Rohstoffe in der Tiefsee: Europa am Scheideweg

Die EU soll in ihren Gewässern den Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee verbieten und sich weltweit für ein Moratorium einsetzen. Dies fordert der europäische Meeresschutz-Dachverband „Seas At Risk“, dem auch wir angehören, mit seinem neuen, umfassenden Report „At a crossroads: Europe’s role in deep sea mining“. Auf 88 Seiten analysieren die Autoren die Rolle der EU, ihrer Mitgliedstaaten, des Vereinigten Königreichs und Norwegens bei der Ausbeutung von Meeresbodenschätzen. Außerdem soll sich die EU verbindliche Ziele zur Reduzierung des „Material Footprints“ (Ökologischer Rucksack*) setzen. Denn nur so ließe sich auch der Primärverbrauch von im Zuge der Umstellung auf E-Mobilität stark nachgefragten Rohstoffen (Lithium, Nickel oder Kobalt) drastisch reduzieren.

Was macht Deutschland in der Tiefsee?

Manganknolle aus der Tiefsee.

Manganknolle vom Meeresgrund – Foto: Velizar Gordeev

Derzeit hält Deutschland zwei Explorationsverträge. Einen im Pazifik und einen im Indischen Ozean. Außerdem war Tiefseeabbau auch Bestandteil des Koalitionsvertrags von 2018. Damit wollte man Versorgungssicherheit für die Industrie mit seltenen Rohstoffen gewährleisten.

Immerhin drängt Deutschland bei der für die Vergabe von Abbaulizenzen zuständigen Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority/ISA) [1] auf die Einhaltung strenger Umweltvorschriften und verbindlicher regionaler Umweltmanagementpläne.

Protest gegen Tiefseebergbau von Kiwis Against Seabed Mining, Neuseeland.

Protest gegen den Tiefseebergbau von Kiwis Against Seabed Mining, Neuseeland

Demgegenüber hat sich ein breites Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen in Deutschland und im Pazifik formiert. Sie fordern ein Verbot des Abbaus von Rohstoffen in der Tiefsee.

Das Rennen um die Ausbeutung am Meeresgrund bremsen

Mit ihrem Report wollen die Umweltschützer den Druck auf die EU und die europäischen Länder verstärken. Ziel ist es, das Rennen um die Ausbeutung von Bodenschätzen am Meeresgrund zu verlangsamen.

Denn ungeachtet deutlicher Warnungen von Wissenschaftlern ließ die ISA ein Gebiet von der Größe Frankreichs, Deutschlands und Großbritanniens zusammen für die Exploration im Pazifik, im Indischen Ozean und im Atlantischen Ozean zu.

Bedroht vom Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee: Oktopus. Noch verhallen Warnungen vor dem damit verbundenen irreversiblen Verlust von Artenvielfalt in einem der fragilsten Ökosysteme der Welt.

Rohstoffe in der Tiefsee: Europa am Scheideweg

Mehrere europäische Länder sind maßgeblich am Rennen um die Ausbeutung von Meeres-Mineralienlagerstätten beteiligt. Das belgische Unternehmen Global Sea Mineral Resources führt sogar bereits erste Tests im pazifischen Raum durch.

Daher ist die Liste der europäischen Länder, die Explorationsaufträge in internationalen Gewässern sponsern oder halten, lang. Beteiligt sind Belgien, Bulgarien, die Tschechische Republik, die Slowakei, Polen, Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich. Andere wiederum, wie Spanien, Portugal oder Norwegen, haben Interesse bekundet.

„Die EU steht jetzt am Scheideweg“, sagt Ann Dom, Senior Policy Advisor bei Seas At Risk. „Als Hauptakteur in diesem Wettlauf kann sie sich dafür entscheiden, den Schutz des Lebens in der Tiefsee zu stärken, anstatt es zu zerstören. Sie sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Dazu gehört, ein Verbot des Bergbaus in ihren Hoheitsgewässern. Außerdem muss sie auf ein globales Moratorium in internationalen Gewässern drängen.“

Millionen für die Ausbeutung – keine Mittel für Schutz und Forschung

Bedroht durch den Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee: Seestern Der Bericht deckt auch auf, dass seitens der EU bereits Millionen Euro ausgegeben wurden, um neue Bergbautechnologien zu entwickeln und ihre Auswirkungen zu untersuchen. Dagegen sind weit weniger Ressourcen für die Erforschung von Ökosystemen ab 200 m Tiefe vorhanden. Und dass, obwohl diese zu den am wenigsten bekannten Regionen des Planeten gehören.

Rohstoffe in der Tiefsee: Zehn Schritte für den Schutz unbekannter Welten

Schließlich zeigt der Bericht in zehn Schritten auf, wie Europa den Tiefseeschutz voranbringen könnte. Zusätzlich schlägt er verbindliche Ziele für die Verringerung des materiellen Fußabdrucks der EU vor. Letzteres hatte das Europäische Parlament gefordert.
Der Griff nach den Rohstoffen in der Tiefsee: Seas at Risk Report „At a crossroads: Europe’s role in deep sea mining“

Erste Schritte in Richtung eines Moratoriums?

Nach mehr als einem Jahrzehnt stiller Teilnahme an den Verhandlungen der ISA scheint bei der EU ein Umdenken einzusetzen. Doch auf Ersuchen von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen soll die „Blue Growth Strategy“ (Strategie für blaues Wachstum) – die den Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee als einen der wichtigsten EU-Wirtschaftssektoren fördert – noch in diesem Jahr in die „Sustainable Blue Economy Strategy“ (Strategie für nachhaltige Meereswirtschaft) umgestaltet werden.

👉 Download  „At a crossroads: Europe’s role in deep sea mining

 


ANMERKUNGEN:

[1] Die International Seabed Authority ist die vom UNCLOS (Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen) beauftragte Behörde, die für die Regulierung aller mineralbezogenen Aktivitäten auf hoher See zuständig ist.

* Was ist der ökologische Rucksack?
Der ökologische Rucksack drückt das Gewicht aller natürlichen Rohstoffe aus, die für unseren Konsum anfallen. Sprich: Alle Produkte inklusive ihrer Herstellung, Nutzung und Entsorgung . Für das Autofahren zählt man zum Beispiel nicht nur das Auto selbst und das Benzin, sondern anteilig auch die Eisenerzmine, die Stahlhütte und das Straßennetz.

Alle Rohstoffe zusammengezählt ergeben eine Maßzahl für die Belastung der Umwelt. Denn die Förderung von Rohstoffen ist nicht nur ein Eingriff in das natürliche Gleichgewicht der Erde, sondern wird irgendwann als Abfall an die Natur zurückgegeben. Je weniger natürliche Rohstoffe wir verbrauchen, desto geringer sind auch unsere Umweltauswirkungen.
Quelle: Wuppertal Institut

👉 Mein ökologischer Rucksack | Der Ressourcenrechner des Wuppertal Instituts (ressourcen-rechner.de)