FAD-Fischerei im Indischen Ozean: Außer Kontrolle

Die Fischerei mit frei treibenden Fischsammlern (FADs) im Indischen Ozean wird nicht reformiert. Das entschied die Fischereikommission für den Indischen Ozean (IOTC) auf einer eigens zu dem Thema einberufenen Sondersitzung (8. bis 12. März 2021). Mehr als 100 Organisationen, darunter die DSM, sowie die EU-Kommission hatten die IOTC aufgefordert, die FAD-Fischerei im Indischen Ozean einzuschränken. Nur so könnten sich die dortigen Bestände der überfischten Gelbflossenthunfische erholen.

Rückschlag für den Meeresschutz

FAD-Fischerei im Indischen Ozean: Zu grosser Traube gebündelte gefrorene Thunfische werden aus einer Ladeluke gezogen.

Foto: George Stoyle/Marine Photobank

„Das ist ein schwerer Rückschlag für den Meeresschutz im Indischen Ozean. Nicht nur Gelbflossenthune hätten profitiert. Zahllose Haie, Meeresschildkröten, Delfine, Wale enden als Beifang in frei treibenden FADs. Zusätzlich zerstören verloren gegangene Fischsammler sensible Meeresökosysteme und tragen in erheblichem Umfang zur Geisternetzproblematik bei“, erklärt DSM-Biologe Ulrich Karlowski.

Vergeblicher Aufruf für umweltverträglichere Fischerei im Indischen Ozean

Auch der Wissenschaftliche Ausschuss der IOTC hatte eine Reform der FAD-Fischerei im Indischen Ozean gefordert. Trotz des Rückschlags wollen sich Meeresschutzorganisationen und die gleichfalls schwer enttäuschte EU bei der IOTC weiter für einen Wiederaufbauplan für Gelbflossenthune einsetzen. „Allerdings hat die EU mit mehreren Versuchen, eigene Vorschläge durchzubringen, das Zustandekommen einer Einigung nicht gerade gefördert“, bemängelt Karlowski die kompromisslose Haltung.

Zahlreiche Meeres- und Naturschutzorganisationen, zivilgesellschaftliche Gruppen und Verbände für nachhaltigen Fischfang, große Lebensmittelkonzerne, Einzelhändler sowie Verarbeiter und Lieferanten bekannter Thunfischmarken hatten dagegen einen von Kenia und Sri Lanka eingebrachten Antrag unterstützt.

Seit 2015 gelten Gelbflossenthunfische im Indischen Ozean als überfischt

Industrielle Ringwadenfischer fingen im Indischen Ozean seit 2015 über 98 Millionen junge Gelbflossenthunfische. Denn der Anteil von mithilfe frei treibender FADs gefangener Jungthunfische ist hier extrem hoch. Er liegt bei etwa 97 % der jährlichen Gesamtfangmenge.

Der im Indischen Ozean gefangene Thunfisch ist vorwiegend für Märkte in der EU und in Großbritannien als Thunfischkonserve oder für Japan und die USA als Sashimi bestimmt.

Was sind Fischsammler (FADs)?

FAD mit Netzmaterial.

FAD-Fischerei um natürliche schwimmende Objekte wird schon lange durchgeführt. Erst in den 1980er-Jahren begann der Einsatz künstlicher Objekte (FADs). FAD-Fischerei verursacht hohe Beifangraten. Foto: ISSF/David Itano

Mit dem Einsatz sogenannter Fischsammler (Fish Aggregating Device/FAD) nutzen Fischer das natürliche Schutzbedürfnis von Jung- und Schwarmfischen. Denn Jungfische suchen gerne Schutz unter an der Wasseroberfläche treibenden größeren Objekten. Hinzu kommt, dass treibende Objekte für Thunfische eine Art „Landmarke“ oder „Treffpunkt“ darstellen. Hier finden sie sich dann zu größeren Schwarmverbänden zusammen.

Eine derart hohe Fischdichte zieht natürlich Raubtiere wie Haie, große Thunfische oder Delfine an. Aber auch Meeresschildkröten suchen gerne Fischsammler auf. Als Treffpunkt und um Schutz und Nahrung zu finden.

FADs können reine Flöße oder z. B. aus Bambus konstruierte Flöße mit bis zu 100 m langen Netzen und anderem Material sein. Dies dient dazu, die Verdriftung des Geräts zu verringern. Gleichzeitig erhöht es seine Attraktivität als Aggregationsort. Es gibt verankerte und frei auf der Wasseroberfläche treibende Fischsammler.

Jedes Jahr gehen mehrere Zehntausend frei treibender FADs verloren!

FAD-Fischerei im Indischen Ozean: Eine tote Meeresschildkroete hängt in einem Geisternetz.

© International Pole & Line Foundation (IPNLF)

Jedes Jahr setzen industrielle Fangflotten nicht nur im Indischen Ozean Zehntausende frei treibender FADs ein. Beim Setzen ihrer Ringwadennetze um die Fischsammler gehen allerdings nicht nur Thunfische ins Netz. Auch alle anderen Meerestiere, die sich gerade unter oder rund um das Fanggerät aufhalten, sterben als Beifang.

Doch Fischsammler verursachen weitere, nachgelagerte Umweltprobleme. Nämlich immer dann, wenn sie verloren gehen oder Fischer sie aus Kostengründen absichtlich aufgeben. Und das geschieht sehr häufig.

Fischer finden die meisten FADs nicht wieder

Laut einer kürzlich im Pazifik durchgeführten Studie gelang es den Fischern, dort lediglich etwa 13 % der jährlich eingesetzten 44.700 bis 64.900 frei treibenden FADs wiederzufinden. Hingegen versanken 66 % aller treibenden FADs. Weitere 21 % (9.254–13.463) strandeten an Küstenlebensräumen wie KorallenriffenMangroven oder Sandstränden. Dort richten sie über lange Zeiträume verheerende ökologische Schäden an. Zur FAD-Fischerei im Indischen Ozean liegen hierzu allerdings keine genauen Zahlen vor.

Ein auf den Seychellen gestrandeter Fischsammler wird demontiert.

© Seychelles Island Foundation

„Die ökologischen Schäden, die frei treibende FADs durch Geisterfischerei, Plastikverschmutzung und Schäden an empfindlichen Küstenlebensräumen wie Korallen verursachen, sind lange, nachdem sie verloren gingen oder aufgegeben wurden, zu spüren“, betont Martin Purves, Geschäftsführer der International Pole & Line Foundation (IPNLF). „Zusätzlich belasten sie Küstengemeinden, die mit dem Chaos, das diese Geräte hinterlassen, fertigwerden müssen.“

Lösungsansätze sind z. B. die Verwendung biologisch abbaubarer Materialien, konsequentes Tracking mit GPS-Sendern und der Einsatz von Materialien, die ein Verheddern oder Verfangen von Meerestieren verhindern. Zudem müssten die Fangquoten der FAD-Fischerei im Indischen Ozean für Gelbflossenthunfische deutlich gesenkt werden, damit sich die Bestände erholen können.

FAD-Fischerei im Indischen Ozean: Neuer Anlauf im Juni

Im Juni findet die reguläre IOTC-Jahrestagung statt. Dann soll es einen neuen Anlauf für einen Wiederaufbauplan der Gelbflossenthunfisch-Bestände und ein besseres Management der FAD-Fischerei im Indischen Ozean geben.

Verbrauchertipps:

  • Achten Sie beim Kauf von Fischprodukten auf die Fangmethode UND das Fanggebiet.
  • Unterstützen Sie mit Ihrem Kauf Fischereien, die nachhaltige Fangmethoden einsetzen: Pole & Line (Angelruten), Handangeln, Fischfallen, Wurfnetze etc.
  • Meiden Sie grundsätzlich mit Fischsammlern (FAD) gefangenen Fisch.
  • Meiden Sie Fisch aus dem Indischen Ozean ohne Angabe der Fangmethode.

 

DOWNLOAD: Letter of support for Proposal IOTC-2021-SS4-PropD, as submitted by Kenya and Sri Lanka – “On management of fish aggregating devices (FADs) in the IOTC Area of Competence”