Kosmetik und Meeresschutz

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Was haben Kosmetik- und Hygieneprodukte mit Meeresverschmutzung zu tun? Einiges. Denn was wir auf unsere Haut auftragen, beeinträchtigt oftmals nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch die der Meere: Schädliche Inhaltsstoffe gelangen über das Abwasser oder direkten Kontakt auch ins Meer.

Und bis ins 19. Jahrhundert, als gebräunte Haut bei den feinen Herrschaften verpönt war, diente Bleiweiß für einen blassen – und tödlichen – Teint.

Doch muss man gar nicht so weit in die Geschichte zurückgehen. Auch in jüngerer Zeit fanden sich noch toxische Zutaten in Beautyprodukten. So waren Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA Enthaarungscremes mit Rattengift erhältlich. 2007 nahm die amerikanische Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde FDA eine (nicht zugelassene) Wimperntusche vom Markt, die Bimatoprost enthielt. Dies ist ein Medikament zur Senkung des Augeninnendrucks und ist bei uns in Wimpernseren verboten.

Auch heutige herkömmliche Kosmetik- und Pflegeprodukte können Mensch und Meere gefährden. Zu den risikobehafteten Substanzen zählen unter anderem sogenannte Mikroperlen, hormonell wirksame Inhaltsstoffe, Treibgase in Sprays sowie chemischer Sonnenschutz.

Mikroplastik überall

Peelingprodukte, Shampoos, Cremes oder Zahnpasta – diese und andere Produkte enthalten häufig Mikroperlen. Die auch Microbeads genannten Partikel sind maximal 1 mm groß und werden von der Industrie hergestellt. Daher spricht man hier von primärem Mikroplastik. (Im Gegensatz dazu entsteht sekundäres Mikroplastik durch Zerfall von größerem Plastik (Makroplastik).)

Zahnpasta auf Zahnbürstenkopf.
Foto: StockSnap/Pixabay

Welche Auswirkungen Mikroplastik im menschlichen Körper hat, wo es 2018 erstmals nachgewiesen wurde, ist noch nicht erforscht. Anders bei verschiedenen Meereslebewesen. Nachdem Miesmuscheln einer Umgebung mit Mikroplastik ausgesetzt wurden, zeigten sie Veränderungen und Entzündungen in Gewebe und Zellen.1

Auch in Gewebeproben von Bartenwalen und Riesenhaien wurde man fündig. Im Organismus angelangt, können die Plastikpartikel Giftstoffe abgeben. Zudem agieren sie als Träger für Umweltgifte wie etwa PCBs. In der Folge können z. B. Organe geschädigt oder das Immunsystem geschwächt werden.

1 Moos, N.; Burkhardt-Holm, P.; Köhler, A. (2012): Uptake and effects of microplastics on cells and tissue of the blue mussel Mytilus edulis L. after an experimental exposure.

Deutschland: 500 t primäre Mikropartikel allein aus Polyethylen, jährlich!

Ausgangsstoff für die Herstellung von Microbeads, wie auch für Konservierungsstoffe und andere synthetische Substanzen, ist Mineralöl. 500 t primärer Mikropartikel allein aus Polyethylen (einer von mehreren Mikroplastik-Kunststoffen) werden laut einer Studie des Umweltbundesamtes in Deutschland jährlich in kosmetischen Mitteln verwendet.

Kosmetik und Meeresschutz: Mikroplastik an Frankreichs Atlantikküste.

Mikroplastik an Frankreichs Atlantikküste – © Fraunhofer UMSICHT/Leandra Hamann

Verbot von Mikroplastik in Kosmetikprodukten auf europäischer Ebene – verschoben

Zum Schutz von Mensch und Umwelt haben etliche Länder bereits Konsequenzen gezogen und ein Verbot von Microbeads in Kosmetika erlassen, wie die USA, Großbritannien, Neuseeland, Schweden und andere. Nicht so Deutschland. Hier setzt man (mal wieder) auf Freiwilligkeit und schützt lieber die Industrie: „Einem solchen freiwilligen, nicht allein auf Deutschland beschränkten Ausstieg der Kosmetikindustrie räumt die Bundesregierung den Vorzug gegenüber einem in der Wirkung begrenzten nationalen Vorgehen ein“, erklärt das Bundesumweltministerium.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hatte uns auf unsere Anfrage bereits im Januar 2020 bestätigt, dass sie „freiwillige Maßnahmen zur Vermeidung von Mikroplastik an der Quelle für am schnellsten wirksam“ hält. Zudem habe sich die Bundesregierung für eine Regelung auf EU-Ebene eingesetzt, sodass nationale Regelungen hier keinen Sinn ergäben. 2020 sollte es soweit sein, doch nun wurde ein Verbot produktabhängig um mehrere Jahre verschoben.

Großbritannien und einigen anderen EU-Ländern wie Schweden, Italien und den Niederlanden dauerte das zu lange. Dort sind Microbeads in Kosmetika bereits verboten.

Kosmetik und Meeresschutz: Naturkosmetik und Soda.

Foto: Monfocus /Pixabay

Zertifizierte und nicht zertifizierte Naturkosmetik enthält keine Mikroperlen, da dort Derivate mit Mineralölanteil verboten sind. Vorsicht ist bei herkömmlicher und sogenannter „Pflanzenkosmetik“ geboten, denn dort sind sie erlaubt. Siehe auch „Was kann man tun?“ am Ende dieses Artikels.

Kosmetik und Meeresschutz: Hormonell wirksame Substanzen

Knapp ein Drittel der herkömmlichen Kosmetikprodukte sind nach einer Studie des BUND von 2013 mit hormonwirksamen Substanzen belastet.

Darunter fallen zum Beispiel die auch in Lebensmitteln erlaubten Parabene, die als Konservierungsstoffe dienen. Diese sogenannten endokrinen Disruptoren agieren im Körper wie Hormone. Sie werden laut Weltgesundheitsorganisation WHO in Zusammenhang mit verschiedenen Krankheiten gebracht, wie etwa Brustkrebs, Asthma, Autoimmunerkrankungen und etliche andere.

Die Anzahl von identifizierten hormonwirksamen Chemikalien habe im Zeitraum von 2002 bis 2012 drastisch zugenommen, so die WHO. Inhaltsstoffe von pharmazeutischen und Pflegeprodukten würden regelmäßig in Wildtieren nachgewiesen.

Kosmetikprodukte.

Foto: annca/Pixabay

Zertifizierte Naturkosmetik enthält keine hormonell wirksamen Substanzen. Siehe auch „Was kann man tun?“ am Ende dieses Artikels.

Hygieneprodukte für Frauen

Binden und Tampons können unter anderem hormonell wirksames Bisphenol A (PBA) und Bisphenol S (BPS) enthalten. Der Plastikanteil bei Tampons beträgt „bis zu sechs Prozent, Binden bestehen zu 90 Prozent aus rohölbasiertem Kunststoff“, heißt es im Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung.

Phthalate, die als PVC-Weichmacher dienen, fänden sich häufig in Applikatoren für Tampons. Auch Phthalate sind höchst gesundheitsgefährdende hormonwirksame Substanzen. Über die Müllentsorgung können diese Artikel im Meer landen und dort die Meereswelt belasten.

Alternativen sind zum Beispiel Biobinden und –tampons. Diese kommen ohne Plastik aus. Wer zusätzlich Müll vermeiden will, kann auf waschbare Binden oder Menstruationstassen zurückgreifen.

Kosmetik und Meeresschutz: Sonnenschutzprodukte

Der Sonnenschutz bleibt nicht nur auf unserer Haut. Beim Schwimmen gelangt er ins Wasser, beim Duschen nach dem Sonnenbad über das Abwasser in Flüsse und Meere. Jedes Jahr sollen rund 14.000 Tonnen Sonnencreme in die Ozeane gelangen, wie mehrere wissenschaftliche Studien ergaben. Andere Quellen nennen allein für das nördliche Mittelmeer einen Eintrag von 20.000 Tonnen jährlich.

Kosmetik und Meeresschutz mit der richtigen Wahl der Sonnenschutzmittel.

Foto: chezbeate/Pixabay

Man unterscheidet zwischen chemischem und mineralischem Sonnenschutz. Schädlich ist vor allem der chemische Sonnenschutz. Er steht nicht nur im Verdacht, sich negativ auf unseren Hormonhaushalt auszuwirken. Er belastet zudem die Meereswelt:

Nachweislich greift er das Erbgut von Fischen an und ruft weibliche Merkmale in männlichen Fischen hervor. In Seegurken schädigt er das Immunsystem und die Fortpflanzungsorgane.

Bei Delfinen reichert er sich im Gewebe an und wird so an den Nachwuchs weitergegeben. Zudem führt der Eintrag zur Korallenbleiche, die häufig mit einem Absterben der Korallenriffe einhergeht. Daher sind chemische Sonnenschutzmittel im Inselstaat Palau in der Südsee seit 2020 verboten, auf Hawaii seit Januar 2021. Des Weiteren in den thailändischen Nationalparks, in Teilen Mexikos, auf den Karibikinseln Bonaire und Aruba, auf den US-Jungferninseln und in Key West (Florida).

Unterschiedliche Wirkprinzipien

Chemische Filter dringen in die Haut ein und wandeln die UV-Strahlen in Wärme um. Mineralische Filter bilden auf der Haut einen mineralischen Schutzschild, hauptsächlich aus Titan- und Zinkoxid, der die Sonnenstrahlen reflektiert.

Letztere gelten generell als weniger gefährlich und weniger umweltbelastend. Allerdings enthalten sie häufig Nanopartikel, deren Auswirkungen auf den menschlichen Organismus und auf die marine Umwelt noch nicht ausreichend erforscht sind.

Der eigenen Gesundheit und der Umwelt zuliebe hält man sich an zertifizierte Naturkosmetik, die als „nanofrei“ gekennzeichnet ist. Bei zertifizierter Naturkosmetik sind nur mineralische Filter zugelassen, sie ist aber nicht immer nanofrei. Und woran erkennt man mineralischen nanofreien Sonnenschutz? Etliche Hersteller kennzeichnen ihre Produkte bereits entsprechend, ansonsten hilft ein Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe: Titanoxid, Zinkoxid. Sind Nanopartikel enthalten, steht „(Nano)“ in Klammern dahinter.

Treibgase in Spraydosen

Grafik Graffito-Spray.
Grafik von Elias Schäfer/Pixabay

Das die Ozonschicht zerstörende Treibhausgas FCKW ist seit 1994 in Deutschland und seit 2010 weltweit verboten. Als Ersatzstoffe dienen sogenannten F-Gase (fluorierte Treibhausgase), die jedoch aufgrund zunehmender Verwendung ebenfalls Anlass zur Sorge geben.

Sie werden nicht nur in der Industrie eingesetzt (als Kältemittel in Klimaanlagen oder als Treibmittel in Schaumstoffen), sondern auch als Treibgase in der Kosmetik, etwa in Deosprays oder Schaumfestigern.

Hier heißt es also: Lieber zum Deoroller oder zum Haarfestiger eines zertifizierten Naturkosmetikprodukts greifen, das ohne Treibgas auskommt. Denn Klimaschutz ist Meeresschutz.

Wer schön sein will, muss heute nicht mehr leiden … und die Umwelt auch nicht: Was kann man tun?

Zertifizierte Naturkosmetik

Zertifizierte Naturkosmetik ist eine gute Alternative zu herkömmlicher, da sie ohne mineralölbasierte Stoffe auskommt. Nicht immer jedoch ist Naturkosmetik auch „bio“.

Logo BDIH - Naturkosmetik

Das BDIH-Label ist eine von vielen Zertifizierungen für kontrollierte Naturkosmetik. Die BDIH-Anforderungen beziehen sich unter anderem auf die Gewinnung bzw. Erzeugung der Kosmetikrohstoffe sowie auf deren Verarbeitung. Auch Belange des Tier- und Artenschutzes werden berücksichtigt.

Da es hier kein staatliches, dem Bio-Siegel bei Lebensmitteln entsprechendes Logo gibt, muss man sich als Verbraucher*in selbst durch den Siegel-Dschungel kämpfen. Einen hervorragenden Leitfaden bietet der Ratgeber „Naturkosmetik“ von Elfriede Dambacher. Sie liefert unter anderem einen Überblick über die verschiedenen Siegel und Zertifikate und zeigt auf, welche Anforderungen sie im Einzelnen erfüllen (u. a. auch Tierschutzsiegel und vegane Kosmetik) und wer sich dahinter verbirgt.

Einkaufsführer und Apps für Kosmetik und Meeresschutz

  • BUND-Studie zu hormonell wirksamen Stoffen in Kosmetika „Kosmetik-Check: Hormoncocktail im Badezimmer
  • Einkaufsführer von Greenpeace zu Kunststoffen in Kosmetik und Körperpflegeprodukten
  • APP ToxFox vom BUND, mithilfe derer man Kosmetik auf hormonell wirksame Schadstoffe überprüfen kann
  • APP und Verbraucherplattform Codecheck: hier lassen sich Inhaltsstoffe von Lebensmitteln und Kosmetika überprüfen und bewerten

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Mikroplastik in Kosmetikprodukten: Jugend forscht

Juliane Singer vom Gymnasium St. Stephan bei Augsburg liegen die Meere und ihre Bewohner sehr am Herzen. Daher untersuchte die Elfjährige 2021 im Rahmen des Wettbewerbs „Jugend forscht“ 122 Kosmetikprodukte auf Mikroplastikrückstände aus Microbeads. Denn diese gelangen über das Abwasser oder durch direkten Kontakt auch in die Meere, verschmutzen so marine Lebensräume und werden zur Gefahr für Meerestiere.

Schülerin entlarvt die leeren Versprechungen der Kosmetikindustrie

Die junge Forscherin wollte herausfinden, ob, wie viel und welche Art von Mikroplastik noch in herkömmlichen Kosmetikprodukten enthalten ist. Mit ihrer Arbeit gewann sie den 1. Preis im Regionalwettbewerb in Augsburg und den 3. Preis in der Landesrunde. Wir gratulieren ihr dazu von ganzem Herzen!

2013 hatte sich ein Großteil der Hersteller auf Initiative des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) freiwillig verpflichtet, auf den Einsatz von aus Mikroplastik bestehenden Microbeads zu verzichten. Davon ausgenommen sind allerdings Produkte, die auf Haut und Haaren verbleiben sowie „Partikel im Nanobereich, flüssige, gel- oder wachsartige Polymere oder Kunststoffe in Pulverform“, wie es im Hintergrundpapier „Plastikpolitik in Deutschland und der EU“ von Linda Mederake, Mandy Hinzmann und Susanne Langsdorf heißt.

Kosmetik und Meeresschutz: Mikroskopaufnahme von Mikroplastik im Duschgel

Mikroplastikfund am Beispiel Duschgel Adidas Smooth, Vergrößerung 1:500 (Durchmesser rote Mikroplastikkügelchen Filter 0,5 mm). Foto: © Juliane Singer

Mit Filterpapier aus Papierzellstoff filterte die Schülerin Produkte, wie etwa Duschgel, Mundspülung, Körperpeeling, Handcreme, Bodylotion, Haargel, Aftershave-Balsam, Haarspülung, Deostick, Augenpflege, Lippenbalsam, Puder, Mascara, Lippenstift, Concealer, Nagellack, Glitter und etliche andere. Zusätzlich untersuchte sie die jeweiligen Inhaltsstoffe auf Mikroplastik.

Kosmetik und Meeresschutz: Die Tricks der Industrie

Zahlreiche der von Juliane untersuchten Produkte enthielten auch weiterhin Microbeads. Julianes Fazit ist ernüchternd: „Die freiwillige Selbstverpflichtung hat bereits einige Ergebnisse erreicht im Bereich der Nichtmehrverwendung von festen Mikroplastikpartikeln („Microbeads“) bei einigen Herstellern. Jedoch sieht man anhand der Filterergebnisse und den Inhaltsstoffangaben-Analysen, dass die Hersteller leider nun sogar vermehrt flüssige und gelartige Polymere, die noch nicht eindeutig als Mikroplastik definiert sind, einsetzen.“

Und leider hält auch nicht jedes Produkt, was seine Aufschrift „ohne Mikroplastik“ verspricht. Das fand die Preisträgerin beispielsweise beim „Nivea Duschpeeling“ heraus: „Hier meinen die Hersteller oft leider nur feste Partikel und nicht flüssige oder gelartige Polymere. Dies wird von den Konsumenten aber oft anders verstanden und sie denken, dass das Produkt komplett plastikfrei ist.“

Juliane Singer im Interview: Video der Siegerehrungen der Regional- und Landeswettbewerbe „Jugend forscht“ 2021 (ab Timecode 26:15)

Studie von Juliane Singer inklusive der Auflistung aller von ihr getesteten Produkte: „Mikroplastik in Kosmetikprodukten 2020 – Ergebnis der freiwilligen Selbstverpflichtung der Industrie“ (PDF-Download)