Giftige Algen töten Seelöwen

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Mitte August brach vor der Küste von Südkalifornien eine toxische Algenblüte aus. Ihr fallen jetzt immer mehr Kalifornische Seelöwen (Zalophus californianus) zum Opfer. Nach Angaben der US-Fischereiabteilung der Wetter- und Ozeanografiebehörde (NOAA Fisheries) handelt es sich bei den giftigen Algen um die Kieselalgen Pseudonitzschia. Sie produzieren das Neurotoxin Domoinsäure. Es reichert sich über die Nahrungsnetze in Fischen, Muscheln und Tintenfischen an. Bei Menschen löst es „Amnesic Shellfish Poisoning“ (ASP), besser bekannt als „Muschelvergiftung“, aus. Hier kann das Pseudonitzschia-Toxin zu schweren Gedächtnisstörungen, irreversiblen Schädigungen des zentralen Nervensystems bis hin zum Tode führen.

Giftige Algen mit verheerenden Folgen für Seelöwen

Bei den vor der südkalifornischen Küste lebenden Seelöwen löst eine Domoinsäurevergiftung krampfartige Anfälle und andere schwerwiegende Schädigungen aus. Die Tiere können nicht mehr schwimmen, ihr Verhalten ist unberechenbar, sie wackeln mit dem Kopf, ihre Augen treten hervor, sie haben Schaum vor dem Mund. Überlebende Seelöwen erleiden Hirnschäden und irreparable Orientierungs- und Gedächtnisverluste.

Kalifornische Seelöwen sterben durch giftige Algen.

Seit Mitte August sind in den betroffenen Küstenabschnitten bereits mehr als 60 Kalifornische Seelöwen mit derartigen Symptomen gestrandet. Zehn von ihnen starben. © NOAA Fisheries

Algenblüte breitet sich aus

Täglich erreichen das Channel Islands Marine & Wildlife Institute in Santa Barbara etwa 100 Anrufe über kranke Seelöwen aus den Bezirken Ventura und Santa Barbara. Laut Prognosen des kalifornischen Algenüberwachungssystems C-HARM (California Harmful Algae Risk Mapping) werden sich die giftigen Algen weiter vermehren.

Saisonale Ausbrüche von Domoinsäurevergiftungen sind entlang der kalifornischen Küste keine Seltenheit. Anders als bei der in Florida gefürchteten Roten Flut (red tide), die gleichfalls von Neurotoxinen emittierenden Kieselalgen ausgelöst wird, kommt es jedoch nur selten zu einer länger anhaltenden und sich über größere Flächen ausdehnenden Algenpest. 2015 hielt eine Pseudonitzschia-Algenblüte vom Frühjahr bis in den Sommer an. Sie erstreckte sich von Santa Barbara bis nach Alaska und ereichte ein bis dahin beispielloses Ausmaß. Hunderte Kalifornische Seelöwen starben durch die giftigen Algen.

Meeressäuger-Rettungsnetzwerke reagieren

NOAA Fisheries koordiniert die Strandungsmeldungen über das West Coast Marine Mammal Stranding Network. Strandbesucher und Haustiere sollen sich von Seelöwen an Land fernhalten. Vorzugsweise mindestens 100 Meter. „Diese Tiere können unberechenbar sein, und das macht sie gefährlich. Daher ist es wichtig, die Tiere zu melden, gleichzeitig aber der eigenen Sicherheit zuliebe darauf zu achten, Abstand zu halten“, warnt der Strandungskoordinator Justin Viezbicke. „Die Algenblüte scheint sich entlang der Küste auszudehnen, sodass wir wohl mehr Tiere mit diesen Symptomen entdecken werden.“

Durch giftige Alten in Gefahr: Zwei Kalifornische Seelöwen in einer Seegraswiese

„Unser Team von äußerst engagierten, qualifizierten und fürsorglichen Freiwilligen arbeitet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Kümmert sich um alle Seelöwen und bewertet jedes Tier einzeln“, erklärt Ruth Dover, Geschäftsführerin des Channel Islands Marine & Wildlife Institute. „Manche Tiere werden in einem mit Hinweisen versehenen Sicherheitsbereich unter Beobachtung gestellt, damit wir ihre Symptome überwachen können. Andere werden aufgrund ihres Zustands geborgen.“ © Ocean Image Bank/Jeff Hester

Umweltbedingungen fördern das Wachstum giftiger Algen

Die Domoinsäure produzierenden Pseudonitzschia-Kieselalgen profitieren von einer komplexen Mischung aus zu viel Nährstoffen im Meerwasser, hohen Wassertemperaturen und anderen Faktoren. Berechnungen von C-HARM zeigen, dass sich die giftigen Algen zuerst entlang der Küste von Ventura County ausgebreitet haben. Dort strandeten dann auch die ersten Seelöwen mit den typischen Symptomen einer Domoinsäure-Intoxikation. C-HARM rechnet damit, dass sich die giftigen Algen weiter entlang der kalifornischen Küste ausbreiten werden.

Titelfoto: Ocean Image Bank/Jeff Hester


Giftmischer in Nord- und Ostsee

Unter den mehr als 10.000 bekannten Algenarten der Weltmeere kennt man etwa 100, die toxische Verbindungen produzieren. Damit sind die Giftmischer zwar klar in der Minderheit. Doch sie profitieren in zunehmendem Maße von der Überdüngung der Küstengewässer. Nervengifte absondernde Algen gibt es auch bei uns in Nord- und Ostsee (Blaualgen bzw. Cyanobakterien). Massenhaftes Auftreten von Rotalgen und andere Algenarten sorgen zudem in der Ostsee regelmäßig für die Ausbildung sogenannter sauerstoffarmer Todeszonen. So bedeckten Cyanobakterien im Sommer 2010 in der Ostsee eine Fläche, die in etwa der Landfläche ganz Deutschlands entsprach. Für Deutschland gibt es ein Algenfrüherkennungssystem (AlgFES) mit dem regelmäßig aktualisierten „Algenreport“.

Meeressäugerrettung in Deutschland?

Käme es entlang der deutschen Nordseeküste zu einer vergleichbaren Massenausbreitung von giftigen Algen, gäbe es für die hier noch lebenden Robben keine Rettung. Es gibt in Deutschland kein qualifiziertes, professionelles Meeressäuger-Rettungsnetzwerk. Bei uns liegt das Meeressäuger-Management und damit auch die Aufsicht über das Strandungsgeschehen kranker Seehunde oder Kegelrobben in den Händen nicht für diese Tätigkeit qualifizierter Hobbyjäger.


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