Meeresschutzgebiete (Marine Protected Areas/MPAs) sollen die biologische Vielfalt sichern und sie vor abwendbaren Gefahren schützen. Außerdem können sie dort, wo die Artenvielfalt bereits zurückgegangen ist, dafür sorgen, dass diese sich wieder erholt. Fischbestände regenerieren sich in funktionierenden Schutzzonen innerhalb kurzer Zeit, wenn sie nicht befischt werden (No-Take-Zonen). Wegen des vom MPA erzeugten Spillover-Effekts können Fischer außerhalb des Meeresschutzgebietes sogar mehr und größere Fische fangen als vorher. Soweit die Theorie. Leider sind viele MPAs – wie in Deutschland – „paper parks“. Es gibt sie nur auf dem Papier. Zudem herrscht Verwirrung über die Definition von „Schutz“ und die Erwartungen an die Wirkung von Meeresschutzgebieten. In manchen MPAs ist keinerlei menschliche Nutzung zugelassen. Noch sind das viel zu wenige. Doch diese MPAs erfüllen die in sie gesteckten Erwartungen.
Bis Juni 2025 waren insgesamt nur 8,3 % der Meeresfläche als Meeresschutzgebiete (MPAs) ausgewiesen. Davon sind allerdings lediglich 2,7 % vollständig oder stark geschützt.
Abkommen
UN-Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity/CBD)
Auf der 15. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention (COP15) in Montreal brachten die 196 teilnehmenden Staaten im Dezember 2022 einen Meilenstein für den internationalen Artenschutz und den Erhalt von Ökosystemen auf den Weg. Sie verständigten sich mit der Verabschiedung des 30-×-30-Ziels darauf, die Biodiversitätskrise und den Verlust von Ökosystemen bis 2030 aufzuhalten. Das 30-×-30-Ziel bedeutet, dass 30 Prozent der Land- und 30 Prozent der Meeresflächen bis 2030 unter Schutz stehen sollen. Gleichzeitig wollte man eine gerechtere Aufteilung der Nutzung natürlicher Ressourcen zwischen Nord und Süd erreichen.
BBNJ-Abkommen zum Schutz der Hohen See
Am 20.09.2025 erreichte das UN-Hochseeschutzabkommen (High Seas Treaty) die notwendige Zahl von 60 Ratifizierungen. Damit kann das Abkommen zum 17. Januar 2026 in Kraft treten.
Das Hochseeschutzabkommen ist ein ergänzendes Umsetzungsabkommen (völkerrechtlicher Vertrag zum Meeresnaturschutz) innerhalb des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen (SRÜ). Es ermöglicht die Einrichtung von Meeresschutzgebieten auf der Hohen See (High Seas) für den Erhalt der marinen Biodiversität außerhalb der Gerichtsbarkeit von Einzelstaaten (Biodiversity Beyond National Jurisdiction).
Bisher sind nur etwas mehr als 1 Prozent der Hohen See durch Meeresschutzgebiete geschützt. Mit dem BBNJ-Abkommen gibt es einen verbindlichen Rechtsrahmen für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt der Hohen See. Am 3. Dezember 2025 beschloss die Bundesregierung, das Abkommen zu ratifizieren.
OSPAR
Das OSPAR-Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantiks ist seit dem 25.03.1998 völkerrechtlich in Kraft. Das Konventionsgebiet umfasst die Küstenmeere und die Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) der Vertragsstaaten sowie Gebiete auf der Hohen See. Allerdings nicht die Ostsee und das Mittelmeer.
Zwar ist OSPAR für den Meeresboden und die Wassersäule in den betroffenen Gebieten zuständig. Großer Mangel ist jedoch, dass es wie auch das BBNJ keinen Zugriff auf die Fischerei hat. Ohne diesen Baustein bleibt das Übereinkommen ein zahnloses Instrument bei der Einrichtung effektiver Meeresschutzgebiete, besonders auf der Hohen See.
Beispiele
Pazifik
Tainui Atea MPA, Französisch-Polynesien
Seit 2025 gilt das Tainui Atea MPA in Französisch-Polynesien mit einer Fläche von über 4,5 Millionen km2 als weltweit größtes Meeresschutzgebiet.
Das französische Überseegebiet, eine Ansammlung kleinerer Inseln, darunter Tahiti, hat praktisch seine gesamte ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) als Meeresschutzgebiet ausgewiesen. Innerhalb des Schutzgebiets steht eine Fläche von 1,1 Millionen km2 unter strengem Schutz. Dort sind zerstörerische Nutzungen wie Tiefseebergbau oder Grundschleppnetzfischerei verboten. Lediglich traditionelle Fischerei im kleinen Maßstab und Tourismus bleiben erlaubt. Neben fast 200 Korallenarten leben im Tainui Atea viele Haiarten sowie über 1.000 Fischarten.
Pacific Remote Islands Marine National Monument
Am 25. September 2014 vergrößerte Barack Obama das von Bush im Januar 2009 ausgerufene „Pacific Remote Islands Marine National Monument“ um fast das Neunfache auf 1.270.000 km². Damit ist es fast doppelt so groß wie Texas und hielt bis Oktober 2016 den inoffiziellen Titel als größtes Meeresschutzgebiet. Dann wurde es vom Ross Sea Marine Protected Area in der Antarktis abgelöst.

Kiribati – Phoenix Islands Protected Area (PIPA)
Anfang 2015 verbot die Regierung des aus einer Vielzahl von Inseln bestehenden Kleinstaates Kiribati in einem der seinerzeit größten Meeresschutzgebiete die kommerzielle Fischerei. Es handelt sich um die über 408.000 km2 umfassende Phoenix Islands Protected Area (PIPA).
Das gesamte Schutzgebiet ist eine „No-Take-Zone“. PIPA (Phoenix-Inseln) ist ungefähr so groß wie Kalifornien. Sie umfasst elf Prozent der ausschließlichen Wirtschaftszone von Kiribati. Seit 2010 steht das Gebiet auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste.
Die PIPA umfasst acht Atolle und zahlreiche kleinere Koralleninseln. Ihre umfangreichen Riffe sind noch weitgehend intakt. Mehr als 120 Korallenarten, 514 Arten Rifffische sowie Raubfischarten wie Thunfische, Haie oder Makrelen wurden hier bislang identifiziert.
Außerdem suchen Meeresschildkröten die Strände der in der PIPA liegenden Inseln zur Eiablage auf. Zudem gibt es hier Delfine und große Ansammlungen von Seevögeln.
Revillagigedo-Archipel – Mexikos kleines Galapagos
Die seit 2016 zur Welterbe-Liste der UNESCO zählenden Revillagigedo-Inseln vor der Westküste Mexikos gehören zu den größten Natur- und Meeresschutzgebieten von Nordamerika. Fischereiaktivitäten sind in dem aus vier unbewohnten Vulkaninseln bestehenden und sich über 420 km erstreckenden Archipel verboten (No-Take-Zone).
Das mexikanische Umweltministerium will auch den Bau von Hotels auf der Inselgruppe mit ihrer Landfläche von 157 km² unterbinden. Denn die Inseln des Archipels (San Benedicto, Socorro, Roca Partida and Clarión) zeichnen sich durch ihren außerordentlichen Artenreichtum aus. Neben vielen bedrohten Arten leben hier auch seltene Reptilien- und Seevogelarten.
Für Wale, Delfine, Walhaie, Mantarochen sind die umliegenden Gewässer ein wichtiger Rückzugsraum. Wegen ihrer Artenvielfalt bezeichnet man die Inseln auch als Mexikos kleines Galapagos. Von den 366 hier heimischen Fischarten kommen 26 nur hier vor. Sie sind endemisch. Wie bei anderen Schutzgebieten auch, hängt der Erfolg der Schutzzone von Kontrollen und Überwachung ab. Piratenfischer scheren sich nicht um Vorschriften. Deshalb überwacht die mexikanische Marine das Gebiet.
Kermadec Ocean Sanctuary
Ende September 2015 kündigte Neuseeland die Einrichtung eines riesigen Meeresschutzgebietes an.

Das Kermadec Ocean Sanctuary umfasst eine Fläche von 620.000 km². Damit ist es größer als Frankreich. In der noch weitestgehend unberührten Region sind nun für die Meeresumwelt negative Aktivitäten verboten. Dazu zählen Fischfang (No-Take-Zone) oder die Suche nach Bodenschätzen.
In den Gewässern rund um die im südwestlichen Pazifik gelegenen, unbewohnten Kermadecinseln leben zahlreiche seltene und bedrohte Arten. Darunter mindestens 35 Delfin- und Walarten, Meeresschildkröten und Vögel.
Der im gesamten Südpazifik beheimatete Kermadec-Sturmvogel ist nach diesen Inseln benannt. Man kann ihn hier ganzjährig beobachten.
Südamerika: Neues Meeresschutzgebiet ohne industrielle Fischerei
Auf der UN-Weltklimakonferenz in Glasgow (COP 26) verkündeten die Präsidenten von Ecuador, Kolumbien, Costa Rica und Panama im November 2021 die Einrichtung eines neuen, rund 500.000 km2 großen Meeresschutzgebietes.
Es erweitert und verbindet bereits existierende Schutzgebiete. Dadurch ist das Galapagos-Schutzgebiet (Ecuador) jetzt mit dem Naturreservat rund um die unbewohnte, im Ostpazifik liegende Insel Malpelo (Kolumbien) sowie mit den Nationalparks der Cocos- und Coiba-Inseln (Costa Rica und Panama) verbunden. Hier leben Wale und Delfine, Haie, Rochen, und andere Meerestiere. Darunter auch gefährdete oder vom Aussterben bedrohte, spektakuläre Arten wie Bogenstirn-Hammerhaie und Walhaie.
Industrieller Fischfang, z. B. Langleinenfischerei, ist verboten. Lokale, handwerkliche Fischerei ist in bestimmten Zonen weiterhin möglich. In einem von vielen Meerestieren genutzten 30.000 km2 großen Wanderkorridor soll ein vollständiges Fischereiverbot gelten (No-Take-Zone). Der Korridor liegt zwischen dem Galapagos-Schutzgebiet und dem Cocos Island National Park in Costa Rica. Allerdings ist die Region unter Druck durch illegale Fischerei (IUU/illegal, unreguliert und undokumentiert). Insbesondere durch illegale Haifischerei und Haiflossenfischerei.
Indischer Ozean
Heard und McDonaldinseln, Australien
Im Oktober 2024 erweiterte die australische Regierung ein bestehendes Meeresschutzgebiet in der Subantarktis im südlichen Indischen Ozean um das Vierfache. Das Schutzgebiet liegt bei den abgelegenen Heard und McDonaldinseln. Sie befinden sich etwa 1.700 Kilometer von der Antarktis entfernt und etwa 4.000 Kilometer südwestlich des australischen Festlands. Die Region ist wichtiger Lebensraum und Nahrungsgrund für Wale, Robben und Pinguine. Sie gehört zu den 13,2 Prozent der in den Weltmeeren verbliebenen unberührten marinen Wildnis.
Jetzt stehen 52 Prozent der australischen Meeresgebiete unter Schutz. Australien übertrifft damit deutlich das 30×30-Ziel des UN-Übereinkommens zur biologischen Vielfalt.
South-East Marine Parks, Australien
Die australische Umweltministerin Tanya Plibersek möchte das 2007 eingerichtete Meeresparknetzwerk „South-East Marine Parks“ an den Küsten Südostaustraliens und Tasmaniens um neue Schutzgebiete und mehr fischereifreie Zonen erweitern.
Antarktis
Rossmeer: Meeresschutzgebiet mit Verfallsdatum
Im Oktober 2016 gelang der Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR) ein historischer Durchbruch.

Nach zähen, über fünfjährigen Verhandlungen entstand das mit 2,09 Millionen Quadratkilometern Fläche zum damaligen Zeitpunkt weltweit größte Meeresschutzgebiet. Die auch „letzter Ozean“ genannte und weitgehend unberührte Ross Sea region Marine Protected Area (RSr MPA). Ein großartiger Erfolg. Schließlich profitieren unzählige Meerestierarten davon. Darunter Wale, Adelie- und Kaiserpinguine, Weddell-Robben oder Krill. Sogar für den durch hemmungslose Tiefseelangleinenfischerei stark überfischten Schwarzen Seehecht ist Entlastung in Sicht.
Allerdings ist auf rund einem Viertel des Gebiets weiterhin Tiefseelangleinen- und Krillfischerei erlaubt. Dennoch, der größte Teil des neuen Schutzgebiets – etwa 1,12 Millionen Quadratkilometer – bleibt als gigantische No-Take-Zone jedoch tabu. Unklar ist jedoch, wer das alles überwachen wird und wie mit illegal operierenden Piratenfischern verfahren werden soll.
Das Rossmeer-Meeresschutzgebiet bleibt bis 2052 in Kraft und kann anschließend bei Bedarf verlängert oder angepasst werden.
Zentraler Arktischer Ozean
Der zentrale Teil des Arktischen Ozeans ist nicht als Meeresschutzgebiet ausgewiesen. Aber er hat eine größere Bedeutung für den Biodiversitätserhalt als die meisten offiziellen Meeresschutzgebiete. Denn seit Oktober 2018 gilt ein 15-jähriges Verbot für die Hochseefischerei im zentralen Nordpolarmeer (Übereinkommen zur Verhinderung der unregulierten Hochseefischerei im zentralen Nordpolarmeer). Damit ist ein Gebiet von etwa 2,8 Millionen km2 – der Größe des Mittelmeeres – bis 2033 vor kommerzieller Fischerei geschützt. Der Vertrag kann um weitere fünf Jahre verlängert werden.
Ausschlaggebend für das Fischereiverbot war der Rückgang des Meereises als Folge des Klimawandels. Im Sommer sind mittlerweile bis zu 40 Prozent des zentralen Arktischen Ozeans eisfrei und für Fischtrawler schiffbar. Folglich nimmt das Interesse an Fischzügen in der Arktis zu.
Atlantik
Azoren (Nordatlantik)
Im Oktober 2024 erklärte die autonome Regierung der Azoren nun rund ein Drittel ihrer Gewässer als Meeresschutzgebiet. Sie erfüllt damit das „30-x-30-Ziel“ des UN-Übereinkommens zur biologischen Vielfalt.
Die Gewässer rund um die Azoren sind ein Hotspot der Artenvielfalt. Viele Arten Wale, Delfine, Haie und Meeresschildkröten leben hier. Es gibt sogar eine residente Pottwal-Population mit rund 2.500 Tieren.
Die Schutzzonen rund um die neun Inseln des Azoren-Archipels umfassen eine Gesamtfläche von 287.000 Quadratkilometern. Das entspricht fast der Größe von Italien. Es ist das größte Netzwerk von Meeresschutzgebieten im Nordatlantik!
Die Hälfte der Meeresschutzgebiete steht als No-Take-Zonen (Nullnutzungs-Zonen) unter vollständigem Schutz. Fischerei und andere Ressourcennutzung sind verboten. Die andere Hälfte steht unter strengem Schutz. Dort bestehen Einschränkungen bei der Ressourcennutzung.
Vorausgegangen waren zahlreiche Treffen mit allen Interessengruppen. Mehr als 5 Jahre lang suchten Wissenschaftler, NGOs, öffentliche Einrichtungen und Verbände aus Fischerei und Tourismus dabei nach Lösungen, um den Schutz der Meeresökosysteme und wirtschaftliche Aktivitäten in Einklang zu bringen.
Charlie-Gibbs Meeresschutzgebiet
Es liegt im Atlantik zwischen Island und den Azoren am sogenannten Mittelatlantischen Rücken. Hier driften Kontinentalplatten auseinander. Dabei fließt immer wieder Magma ins Meer. Am Meeresboden bilden sich so mit der Zeit Gebirgsstrukturen (Seeberge). Auch dadurch ist das Gebiet des Charlie-Gibbs-MPA ein produktiver und artenreicher Tiefseelebensraum, was ihn für die Tiefseefischerei hochinteressant macht. Experten hatten befürchtet, dass diese besonderen Lebensräume durch Grundschleppnetzfischerei zerstört werden könnten. OSPAR und die für das Meeresgebiet zuständige Regionale Fischereimanagement-Organisation North-East Atlantic Fisheries Commission (NEAFC) einigten sich jedoch, die FFH-Richtlinie zur bodenberührenden Fischerei umzusetzen. Demnach sollen ökologisch bedeutsame Gebiete mit Seebergen, Kaltwasserkorallen oder Tiefseeschwämmen vor dieser zerstörerischen Fischerei geschützt werden.
Allerdings dürfen Fische, die im Charlie-Gibbs-Meeresschutzgebiet in der Wassersäule schwimmen, nach wie vor befischt werden. Auch Fangflotten aus Staaten, die nicht der NEAFC angehören, sind nicht verpflichtet, die Regeln des MPA zu respektieren. Dennoch ist das Charlie-Gibbs-MPA eines der wenigen Beispiele für ein Meeresschutzgebiet auf der Hohen See. Der Name stammt vom Forschungsschiff „Josiah Willard Gibbs“, das hier 1968 unterwegs war. Der Zusatz „Charlie“ hingegen stammt von einer gleichnamigen Wetterstation.
Quelle: world ocean review 4
Kanada: Eastern Canyons Marine Refuge
Zum Welttag der Meere 2022 erklärte die kanadische Regierung das rund 44.000 km2 große „Eastern Canyons Marine Refuge“ vor der Küste der kanadischen Provinz Neuschottland zum Meeresschutzgebiet. In dem fischreichen Gebiet gibt es die größten bekannten Kaltwasserkorallenriffe vor der Atlantikküste Kanadas, Tiefseeschwämme und viele Delfine. „Man kann es sich wie einen alten Wald im Meer vorstellen“, sagte Kristian Curran von der Abteilung für Fischerei und Ozeane (Department of Fisheries and Oceans/DFO) gegenüber CBS News.
Die Einrichtung ist Teil der Verpflichtung Kanadas, bis 2025 25 Prozent und bis 2030 dann 30 Prozent seiner Küstengewässer unter Schutz zu stellen.
Das „Eastern Canyons Marine Refuge“ liegt vor Sable Island und reicht bis zur ausschließlichen Wirtschaftszone Kanadas (AWZ, Seegebiete des Küstenmeeres bis zur 200-Seemeilen-Grenze). Es grenzt an das „Gully Marine Protected Area“. Dieses war das erste seiner Art vor der kanadischen Atlantikküste. In dem neuen Meeresschutzgebiet sind alle Fischereien, bei denen der Meeresboden berührt wird (Tiefseefischerei), verboten. Darunter fallen Grundschleppnetze, Reusen, Fangkörbe und Langleinen.
Lediglich auf etwa 0,2 Prozent Fläche gibt es noch eine Fischereizone für kleinere Fischkutter, die Langleinen einsetzen. Bei Fangfahrten müssen jedoch DFO-Fischereibeobachter an Bord sein. Damit verliert die Tiefseefischerei in dieser Region einen durchschnittlichen Anlandewert von 700.000 US-Dollar, berichtet CBS News. Bezogen auf das Fischerei-Managementgebiet „Eastern Scotian Shelf“ sind das etwa fünf Prozent des hier insgesamt in einem Jahr erwirtschafteten Anlandewerts.
NACES im Nordostatlantik
Anfang Oktober 2021 riefen die 15 Vertragsstaaten der Oslo-Paris-Konvention (OSPAR) zusammen mit der EU ein neues Meeresschutzgebiet im Nordostatlantik aus. Das „North Atlantic Current and Evlanov Sea Basin“ (NACES). NACES ist ein Biodiversität-Hotspot. Mehr als fünf Millionen Seevögel versammeln sich hier regelmäßig. Doch auch zahlreiche andere Meerestierarten nutzen das Gebiet. Zusätzlich tragen 47 Seeberge mit ihrem Artenreichtum zur Bedeutung des Schutzgebiets bei.
Mehr als 70 kleinere EU-Schutzgebiete auf einen Schlag
Im Anschluss an die OSPAR-Jahrestagung 2014 stellten Schottland, Spanien und Portugal mehr als 70 Gebiete unter Schutz oder kündigten an, dies umzusetzen. In diesen Meeresschutzgebieten befinden sich die Lebensräume zahlloser, teilweise seltener und bedrohter Arten. Darunter Tiefseehaie, Korallengärten oder Tiefseeschwämme. Erstmals wandte man hier zusätzliche Kriterien der Roten Liste von OSPAR an. Dadurch gelang es, von der EU (noch) nicht geschützte Arten und Lebensräume zu erfassen.
Mittelmeer
Griechenland
Im April 2024 verkündete der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis, dass Griechenland im Ionischen Meer und in der Ägäis zwei neue Meeresnationalparks einrichten wird. Damit würde sich der Umfang der Meeresschutzgebiete des Landes um 80 Prozent erhöhen. Zusätzlich verkündete Mitsotakis ein ab 2026 geltendes Verbot der Grundschleppnetzfischerei in griechischen Meeresnationalparks. Bis 2030 wird diese für das Leben in den Meeren desaströse und extrem klimaschädliche Fischereimethode aus allen übrigen Meeresschutzgebieten verbannt. Die Maßnahmen will man mit hochmodernen Systemen wie Drohnen und Satelliten sowie verstärkten Patrouillen überwachen.
Kroatische Adria
Die unbewohnte Vulkaninsel Jabuka liegt mitten in der Adria, ca. 80 km nordwestlich der kroatischen Insel Vis. Die umgebenden Gewässer gehören zu den fischreichsten der Adria. Doch Überfischung ließ die Bestände schwinden. Als Gegenmaßnahme ergriff die kroatische Regierung daher ein Fangverbot und richtete eine Fishery Restricted Area (FRA) ein. Darin befindet sich eine No-Take-Zone, in der jegliche Fischerei verboten ist. Die von Fischern zunächst abgelehnte Zone erwies sich schon bald als Segen für die lokalen Kleinfischer. Dank des Spillover-Effekts fingen sie außerhalb der Schutzzone wieder mehr und größere Fische.
Das Becken von Jabuka (Jabučka kotlina) in der kroatischen Adria ist ein hervorragendes Beispiel für ein funktionierendes Meeresschutzgebiet. Ein Vorbild für das gesamte Mittelmeer.
Balearen – Schutzgebiet von mediterraner Bedeutung (SPAMI)
Seit Ende 2017 sind die Gewässer zwischen den Balearen und dem spanischen Festland ein besonderes Schutzgebiet von mediterraner Bedeutung (Specially Protected Area of Mediterranean Importance – SPAMI). Dies entschied die 20. Vertragsstaatenkonferenz der Barcelona-Konvention der Mittelmeer-Anrainerstaaten. Für Meeresschützer war das wie ein lang ersehntes Weihnachtsgeschenk. Denn die Konferenz tagte vom 17. bis 20. Dezember in Tirana (Albanien).
Seit Jahren hatten Wissenschaftler, Meeresschützer und Regionalparlamente der Balearen und Kataloniens die spanische Regierung zu diesem Schritt aufgefordert. Die Meeresregion ist eine wichtige Finnwal-Wanderroute zu ihren Nahrungs- und Fortpflanzungsgebieten im nördlichen Mittelmeer. Ferner ist sie Lebensraum vieler Wal- und Delfinarten. Darunter Haie, Rochen, Meeresschildkröten, Fische und Seevögel. Außerdem leben hier die Extremtaucher unter den Meeressäugern, Cuvier-Schnabelwale.
Mit der SPAMI-Anerkennung erübrigen sich weitere Versuche der Ölindustrie, Lizenzen für die Suche nach Öl- und Gasvorkommen zu erhalten. Gegen derartige Pläne hatte sich massiver Widerstand, vorwiegend auf den Balearen, formiert. „Wir sind dankbar für die große Unterstützung durch spanische Volksvertretungen sowie durch Wissenschaftler und Naturschutzinstitutionen weltweit“, sagt Carlos Bravo, Sprecher der Alianza Mar Blava, einer Allianz mit mehr als 120 Mitgliedern.
Bereits im Vorfeld leitete die spanische Regierung die SPAMI-Anerkennung mit einem Dekret ein. Dieses erklärte den Wanderkorridor zu einem Meeresschutzgebiet. Mit der Folge, dass dort keine seismischen Untersuchungen mit Airguns (Luftdruckpulsern) oder Abbautätigkeiten stattfinden durften.
Schlusslicht Deutschland
Beim effektiven Meeresschutz sieht es in Deutschland eher düster aus. Deutschland hat zwar ca. 45 % der Flächen seiner Küstenmeere und seiner Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) in Nord- und Ostsee unter Schutz gestellt (in der Nordsee ca. 43 % und in der Ostsee ca. 51 %). Meist ist hier allerdings alles erlaubt. Sei es Grundschleppnetzfischerei oder eine Ölbohrinsel im UNESCO-Weltnaturerbe und Nationalpark Wattenmeer. Stellnetzfischerei im Schweinswalschutzgebiet vor Sylt. Militärische Sprengungen, Marine-Manöver oder bodenzerstörender Kiesabbau. Selbst in Kernzonen des Nationalparks und UNESCO-Weltnaturerbes Wattenmeer ist eine eingeschränkte wirtschaftliche Nutzung durch Krabben- und Muschelfischerei zulässig.
Fischereifreie Zonen (No-Take) oder von jeglicher Nutzung ausgenommene Gebiete in Nord- und Ostsee muss man mit der Lupe suchen. Seit November 2022 gibt es immerhin halbherzige Fischereiverbote zum Schutz von Schweinswalen in der Ostsee. Darauf folgten im Februar 2023 ähnlich zaghafte Einschränkungen in AWZ-Meeresschutzgebieten in der Nordsee.
Mit der Amrumbank, einer Sandbank im Meeresschutzgebiet Sylter Außenriff, gibt es seit 2023 eine erste kleine, tatsächlich fischereifreie Zone (No-Take) in der AWZ der Nordsee.
Seit 2025 ist die zerstörerische Grundschleppnetzfischerei auf rund zwei Drittel (66 %) der Fläche der Ostsee-Schutzgebiete Fehmarnbelt, Kadetrinne, Pommersche Bucht – Rönnebank (mit den Riffen des Adlergrundes und der Rönnebank sowie der Sandbank Oderbank) verboten.
Mit Wirkung zum 18. November 2025 wird zudem die Hälfte des NSG Doggerbank für die Grundschleppnetzfischerei gesperrt. Jedoch erfasst das Verbot nur den Teil der deutschen Doggerbank, der ohnehin wenig mit bodenberührenden Netzen befischt wird.
Grafik oben aus: The MPA Guide: A framework to achieve global goals for the ocean
Update: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter Beitrag
Weiterführende Informationen
- The MPA Guide: A science-based tool and framework to identify different types of MPAs and connect these types of MPAs with the outcomes they are expected to achieve.
- Keine neuen Antarktis-Schutzgebiete!
- EU-Renaturierungsgesetz in Kraft
- UN-Welttag der Meere
- UN-Vertrag zum Schutz der Hohen See
- Keine Meereswende in Deutschland!
- Die Zeitschrift „Natur und Landschaft“ beleuchtet in der Ausgabe 1/2022 den kritischen Status deutscher Meeresschutzgebiete in der Nordsee
- Immer mehr tote Robben in der Nordsee
- Deutlich weniger Seehunde im Wattenmeer
- North Atlantic Current and Evlanov Seabasin (NACES)
- Was ist OSPAR?
- Was ist die NAFO?



