Zum Internationalen Tag der Meeresschutzgebiete: Deutschland hat nichts zu feiern

Logo MPA Day, Internationaler Tag der Meeresschutzgebiete.

Am 1. August ist der Internationale Tag der Meeresschutzgebiete (MPA Day). Der 2021 in Südafrika gestartete jährliche MPA Day will die Öffentlichkeit auf die Bedeutung von Meeresschutzgebieten (Marine Protected Areas) aufmerksam machen.

Meeresschutzgebiete sind entscheidend für den Erhalt der Artenvielfalt (Biodiversität) in den Ozeanen, für die Regeneration erschöpfter Fischbestände, für die Dämpfung der Folgen der Klimakrise und zur Sicherung der Nahrungsversorgung von Milliarden Menschen besonders im Globalen Süden.

Laut aktuellen Daten des Marine Protection Atlas sind weltweit ca. 9,8 % aller marinen Lebensräume als Meeresschutzgebiete ausgewiesen. Jedoch sind davon lediglich 3,5 % vollständig (fully protected) oder stark geschützt (highly protected).

Kernaussagen

  • Am 1. August wird der Internationale Tag der Meeresschutzgebiete (MPA Day) gefeiert, um auf deren Bedeutung aufmerksam zu machen.
  • Weltweit sind nur 9,8 % der marinen Lebensräume als Meeresschutzgebiete ausgewiesen, davon lediglich 3,5 % stark geschützt.
  • In Deutschland findet nach wie vor Grundschleppnetzfischerei in Meeresschutzgebieten statt. Sie geht einher mit katastrophalen Auswirkungen auf die Meereswelt und massiven Klimaschäden.
  • Deutsche Meeresschutzgebiete schützen (fast) nichts.
  • Die Deutsche Stiftung Meeresschutz fordert eine Ausweitung von fischereifreien Zonen in Meeresschutzgebieten auf mindestens 50 %, damit diese effektiv sein können.
  • Bottom-up-Initiativen sind entscheidend, um lokale Gemeinschaften in den Meeresschutz einzubeziehen und nachhaltige Nutzung zu fördern.

In deutschen Meeresschutzgebieten dürfen nach wie vor Grundschleppnetze eingesetzt werden

„Deutschland hat anlässlich des Internationalen Tags der Meeresschutzgebiete keinen Grund zum Feiern“, erklärt der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz. „Im Gegenteil. Es ist unfassbar, dass ausgerechnet im Nationalpark und UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer Krabbenfischer nach wie vor mit Grundschleppnetzen fischen dürfen. Und nicht nur dort.“

Fischen mit Grundschleppnetzen in Meeresschutzgebieten.
© OCEANA Juan Carlos Calvin

Aktuell finden Verhandlungen um eine von der EU geforderte Ausweitung von fischereifreien Zonen im niedersächsischen Küstenmeer statt. Derzeit sind lediglich rund 3 % der Gesamtfläche des niedersächsischen Teils des Nationalparks Wattenmeer komplett nutzungs- und fischereifrei. Die EU-Biodiversitätsstrategie verlangt jedoch einen Anteil von 10 % an streng geschützten, fischereifreien Gebieten.

„Auch 10 Prozent sind noch zu wenig für ein wirksames Meeresschutzgebiet. Auf mindestens 50 % der Fläche sollte es keinerlei Fischerei geben. Im übrigen Teil sollten nur nachhaltige Nutzungen erlaubt sein wie Pole-and-Line-Fischerei (Handangeln)“, fordert Karlowski anlässlich des Internationalen Tags der Meeresschutzgebiete.

Deutsche Meeresschutzgebiete schützen nichts

In deutschen Meeresschutzgebieten in den Küstenmeeren (12-Meilen-Zone), die in die Zuständigkeit der Bundesländer fallen, oder in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ/200-Seemeilen-Zone), für die der Bund zuständig ist, gibt es kaum nutzungsfreie Zonen.

Eine 2024 veröffentlichte Auswertung von Fischereidaten (Satelliten-Tracking-Daten von Fischerereifahrzeugen) durch die Organisation Global Fishing Watch zeigte, das fünf deutsche Meeresschutzgebiete in der AWZ und im Küstenmeer zu den Top 10 der am stärksten in EU-Gewässern mit Grundschleppnetzen befischten Gebieten zählen. Auf Platz 1 lag dabei ausgerechnet der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer mit über 730.000 Stunden!1

Doch auch andere Nutzungen sind gang und gäbe.

  • Stellnetzfischerei
  • Sand- und Kiesabbau
  • Sprengung von Munitionsaltlasten
  • weitgehend unregulierter Schiffs- und Bootsverkehr
  • Seemanöver mit Schießübungen und Einsatz von Spezialsonaren zum Aufspüren von U-Booten
  • Bau von Offshore-Windkraftanlagen in unmittelbarer Nähe zu MPAs
  • Bau fossiler Infrastruktur wie die neuen Erdgasbohrungen vor Borkum
  • Unterseekabel wie Offshore-Windenergie-Netzanbindungskabel oder Datenkabel mit entsprechenden Kabelanlandestationen
  • Betrieb der Ölförderplattform Mittelplate in der Kernzone 1 des Nationalparks Wattenmeer (strengster Schutzstatus) inklusive einer zum Festland reichenden Pipeline
Zum Internationalen Tag der Meeresschutzgebiete (MPA Day): Was sind Paper Parks?

Auch im Mittelmeer sind Meeresschutzgebiete weitgehend wirkungslos

Meeresschutzgebiete (MPAs) werden in vier Level von streng bis minimal geschützt kategorisiert. Nach einer Studie aus dem Jahr 2020 sind nur 0,23 Prozent des Mittelmeers durch Meeresschutzgebiete so stark geschützt (fully protected und highly protected), dass sie positive Effekte für die marine Artenvielfalt bewirken.

Grafik: Übersicht Meeresschutzgebiete im Mittelmeer und ihr jeweiliger Schutzstatus.
© Underprotected Marine Protected Areas in a Global Biodiversity Hotspot,
https://doi.org/10.1016/j.oneear.2020.03.008

Alle anderen sind sogenannte „Paper Parks“. Hier besteht kein Unterschied im Ausmaß der Nutzung durch Fischerei, Schifffahrt oder Rohstoffförderung wie außerhalb des Schutzgebietes.2

Zum Internationalen Tag der Meeresschutzgebiete: Meeresschutzgebiete neu denken

Die Deutsche Stiftung Meeresschutz unterstützt die Einrichtung von wirksamen Meeresschutzgebieten (MPAs) oder spezieller Schutzzonen wie IMMAs (Important Marine Mammal Areas). Vorrangig allerdings setzt man dabei auf Bottom-up-Initiativen, die sich als LMMA (Locally Managed Marine Area) oder in lokalen Schutzkonzepten für ISRAs (Important Shark and Ray Areas) manifestieren.

Lokation des etwa fünf Hektar großen LMMA-Meeresschutzgebiets im Norden von Malapascua.

Lokale Fischer halfen bei der Kartierung einer geplanten LMMA vor der Insel Malapascua, Philippinen. Diese Form der Teilhabe unterstreicht das gestiegene Verständnis der Menschen für die Bedeutung von Meeresschutzgebieten und ihren ökologischen und sozioökonomischen Nutzen.

„Der gemeinsame Nenner dieser Bottom-up-Meeresschutzinitiativen ist, dass lokale Küstengemeinden unmittelbar in alle Maßnahmen eingebunden sind und daran teilhaben. Zudem werden für die Menschen nachhaltige Nutzungszonen in Kombination mit Schutzzonen etabliert“, erklärt Ulrich Karlowski. „Im Idealfall kommt die Initiative für die Einrichtung einer LMMA von Nutzergruppen wie Fischern. Diese wissen den mit der Einrichtung von Schutzgebieten verbundenen SpiIl-over-Effekt zu schätzen, der ihnen bereits nach wenigen Jahren höhere Fangerträge beschert.“

Leider funktioniert Meeresschutz in Deutschland ausschließlich nach dem Top-down-Prinzip. „Wenn die Bevölkerung nicht von Anfang an gleichberechtigt in die Planungen eingebunden ist und zu wenig oder keine Teilhabe hat, sind Konflikte vorprogrammiert. Wie bei der gescheiterten Einrichtung des Ostsee-Nationalparks in Schleswig-Holstein“, verdeutlicht Karlowski.

Was ist der Spill-over-Effekt von Meeresschutzgebieten

In streng geschützten Meeresschutzgebieten mit sogenannten No-Take-Zonen, also ohne Fischerei (fully protected), erholen sich die degradierten Bestände in der Regel innerhalb weniger Jahre. Gleichzeitig verbessert sich die Resilienz der Bestände. Es gibt wesentlich mehr und größere Exemplare.

Mit der Zeit wandern ausgewachsene Tiere und Jungtiere über die Grenzen der No-take-Zone hinaus in die befischten Randzonen. Fischer profitieren so vom Spill-over aus dem Schutzgebiet. Sie fangen mehr und oft auch wieder größere Fische und können so ihren Fangertrag steigern.

Was ist eine Locally Managed Marine Area (LMMA)?

Eine Locally Managed Marine Area (LMMA) ist ein Küsten- oder Meeresgebiet, das hauptsächlich von den lokalen Gemeinschaften, Landbesitzern, Partnerorganisationen und/oder kooperierenden Regierungsvertretern verwaltet wird. Diese Gebiete fördern nachhaltige Ressourcennutzung und den Schutz der marinen Umwelt durch lokale Beteiligung und traditionelle Praktiken.

Was ist eine Important Marine Mammal Area (IMMA)?

Important Marine Mammal Areas (IMMA) sind durch wissenschaftliche Daten abgesicherte, räumlich definierte Lebensräume von Meeressäugetieren (Wale, Delfine, Robben, Seekühe und Eisbären). IMMA-Gebiete haben entscheidende Ökosystemfunktionen für das Überleben der Meeressäuger.

IMMAs werden durch Expertenprozesse auf der Grundlage wissenschaftlicher Kriterien, unabhängig von politisch-ökonomischen Interessen festgelegt. Ihr Zweck ist es, durch Schutzmaßnahmen oder Überwachung den Erhaltungszustand der in dem Gebiet lebenden Arten sicherzustellen und zu verbessern.

Etwa 76 % der bislang anerkannten IMMAs wurden aufgrund ihrer Bedeutung für gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Arten identifiziert.

Die Fischerei neu denken: eine Vision für eine faire und umweltschonende Fischerei in Europa vom Bündnis „Rethink Fisheries“.

Die Fischerei neu denken – eine Vision für eine faire und umweltschonende Fischerei in Europa von „Rethink Fisheries“.

Positionspapier zum End of fish day 2026: Fischkonsumwende und Transparenz in Fischlieferketten.

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  1. Vollständiger Bericht „A quantification of bottom towed fishing activity in marine Natura 2000 sites“ by The Marine Conservation Society ↩︎
  2. Claudet, J., Loiseau, C., Sostres, M., & Zupan, M. (2020). Underprotected Marine Protected Areas in a Global Biodiversity Hotspot. One Earth, 2(4), 380-384, https://doi.org/10.1016/j.oneear.2020.03.008 ↩︎

Titelfoto: Schild Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, © U. Karlowski/DSM


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