191 der Kommission vom 16. Juli 2025 zur Änderung der Delegierten Verordnung (EU) 2017/118 hinsichtlich Erhaltungsmaßnahmen für die Doggerbank und einige Gebiete im Kattegat ↩︎
  4. BUND-Analyse: Wie die Jagd auf Sandaale ein Schutzgebiet zerstört – Industriefischerei im Herzen der Nordsee ↩︎
  5. Fischbestände Online: Sandaal auf der Doggerbank (SA1r)r ↩︎
  6. Vom Werden und Vergehen der Küsten – World Ocean Review World Ocean Review ↩︎

Doggerbank und Doggerland

Vor etwa 10.000 Jahren bestand die Nordsee größtenteils aus Festland. Flüsse durchzogen diese große, zusammenhängende, von Mooren und Birkenwäldern geprägte Landmasse zwischen den heutigen Niederlanden, Deutschland, Dänemark und Großbritannien. Sie waren Vorläufer von Rhein, Weser, Themse und Elbe. Ihre Mündungen lagen damals mehrere hundert Kilometer weiter nördlich im Meer als heute. Der Helgoländer Felsen dürfte zu dieser Zeit als mächtiger Tafelberg aus der weiten Ebene geragt haben. In Anlehnung an die Untiefe Doggerbank in der Nordsee wird die frühere Landmasse als Doggerland bezeichnet.

Im Verlauf der seit etwa 15.000 Jahren andauernden Warmzeit stieg dann der Meeresspiegel immer weiter an. Das Doggerland begann zu schrumpfen, bis es vor etwa 7000 Jahren ganz verschwand. Damals lag der Meeresspiegel etwa 25 Meter unter dem heutigen Niveau. Zu jener Zeit entstand die Nordsee.6

Heute bedecken Sand und weiches Sediment weite Teile des Nordseebodens und das Wattenmeer an der niederländischen, deutschen und dänischen Küste. Diese Sedimente hatten die Vorläufer von Rhein, Weser, Themse und Elbe weit hinaus ins damalige Doggerland getragen.

Rungholt

Die sagenumwobene Stadt Rungholt, auch als „Atlantis des Nordens“ bekannt, soll am 16. Januar 1362 während der „Zweiten Marcellusflut“ („Grote Mandränke“) in der Nordsee vor Nordstrand untergegangen sein. Darüber verfasste Detlev von Liliencron 1882/83 seine berühmte Ballade „Trutz blanke Hans“. Noch bekannter allerdings ist die Rungholt-Sage in der „Nordfriesischen Chronik“ des Pfarrers Anton Heimreich aus Nordstrand.

Titelfoto: Grundschleppnetzfischer in der Nordsee, © Dietmar Hesse/Pixabay


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