Schatz der Tiefsee: eine Korallenart, die auf Manganknollen lebt

Ein internationales Forschungsteam findet erstmals eine ausschließlich auf Manganknollen lebende Steinkorallenart. In völliger Dunkelheit. In bis zu 4.700 m Tiefe. Eine Sensation. Die neue Tiefseekorallenart erhielt den Namen (Deltocyathus zoemetallicus). Ihr wissenschaftlicher Name ist eine Anspielung auf ihr Aussehen und den ungewöhnlichen Lebensraum: Dreieckiger Becher, der auf Metall lebt. Denn Manganknollen (polymetallic nodules) sind mineralienreiche Gesteinsbrocken, die weltweit im Fokus der Tiefseebergbau-Industrie stehen. Erstmals beschrieben wurde Deltocyathus zoemetallicus im November 2025 im wissenschaftlichen Fachjournal „Zoological Journal of the Linnean Society“.1

Kernaussagen

  • Ein internationales Forschungsteam entdeckte eine auf Manganknollen in über 4.000 m Tiefe siedelnde Steinkorallenart.
  • Die neue Korallenart ist durch den geplanten Tiefseebergbau gefährdet, bevor man überhaupt ihre ökologische Rolle verstanden hat.
  • Manganknollen sind mineralienreiche Gesteinsbrocken, die unter anderem zur Rohstoffgewinnung für Batterien von Elektrofahrzeugen abgebaut werden sollen.
  • Eine Studie bestätigt massive Artenverluste durch den Abbau von Manganknollen und irreversible Schäden an Ökosystemen.
  • Schutzmaßnahmen sind dringend erforderlich, um die einzigartige Tiefseeökologie zu bewahren.

Kleine Koralle in großer Gefahr

Die Forschenden fanden trotz erheblichem Suchaufwand nur 11 Exemplare der kleinen Tiefseekorallen in der sogenannten Clarion-Clipperton-Zone (CCZ). Die CCZ ist ein riesiges Meeresgebiet zwischen Hawaii und Mexiko von etwa 6 Millionen km2. Hier liegen in Tiefen von etwa 4.000 m im Osten und bis zu mehr als 5.000 m im Westen die weltweit größten bekannten Vorkommen von Manganknollen am Meeresboden.

Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee.
Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee.
Quelle: „Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean“
Manganknolle aus dem Untersuchungsgebiet im Pazifik.

Manganknollen sind kartoffelgroß und reich an Mangan, Nickel, Kobalt und anderen Metallen. Diese will man für Batterien von Elektrofahrzeugen und Technologien für erneuerbare Energien ausbeuten.
© Senckenberg/Lins

Das Forschungsteam unter Leitung der Senckenberg-Wissenschaftlerin Dr. Nadia Santodomingo und Dr. Guadalupe Bribiesca-Contreras (National Oceanography Centre/NOC) warnt eindringlich: Die neu entdeckte Art könnte durch den Tiefseebergbau ihren einzigen bekannten Lebensraum verlieren – möglicherweise, bevor wir ihre ökologische Rolle vollständig verstehen.

Gerade erst entdeckt, kurz darauf ausgelöscht?

Die nur bis zu 8 mm großen Deltocyathus zoemetallicus leben in völliger Dunkelheit. Folglich haben sie, im Gegensatz zu Flachwasserkorallen mit ihren symbiotischen Algen (Zooxanthellen), die die Korallenpolypen per Fotosynthese mit Nährstoffen versorgen, keine Algenpartner. Sie ernähren sich vom Meerschnee. Also von nährstoffhaltigen Partikeln, die von der Wasseroberfläche in der Wassersäule bis zum Meeresboden langsam bis in die Tiefsee und zu den Feldern mit Manganknollen „herabschneien“.

„Diese winzige Koralle ist ein verborgener Schatz der Tiefsee“, betont Nadia Santodomingo. „Sie lebt direkt auf den Knollen, die für die Industrie abgebaut werden sollen. Wenn diese Knollen entfernt werden, riskieren wir die Auslöschung einer ganzen Art, die wir gerade erst entdeckt haben.“

Überlebenskünstler auf Manganknollen

Steinkorallen (Scleractinia) bilden harte Skelette aus Kalziumkarbonat. Während die meisten Menschen diese faszinierenden Meerestiere mit flachen tropischen Riffen verbinden, gibt es auch viele Tiefseearten.

Deltocyathus zoemetallicus ist die erste hartschalige Koralle, die direkt auf Manganknollen in der Tiefsee lebt. Ihr Lebensraum ist unmittelbar vom Tiefseebergbau bedroht.
© Bribiesca-Contreras et al, 2025

Dabei ist die neue Korallenart ein besonderer Überlebenskünstler. Denn sie kann in der sogenannten Carbonat-Kompensationstiefe überleben. Dort beginnt sich Kalziumkarbonat aufzulösen. Eigentlich. Doch diese kleinen Tiefseekorallen bringen es fertig, auf ihren Manganknollen haftend, ihre harten Kalziumkarbonat-Skelette auch unter solchen extremen Bedingungen zu erhalten.

Doch Deltocyathus zoemetallicus hat noch mehr zu bieten. Die meisten ihrer Verwandten in der Gattung Deltocyathus leben frei oder liegen locker auf dem Sediment.

Lediglich die atlantischen Deltocyathus halianthus sowie Deltocyathus zoemetallicus haften an harten Substraten. Wobei D. zoemetallicus die bislang einzige bekannte Steinkoralle ist, die auf Manganknollen lebt.

Auch findet man diese in allen Ozeanen, außer in der Arktis und in der Antarktis, heimischen Steinkorallen normalerweise nur in Tiefen zwischen 200 und 1.000 m.

Eine einzigartige ökologische Beziehung

Die Besiedlung von Manganknollen durch die kleinen Steinkorallen markiert eine einzigartige ökologische Beziehung. Zum ersten Mal wurde dies für eine Tiefsee-Steinkoralle dokumentiert. Da die Knollen nur wenige Millimeter pro Million Jahre wachsen, würde ihre „Ernte“ beim Tiefseebergbau nicht nur den Lebensraum der Koralle zerstören, sondern auch jede Möglichkeit zur Wiederbesiedlung verhindern.

„Der Schutz dieser Lebensräume bedeutet nicht nur, eine Koralle zu bewahren“, ergänzt Santodomingo. „Es geht darum, eine ganze Welt von Tiefseeleben zu erhalten, die verschwinden könnte, bevor wir überhaupt wissen, dass sie existiert.“


Manganknollen haben eine hohe natürliche Radioaktivität

Mit einer im Mai 2023 veröffentlichten Studie warnte das Alfred-Wegener-Institut vor Gesundheitsrisiken beim Umgang mit Manganknollen aus der Tiefsee, weil diese eine hohe natürliche Radioaktivität besitzen. So überschreitet etwa die Aktivität von Radium-226 in den untersuchten Knollen einen in der deutschen Strahlenschutzverordnung festgelegten Grenzwert teilweise um das Hundert- bis Tausendfache.2

Wissenschaftler warnen vor dem Abbau von Manganknollen

Experten werteten über 250 wissenschaftliche Publikationen zu Umweltauswirkungen des Abbaus von Manganknollen in der Tiefsee aus.

Auf Initiative der Deep Sea Mining Campaign, MiningWatch Canada und Ozeanien-Dialog überprüften Experten über 250 wissenschaftliche Publikationen zu Umweltauswirkungen des Abbaus von Manganknollen (polymetallic nodules) in der Tiefsee.

Im Mai 2020 veröffentlichten sie die daraus erarbeitete Studie „Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean“.

Das Fazit könnte eindeutiger nicht sein: Die kommerzielle Ausbeutung von Manganknollenfeldern hätte irreversible Artenverluste und irreversible Schädigungen der Ökosysteme zur Folge.

Unsere Studie zeigt, dass der Abbau von Manganknollen nicht nur zu einem irreversiblen Verlust von Arten und Ökosystemen führen würde. Auch die versprochenen sozialen und wirtschaftlichen Gewinne für die pazifischen Inselstaaten sind fragwürdig. Bergbauunternehmen wie DeepGreen Metals erklären, dass sie für großen Reichtum mit minimalen oder gar keinen negativen Auswirkungen sorgen werden. Die Wissenschaft unterstützt diese Behauptungen nicht! Dabei ist der Einsatz extrem hoch. Fischerei, Inselkulturen, Lebensgrundlagen, Ernährungssicherheit, Tourismus und einzigartige Meereslebewesen sind in Gefahr.
Dr. Helen Rosenbaum, Deep Sea Mining Campaign

Massive Artenverluste beim Abbau von Manganknollen

Greifarm des des ROV KIEL 6000 mit einer Manganknolle, auf der eine Koralle wächst.
Greifarm des ROV KIEL 6000 mit einer Manganknolle, auf der eine Weichkoralle wächst. Das Foto wurde mit den Kameras des ROV während der Expedition SO268 am Meeresboden der Clarion Clipperton Zone (CCZ) erstellt.
© ROV Team/GEOMAR (CC-BY 4.0)

Gemeinsam mit einem internationalen Team simulierten Senckenberg-Wissenschaftlerinnen die Folgen des Tiefseebergbaus auf bodenlebende Organismen.3

Der Beginn der Versuchsreihe des DISCOL-Experiments reicht bis ins Jahr 1989 zurück. Dabei pflügte man etwa 22 Prozent eines 10,8 Quadratkilometer großen manganknollenreichen Gebietes im südöstlichen Pazifik mit schwerem Gerät um. Anschließend wurde das Areal einen Monat, sechs Monate, drei Jahre, sieben Jahre und 26 Jahre auf Veränderungen in der Artenvielfalt untersucht.

Demnach ist auch nach 26 Jahren ein erheblicher Artenverlust vorhanden. Betroffen sind insbesondere filtrierende Tiere und andere bodenlebende Organismen. Auch nach fast drei Jahrzehnten bleiben knapp 80 Prozent dieser Arten verschwunden.

Am wenigsten betroffen waren vom Abbau der Manganknollen auf dem Meeresboden fressende Organismen. Bei ihnen maßen die Forschenden einen Verlust von 2,6 Prozent.

Forscher untersuchen die Folgen des Abbaus von Manganknollen in der Tiefsee.

Profiler und Aquapix-Kamera am Meeresboden zwischen Manganknollen, © ROV Team/GEOMAR (CC-BY 4.0)

  1. Guadalupe Bribiesca-Contreras, Nadia Santodomingo et al., Hidden gems of the abyss: first species of azooxanthellate scleractinian coral (Scleractinia: Deltocyathidae) attached to polymetallic nodules in the eastern Pacific Ocean, Zoological Journal of the Linnean Society, Volume 205, Issue 3, November 2025
    https://doi.org/10.1093/zoolinnean/zlaf146 ↩︎
  2. Jessica B. Volz, Walter Geibert, Dennis Köhler, Michiel M. Rutgers van der Loeff and Sabine Kasten. Alpha radiation from polymetallic nodules and potential health risks from deep-sea mining. Sci Rep 13, 7985 (2023). doi.org/10.1038/s41598-023-33971-w ↩︎
  3. Stratmann, T., Lins, L., Purser, A., Marcon, Y., Rodrigues, C. F., Ravara, A., Cunha, M. R., Simon-Lledó, E., Jones, D. O. B., Sweetman, A. K., Köser, K., and van Oevelen, D.: Abyssal plain faunal carbon flows remain depressed 26 years after a simulated deep-sea mining disturbance, Biogeosciences, 15, 4131–4145, https://doi.org/10.5194/bg-15-4131-2018, 2018. ↩︎

Titelfoto:
Die neu entdeckte Tiefseekoralle (Deltocyathus zoemetallicus) siedelt auf Manganknollen in mehr als 4.000 m Tiefe in der Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) des Pazifischen Ozeans, © Bribiesca-Contreras et al, 2025

Titelfoto:
Greifarm des ROV KIEL 6000 mit einer Manganknolle, auf der eine Koralle wächst. Das Foto wurde mit den Kameras des ROV während der Expedition SO268 am Meeresboden der Clarion Clipperton Zone (CCZ) erstellt. Die Expedition war Teil des Projekts JPIO MiningImpact. Es untersucht den Einfluss, den ein potenzieller Manganknollen-Abbau in der Tiefsee auf dortige Ökosysteme hätte. © ROV Team/GEOMAR (CC-BY 4.0)


Wir setzen uns gemeinsam mit unseren Partnern von der Deep Sea Conservation Coalition (DSCC) und Seas At Risk (SAR) für ein Verbot des Abbaus von mineralischen Bodenschätzen in der Tiefsee ein.

Logo der Deep Sea Conservation Coalition (DSCC).
Internationale Koalition aus über 140 Nichtregierungsorganisationen, Fischereiorganisationen sowie Rechts- und Politikinstituten zum Schutz von Tiefsee-Ökosystemen.
Logo Seas At Risk
Zusammenschluss europäischer Umweltorganisationen, die sich gemeinsam dafür einsetzen, dass das Leben in den Ozeanen reichhaltig und vielfältig ist, dem Klima standhält und nicht durch menschliche Aktivitäten bedroht wird.

Weiterführende Informationen

Geht es nach Plänen der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority/ISA), dann könnte es in weiten Teilen der Tiefsee bald aussehen wie im Braunkohlentagebau Garzweiler II. Denn die ISA erteilte bereits 30 Explorationslizenzen für Millionen Quadratkilometer Meeresboden. Sie liegen im Indischen, Atlantischen und Pazifischen Ozean. Nun drängen Investoren darauf, die Verhandlungen rasch zum Abschluss zu bringen. Sie wollen Manganknollen und andere Tiefseebodenschätze abbauen.