Meeresschutzgebiete – Übersicht

Es besteht nicht der geringste Zweifel. Meeresschutzgebiete (Marine Protected Areas/MPAs) sind entscheidend sind für die Bewahrung der ökologischen Vielfalt der Meere. Entscheidend für die Regeneration erschöpfter Fischbestände. Entscheidend für die Eingrenzung der Folgen des Klimawandels.

Meeresschutzgebiete – Marine Protected Areas (MPAs)

Quelle: The MPA Guide: A framework to achieve global goals for the ocean

MPAs sollen die biologische Vielfalt sichern und sie vor abwendbaren Gefahren schützen. Außerdem können sie dort, wo die Artenvielfalt bereits zurückgegangen ist, dafür sorgen, dass sie sich wieder regeneriert. Doch viele existieren nur auf dem Papier.

Zudem herrscht Verwirrung über die Definition von „Schutz“ und die Erwartungen an die Wirkung von Meeresschutzgebieten. In manche MPAs ist keinerlei menschliche Nutzung zugelassen. Sie erfüllen die in sie gesteckten Erwartungen.

In anderen wiederum ist alles zugelassen. Von intensiver Fischerei bis hin zum Tiefseebergbau. Sie bleiben somit wirkungslos. Dies führt zu Kontroversen über die Wirksamkeit von Meeresschutzgebieten und untergräbt das Vertrauen in MPAs.

Außerdem gefährden wirkungslose Meeresschutzgebiete sämtliche Ziele für den Erhalt der Biodiversität, einschließlich des Übereinkommens über die biologische Vielfalt und der Agenda für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (UN).

Meeresschutzgebiete

Noch vor wenigen Jahren konnte man sich nicht vorstellen, dass das Unterziel 14.5 des UN-Nachhaltigkeitsziels 14 (Leben unter Wasser), bis 2020 zehn Prozent der Meeresfläche unter Schutz zu stellen, jemals erreicht werden könnte. Aber dann „hagelte“ es Meeresschutzgebiete. Besonders die US-Präsidenten George W. Bush und Barack Obama ließen es sich nicht nehmen, jeweils „ihr“ weltweit größtes Schutzgebiet auszurufen.

Trotz dieses präsidialen Eifers verfehlte die Weltgemeinschaft letztendlich mit ca. 7 % Unterziel 14.5. Dabei stand man kurz davor. Doch Ende Oktober 2020 konnte sich die „Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis“ (CCAMLR) nicht auf die Einrichtung dreier großer Schutzgebiete in der Antarktis einigen.

Pazifik

George W. Bush erschuf im Januar 2009 Meeresschutzgebiete, die mit einer Fläche von 500.000 km² ungefähr so groß wie Spanien sind.

Karte Pacific Remote Islands Marine National Monument.

Quelle: NOAA

Zu den von Bush eingerichteten drei Reservaten gehören neben dem Pacific Remote Islands Marine National Monument das Marianas Trench Marine National Monument (Inseln der Nördlichen Marianen) und das Rose Atoll Marine National Monument (Rose-Atoll in Amerikanisch-Samoa).

Ihm ist es zu verdanken, dass auch der 2400 km lange Marianengraben mit dem tiefsten Punkt der Erde geschützt ist.

Pacific Remote Islands Marine National Monument

Barack Obama vergrößerte das von Bush ausgerufene „Pacific Remote Islands Marine National Monument“ dann um fast das Neunfache auf 1.282.534 km². Damit war es zu dieser Zeit das weltweit größte Meeresschutzgebiet.

Kiribati – Phoenix Islands Protected Area (PIPA)

Anfang 2015 verbot die Regierung des aus einer Vielzahl von Inseln bestehenden Kleinstaates Kiribati in einem der seinerzeit größten Meeresschutzgebiete die kommerzielle Fischerei. Es handelt sich um die über 408.000 km2 umfassende Phoenix Islands Protected Area (PIPA).

Karte der Phoenix Islands Protected Area (PIPA), Kiribati.

Quelle: UNESCO

Das gesamte Schutzgebiet ist jetzt eine „No-Take-Zone“. PIPA (Phoenixinseln) ist ungefähr so groß wie Kalifornien. Sie umfasst elf Prozent der ausschließlichen Wirtschaftszone von Kiribati. Seit 2010 steht das Gebiet auf der UNESCO Welterbe-Liste.

Bis 2015 hatte Kiribati, das auf der Hälfte des Weges zwischen Hawaii und Australien in Mikronesien liegt, Fischereilizenzen verkauft. Darunter an Japan, China oder Taiwan.

Mit der neuen „No-Take-Zone“ ist ein sehr artenreiches Meeresgebiet sicher vor Fischereiaktivitäten.

Die PIPA umfasst acht Atolle und zahlreiche kleinere Koralleninseln. Ihre umfangreichen Riffe sind noch weitgehend intakt. Mehr als 120 Korallenarten, 514 Arten Rifffische sowie Raubfischarten wie Thunfische, Haie oder Makrelen wurden hier bislang identifiziert.

Außerdem suchen Meeresschildkröten die Strände der in der PIPA liegenden Inseln zur Eiablage auf. Zudem gibt es hier Delfine und große Ansammlungen von Seevögeln.

Revillagigedo-Archipel – Mexikos kleines Galapagos

Die seit 2016 zur Welterbe-Liste der UNESCO zählende Revillagigedo-Inseln vor der Westküste Mexikos gehören zu den größten Natur- und Meeresschutzgebieten von Nordamerika. Fischereiaktivitäten sind in dem aus vier unbewohnten Vulkaninseln bestehenden und sich über 420 km erstreckenden Archipel verboten „No-Take-Zone“.

Karte des Revillagigedo Archipels.

Quelle: The Pew Charitable Trusts

Das mexikanische Umweltministerium will auch den Bau von Hotels auf der Inselgruppe mit ihrer Landfläche von 157 km² unterbinden. Denn die etwa 400 Kilometer vom Badeort Cabo San Lucas (Bundesstaat Colima) an der Südspitze der Baja California entfernt liegenden Inseln (San Benedicto, Socorro, Roca Partida and Clarión) zeichnen sich durch ihren außerordentlichen Artenreichtum aus. Neben vielen bedrohten Arten leben hier auch seltene Reptilien- und Seevogelarten.

Für Wale, Delfine, Walhaie, Mantarochen sind die umliegenden Gewässer ein wichtiger Rückzugsraum. Wegen seiner Artenvielfalt bezeichnet man die Inseln auch als Mexikos kleines Galapagos. Von den 366 hier heimischen Fischarten kommen 26 nur hier vor. Sie sind endemisch.

Wie bei anderen Schutzgebieten auch, hängt der Erfolg der Schutzzone von Kontrollen und Überwachung ab. Piratenfischer scheren sich nicht um Vorschriften. Deshalb überwacht die mexikanische Marine das Gebiet.

Kermadec Ocean Sanctuary

Ende September 2015 kündigte Neuseeland die Einrichtung eines riesigen Meeresschutzgebiets an.

Karte der No-Take-Zone Kermadec Ocean Sanctuary.

Quelle: NewZealand Government, Ministry for the Environment

Das Kermadec Ocean Sanctuary umfasst eine Fläche von 620.000 km². Damit ist es größer als Frankreich. In der noch weitestgehend unberührten Region sind nun für die Meeresumwelt negative Aktivitäten verboten. Dazu zählen Fischfang (No-Take-Zone) oder die Suche nach Bodenschätzen.

In den Gewässern rund um die im südwestlichen Pazifik gelegenen, unbewohnten Kermadecinseln leben zahlreiche seltene und bedrohte Arten. Darunter mindestens 35 Delfin- und Walarten, Meeresschildkröten und Vögel.

Der im gesamten Südpazifik beheimatete Kermadec-Sturmvogel ist nach diesen Inseln benannt. Denn man kann hier ganzjährig beobachten.

Antarktis

Rossmeer: Meeresschutzgebiet mit Verfallsdatum

Im Oktober 2016 gelang gelang der Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR) ein historischer Durchbruch.

Ross Sea Marine Protected Area. Nach zähen, über fünfjährigen Verhandlungen mit 24 Staaten und der EU, entstand das derzeit größte Meereeschutzgebiet der Welt. Das auch der „letzte Ozean“ genannte und weitgehend unberührte antarktische Rossmeer.  Mit rund 1.550.000 km² umfasst es eine Fläche ungefähr viermal so groß wie Deutschland. Immerhin. Ein historischer, ein großartiger Erfolg.

Schließlich profitieren unzählige Meerestierarten davon. Darunter Wale, Adelie- und Kaiserpinguine, Weddell-Robben oder Krill. Sogar für den durch hemmungslose Tiefseelangleinenfischerei stark überfischen Schwarzen Seehecht ist Entlastung in Sicht.

Allerdings ist auf rund einem Viertel des Gebiets weiterhin Tiefseelangleinen- und Krillfischerei erlaubt. Dennoch, der größte Teil des neuen Schutzgebiets – etwa 1,12 Millionen Quadratkilometer –, bleibt als gigantische „No-Take-Zone“ tabu. Unklar ist jedoch, wer das alles überwachen wird. Und wie mit illegal operierenden Piratenfischern verfahren werden soll. So sie denn dingfest gemacht werden.

Befremdlich ist zudem, dass der Status als Meeresschutzgebiet nur für 35 Jahre gilt. Anschließend soll es neue Verhandlungen geben.

Europa

NACES im Nordostatlantik

Anfang Oktober 2021 riefen die 15 Vertragsstaaten der Oslo-Paris-Konvention (OSPAR) zusammen mit der EU ein neues Meeresschutzgebiet im Nordostatlantik aus. Das „North Atlantic Current and Evlanov Sea basin“ (NACES).

arte OSPAR-Gebiet und neues Meeresschutzgebiet im Nordostatlantik

NACES-Meeresschutzgebiet im Nordostatlantik. Quelle: OSPAR Commission

Es hat mit 600.000 km² ungefähr die Größe von Deutschland und Großbritannien zusammengenommen. NACES ist ein Biodiversitäts-Hotspot. Mehr als fünf Millionen Seevögel versammeln sich hier regelmäßig.

Doch auch zahlreiche andere Meerestierarten nutzen das Gebiet. Zusätzlich tragen 47 Seeberge mit ihrem Artenreichtum zur Bedeutung Schutzgebiets bei.

👉 Lesetipp: North Atlantic Current and Evlanov Sea basin (NACES)

Über 70 Meeresschutzgebiete auf einen Schlag

Im Anschluss an die OSPAR-Jahrestagung 2014 erklärten Schottland, Spanien und Portugal über 70 neue Meeresschutzgebiete oder kündigten sie an.

Sie sind Lebensraum für zahllose, zum Teil seltene und bedrohte Meerestierarten. Darunter Tiefseehaie, Korallengärten oder Tiefseeschwämme. Erstmals wandte man hier zusätzliche Kriterien der Roten Liste des OSPAR-Abkommens an. Dadurch gelang es, von der EU (noch) nicht geschützte Arten und Lebensräume zu erfassen.

👉 Lesetipp: Einige der neuen Schutzgebiete

Stumpfnasen-Sechskiemerhai in der Tiefsee, Pacific Remote Islands Marine National Monument.

Sechskiemerhaie sind ursprüngliche Tiefseehaie. Sie zeichnen sich durch sechs Kiemenspalten auf jeder Kopfseite aus. Damit unterscheiden sie sich von allen anderen Haien. Foto: NOAA Office of Ocean Exploration and Research, Deepwater Wonders of Wake.

Schlusslicht Deutschland

Und Deutschland? Da herrscht Fehlanzeige beim effektiven Meeresschutz. Fast alles ist in unseren Meeresschutzgebieten in Nord- und Ostsee erlaubt. Sei es eine Ölbohrinsel im UNESCO-Weltnaturerbe Nationalpark Wattenmeer. Stellnetzfischerei im Schweinswalschutzgebiet vor Sylt. Rohstoffabbau oder der Ausbau von Offshore-Windenergie. „No-Take-Zonen“ wie in Kiribati? In Deutschland nicht vorstellbar.

Das Problem hat System. Für den Meeresschutz zuständig sind ausgerechnet drei Nutzerministerien: Fischerei im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Ausbau der Offshore-Windkraft im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Rohstoffabbau bei den Bergämtern.

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) als Fachbehörde des Bundesumweltministeriums darf sich mit Stellungnahmen beteiligen. Effektiver Meeresschutz gehört unter ein Dach! Positive Beispiele dafür gibt es in den USA (NOAA) oder Australien (National Oceans Office) – und in Kiribati.

UN-Nachhaltigkeitsziel 14 – Meeresschutzgebiete

UN-Nachhaltigkeitsziel 14 Leben unter Wasser: bis 2020 sollten zehn Prozent der Meeresfläche als Meeresschutzgebiete ausgewisen sein. Laut des UN-Nachhaltigkeitsziels 14 „Leben unter Wasser“ (SDG 14) sollten im Jahr 2020 rund 10 % der Weltmeere unter Schutz stehen (Unterziel 14.5). Dies wurde mit 7 % klar verfehlt.

Bis zum Jahr 2030 sollen, laut es nach den Vorgaben der UN, dann 30 % der globalen Meeresfläche sein. Allerdings bestehen viele Meeresschutzgebiete nur auf dem Papier. Kontrollen und Mangementmaßnahmen finden dort nicht statt.

Grafik oben aus:
The MPA Guide: A framework to achieve global goals for the ocean