Längste Rote Flut tötet immer noch Delfine

Die längste Red Tide aller Zeiten

Zwar ist die längste Red Tide, die jemals im Golf von Mexiko wütete, nach 16 Monaten Dauer seit Februar abgeebbt. Doch noch immer tötet die Rote Flut Delfine. So berichtet die nationale Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten (NOAA) von 174 toten Tieren, die seit Juli 2018 bis zum 20. Juni dieses Jahres entlang der Südwestküste von Florida strandeten. Ihr Tod wird in unmittelbarem Zusammenhang mit der Roten Flut gebracht.

Red Tide: Gefährliche Kettenreaktion

Auch nach Abklingen der Red Tide im Februar 2019 sterben immer noch ungewöhnlich viele Delfine. Quelle: NOAA

Eine Rote Flut entsteht in drei Schritten. Grundvoraussetzung ist eine massive Überdüngung. Meist ausgelöst durch landwirtschaftliche Abwässer. Dadurch kommt es zur explosionsartigen Vermehrung von Cyanobakterien der Gattung Trichodesmium. Mit Hilfe des Enzyms Nitrogenase bilden diese primitiven Blaualgen aus im Meerwasser vorhandenem Stickstoff organische Verbindungen. Und dann betritt ein unheimlicher Hauptakteur die Bühne.

Giftige, einzellige Kieselalgen – weder Tier noch Pflanze

Denn jetzt vermehren sich zum Phytoplankton gehörende einzellige Dinoflagellaten der Art Karenia brevis explosionsartig. Diese zu den Diatomeen zählenden Lebewesen gehören weder zu Tieren noch zu den Pflanzen. Nur kurze Zeit dauert es, dann kommt es zur gefürchteten „Red Tide“-Algenpest. Sie kann sich auf mehreren Quadratkilometern Meeresoberfläche ausbreiten und sehr lange dauern.

Giftgas aus dem Meer

Untersuchung eines gestrandeten Großen Tümmlers
Quelle: NOAA – Mote Marine Laboratory

In einem Liter Meerwasser leben dann mehrere Millionen der winzigen Dinoflagellaten. Doch sie färben nicht nur die Wasseroberfläche rot. Die eigentliche Gefahr ist unsichtbar. Denn die Winzlinge emittieren Neurotoxine. Giftgas über rötlichen Wellen.

Meerestiere, die in eine Red Tide geraten, sterben. Oft sterben Delfine erst später, wenn die Red Tide bereits vorbei ist. Man nimmt an, dass ihnen vergiftete Fische oder Blaukrabben zum Verhängnis werden.

Nervengift auf dem Teller

An Land getriebene „Red Tide“-Giftgaswolken lösen bei Menschen schwere Schleimhautreizungen und Atemprobleme aus. Der Verzehr von Fischen, die das Nervengift aufgenommen haben, kann zu Lähmungen und Gedächtnisstörungen führen.

Meerwissen für Schlauberger – Red Tide Alert

Bei der NOAA gibt es eine spezielle Seite zu Vorhersagen von Red Tides:


Ausgelöst wurde die längste Rote Flut im Golf von Mexiko durch Düngemittel aus der industrialisierten Landwirtschaft des Citrus State. Selten nur werden die katastrophalen Folgen der industrialisierten Landwirtschaft auf das Leben in den Meeren so deutlich und so tragisch sicht- und greifbar.

Unter den mehr als 10 000 bekannten Algenarten der Weltmeere kennt man etwa 100, die toxische Verbindungen produzieren. Damit sind die Giftmischer zwar klar in der Minderheit. Doch sie profitieren in zunehmendem Maße von der Überdüngung der Küsten. Gefährliche Nervengifte absondernde Alten gibt es auch bei uns in der Ostsee (Blaualgen / Cyanostämme). Daneben sorgen auch Rotalgen und andere Algenarten regelmäßig für die Ausbildung sogenannter sauerstoffarmer Todeszonen. So bedeckten Blaualgen im Sommer 2010 in der Ostsee eine Fäche, die in etwa der Landfläche ganz Deutschlands entsprach.

Auch in Deutschland gibt es ein Algenfrüherkennungssystem (AlgFES) mit dem regelmäßig aktualisierten „Algenreport“.

 

16 Monate Red Tide

Gestrandeter Walhai, Opfer der roten Flut in Florida.

Gestrandeter Walhai, Opfer der Algenblüte Red Tide in Florida
Foto mit freundlicher Genehmigung von „Matt Devitt WINK Weather“

Die jüngste Rote Flut dauerte von Oktober 2017 bis Anfang dieses Jahres. Es war die längste jemals gemessene.

Während ihres Höhepunkts tötete sie Zehntausende Fische und Hunderte andere Meerestiere. Manatees (Seekühe). Seevögel. Delfine. Meeresschildkröten. Sogar einen Walhai.

Algengifte töten weiter

„Red Tide“-Experten befürchten, dass die Algengifte von Karenia brevis noch lange an der Küste bleiben. Auch wenn es in den letzten Monaten keine am Algengift verendeten Fische mehr gegeben hat, ist die Zahl der toten Delfine beispiellos.

Die Red Tide wurde diesem Delfin zum Verhängnis.

Eine „Red Tide“-Algenblüte wurde diesem Delfin in Florida zum Verhängnis. Foto mit freundlicher Genehmigung von „Matt Devitt WINK Weather“

Zuletzt tötete die lange Red Tide von 2005/2006 im Südwesten Floridas 190 Delfine.

Tote Delfine auch im nördlichen Golf von Mexiko

Laut NOAA sterben derzeit auch im nördlichen Golf von Mexiko ungewöhnlich viele Meeressäuger. Bisher wurden mehr als 260 tote Delfine gemeldet.

Auch hier wird ein Zusammenhang mit der längsten Red Tide aller Zeiten nicht ausgeschlossen.
Foto oben: NOAA – Institute for Marine Mammal Studies