Orca-Angriffe auf Segelboote

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In der Straße von Gibraltar und an der portugiesischen und spanischen Atlantikküste bis Galicien machen Orcas (Schwertwale) weiterhin „Jagd“ auf Segelboote. Erstmals sank jetzt ein von Orcas angegriffenes Segelboot nach einem derartigen Angriff. Der Vorfall ereignete sich kurz nach Mitternacht am 30. Juli 2022 an der portugiesischen Atlantikküste, rund 11 km vor dem Fischerdorf Sines. Nach der Attacke geriet das Segelboot in Seenot und sank, wie die portugiesische Marine berichtete. Die fünfköpfige Crew konnte sich zum Glück auf ein Rettungsfloß in Sicherheit bringen. Ein Fischerboot rettete die portugiesischen Segler, die unverletzt blieben.

Alles begann im Juli 2020

Die rätselhaften Angriffe begannen im Juli 2020. Immer wieder greifen seitdem kleinere Orca-Gruppen die Küste entlangfahrende Segelboote an. Zwischen Juli und November 2020 soll es 45 Orca-Angriffe an der iberischen Küste von der Straße von Gibraltar bis Galicien gegeben haben. 2021 beschädigten sie etliche Boote so stark, dass sie abgeschleppt werden mussten. Auch wenn sich bei den Orca-Angriffen auf Segelboote niemand ernsthafte Verletzungen zuzog, ergriff das spanische Verkehrsministerium 2020 und 2021 temporäre Maßnahmen. Zur Sicherheit von Crews sperrte die spanische Regierung zeitweise bestimmte Gebiete für kleinere Boote.

Doch die Angriffe ließen nicht nach. Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Iberian Orca, die sich bereits seit Längerem mit den Gibraltar-Orcas befassen, sind sich jetzt sicher, dass die Schwertwale die Boote an der Weiterfahrt hindern wollen. Die intelligenten Meeressäuger sollen sogar die Funktion eines Ruders verstehen. Denn sie versuchen gezielt, diese zu zerstören. Die Wissenschaftler von Iberian Orca wissen auch, welche Tiere die Konfrontation suchen: Es sind 14 Orcas aus 4 unterschiedlichen Familiengruppe, wie Alfredo López, Biologe und Meeressäugerexperte von Iberian Orca, gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Spektrum erklärte.

Aufgeklärt? Hintergrund der Orca-Angriffe auf Segelboote

Was wie der Rachefeldzug der Wale aus Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“ klingt, könnte auch einer sein. Denn laut Iberian Orca stehen die Gibraltar-Orcas aufgrund von Fischerei und zunehmendem Whalewatching-Tourismus unter starkem Druck. Zu ihrer Hauptbeute gehört der Rote Thunfisch. Deshalb nehmen die Wissenschaftler an, dass Nahrungskonkurrenz ein möglicher Grund für ihr Verhalten ist. Zumal es wohl auch Konflikte zwischen Fischern und Schwertwalen gegeben haben soll, bei denen Orcas verletzt wurden.

Beobachtung von Orcas vor San Juan Islands USA

Orcas gehören zu den Lieblingen beim Whalewatching. Foto: iStock/lilly3

Dazu passt, dass die Tiere es besonders auf kleinere und mittelgroße Segelboote in langsamer Fahrt abgesehen haben, wie es typisch für Fischkutter auf Fangfahrt und Whalewatching-Boote ist. Das Verhalten der Gibraltar-Orcas ist absolut untypisch. Es sind nur sehr wenige Fälle aus anderen Teilen der Welt bekannt, wie etwa 1972 vor den Galapagosinseln. Damals versenkte eine Orca-Gruppe das Holzsegelboot einer englischen Familie.

Verblüffende Intelligenzleistung

„Was wir sehen, ist eine mehr als erstaunliche Intelligenzleistung. Orcas aus verschiedenen Familien haben, vielleicht unabhängig voneinander, gelernt, dass sie durch das Zerstören von Rudern Schiffe stoppen können. Andere Familienmitglieder wiederum haben sich das abgeschaut oder wurden angeleitet. Auch wissen diese großen Delfine anscheinend, dass sie Fischkutter wegen der hohen Verletzungsgefahr nicht angreifen sollten. Vermenschlicht kann man sagen, dass sie ihre Wut auf andere Boote, in denen sie Menschen wissen, übertragen“, erklärt der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Orca-Angriffe auf Segelboote ↗

Iberian Orca veröffentlicht Karten, auf denen zu sehen ist, wo es zu Interaktionen gekommen ist

Sicherheitsprotokoll für Segler ↗

Aufgestellt von Iberian Orca – Atlantic Orca Working Group


Indische Grindwale greifen ein Segelboot an

Nicht nur Orcas greifen Segelboote an. Am 21. Februar 2022 gab es 800 km vor den Kapverdischen Inseln eine gespenstische Konfrontation zwischen Indischen Grindwalen (Globicephala macrorhynchus) und einem Segelboot, das auf dem Weg nach Französisch-Guyana war, wie französische Medien berichteten. Es dauerte 3 Tage. Dann war der Spuk vorbei, die Crew in Sicherheit.

Grindwal

Die auch als Pilotwale bekannten Grindwale sind nach dem Orca mit etwa 7 m Länge die zweitgrößten ozeanischen Delfine. © Wayne Hoggard/NOAA

Im Gegensatz zu den Orcas, die vor der spanischen und portugiesischen Küste gezielt Ruderanlagen von Segelbooten zerstören, rammten die Grindwale das Segelboot vor den Kapverden jedoch direkt. Immer wieder warfen die mächtigen Meeressäuger ihren Körper gegen den Rumpf, bespritzten die vierköpfige Crew. Diese versuchte vergeblich, die Tiere u. a. mit Musik zu vertreiben.

Am Ende hatte der Sperrholzrumpf des Bootes einen 30 cm langen Riss. Zum Glück gelang es der Crew, das Leck abzudichten. Erst nach 3 Tagen ließen die Tiere ab und zogen weiter.

Zufälligerweise befanden sich drei Umweltwissenschaftler an Bord. Ihre Vermutung: Das aggressive Verhalten gehe auf die intensive industrielle Fischerei vor der afrikanischen Atlantikküste zurück. Der Lebensraum dieser Delfinart überschneidet sich mit dem FAO-Fanggebiet 34 (Mittlerer Ostatlantik). Hier werden vor allem hochpreisige Arten wie Roter Thunfisch, Echter Bonito, Gelbflossenthunfische, aber auch Sardellen (Anchovis) gefischt.

Angriffe von Grindwalen auf Segelboote sind extrem selten. Der Vorfall vor Kap Verde ist wahrscheinlich der erste belastbar dokumentierte Fall.


Orcas der Gibraltar-Population

Die etwa 50 Individuen zählende Gibraltar-Populationen steht generell unter starkem Stress durch den hier herrschenden Schiffsverkehr, durch Lärm, Verschmutzung und Überfischung. Immer wieder kommt es auch zu Konflikten mit Fischern, die mit den Delfinen um ihre Lieblingsbeute, den Roten Thunfisch, konkurrieren. Bis zum Sommer 2020 zeigten sich diese Schwertwale allerdings sehr friedfertig. Von von Juli bis Anfang September sind sie ein beliebtes Ziel von Whalewatching-Touren.

Gibraltar-Orcas gelten als eigene Subpopulation, die sich von anderen Subpopulationen des Nordostatlantiks unterscheidet. Sie ist laut Roter Liste der Weltnaturschutzunion IUCN vom Aussterben bedroht.

Schwertwale in Delfinarien

In Delfinarien lebende Orcas haben wiederholt Menschen angegriffen und getötet. Dies lässt sich aber nicht mit der Situation der Attacken auf Boote vergleichen.

Titelbild: Orcas begleiten ein Boot. © Ministerio de Transportes, Movilidad y Agenda Urbana


Verhaltenstipps

Die Tiere nicht mit Gegenständen bewerfen, um sie so zu vertreiben. Bei einem Nachtangriff Ende März 2021 vor der marokkanischen Küste behalf sich die Crew beispielsweise mit dem Entzünden einer roten Seenotfackel. Trifft man beim Segeln auf Orcas, so empfiehlt das spanische Verkehrsministerium, soweit dies möglich ist und man sich damit nicht in Gefahr begibt: Motor ausschalten, Segel einholen, Steuerruder auf Kurs lassen, Echolot ausschalten.

Portugiesische Behörden führen die Interaktionen vor allem auf das neugierige Verhalten von Jungtieren zurück, „die von beweglichen, laute Geräusche verursachenden Bootsteilen, wie Ruder und Propeller, anzogen werden, dabei zu nahe an die Boote herankommen und gegen diese beweglichen Teile prallen, wobei das Ruder ganz oder teilweise zerbrechen kann.“ Sie empfehlen Seglern, den Motor auszuschalten, um die Drehung des Propellers zu verhindern, und die Ruderklappe zu blockieren, damit die Orcas nicht mit den beweglichen Bootsteilen interagieren können.

Wale und Delfine: Verhaltenstipps

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