Keime reisen im Ballastwasser

Seeschiffe transportieren ungewollt gefährliche Fremdorganismen über die Weltmeere

Die meisten der tierischen oder pflanzlichen „blinden Passagiere“ reisen im zur Schiffs-Stabilisierung mitgeführten Meerwasser der Ballasttanks. Doch während die Verbreitung nicht heimischer Arten von Plankton, Quallen oder Muscheln beim Transport von Ballastwasser bekannt ist, wurde die globale Verbreitung von Keimen wie Viren und Bakterien auf demselben Wege lange unterschätzt.

Um bei Leerfahrten auf hoher See stabil zu bleiben, erhöhen Schiff ihr Gewicht durch die Aufnahme von Ballastwasser. Bei einem großen Containerschiff können das gut und gerne 100.000 Tonnen Wasser und mehr sein. Unzählige kleine Tiere, Larven, Pflanzen aber auch Viren und Bakterien werden dabei mit in die Tanks gepumpt. Anschließend gehen sie ungewollt mit auf große Fahrt. Wenn die Tanks vor der Einfahrt in den Zielhafen ausgepumpt werden, ist die Reise für die Blinden Passagiere zu Ende. Plötzlich finden sie sich in einem Lebensraum wieder. Doch hier gehören sie gar nicht hin. Folglich überleben viele Organismen überleben diese Verfrachtung nicht. Andere jedoch gedeihen prächtig. Als Neobiota, oder invasive Tier- und Pflanzenarten, können sie in ihrem neuen Ökosystem beträchtliche Schäden anrichten.

Alle neun Wochen taucht irgendwo auf der Welt eine neue Art auf

Laut Lloyd’s Register in London wurden 2012 jährlich bis zu fünf Milliarden Tonnen Ballastwasser transportiert. Täglich sollen es mehr als 7 000 Neobiota sein, die per Ballastwasser eine Reise mit ungewissem Ausgang um den Globus antreten. Alle neun Wochen, so schätzt man, etabliert sich so irgendwo auf der Welt eine fremde Spezies (Neobiota), dauerhaft als Neozoe oder Neophyt in einem neuen Lebensraum.

Jedes Jahr über 2,2 Millionen Tonnen Ballastwasser in deutschen Häfen

Drei Antarktische Kieselalgen mit mehreren langen auf dem langem, rechteckigem Körper verteilten Fäden.

Antarktische Kieselalge aus Ballastwasser. Foto: Richard Crawford, Alfred-Wegener-Institut.

Untersuchungen des Umweltbundesamtes (UBA) in deutschen Häfen ergaben, dass dort jährlich etwa 2,2 Millionen Tonnen Ballastwasser aus außereuropäischen Regionen abgelassen werden. Durchschnittlich fand man etwa 1 Individuum pro Liter Ballastwasser. Daraus ergibt sich ein möglicher Organismuseintrag von 6 Millionen Individuen pro Tag in deutsche Gewässer. Die meisten der 200 untersuchten Schiffe kamen aus tropischen und warm-gemäßigten Meeren. Unter den nachgewiesenen Fremdorganismen waren zwei Geißelalgengattungen (Alexandrium und Gonyaulax). Zu ihnen gehören auch Gift produzierende Arten.

Spektakuläre Einwanderer wie die Chinesische Wollhandkrabbe, die es auf beträchtliche Bestandszahlen in der Elbe brachte, sorgen seit langem für Aufmerksamkeit. Dem Verbreitungsweg von Mikroben über den Transport von Ballastwasser jedoch, wurde lange nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Globaler Verbreitungsmechanismus für Keime im Ballastwasser

Wissenschaftler vom Smithsonian Environmental Research Center (SERC) wiesen 2001 darauf hin, dass durch den Transport von Ballastwasser ein um die ganz Welt reichender Verbreitungsmechanismus für Krankheitserreger entstanden ist. Eine Forschungsgruppe des SERC fand bei Untersuchungen in der südlich der US-Hauptstadt Washington gelegenen Chesapeake Bay hohe Konzentrationen von Mikroorganismen, pathogenen Bakterien und Viren. Darunter der Erreger der Cholera (Vibrio cholerae). Ihn entdeckte man sogar in allen Schiffen.

2016 keine blinden Passagiere mehr im Tank?

Die Mitgliedsstaaten der Internationalen Schifffahrtsorganisation (IMO) unterzeichneten 2004 eine Konvention zum Ballastwassermanagement. Bis spätestens 2016 soll es keine Neobiota-Transporte in Ballastwassertanks mehr geben. Dafür sollen entsprechende Aufbereitungs- und Filteranlagen sorgen. Zudem wird die Reinigung zur Pflicht. Allerdings erst, wenn mindestens 30 Staaten mit mindestens 35 Prozent des weltweiten Seetransports die IMO-Konvention ratifiziert haben. Im September 2015 war dies, laut UBA, bei 44 Staaten, darunter auch Deutschland, mit 32,86 Prozent der Weltbruttotonnage der Fall. Auch wenn das Ballastwasser-Übereinkommen damit noch nicht in Kraft ist, werden Schiffsneubauten bereits mit entsprechenden Reinigungssystemen ausgerüstet.

Bakterien und Viren sind äußerst widerstandsfähig

Wirkungsvoller und umweltfreundlicher ist allerdings der Ballastwasserwechsel auf hoher See. Organismen, die aus küstennahen Gebieten stammen haben dort kaum Überlebenschancen. Zudem bleiben versehentlich transportierte Passagiere aus der Tiefsee auf hoher See. In einigen Ländern wie den USA dürfen Schiffe bereits nicht mehr in die Häfen einlaufen, wenn sie nicht belegen können, dass sie ihr Ballastwasser auf hoher See gewechselt haben.

Filtern und anschließende Reinigung mit Chemikalien (Bioziden) dürfte Viren und Bakterien auch nur wenig beeindrucken. Wegen ihren ausgeprägten Toleranz gegenüber hohen Temperaturen und ihrer Fähigkeit äußerst widerstandsfähige Dauerformen zu bilden, lassen sich Invasionen von Mikroorganismen damit kaum aufhalten.

Die Verbreitung von Keimen im Ballastwasser könnte gut eines der heimtückischsten Probleme des Ballastwasserwechsels werden.

Weitere Informationen:

UBA: Ballastwasserbehandlung