Abbau von Manganknollen: Wissenschaftler warnen vor Radioaktivität

Wenige Tage vor der 31. Sitzung der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA), die vom 13. bis 31. Juli 2026 in Kingston, Jamaika, stattfinden wird, veröffentlichte die Deep Sea Mining Campaign (DSMC) eine wissenschaftliche Studie zur Freisetzung natürlich vorkommender Radioaktivität beim Tiefseebergbau. Insbesondere die äußeren Schichten von Manganknollen, die beim Abbau beschädigt werden, sind mit radioaktiven Alphateilchen angereichert. Es ist eine der wenigen Studien zu potenziellen Gefahren der Strahlungstoxizität bei der Gewinnung mineralischer Tiefsee-Rohstoffe.

Der Bericht „Critical Questions about the Risks of Radiation Toxicity from Deep Sea Mining“ beleuchtet ökologische Risiken und Auswirkungen durch radioaktive Isotope, die beim Abbau von Manganknollen oder Massivsulfiden (mineralische metallhaltige Schwefelverbindungen) am Meeresboden freigesetzt werden.

Kernaussagen

  • Die Deep Sea Mining Campaign veröffentlichte eine Studie zur Freisetzung von radioaktiven Teilchen, die beim Abbau von Manganknollen freigesetzt werden.
  • Experimente zeigen die langfristigen ökologischen Auswirkungen des Tiefseebergbaus auf Meereslebewesen, speziell auf filtrierende Organismen.
  • Der Tiefseebergbau führt zu einem signifikanten Verlust von Arten, wobei nach 26 Jahren immer noch 80 Prozent der betroffenen Arten fehlen.
  • Gemeinsam mit unseren Partnern fordern wir ein globales Tiefseebergbauverbot.
Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee.
Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee.
Quelle: „Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean“

Wissenschaftler warnen vor gravierenden Umweltauswirkungen beim Abbau von Manganknollen

Eine der wenigen Studien zur natürlichen Radioaktivität von Manganknollen veröffentlichte das Alfred-Wegener-Institut im Mai 2023. Darin warnten die Wissenschaftler vor Gesundheitsrisiken für Menschen beim Umgang mit Manganknollen. So überschreitet etwa die Aktivität von Radium-226 in den untersuchten Knollen einen in der deutschen Strahlenschutzverordnung festgelegten Grenzwert teilweise um das Hundert- bis Tausendfache.1

Zusätzlich zur Freisetzung radioaktiver Isotope ist beim Abbau von Manganknollen auch mit der Freisetzung von toxischen Schwermetallen zu rechnen. „Wir wissen nicht, wie hoch die marine Ökotoxizität dieser giftigen Kombination sein wird“, schreibt Dr. Helen Rosenbaum, Forschungskoordinatorin der Deep Sea Mining Campaign, und Hauptautorin der neuen DSMC-Studie.

Manganknolle aus dem Untersuchungsgebiet im Pazifik.

Manganknollen sind kartoffelgroß und reich an Mangan, Nickel, Kobalt und anderen Metallen. Diese will man für Batterien von Elektrofahrzeugen und Technologien für erneuerbare Energien ausbeuten.

© Senckenberg/Lins

Umfassende Studie über Umweltauswirkungen

Eine im Mai 2020 veröffentlichte Studie, in der Experten über 250 wissenschaftliche Publikationen zu wahrscheinlichen Umweltauswirkungen des Abbaus von Manganknollen (polymetallic nodules) überprüften, kommt zu einem eindeutigen Fazit. Die kommerzielle Ausbeutung von Manganknollenfeldern hätte irreversible Artenverluste und irreversible Schädigungen der Ökosysteme zur Folge.2

Experten werteten über 250 wissenschaftliche Publikationen zu Umweltauswirkungen des Abbaus von Manganknollen in der Tiefsee aus.

Unsere Studie zeigt, dass der Abbau von Manganknollen nicht nur zu einem irreversiblen Verlust von Arten und Ökosystemen führen würde. Auch die versprochenen sozialen und wirtschaftlichen Gewinne für die pazifischen Inselstaaten sind fragwürdig. Bergbauunternehmen wie DeepGreen Metals erklären, dass sie für großen Reichtum mit minimalen oder gar keinen negativen Auswirkungen sorgen werden. Die Wissenschaft unterstützt diese Behauptungen nicht! Dabei ist der Einsatz extrem hoch. Fischerei, Inselkulturen, Lebensgrundlagen, Ernährungssicherheit, Tourismus und einzigartige Meereslebewesen sind in Gefahr.
Dr. Helen Rosenbaum, Deep Sea Mining Campaign

Massive Artenverluste beim Abbau von Manganknollen

Gemeinsam mit einem internationalen Team simulierten Wissenschaftler mit dem DISCOL-Experiment die Folgen des Tiefseebergbaus auf bodenlebende Organismen. Der Beginn der Versuchsreihe reicht bis ins Jahr 1989 zurück. Dabei pflügte man etwa 22 Prozent eines 10,8 Quadratkilometer großen manganknollenreichen Gebietes im südöstlichen Pazifik mit schwerem Gerät um. Anschließend wurde das Areal einen Monat, sechs Monate, drei Jahre, sieben Jahre und 26 Jahre auf Veränderungen in der Artenvielfalt untersucht.3

Nach 26 Jahren ist immer noch ein erheblicher Artenverlust vorhanden. Betroffen sind insbesondere filtrierende Tiere und andere bodenlebende Organismen. Sogar nach fast drei Jahrzehnten bleiben knapp 80 Prozent dieser Arten verschwunden.

Ein schwimmendes Kopfloses Hühnermonster.

Am wenigsten gelitten unter dem Abbau der Manganknollen hatten auf dem Meeresboden fressende Organismen wie das Kopflose Hühnermonster, eine Tiefsee-Seegurke, die schwimmen kann. Bei ihnen maßen die Forschenden einen Verlust von 2,6 Prozent.

  1. Jessica B. Volz, Walter Geibert, Dennis Köhler, Michiel M. Rutgers van der Loeff and Sabine Kasten. Alpha radiation from polymetallic nodules and potential health risks from deep-sea mining. Sci Rep 13, 7985 (2023). doi.org/10.1038/s41598-023-33971-w ↩︎
  2. Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean (Studie auf Initiative von Deep Sea Mining Campaign und MiningWatch Canada) ↩︎
  3. Stratmann, T., Lins, L., Purser, A., Marcon, Y., Rodrigues, C. F., Ravara, A., Cunha, M. R., Simon-Lledó, E., Jones, D. O. B., Sweetman, A. K., Köser, K., and van Oevelen, D.: Abyssal plain faunal carbon flows remain depressed 26 years after a simulated deep-sea mining disturbance, Biogeosciences, 15, 4131–4145, https://doi.org/10.5194/bg-15-4131-2018, 2018. ↩︎

Titelfoto:
Greifarm des ROV KIEL 6000 mit einer Manganknolle, auf der eine Koralle wächst. Das Foto wurde mit den Kameras des ROV während der Expedition SO268 am Meeresboden der Clarion Clipperton Zone (CCZ) erstellt. Die Expedition war Teil des Projekts JPIO MiningImpact. Es untersucht den Einfluss, den ein potenzieller Manganknollen-Abbau in der Tiefsee auf dortige Ökosysteme hätte. © ROV Team/GEOMAR (CC-BY 4.0)


Wir setzen uns gemeinsam mit unseren Partnern von der Deep Sea Conservation Coalition (DSCC) und Seas At Risk (SAR) für ein Verbot des Abbaus von mineralischen Bodenschätzen in der Tiefsee ein.

Logo der Deep Sea Conservation Coalition (DSCC).
Internationale Koalition aus über 140 Nichtregierungsorganisationen, Fischereiorganisationen sowie Rechts- und Politikinstituten zum Schutz von Tiefsee-Ökosystemen.
Logo Seas At Risk
Zusammenschluss europäischer Umweltorganisationen, die sich gemeinsam dafür einsetzen, dass das Leben in den Ozeanen reichhaltig und vielfältig ist, dem Klima standhält und nicht durch menschliche Aktivitäten bedroht wird.

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