Gefährliches Leben in der Plastiksuppe

Jedes Jahr entsorgen wir 8 bis 13 Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer

Müll, der Meerestieren zum Verhängnis wird, nicht nur, weil sie sich darin verfangen oder ihn als vermeintliche Beute verspeisen. Der Plastikmüll im Meer zerfällt extrem langsam in immer kleinere Fragmente und verschwindet wahrscheinlich nie ganz. Und so verwandelt sich das Meer in eine regelrechte Plastiksuppe, deren kleine Bestandteile von Meerestieren unabsichtlich mit der Beute aufgenommen werden.

Binnen weniger Minuten eingesammelter Strandmüll.

Binnen weniger Minuten eingesammelter Strandmüll – © Fraunhofer UMSICHT/Leandra Hamann

Kunststoffpartikel unter 5 mm Größe werden als Mikroplastik bezeichnet. Es entsteht entweder durch Zerfall großer Teile (sekundäres Mikroplastik) oder wird direkt hergestellt, unter anderem für die Kosmetik- und Bekleidungsindustrie (primäres Mikroplastik).

Es ist allgegenwärtig: „Wir können davon ausgehen, dass sich Mikroplastik bereits in allen Bereichen der Umwelt befindet. Das ergibt sich schlichtweg daraus, dass wir überall Kunststoffe einsetzen. Wind und Wasser verbreiten dann die Emissionen“, wie Leandra Hamann von Fraunhofer UMSICHT und Co-Autorin der „Konsortialstudie Mikroplastik“ erklärt.

Künstliche Nahrung

Finnwal.

Finnwal – Quelle: Wikimedia commons

Mikroplastik reichert sich in Plankton und Kleingetier an, das Fische, Seevögel und Meeressäuger mit der Beute aufnehmen.

Filtrierer wie Bartenwale oder Riesenhaie sehen Forscher um Maria Cristina Fossi dabei einem besonders hohen Risiko ausgesetzt.1 Und zwar aufgrund ihrer spezifischen Ernährungsweise.

Um die toxischen Auswirkungen von Mikroplastik in diesen Tieren zu bestimmen, untersuchten sie im Mittelmeer lebende Finnwale und Riesenhaie.

Die großen Filtrierer nehmen Unmengen Wasser auf, aus dem sie sich ihre Nahrung – Plankton und Kleingetier – herausseihen. Auf diese Weise verschlucken sie auch jede Menge Mikroplastik, sowohl direkt als auch über das Zooplankton.

Bei Finnwalen zum Beispiel entspricht ein „Mundvoll“ rund 70.000 Litern Wasser, das sie dann durch ihre Barten wieder herauspressen. Die Beute bleibt an den Barten hängen und wird verschluckt. Bei Riesenhaien dienen Kiemenreusen als Filter.

Klein, aber gefährlich

Plastikpartikel können im Organismus Giftstoffe abgeben. Etwa den Weichmacher Phthalat oder die Chemikalie Bisphenol A, die in den Hormonhaushalt eingreifen und somit schädliche Auswirkungen unter anderem auf die Fortpflanzung haben kann. Zudem agieren die Kunststoffteilchen als Träger für Umweltgifte wie DDT oder PCBs, die sich dort anheften und so in die Organismen gelangen.

Mikroplastik an Frankreichs Atlantikküste.

Mikroplastik an Frankreichs Atlantikküste – © Fraunhofer UMSICHT/Leandra Hamann

Studie

Die Forscher untersuchten die Gewebeproben der Tiere auf Phthalate (Kunststoff-Weichmacher) und chlororganische Verbindungen wie DDT und PCBs. Die Proben der Riesenhaie stammten von Beifangopfern in der Fischerei, die der Finnwale von gestrandeten Tieren, die man zwischen 2007 und 2012 an unterschiedlichen Orten der italienischen Küste fand.

Dicke Plastikbrühe

Müllstrudel im Pazifik.

Grafik: NOAA

Das Ergebnis der Forscher ist niederschmetternd: Im Mittelmeer bestehe grundsätzlich eine hohe Konzentration an Mikroplastik.

Die geschätzte durchschnittliche Menge der Plastiksuppe im Schutzgebiet des Pelagos Sanctuary entspricht schätzungsweise sogar der des großen Müllstrudels im Nordpazifik!

Filtrierende Organismen sind einer permanenten hohen Belastung gefährlicher Chemikalien durch Mikroplastik ausgesetzt. Eine weitere menschengemachte Gefahr für Meerestiere, die ohnehin schon viel unter dem rücksichtslosen Verhalten der Menschen zu leiden haben.

Foto oben: © Ina Krüger

1 Fossi, M.C., et al., Large filter feeding marine organisms as indicators of microplastic in the pelagic environment: The case studies of the Mediterranean basking shark (Cetorhinus maximus) and fin whale (Balaenoptera physalus), Marine Environmental Research (2014), http://dx.doi.org/10.1016/j.marenvres.2014.02.002

 

Meerwissen für Schlauberger – große Filtrierer

Finnwale sind mit bis zu 24 m Länge die zweitgrößten Tiere nach dem Blauwal. Sie sind die einzigen Bartenwale, die das Mittelmeer ganzjährig bewohnen. Im Sommer finden sie sich in großen Ansammlungen im Walschutzgebiet Pelagos Sanctuary ein, ihrem wichtigsten Nahrungsgrund.

Riesenhaie sind mit bis zu 10 m Länge die zweitgrößten Fische der Erde. Man findet sie in gemäßigten Meeresgewässern rund um den Globus. Im Mittelmeer werden sie häufig gesichtet, vor allem im Frühjahr im Nordwesten. Bei Sardinien sind sie saisonal sogar regelmäßige Besucher.

Unter den Haien gibt es zwei weitere Planktonfresser: den Walhai und den Riesenmaulhai.

Walhaie sind nicht im Mittelmeer anzutreffen. Sie bevorzugen warme und tropische Meere.

Riesenmaulhaie sind kaum bekannt. Die Art wurde erst 1976 entdeckt, bis 2005 hatte man nur 25 Exemplare gefunden. Tagsüber bewohnen sie Tiefen um die 200 m, nachts steigen sie zum Oberflächenwasser empor.