Wenn Eisbären das Eis fehlt

50%iger Rückgang der Eisbären-Population in der südlichen Beaufortsee

In der Beaufortsee vor der Küste von Alaska und der kanadischen Territorien Yukon und Nordwest gibt es immer weniger Eisbären. Hauptgrund sind die in den letzten Jahren durch den Klimawandel immer stärker schwindenden Eisflächen in diesem etwa 476.000 km² großen Teil des Nordpolarmeeres. Besonders Eisbärenbabys sowie ältere und kranke Bären stellt der sich verändernde Lebensraum vor ernsthafte Überlebensprobleme. Im April 2016 veröffentlichen Wissenschaftlern der Universität von Alberta eine wichtige Studie zum Rückgang der Eisbären. Demnach  müssen die majestätischen Bären besonders in der Beaufortsee immer weitere Strecken zwischen Eisschollen zurücklegen, um dort Robben zu jagen. Damit wird es für sie immer schwieriger, die notwendigen Fettreserven für den langen arktischen Winter anzulegen.

Zu viele Bärenbabys müssen sterben

Seit dem Beginn von Satellitenaufzeichnungen in den späten 1970er-Jahren schrumpft das arktische Eis mit einer Rate von 12 Prozent alle 10 Jahre. Der Wildbiologe und Bärenspezialist Andrew Derocher, einer der Autoren der Studie, ist sich sicher, dass eine große Zahl von Eisbärenbabys zu lange Schwimmstrecken im arktischen Meer mit dem Leben bezahlen muss. So ließe sich auch der Rückgang des Bestands in der Beaufortsee erklären.

Eisbären sind ausdauernde Langstreckenschwimmer

Derocher und seine Kollegen werteten zwischen 2004 und 2012 die GPS-Daten besenderter Eisbären aus. Diese stellten sie mit Hilfe von Satellitenaufnahmen in Bezug zum vorhandenen Polareis. Dabei konzentrierten sich die Forscher auf Schwimmstrecken ab 50 Kilometern Länge. Dieses Kriterium erfüllten 115 Bären. Und sie schwammen durchschnittlich 92 Kilometer weit. Dabei blieben sie im Schnitt etwa 3,5 Tage lang im Wasser.

Eisbär schwamm sagenhafte 404 Kilometer

Auch wenn die Daten von Jahr zu Jahr stark schwanken, zeigt die Studie, dass immer mehr Bären im Laufe der Jahre immer weitere Strecken schwimmen, so Derocher. Zu Beginn der Untersuchungen, im Jahr 2004, legte nur ein Viertel aller Bären Strecken von über 50 Kilometern nonstop schwimmend zurück. 2012 schwammen zwei Drittel aller Tiere so weit. Wobei die meisten von ihnen aus der Beaufortsee stammten. Dies geschieht sicher nicht freiwillig. Doch die gewaltigen Raubtiere müssen diese Strecken bewältigen, weil es immer weniger Eisschollen gibt.

Zu wenig Eis: Tödliche Gefahr für kleine Bären

Um in der Beaufortsee Eisschollen zu finden, gibt es für die Polarbären nur einen Weg: nach Norden. Bei der Eisschmelze im Frühjahr befinden sich viele dann sehr weit vom Festland entfernt. Für ausgewachsene und gesunde Tiere ist die lange Reise zurück kein Problem. Eisbärenbabys jedoch haben kaum eine Chance. Sie sind sehr kälteempfindlich und sterben im eiskalten Wasser an Hypothermie.

Eisbär betrachtet von Eisscholle sein Spiegelbild im Wasser.

Foto: 2015 Doug Gould/Marine Photoban

So legen Eisbärenmütter weite Umwege zurück, um ihren Jungen längere Schwimmstrecken zu ersparen. Erst im Herbst sind die kleinen Bären dann fit genug für ausdauerndes Polarmeerschwimmen.

Wie werden die Tiere auf die veränderten Umweltbedingungen reagieren?

Für Andrew Derocher gibt es nur eine Lösung für die Polarbären in der Beaufortsee. Sie müssen lernen, das Eis zu verlassen, bevor sie zu weit nach Norden abgetrieben werden. Allerdings wirft diese Strategie ein anderes gravierendes Problem auf: Wie lässt sich dann noch genügend Nahrung finden?

Die Beaufortsee wird in jedem Fall ein immer schwierigerer Lebensraum für das größte Landraubtier der Erde werden. Da ist sich Andrew Derocher sicher.
Foto oben: 2015 Doug Gould/Marine Photobank.