Was machen Wale im Müll?

Forscher entdecken erstmals Groß- und Kleinwale im Great Pacific Garbage Patch

Eigentlich wollte ein internationales Forscherteam den Plastikmüll im sogenannten Great Pacific Garbage Patch im Nordpazifik zahlenmäßig und nach Art erfassen. Dabei machten sie eine besorgniserregende Entdeckung: Wale im Müll. Etliche große und kleinere Wale schwammen im Müllstrudel umher.

Der Müllstrudel

Im Oktober 2016 machten sich die Forscher mit einem Flugzeug von Kalifornien aus auf den Weg, um mit Spezialkameras und –geräten den Abfall im Great Pacific Garbage Patch zu untersuchen1. Dieser Müllstrudel liegt im Nordpazifik grob zwischen Hawaii und Kalifornien und ist inzwischen 4,5 mal so groß wie Deutschland.

„Patch“ bedeutet „Fleck“ auf Deutsch. Doch tatsächlich handelt es sich bei dieser zivilisatorischen Hinterlassenschaft nicht um einen oberflächlichen Flecken, sondern um einen in die Tiefe reichenden Strudel. Der sichtbare Teil ist nur die „Spitze“ des Müllbergs: Etwa 70 % des Abfalls sinken auf den Meeresgrund.

Wale im Müll

Pottwal vor Dominica wird von einem Schnorchler fotografiert.

Pottwal – Foto: Peter G. Allinson/Marine Photobank

Bei ihren Flügen über ein Teilgebiet des Great Pacific Garbage Patch entdeckten die Forscher erwartungsgemäß viel Abfall. Doch nicht nur das: Erstmals wurden dort auch 14 Groß- und Kleinwale gesichtet. Darunter befanden sich Pottwale, sogar eine Mutter mit einem sehr jungen Kalb, sowie Barten- und Schnabelwale.

Was sie dort trieben, ließ sich nicht feststellen. Nutzen sie das Gebiet als Wanderkorridor? Gehen sie dort auf Futtersuche? Oder handelt es sich sogar um einen wichtigen Kernlebensraum?

So oder so kann der Aufenthalt in diesem 1,6 Millionen Quadratkilometer großen vermüllten Gebiet lebensbedrohlich für die Meeressäuger sein. Denn der dort zu findende Abfall besteht zu 99,9 % aus Plastik2.

Sichtungen von Meeressäugern im Great Pacific Garbage Patch.

Wale im Müll: Der im Great Pacific Garbage Patch befindliche Plastikmüll kommt in vielerlei Formen daher: nicht mehr im Einsatz befindliche Fischfanggeräte, die weiter alles Leben fangen, große Gegenstände, wie Container oder Geräte, und kleinere Teile, wie Plastiktüten, Verschlüsse und anderes.

Herrenlose Todesnetze

Abhanden gekommene oder absichtlich auf See entsorgte Fischernetze machen knapp die Hälfte des gesamten nordpazifischen Müllstrudels aus. Sie sind tödliche Fallen für Meerestiere: Sie verfangen sich in den „Geisternetzen“, ertrinken darin oder schleppen Teilstücke mit sich herum. Anderen Plastikabfall halten sie für Beute, die ihnen jedoch den Verdauungstrakt verstopft und sie schließlich verhungern lässt. Auch bei etlichen gestrandeten Schnabelwalarten wurde er schon entdeckt und als Todesursache benannt.

Fischsammler

FAD-Fischerei um natürliche schwimmende Objekte wird schon lange durchgeführt. Erst in den 1980er-Jahren begann der Einsatz künstlicher Objekte (FADs). FAD-Fischerei verursacht hohe Beifangraten. Foto: ISSF/David Itano

Hinzu kommt, dass Treibgut, ob aus natürlichem oder synthetischem Material, Fische anzieht. Besonders Jungfische suchen Schutz unter an der Wasseroberfläche treibenden größeren Objekten.

Diese Fischansammlungen bleiben Jägern natürlich nicht lange verborgen. Folglich kommen große Thunfische, Haie oder Delfine gerne für eine Mahlzeit vorbei. Sie alle geraten in Gefahr, sich dort in Geisternetzen zu verheddern oder Plastikabfall zu fressen.

Riskantes Terrain für die Wale

Bei ihrer Untersuchung zählten die Forscher 1280 Objekte, die größer als 50 cm waren. Auf jeden Wal im Müll kamen also umgerechnet 90 Müllteile!

Doch auch kleinteiliger Kunststoff kann großen Meerestieren gefährlich werden. So sehen Forscher um Maria Cristina Fossi ein besonderes Risiko bei Filtrierern, wie Bartenwalen oder Wal- und Riesenhaien. Denn sie nehmen synthetische Kleinstteile (Mikroplastik) direkt mit dem Wasser auf, aus dem sie sich ihre Nahrung – Plankton und Kleingetier – herausseihen.

Auf diese Weise gelangen im Mikroplastik enthaltene oder angelagerte Umweltgifte wie DDT oder PCBs, in den Orgnismus. Mit teilweise dramatischen Folgen für die Tiere.

TheOceanCleanup System001B Crew untersucht Plastik.

Test: Wie verhält sich Plastikmüll, wenn er ins „System 001/B“ eingebracht wird? © The Ocean Cleanup

Quellen müssen versiegen!

Derzeit gibt es mehrere Bemühungen, die Müllstrudel aus den Meeren zu entfernen. So etwa das „Ocean Cleanup“-Projekt des jungen Holländers Boyan Slat, der an dieser Untersuchung ebenfalls mitgewirkt hat. Oder das Projekt Pacific Garbage Screening der deutschen Architektin Marcella Hansch. Beide bislang ohne Erfolg.

Entscheidend ist jedoch, den Eintrag an Plastikabfall in die Umwelt und die Herstellung von Plastik zu reduzieren.

Und hier ist nicht nur jeder einzelne von uns gefordert, sondern auch die Politik, die endlich gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen muss, anstatt auf Freiwilligkeit in der Industrie zu setzen.

Meerwissen für Schlauberger – Rotierende Ozeanströmungen sammeln Müll

Der Great Pacific Garbage Patch (GPGP) wurde 1997 vom Segler Charles Moore entdeckt. 80 % des Mülls sollen von Aktivitäten an Land in Nordamerika und Asien stammen, 20 % direkt von Aktivitäten auf See, wie von Schiffen, Ölplattformen, der Fischerei u. a. Die Hälfte des GPGP besteht aus abhanden gekommenen oder absichtlich auf See entsorgten Fischernetzen.

Müllstrudel im Pazifik.

Grafik: NOAA

Im Indischen Ozean sowie im Atlantischen und Pazifischen Ozean auf beiden Erdhälften bilden rotierende Ozeanströmungen Wirbel und ziehen den Müll dadurch an. Entlang dieser fünf Wirbel haben sich Müllstrudel angesammelt.

Der Great Pacific Garbage Patch ist der bekannteste Müllstrudel. Genau genommen besteht er aus zwei größeren Konzentrationen im West- und im Ostpazifik. Dazwischen gibt es durchaus auch Bereiche ohne Müll.

Boyan Slat war ebenfalls an dieser und anderen Forschungen zum Great Pacific Garbage Patch beteiligt. Er will den Müllstrudel mithilfe des von ihm gegründeten Ocean-Cleanup-Projekts beseitigen.

Das Projekt ist jedoch nicht unumstritten, weil nicht nur Müll, sondern auch unzählige Tiere in die Vorrichtung geraten und sterben könnten.

 

1 Cetacean sightings within the Great Pacific Garbage Patch
Susan E. Gibbs & Chandra P. Salgado Kent & Boyan Slat & Damien Morales & Leila Fouda & Julia Reisser; published online 9 April 2019 (http:/ /creativecommons.org/licenses/by/4.0/)

2 Evidence that the Great Pacific Garbage Patch is rapidly accumulating plastic
Lebreton, B. Slat, F. Ferrari, B. Sainte-Rose, J. Aitken, R. Marthouse, S. Hajbane, S. Cunsolo, A. Schwarz, A. Levivier, K. Noble, P. Debeljak, H. Maral, R. Schoeneich-Argent, R. Brambini & J. Reisser; published online 20 March 2018 (http:/ /creativecommons.org/licenses/by/4.0/)