Giftige Algen töten Seelöwen und Delfine

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Wie im vergangenen Jahr herrscht vor der Küste von Südkalifornien eine toxische Algenblüte. Seit Mitte Juni sind bereits mehr als 1.000 Kalifornische Seelöwen (Zalophus californianus) und mittlerweile 110 Delfine erkrankt oder gestorben. Darunter auch etliche trächtige Weibchen. Nach Angaben der US-Fischereiabteilung der Wetter- und Ozeanografiebehörde (NOAA Fisheries) handelt es sich bei den giftigen Algen um Pseudo-nitzschia Kieselalgen. Sie produzieren das Neurotoxin Domoinsäure. Es reichert sich über die Nahrungsnetze in Fischen, Muscheln und Tintenfischen an. Bei Menschen löst es „Amnesic Shellfish Poisoning“ (ASP), besser bekannt als „Muschelvergiftung“, aus. Hier kann das Pseudo-nitzschia-Toxin zu schweren Gedächtnisstörungen, irreversiblen Schädigungen des zentralen Nervensystems bis zum Tode führen.

Bereits im September 2022 starben zahlreiche Seelöwen an dem gefährlichen Algengift. Neu ist, dass in diesem Jahr auch Delfine betroffen sind.

Giftige Algen mit verheerenden Folgen für Seelöwen

Bei den vor der südkalifornischen Küste lebenden Seelöwen löst die Domoinsäurevergiftung krampfartige Anfälle und andere schwerwiegende Schädigungen aus. Die Tiere können nicht mehr schwimmen, ihr Verhalten ist unberechenbar, sie wackeln mit dem Kopf, ihre Augen treten hervor, sie haben Schaum vor dem Mund. Überlebende Seelöwen erleiden Hirnschäden und irreparable Orientierungs- und Gedächtnisverluste.

Kalifornische Seelöwen sterben durch giftige Algen.

© NOAA Fisheries

Algenblüte breitet sich aus

Im Channel Islands Marine & Wildlife Institute (CIMWI) in Santa Barbara gibt es eine Seelöwen-Rettungsstation. „Wir erhalten jeden Tag mehr als 200 Meldungen von Meeressäugern in Not“, wird Mitgründerin und Institutsleiterin Ruth Dover von der NOAA zitiert. Strandbesucher werden gebeten, jedes Tier zu melden. Denn je schneller ein Tier behandelt werden kann, desto größer sind die Chancen, dass es gesund wird und wieder ausgewildert werden kann.

Giftige Algen vor Kalifornien keine Seltenheit

Saisonale Ausbrüche von Domoinsäurevergiftungen sind entlang der kalifornischen Küste keine Seltenheit. Anders als bei der in Florida gefürchteten Roten Flut (red tide), die gleichfalls von Neurotoxinen emittierenden Kieselalgen ausgelöst wird, kommt es jedoch nur selten zu einer länger anhaltenden und sich über größere Flächen ausdehnenden Algenpest. 2015 hielt eine Pseudo-nitzschia-Algenblüte vom Frühjahr bis in den Sommer an. Sie erstreckte sich von Santa Barbara bis nach Alaska und erreichte ein bis dahin beispielloses Ausmaß. Hunderte Kalifornische Seelöwen starben.

Die Domoinsäure produzierenden Kieselalgen profitieren von einer komplexen Mischung aus zu viel Nährstoffen im Meerwasser, von der Klimakrise verursachten, hohen Wassertemperaturen und anderen Faktoren. Das Gift der Einzeller reichert sich in den Nahrungsnetzen immer stärker an. Als Top-Prädatoren erreicht es dann bei Seelöwen und Delfinen gesundheitsgefährdende, teils tödliche Konzentrationen.

Meeressäuger-Rettungsnetzwerke reagieren

NOAA Fisheries koordiniert die Strandungsmeldungen über das West Coast Marine Mammal Stranding Network. Strandbesucher und Haustiere sollen sich von Seelöwen an Land fernhalten. Vorzugsweise mindestens 100 Meter. „Diese Tiere können unberechenbar sein, und das macht sie gefährlich. Daher ist es wichtig, die Tiere zu melden, gleichzeitig aber der eigenen Sicherheit zuliebe darauf zu achten, Abstand zu halten“, warnt Strandungskoordinator Justin Viezbicke.

Je schneller ein Seelöwe behandelt werden kann, desto größer sind seine Chancen, dass er gesund wird und wieder ausgewildert werden kann.

„Unser Team von äußerst engagierten, qualifizierten und fürsorglichen Freiwilligen arbeitet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Kümmert sich um alle Seelöwen und bewertet jedes Tier einzeln“, erklärt CIMWI-Geschäftsführerin Ruth Dover. „Manche Tiere werden in einem mit Hinweisen versehenen Sicherheitsbereich unter Beobachtung gestellt, damit wir ihre Symptome überwachen können. Andere werden aufgrund ihres Zustands geborgen.“

Titelfoto: Ocean Image Bank/Jeff Hester


Giftige Algen in Nord- und Ostsee

Unter den mehr als 10.000 bekannten Algenarten der Weltmeere kennt man etwa 100, die toxische Verbindungen produzieren. Damit sind die Giftmischer zwar klar in der Minderheit. Doch sie profitieren in zunehmendem Maße von der Überdüngung der Küstengewässer. Nervengifte absondernde Algen gibt es auch bei uns in Nord- und Ostsee (Blaualgen bzw. Cyanobakterien). Massenhaftes Auftreten von Rotalgen und andere Algenarten sorgen zudem in der Ostsee regelmäßig für die Ausbildung sogenannter sauerstoffarmer Todeszonen. So bedeckten Cyanobakterien im Sommer 2010 in der Ostsee eine Fläche, die in etwa der Landfläche ganz Deutschlands entsprach. Für Deutschland gibt es ein Algenfrüherkennungssystem (AlgFES) mit dem regelmäßig aktualisierten „Algenreport“.

Fischsterben in der Oder durch eine giftige Goldalge

Zu den Giftmischern, die in Brack- und salzigem Flusswasser zu Hause sind, zählt die giftige Mikroalge Prymnesium parvum. Seit dem Spät-Sommer 2022 besser bekannt als Goldalge. Denn auf ihr Konto geht das verheerende Tiersterben in der Oder. Die einzelligen Goldalgen, die mit zwei beweglichen Flagellen ausgestattet sind, bilden eine ganze Reihe von Toxinen.

Zu viel, von Bergwerken aus Polen in den Fluss entsorgtes Salz, Nährstoffe aus der konventionellen Landwirtschaft in Kombination mit hohen Temperaturen und einem niedrigen Wasserstand verursachten eine Algenblüte.

In der Folge verendeten tausende Fische, Muscheln, Schnecken und andere Algen. Das Flussökosystem der Oder brach bis in die Ostsee hinein zusammen. Die giftige Alge tötete mindestens 1.000 Tonnen Fische.

Meeressäuger-Rettung in Deutschland?

Käme es entlang der deutschen Nord- und Ostseeküste zu einer vergleichbaren Massenausbreitung von giftigen Algen, gäbe es für unsere heimischen Meeressäuger (Seehund, Kegelrobbe und Schweinswal) keine Rettung. In Deutschland existiert kein qualifiziertes, professionelles Meeressäuger-Rettungsnetzwerk. Das Meeressäuger-Management und damit auch die Aufsicht über das Strandungsgeschehen kranker Tiere liegt in den Händen nicht für diese Tätigkeit qualifizierter Hobbyjäger.

Update: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter Beitrag


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