Keine neuen Schutzgebiete in der Antarktis!

Meeresschützer enttäuscht – Tagung der Antarktis-Kommission endet ergebnislos

Am 30. Oktober endete die 39. Jahrestagung der „Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis“ (CCAMLR) mit einer großen Enttäuschung. Zur Diskussion standen Vorschläge für die Einrichtung von drei neuen Schutzgebieten in der Antarktis (Marine Protected Areas/MPAs). Doch für keines davon erreichte die CCAMLR die erforderliche Einstimmigkeit. Damit wird das UN-Nachhaltigkeitsziel, bis 2020 rund 10 % der Weltmeere unter Schutz zu stellen, krachend verfehlt.

„Vorerst geht die rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen in der Antarktis also weiter. Das ist ein herber Rückschlag für den Meeresschutz“, kritisiert DSM-Biologe Ulrich Karlowski.

Drei neue Schutzgebiete in der Antarktis?

Karte Antarktis-Schutzgebiet im Ross-Meer und Vorschläge für neue Schutzgebiete, darunter das größte zusammenhängende Meeresschutzgebiet der Welt im Weddellmeer.Die besten Chancen wurden noch der East Antarctic MPA eingeräumt. Denn dieser Vorschlag existiert bereits seit acht Jahren. Es handelt sich drei Blöcke entlang der Ostantarktis. Hier gibt es viele Kaltwasserkorallen. Außerdem sie sind ein wichtiges Nahrungsgebiet für Pinguine.

Der zweite, auch vom deutschen Bundestag unterstützte Vorschlag sah die Schaffung eines 1,8 Millionen km2 großen Schutzgebietes im Bereich des Weddellmeeres (Weddel Sea MPA) neben der antarktischen Halbinsel vor. Damit wäre das größte zusammenhängende Meeresschutzgebiet der Welt entstanden.

Keine neuen Schutzgebiete in der Antarktis: Erwachsener Kaiserpinguin mit Küken.

© John Weller

Das Weddellmeer steht stark unter dem Druck des Klimawandels und internationaler Fischfangflotten. Große Industrietrawler fangen hier Antarktische Seehechte (Tiefseelangleinenfischerei). Zusätzlich schädigt die Krillfischerei dieses sensible Ökosystem am anderen Ende der Welt.

Schließlich verhandelte man noch den von Argentinien und Chile eingebrachten Vorschlag für eine MPA westlich der antarktischen Halbinsel (Antarctic Peninsula MPA). Diese Region ist besonders anfällig für Tourismusauswirkungen, Fischereiaktivitäten und leidet unter der globalen Erwärmung.

China und Russland verhindern Einrichtung neuer Schutzgebiete in der Antarktis

„Das … ist ein schwerer Rückschlag und eine herbe Enttäuschung für den internationalen Schutz der Meere. Damit steht fest, dass die Weltgemeinschaft das ausgerufene Ziel bis Ende diesen Jahres 10 Prozent der Meere zu schützen, krachend verfehlt. Es ist frustrierend, dass Russland und China weiterhin eine Einigung zum Schutz der Antarktis blockieren und anderen Interessen Vorschub leisten. Damit wurde eine wichtige Chance verpasst, die existenzielle Krise unserer Weltmeere und der marinen Ökosysteme abzubremsen. Dass weder Julia Klöckner noch Svenja Schulze an der Konferenz teilgenommen haben, zeigt, dass der Schutz der Meere weiterhin keine Priorität bei der Bundesregierung genießt“, betont Steffi Lemke, Mitglied des Deutschen Bundestags, Bündnis 90/DIE GRÜNEN.

CCAMLR versagt auch bei der Bekämpfung der IUU-Fischerei (illegal, undokumentiert und unreguliert)

Keine neuen Schutzgebiete in der Antarktis: Pinguin läuft von Eisscholle und springt ins Wasser.

© John Weller

Wie stark das Interesse Russlands an der ungehemmten Ausbeutung der Antarktis ist, zeigte das Beispiel der russischer Flagge fahrenden „F/V Palmer“.

Obwohl Neuseeland Beweise vorlegte, dass der Fischtrawler im Schutzgebiet Rossmeer illegal gefischt hatte (IUU), konnte sich die CCAMLR nicht einmal darauf einigen, die „F/V Palmer“ auf ihre IUU-Liste zu setzen.

Damit darf der Trawler seine Fangtätigkeiten in dieser Saison fortsetzen – und zwar ohne jegliche Konsequenz. Dabei hatte die CCAMLR einst bei der Bekämpfung der IUU-Fischerei eine führende Rolle eingenommen.

Enttäuschung auf breiter Front

„Als ‚letzter unberührter Kontinent‘ spielt die Antarktis eine besonders entscheidende Rolle: Sie kühlt unseren Planeten. Gerade aus diesem Grund sollten wir alle diplomatischen Mittel einsetzen, um sie zu schützen“, betont Gesine Meißner, ehemalige Abgeordnete des Europaparlaments und Botschafterin der Kampagne Antarctica2020.

Auch Lewis Pugh, Ausdauerschwimmer, UNO-Schirmherr der Ozeane, Antarctica2020, zeigt sich frustriert: „Aus persönlicher Sicht ist dies sehr enttäuschend. Daran arbeite ich seit über 2 Jahren. Ich bin Anfang dieses Jahres sogar unter das Eisschild der Antarktis geschwommen, um die Bedeutung des Schutzes dieses Gebietes hervorzuheben. Unsere Zukunft hängt von der Rettung der Polarregionen ab. Und wieder ist ein weiteres Jahr vergangen, ohne dieses lebenswichtige Ökosystem zu schützen”.

Die CCAMLR

Keine neuen Schutzgebiete in der Antarktis. Zodiac fährt an Eisbergkante vorbei.

Rund 90 Prozent des weltweiten Eises sowie etwa 70 Prozent des Süßwassers der Erde befinden sich in der Antarktis und im Südpolarmeer – © John Weller

Die „Kommission für die Erhaltung der lebenden Ressourcen der Antarktis“ (CCAMLR) wurde als Teil des Antarktisvertragssystems gegründet, um die biologische Vielfalt des Südlichen Ozeans zu erhalten. Sie hat 26 Mitglieder, darunter die EU und acht ihrer Mitgliedstaaten. Entscheidungen müssen einstimmig getroffen werden.

Im Jahr 2009 bekräftigten die CCAMLR-Mitglieder ihre Verpflichtung, ein Netzwerk von MPAs im Südlichen Ozean einzurichten. In der Folge einigten sie sich auf das erste MPA im südlichen Schelf der Südlichen Orkney-Inseln.

Im Jahr 2016 schließlich wurde das mit 1.550.000 km² weltweit größte Meeresschutzgebiet im Rossmeer vereinbart.

Keine neuen Schutzgebiete in der Antarktis: Pinguine springen aus dem Wasser und von einer Eisscholle ins Wasser.

© John Weller

UN-Nachhaltigkeitsziel 14

UN-Nachhaltigkeitsziel 14 Leben unter Wasser: Bis zum Jahr 2030 sollen 30% der globalen Meeresfläche bis unter Schutz stehen.Laut des UN-Nachhaltigkeitsziels 14 „Leben unter Wasser“ (SDG 14) sollen im Jahr 2020 rund 10 % der Weltmeere unter Schutz stehen (Unterziel 14.5).

Dies wurde mit bisher 7 % klar verfehlt. Hinzu kommt, dass viele Schutzgebiete nur auf dem Papier existieren.

Denn effektive Schutzmaßnahmen finden gar nicht statt. Dies gilt z. B. auch für die deutschen Meeresschutzgebiete in Nord- und Ostsee.

Mit der Ablehnung der neuen Schutzgebiete in der Antarktis ist das Zehn-Prozent-Ziel in diesem Jahr somit nicht mehr zu erreichen. Bis zum Jahr 2030 sollen dann, laut UN, 30 % der globalen Meeresfläche bis unter Schutz stehen.

Foto oben: © John Weller