Schweinswal-Massensterben in Holland

Ende August wurden vor niederländischen Wattenmeerinseln in kurzer Zeit ungewöhnlich viele tote Schweinswale angespült. Auf Schiermonnikoog spülten die Wellen etwa 20, teils schon stark verweste Tiere, an. Auf Ameland waren es mehr als 50. Ein tagelang herrschender Nordwind trieb die toten Meeressäuger anscheinend vermehrt an Land. Es soll sich Medienberichten zufolge vor allem um erwachsene Tiere handeln. Anfang September lag die Todeszahl bei 120 Tieren. Die Ursachen für das Schweinswal-Massensterben bleiben rätselhaft. Experten halten es jedoch für wahrscheinlich, dass die Meeressäuger durch die Sprengung von Munitionsaltlasten zu Tode kamen. Entweder im Zusammenhang mit dem Bau eines Offshore-Windparks oder aber einer Marineübung zur Minenräumung nördlich der Wattinseln.

Todesursache Sprengungen?

Schweinswal-Massensterben in Holland: Minensucher Zr.Ms. Zierikzee

Hängen die Todesfälle mit der derzeitigen Marineübung zusammen? Der holländische Minensucher Zr.Ms. Zierikzee ist eines von 15 Schiffen, die an der Übung beteiligt sind. Foto: © Ministerie van Defensie

Derzeit lässt sich über die Todesursache nur spekulieren. Nicht auszuschließen ist, dass das Schweinswal-Massensterben mit dem derzeit in Bau befindlichen Offshore-Windpark zu tun hat oder eventuell mit einer Marineübung.

Denn am 23. August begann die niederländische Marine gemeinsam mit Partnern nördlich der Wattinseln eine Übung zur Minenräumung, die noch bis zum 10. September andauert.

Erste Hinweise zum Schweinswal-Massensterben

Auf Nachfrage wies uns der Meeresbiologe und Schweinswalexperte Sven Koschinski auf Folgendes hin: „Wenn 50–80 Tiere in etwa dem gleichen Verwesungszustand angespült werden und alle innerhalb weniger Tage, muss die Todesursache im selben Seegebiet zur selben Zeit liegen. Nur eine Sprengung (oder mehrere) würde diese Bedingung erfüllen“.

Koschinski vermutet einen Zusammenhang mit Minensprengungen weiter vor der Küste, eventuell durch eine Kampfmittelbeseitigungsfirma in einem Windpark.

Nach Ansicht des Meeressäugerexperten Dr. Andreas Pfander dürfte die Mehrzahl der Tiere in einem Zeitraum von 2 bis 3 Wochen vor der Auffindung gestorben sein und vermutlich in zeitlichem und örtlichem Zusammenhang mit den Sprengungen stehen: „Auf den Fotos sind fast nur erwachsene Tiere abgebildet und einige weibliche Tiere. Doch wo ist der Nachwuchs? Sind die Kälber eventuell direkt nach der Sprengung untergegangen, weil die Blubberschicht 4 Wochen nach der Geburt noch nicht sehr dick ist und sie noch nicht so viel Fäulnisgase bilden?“

Munitionsaltlasten

Munitionsaltlasten aus dem Zweiten Weltkrieg und teils sogar noch aus dem Ersten Weltkrieg in der Nordsee (und auch der Ostsee) sind ein gewaltiges Umweltproblem.

Abtransport von toten Schweinswalen an der holländischen Küste

Abtransport angespülter toter Schweinswale.  Foto: © Stichting Reddings Team Zeedieren/RTZ und Dierenambulance Ameland

Zusätzlich verschärft wird es durch den Ausbau der Offshore-Windkraft. Denn neben einer großflächigen toxischen Belastung mit Munitionsinhaltsstoffen ergibt sich für alle Meerestiere, insbesondere für Meeressäugetiere wie z. B. Schweinswale, eine besondere Gefahr: Üblicherweise beseitigt man marine Großmunition mit Vernichtungssprengungen.

Doch noch in einer Entfernung von mehreren Kilometern kann dies für einen Schweinswal tödlich sein. Folgen von Unterwasserexplosionen sind neben Lungenrissen Blutungen in Ohr oder Gehirn. Auch bleibende Hörschäden können derartige Schockwellen hervorrufen.

Blasenschleier

Die Intensität von Explosionsschockwellen kann man mit einem Blasenschleier minimieren. Allerdings setzt man sie in Holland nicht ein. In Deutschland empfiehlt die Genehmigungsbehörde zwar Blasenschleier, formuliert aber keine konkreten Anforderungen oder überprüft die Wirkung.

Todesursache Krankheiten?

Die Wissenschaftlerin Lonneke IJsseldijk von der Universität Utrecht schließt aber auch eine natürliche Ursache, wie etwa ein tödliches Bakterium, nicht aus, wie sie gegenüber NOS News betonte.

22 tote Schweinswale brachte man zur Untersuchung in die Tierärztliche Fakultät der Universität Utrecht. Andere, die schon zu sehr verwest waren, vergruben Helfer der Stichting ReddingsTeam Zeedieren im Sand. Da die Obduktionen erst Ende September erfolgen, wird sich erst dann das Rätsel um das ungewöhnliche Schweinswal-Massensterben vielleicht lösen lassen.

Titelfoto: Toter Schweinswal, © Stichting Reddings Team Zeedieren/RTZ und Dierenambulance Ameland