Siebzig neue EU-Meeresschutzgebiete

Große Chance für den Schutz der Meere

Im Anschluss an die Jahrestagung 2014 der Nordostatlantik-Staaten, auch Oslo-Paris-Konvention (OSPAR) genannt, haben Schottland, Spanien und Portugal über 70 neue EU-Meeresschutzgebiete ausgerufen beziehungsweise angekündigt. Darunter sind auch große Tiefseegebiete und unterseeische Berge. Hier findet man eine besonders vielfältige Unterwasserwelt. Sie sind Lebensraum für zahllose, zum Teil seltene und bedrohte Meerestierarten. Darunter Tiefseehaie, Korallengärten oder Tiefseeschwämme.

Faszinierende Tiefsee endlich unter Schutz

Die faszinierende Tiefsee ist der größte Lebensraum unseres Planeten. Uns Menschen ist er noch weitgehend unbekannt. Und doch dringt die Fischerei weiter in die Tiefsee vor. Bodenschleppnetze, die den Meeresboden wie einen Acker umpflügen, zerstören innerhalb kurzer Zeit unwiederbringlich tausende Jahre alte Tiefseekorallenriffe. Und dass bis in Tiefen von 2000 Metern. Auch die Erschließung von Rohstoffen aus der Tiefsee birgt enorme Gefahren für diesen fragilen Lebensraum. Doch der Schutzgedanke für diese weit vor der Küste gelegenen und weitgehend unerforschten Gebiete entwickelte sich nur langsam seit Ende der 1990er Jahre. Und seitdem kam man nicht wirklich damit voran.

In den jetzt ausgerufenen Schutzzonen leben zahllose, zum Teil seltene und bedrohte Meerestierarten. Jedoch findet man die meisten (noch) nicht auf der Liste der schützenswerten Arten und Lebensräume der EU. Zu nennen sind hier Tiefseehaie, Korallengärten oder Schwämme. Erstmals wandte man jetzt zusätzliche Kriterien der Roten Liste des OSPAR-Abkommens an. Damit konnten auch von der EU nicht geschützte Arten erfasst werden.

Schottland: 30 neue Meeresschutzgebiete

Bereits im Juli 2014 hatte die schottische Regierung 30 neue Meeresschutzgebiete ausgerufen. Hier leben viele seltene und bedrohte Meerestierarten. Kaltwasserkorallen, Delfine, Wale, Riesenhaie und zahlreiche Seevogelarten.

Spanien und Portugal schützen Seeberge

Spanien meldete 43 neue Schutzzonen an. Portugal hatte bereits im Juli 2014 die Ausweisung von zwei großen Seebergkomplexen angekündigt. Darin liegen zum einen die Große Meteorbank und zum anderen die Gorringebank. Beide zeichnen sich durch ihre Größe aus. Zusammen umfassen sie eine Fläche von rund 250.000 Quadratkilometern. Das entspricht in etwa der Fläche Großbritanniens.

Seeberge, mit ihren vielen unterschiedlichen Lebensräumen, sind wahre Schatzkammern der Unterwasserwelt. Auch eine der von Spanien erklärten Schutzzonen ist ein Seeberg. Es handelt sich um die Galizienbank. Sie liegt etwa 200 Kilometer westlich der spanischen Küste.

Ausgestaltung der Meeresschutzgebiete wird entscheidend sein

Jetzt gilt es allerdings, die neuen Schutzgebiete im Sinne eines effektiven und vorsorglichen Meeresschutzes auszugestalten. Verbote für Fischerei, Schifffahrt, oder die Nutzung von Bodenschätzen und seismischen Explorationen zur Gas- und Ölsuche müssen folgen.

Einige der neuen Meeresschutzgebiete:

Schutzgebiet Nordöstlicher Färöer-Shetland-Kanal (North-East Faroe Shetland Channel), Schottland

Ein im äußersten Nordosten Schottlands gelegenes Tiefseegebiet mit einer großen marinen Artenvielfalt. Es ist das größte von Schottland ausgewiesene Schutzgebiet. Damit auch das größte in der EU. Meeresströmungen transportieren hier viel Nahrung. Zudem gibt es dynamische Mischwasserzonen aus wärmerem Atlantikwasser und kühleren arktischen Gewässern. Außerdem zeichnet sich das Gebiet durch ein starkes Höhengefälle aus. Es reicht vom oberen Kontinentalshelf bis in die Tiefe des Kanals. Dadurch bietet es viele unterschiedliche Lebensräume für seltene und bedrohte Meerestierarten.

Hier lebt auch eine der ältesten Lebensformen der Erde: Tiefseeschwämme. Bis zu 50 verschiedene Arten finden sich in Tiefen von 400 bis 600 Metern. Sie bieten wiederum vielen anderen Meeresbewohnern ein Zuhause. Außerdem sind sie ein wichtiger Schutz für Jungfische. Und der Färöer-Shetland-Kanal liegt auf den Wanderrouten vieler Meeressäuger wie Pottwale und Finnwale.

Rosemary Bank Seeberg (Rosemary Bank Seamount), Schottland

Der Seeberg liegt in der Tiefsee vor Westschottland. Er ist aus einem lange erloschenen Vulkan entstanden und erhebt sich bis zu tausend Meter über den Meeresboden. Hier ist ein Hotspot mariner Biodiversität. Die unterschiedlichsten Fischarten und ihr Nachwusch leben am Rosemary Bank Seeberg. Darunter Tiefseefischarten wie Granatbarsche oder Kaltwasserkorallen. Außerdem liegt er auf den Wanderrouten von Pottwalen und Finnwalen.

Tiefseefische sind extrem schnell durch Überfischung gefährdet. Zum Beispiel erreichen Granatbarsche, die bis zu 160 Jahre alt werden können, erst mit etwa 20 Jahren die Geschlechtsreife.

Galizienbank (Banco de Galicia), Spanien

Die Banco de Galicia ist ein riesiger, etwa 200 Kilometer westlich der spanischen Küste gelegener Seeberg im Nordatlantik. An ihren flachsten Stellen liegt  die Galizienbank nur knapp 600 Meter unter der Wasseroberfläche. Ihre Hänge dagegen reichen bis in 5000 Meter Tiefe. Eine Besonderheit der Galizienbank sind auch hier Kaltwasserkorallenriffe. Auch sie zeichnet sich durch eine enorm hohe marine Biodiversität aus. Denn hier leben Schokoladenhaie und Glattrochen, beide sind durch Fischerei bedroht. Ferner findet man mindestens zehn weitere Tiefseehaiarten. Auch zahlreiche verschiedene Krebstiere, Schwämme, Schlangensterne und unzählige Fischarten leben in diesem Gebiet.

Bedauerlicherweise wird bei der Galizienbank noch mit Langleinen nach Tiefseehaien gefischt. Dieser Raubbau könnte nun ein Ende haben. Alerdings nur, wenn die spanische Regierung dringend notwendige Fischfangverbote in diesem Meeresschutzgebiet erlässt.