Tiefseebergbau: Wissenschaftler schlagen Alarm

Droht der Tiefsee ein ähnliches Schicksal wie den brasilianischen Regenwäldern?

Geht es nach Plänen der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority/ISA), dann wird es in weiten Teilen der Tiefsee bald aussehen wie im Braunkohlentagebau Garzweiler II. Denn die ISA hat bereits 30 Tiefseebergbau-Explorationslizenzen für Millionen Quadratkilometer erteilt. Sie liegen im Indischen, Atlantischen und Pazifischen Ozean. Nun drängen Investoren, wie das kanadische Unternehmen DeepGreen Metals, darauf, die Verhandlungen rasch zum Abschluss zu bringen.

Auswirkungen sind weitreichend, schwerwiegend und für Generationen anhaltend

Pottwal mit Freediver.

Foto: Willyam

Auf Initiative der Deep Sea Mining Campaign, MiningWatch Canada und Ozeanien-Dialog überprüften Experten über 250 wissenschaftliche Publikationen zu Umweltauswirkungen des Tiefseebergbaus.

Ihr Fazit ist eindeutig: Die Folgen sind irreversible Artenverluste und irreversible Schädigungen der Ökosysteme.

Dies bestätigt die Ergebnisse einer Studie des Senckenberg-Forschungsinstituts in Frankfurt aus dem Jahr 2018. Demnach führt der Tiefseebergbau für den Abbau von Manganknollen zu massiven, über mehrere Jahrzehnte anhaltenden Artenverlusten.

Die Organisationen befürchten, dass unter dem Deckmantel der Coronakrise Explorationslizenzen jetzt ohne größere öffentliche Diskussion klammheimlich durchgesetzt werden.

Gemeinsames Erbe der Menschheit?

Auf dem Papier hat die in Kingston auf Jamaika beheimatete ISA den Auftrag, Tiefseebodenschätze als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ zu verwalten. In der Realität geht es dagegen eher darum, Unternehmen und Investoren bei ihrem spekulativen Ansturm auf Bodenschätze im Meeresboden Tür und Tor zu öffnen. Also um sehr viel Geld.

Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee.

Weltkarte der bekannten Mineralienlagerstätten in der Tiefsee – Aus dem Report “Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean”

Nicht umsonst sind kleine und verarmte Inselstaaten im Pazifik besonders im Visier der Meeresbodenspekulanten. So drohen die Cook-Inseln, Kiribati, Nauru und Tonga den finanziellen Verlockungen der Unternehmen zu erliegen. Auch Tuvalu hat bereits Interesse bekundet.

Gezielte Desinformation

Manganknolle aus der Tiefsee.

Manganknolle aus der Tiefsee – Foto: Velizar Gordeev

Dr. Helen Rosenbaum von der Deep Sea Mining Campaign erklärt: „Unsere Studie zeigt, dass der Abbau von Manganknollen nicht nur zu einem irreversiblen Verlust von Arten und Ökosystemen führen würde. Auch die versprochenen sozialen und wirtschaftlichen Gewinne für die pazifischen Inselstaaten sind fragwürdig. Bergbauunternehmen wie DeepGreen Metals erklären, dass sie für großen Reichtum mit minimalen oder gar keinen negativen Auswirkungen sorgen werden. Die Wissenschaft unterstützt diese Behauptungen nicht! Dabei ist der Einsatz extrem hoch. Fischerei, Inselkulturen, Lebensgrundlagen, Ernährungssicherheit, Tourismus und einzigartige Meereslebewesen sind in Gefahr“.

Die Tiefsee: Quell unerforschter Arten- und Ökosystemvielfalt

Sie ist ein mare incognitum und entscheidend für den Erhalt der Artenvielfalt in den Ozeanen und das Funktionieren von Meeresökosystemen. Ab 800 m befindet man sich in der Tiefsee. Und mit zunehmender Tiefe nimmt auch unser Wissen ab.

Tiefseefisch.

Tiefseefisch

Das Leben jedenfalls verläuft dort unten in Zeitlupe. Doch nur, um an begehrte Manganknollen und andere Rohstoffe in 3.000 bis 5.500 m Metern Tiefe zu gelangen, nimmt man die Vernichtung noch weitgehend unbekannter Arten und Ökosysteme in Kauf.

Nur an der Oberfläche gekratzt

„Wir kratzen erst an der Oberfläche unseres Wissens über die Tiefsee. Wir haben nur eine Handvoll der Arten dort unten entdeckt, wir wissen nicht, wie sie leben oder wie die Ökosysteme funktionieren. Wir fangen gerade erst an zu verstehen, dass dort unten keine Leere herrscht. Dort leben lauter wunderbare und einzigartige Lebensformen. Tiefseeökosysteme bilden ein zusammenhängendes System mit dem Mittel- und Oberflächenwasser. Der Abbau von Bodenschätzen wird nicht nur den Tiefseeboden für Tausende von Jahren schädigen. Er könnte auch Folgen für den Rest des Ozeans und die Menschen haben, die davon abhängig sind“, warnt Dr. Andrew Chin vom Zentrum für nachhaltige tropische Fischerei und Aquakultur der James-Cook-Universität in Australien und leitender Forscher der Studie.

Als Lösung und einzig verantwortlicher Weg kommt nach Ansicht der Wissenschaftler und der Organisationen nur ein Moratorium für den Tiefseebergbau in Frage.

Bagger für den Tiefseebergbau.

Bagger für den Tiefseebergbau

Der umfassende Bericht mit dem Titel „Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean“ untersuchte besonders die möglichen Auswirkungen auf:

    • Fischereien, einschließlich der hochwertigen innerhalb und außerhalb der Pazifikregion, wie z. B. Thunfisch
    • Arten, Lebensräume und Ökosysteme, einschließlich wandernder und tief tauchender Arten wie Walhaien, Lederschildkröten, Pottwalen und Schnabelwalen sowie Seevögeln wie Sturmvögeln und Sturmtauchern
    • Menschliche Gesundheit – angesichts der potenziellen Toxizität von Minenabfällen
    • Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen und Kulturen der pazifischen Inseln

Fotos Tiefseebagger und Tiefseefisch aus dem Report “Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean”.