Elektrofischerei – das Ende der Stromtöter

Fischen mit Stromschlägen ist grausam und ab dem 1. Juli 2021 in EU-Gewässern verboten – oder auch nicht …

Wie schon bei der Einführung der Langleinenfischerei erhoffte man sich vom Fischen mit Strom im Meer große Vorteile gegenüber gängigen Fischereimethoden. Der Meeresboden werde geschont, in gleicher Zeit könne mehr Fisch mit weniger Beifang bei geringerem Kraftstoffeinsatz gefangen werden. Klingt wie ein abgedroschenes „Win-win“. War es aber in diesem Fall genauso wenig wie bei der Fischerei mit den tausenden kleinen Köderhaken an der Leine. Wiederum steht eine Seite ganz eindeutig auf der Verliererseite: die Meereswelt. Elektrofischerei ist ungemein brutal. Und mit der angeblichen Umweltfreundlichkeit ist es ebenfalls nicht weit her.

Hinrichtung von Meereslebewesen durch Stromschlag

Fischkutter.

Foto: pixabay

Beim pulse trawling (Pulsschleppnetzfischerei) befinden sich Elektroden an den Fangnetzen. Man führt sie schwebend über den Meeresboden. Dann wird der Strom eingeschaltet. Das Tor zur Hölle öffnet sich. Gleichstromimpulse sollen am Meeresboden lebende Plattfische, wie Flundern, oder auch Krabben aufscheuchen und in die fangbereiten Netze treiben.

Berichtet wird dagegen von Tieren, die verbrennen, von inneren Verletzungen und extremen Muskelkrämpfen. Bei größeren Fischen wie Kabeljau können sie so stark sein, dass ihr Rückenmark bricht.

Die Methode war von Anfang an umstritten und seit 1998 in der EU verboten. Doch 2007 setzte vor allem die niederländische Fischereilobby durch, dass ausnahmsweise bis zu fünf Prozent der Fischereiflotte eines EU-Staates im südlichen Teil der Nordsee als Stromfischer zugelassen sind – angeblich nur zu Forschungszwecken.

Verbot der Elektrofischerei aber mit langer Übergangsfrist

Grafik "Stoppt die elektrische Fischerei in Europa".

Grafik: BLOOM

Am 16. Januar 2018 dann sprach sich das Europaparlament nach langem Ringen schließlich für ein endgültiges Verbot aus. Allerdings mit einer langen Übergangsfrist. Denn erst am 1. Juli 2021 soll Schluss sein mit der Elektrofischerei in EU-Gewässern.

Sabine Rosset, Direktorin der Umweltorganisation Bloom mit Sitz in Paris, meint dazu: „Das Verbot ist das Ergebnis eines Kompromisses, der zu großzügig gegenüber der niederländischen Fischereilobby ist. Die Übergangsperiode ist viel zu lang für die handwerklichen Fischer. Sie leiden seit Jahren unter dem unlauteren Wettbewerb durch Industrieschiffe, die illegal fischen.“

Das wahre Ausmaß der Vernichtung sieht man nicht

Studien des Centre for Environment, Fisheries and Aquaculture Science (Cefas) des britischen Ministeriums für Umwelt, Ernährung und Angelegenheiten des ländlichen Raums zeigen, dass Stromfischer am Meeresboden gewaltige Schäden anrichten. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) der dort lebenden Arten sterben als Beifang. Im Gegensatz zur Vernichtungsrate der traditionellen Baumkurrentrawler mit ihren stromlosen Grundschleppnetzen. Deren Todesrate liegt bei 21 Prozent.

Unterwasserfriedhöfe

Dabei trifft es besonders die für ein gesundes Ökosystem wichtigen benthischen Arten, die am oder im Meeresboden leben. Gleichzeitig wanderten in wachsender Zahl Aasfresser wie Schlangensterne in verstromte Fischereigründe ein. Indiz für ein sterbendes Ökosystem. Strombefischte Gebiete verwandeln sich in Unterwasserfriedhöfe.

Niederländer haben das größte Interesse am Elektrofischen

Supertrawler "Margiris" seinem mit gewaltigem Schleppnetz.

Die „Magiris“ ist mit 143 m Länge der zweitgrößte Fabriktrawler der Welt. Eingesetzt wird sie vom niederländischen Fischereigroßkonzern Parlevliet & van der Plas.
Foto: wikicommons

Weil Fischen mit Strom effizienter gegenüber herkömmlichen Methoden ist, versuchte vor allem die niederländische Fischereiindustrie, die Pulstrawler durchzusetzen. Denn sie besitzen die größte Fangflotte für Plattfische in Europa.

Nach Angaben der EU-Kommission gab es Anfang 2019 rund 80 niederländische Fangschiffe, die Hinrichtungen mit Stromschlägen durchführen durften. Aber auch einige wenige deutsche Kutterbesitzer rüsteten um. Weitere Stromfischer setzen England und Belgien ein. Und alle operieren in den südlichen Teilen der Nordsee.

Am stärksten gegen die Stromtöter wehren sich die Franzosen, Umweltorganisationen – allen voran BLOOM –, einige EU-Parlamentarier, deutsche Fischer und die Low Impact Fishers of Europe (LIFE), ein Zusammenschluss kleinerer Fischereibetriebe.

Elektrofischerei – wirklich vom Tisch?

Wolfgang Albrecht, Vorsitzender des schleswig-holsteinischen Fischereischutzverbandes und Mitbegründer von LIFE hat noch Zweifel, ob es das wirklich dann gewesen sein wird am 1. Juli 2021 mit dem elektrischen Töten im Meer: „Die Methode kommt am meisten den fabrikähnlichen Riesen-Trawlern zugute, während die traditionellen Kutterfischer das Nachsehen haben. Erfahrungsgemäß wird nicht nur in den Niederlanden alles Mögliche ausgenutzt, um unliebsame Vorschriften zu umgehen.“

Foto oben: Melanie Simon/pixabay