Warum kommt es vor Gibraltar zu Orca-Interaktionen mit Segelbooten?

Seit 2020 kommt es nahe der Straße von Gibraltar und vor der iberischen Atlantikküste bis in die nördliche Biskaya immer wieder zu Interaktionen zwischen Iberischen Orcas und Segelbooten. Es soll inzwischen mehr als 700 registrierte Vorfälle geben. Bislang sind acht Boote nach einer Begegnung mit auf das Beschädigen von Bootsrudern spezialisierten Orcas gesunken, zuletzt am 10. Oktober 2025. Menschen kamen in allen Fällen bisher glücklicherweise nicht zu Schaden.

Ein verstörender, krimineller Vorfall ereignete sich am 17. August 2023 vor Tarifa. Dort hatte eine Segelcrew mit Böllern oder anderer Pyrotechnik auf Orcas geschossen, um sie zu vertreiben. Die Verwendung von Pyrotechnik und Vergrämern (Pingern) ist verboten, kommt aber illegal immer wieder zum Einsatz, wie in einschlägigen Foren zu lesen ist.

Mayday – gesunkene Boote nach Orca-Interaktionen

Acht Segelboote sind seit Mitte 2022 bislang gesunken, nachdem die „spielwütigen“ Orcas das Ruder so stark beschädigt hatten, dass Wasser eindrang und das Boot unterging. Zum Glück kamen die Besatzungsmitglieder in allen Fällen mit dem Schrecken davon und konnten gerettet werden.

Orca-Interaktion vor der iberischen Halbinsel
Orca-Interaktion vor der iberischen Halbinsel, © GTOA

Der jüngste Vorfall ereignete sich am 10. Oktober 2025 rund 90 km vor der portugiesischen Küste auf Höhe von Peniche. Und erst knapp einen Monat zuvor, am 13. September 2025, hatte sich eine Orcagruppe relativ küstennah im Raum Lissabon an einem Segelboot zu schaffen gemacht. Auch hier beschädigten die Meeressäuger das Ruder so schwer, dass das Boot während des Abschleppens sank.

Zwar ist die Chance, auf Orcas zu treffen, beim Navigieren im flacheren Küstenbereich geringer. Aber auch hier gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, wie es auch in den Verhaltenstipps der Experten heißt. „Man darf nicht vergessen, dass wir es hier mit Meeressäugern zu tun haben, die über komplexe, kognitive und soziale Fähigkeiten verfügen und die ihr Verhalten an neue Situationen anpassen können“, erklärt Ulrich Karlowski, Biologe von der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Orca-Interaktionen begannen 2020

Seit Juli 2020 kommt es in und vor der Straße von Gibraltar und inzwischen bis in die Biskaya immer wieder zu Orca-Interaktionen mit Booten. Größtenteils sind Segelboote unter 15 m Länge betroffen. Das berichten Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Iberian Orca (GTOA).

Nur selten werden dagegen Motor- oder Fischerboote Ziel des Verhaltens der zu den Delfinen zählenden, auch Schwertwale genannten Meeressäuger.

Das GTOA-Team befasst sich bereits seit Langem mit den Iberischen Orcas. Nach den ersten Vorfällen im Juli 2020 registrierte man in dem Jahr insgesamt 51 Interaktionen. Inzwischen sollen es mehr als 700 Vorfälle sein. Sie werden von der GTOA auf einer Onlinekarte erfasst.

Orca-Interaktion vor der iberischen Halbinsel
Beschädigtes Ruder, © GTOA

Risikogebiete

Der Schwerpunkt der Orca-Aktionen liegt in Südwestspanien und der Straße von Gibraltar. Laut GTOA folgen die Iberischen Orcas ihrer Hauptbeute, Roten Thunfischen (Thunnus thynnus). Diese ziehen von Juni bis August zum Laichen in die Straße von Gibraltar und ins westliche Mittelmeer. Wenn die Thunfische das Mittelmeer verlassen, folgen ihnen die Orcas Richtung Westen und Norden.

Während die Hauptaktivitäten der Orcas in den Jahren 2020 und 2021 von Juni bis Oktober stattfanden, kam es 2022 erstmals auch in den Wintermonaten zu Orca-Segelboot-Interaktionen.

Biskaya und Mittelmeer

Mitte September 2023 soll es erstmals eine Interaktion rund 72 Seemeilen vor der französischen Atlantikküste auf Höhe von Hourtin gegeben haben. Dabei sei das Ruder so stark beschädigt worden, dass man das Segelboot habe abschleppen müssen.

Erst ein paar Tage davor war die Lübecker Skipperin Clara Weimer am 6. September in Seenot geraten. 15 Kilometer vor der spanischen Küste bei Kap Finisterre setzten vier Schwertwale Rumpf und Ruder ihres Segelboots so stark zu, dass es abgeschleppt werden musste.

Im Sommer 2023 kam es dann erstmals an der marokkanischen Küste vor der spanischen Enklave Ceuta zu Orca-Interaktionen. Und auch südlich von Marbella an der spanischen Mittelmeerküste, wie die britische Cruising Association berichtete.

Orcas begleiten Boot
Orcas sind schnell, ©  Ministerio de Transportes, Movilidad y Agenda Urbana

Warum? Mögliche Hintergründe

Warum haben es die intelligenten Meeressäuger auf Segelboote, vorwiegend unter 15 m Länge, abgesehen? Ausgerechnet auf Segelboote, möchte man sagen, sind sie doch eine der umweltfreundlichsten Arten der Fortbewegung auf dem Wasser.

Beobachtung von Orcas vor San Juan Islands USA
Stars beim Whalewatching, © iStock.com/lilly3

Hinweise auf aggressives Verhalten sehen die Forschenden nicht. Sie sprechen daher grundsätzlich auch nicht von „Angriffen“, sondern von Interaktionen.

Als mögliche Auslöser des komplexen Verhaltensmusters diskutierte man unter anderem Nahrungskonkurrenz mit Fischern, Übertourismus durch Whalewatcher, Konflikte mit Fischern oder schlechte Erfahrungen mit derartigen Segelbooten.

Für manche drängten sich gar Parallelen zu Rache-Szenarien auf, wie sie Frank Schätzing 2004 in seinem Monumentalwerk „Der Schwarm“ beschrieb.

Inzwischen halten fast sämtliche Experten jedoch spielerisches Sozialverhalten für die wahrscheinlichste Erklärung. Iberische Orcas müssen seit einigen Jahren nicht mehr so viel Zeit wie früher mit der Nahrungssuche verbringen. Denn ihre Hauptbeute, der Rote Thunfisch, hat sich von Zeiten hemmungsloser Überfischung dank strenger Schutzmaßnahmen inzwischen gut erholt.

„Es bleibt ihnen mehr ‚Freizeit‘, die sie für soziale Interaktionen wie gemeinsames Spiel oder Ausleben von Neugierde nutzen können. All das führt dazu, dass sie sich und ihre Umwelt intensiver ausprobieren können. Da bieten sich kleinere Boote als willkommene Spielobjekte an“, ergänzt Ulrich Karlowski.

Vielleicht haben die intelligenten Meeressäuger auch einfach nur etwas Neues entdeckt, das Spaß macht:

In einem auch von uns unterzeichneten offenen Brief appellieren 80 Experten an Medien und Öffentlichkeit für mehr Sachlichkeit in der Berichterstattung. Reißerische Schlagzeilen wie „aggressive Attacken“ oder „Racheaktionen“ schüren unnötige Panik und Angst. Es steht zu befürchten, dass manche Segler aggressiv auf die Tiere reagieren, wie bei dem eingangs erwähnten Vorfall Mitte August 2023, als Segler auf Orcas schossen. Den Orcas Rachegelüste nachzusagen, sei eine unzulässige Vermenschlichung des Verhaltens, heißt es unter anderem in dem Brief.

Kulturelle Entwicklung des „Bootestoppens“ bei den Gibraltar-Orcas?

Wie es aussieht, lernt mittlerweile auch der Nachwuchs dieses Verhalten von den erwachsenen Tieren. Mehrmals waren Jungtiere während der Interaktionen dabei und sahen den Erwachsenen zu. Damit könnte sich diese weltweit einzigartige Verhaltensweise in der Population manifestieren und über viele Jahre fortbestehen.

Orca mit springendem Baby.
© Skeeze/Pixabay

„Vieles spricht dafür, dass wir es hier mit einer kulturellen Entwicklung zu tun haben. Eine Kultur, die darin besteht, bestimmte Boote zu stoppen. Sie wissen genau, was sie dafür machen müssen. Es ist eine mehr als erstaunliche und faszinierende Intelligenzleistung und gleichzeitig ein Dilemma“, sagt Karlowski.

„Das Ganze hat sich anscheinend verselbstständigt. Der ursprüngliche Auslöser spielt keine Rolle mehr. Sie machen das, weil sie es können und weil es ihnen Freude bereitet, Glücksgefühle auslöst. Vielleicht trainieren sie auch den sozialen Zusammenhalt oder es sind Koordinationsübungen, ähnlich wie beim Fußballtraining in Kleingruppen“, erklärt Karlowski. „Es ist unbedingt notwendig, nicht-invasive Lösungen zu finden, damit Segler Begegnungen mit den vom Aussterben bedrohten Gibraltar-Orcas nicht mehr fürchten müssen“.

Wenn erlernte Verhaltensweisen an nachfolgende Generationen weitergegeben werden, spricht man von der Entwicklung einer Kultur.

Verhaltenstipps: Wie können sich Segler vor den Orcas schützen?

Derzeit gibt es keine einheitlichen Empfehlungen. Gemäß den von der spanischen Regierung im Mai 2024 veröffentlichten Verhaltens­empfehlungen soll man bei Orca-Interaktionen das Boot nicht anhalten, sondern mit Motor möglichst schnell in flachere Gewässer fahren.

Poster der britischen Cruising Association mit der Bitte, sowohl Vorfälle mit Orcas als auch ereignislose Fahrten in der Straße von Gibraltar und der iberischen Atlantikküste zu melden.

Anders die GTOA: Sie rät in ihren Sicherheitsprotokollen dazu, Motor, Autopilot und Echolot auszuschalten sowie das Steuerrad nicht zu fixieren – soweit Seegang und Wetterbedingungen dies zulassen. Durch den Wegfall bestimmter Reize, wie Geschwindigkeit, Geräusche, hektische Bewegungen an Bord (Wegscheuchen, Schreien) sollen die Orcas das Interesse am Objekt verlieren.

Die GTOA veröffentlicht zudem eine „Ampelkarte“, auf der sowohl „sichere“ Gebiete als auch solche mit möglichen Orca-Begegnungen ersichtlich sind. Es ist keine offizielle Karte, sie erhebt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit: Die Informationen beruhen auf den Angaben, die Segler zur Verfügung stellen.

Verboten ist schnelles Rückwärtsfahren mit abrupten Richtungswechseln, ebenso der Einsatz von akustischen Vergrämern (Pingern) oder sonstigen Abschreckmitteln, wie Böllern.

Sicherheitsprotokolle für Segler

Interaktionen Orcas-Boote ↗

Die GTOA veröffentlicht Karten, die zeigen, wo es zu Interaktionen gekommen ist

Sicherheitsprotokoll für Segler ↗

erstellt von der GTOA

Sicherheitsprotokoll für Segler ↗

vom britischen Seglerverband Cruising Association

Maßnahmen der spanischen Regierung

In der Vergangenheit verhängte die spanische Regierung zweimal (2020, 2021) temporäre Fahrverbote für Segelboote unter 15 m Länge in bestimmten Abschnitten vor der Küste Galiciens bzw. in der Nähe der Straße von Gibraltar.

Aktuell empfiehlt die spanische Regierung Seglern, im Küstenbereich zu navigieren. Bei einer Begegnung mit Orcas solle man möglichst schnell wegfahren. Auch wenn die Empfehlungen ganzjährig zu beherzigen sind, sei besondere Vorsicht in den Monaten April bis August geboten. Eine Karte der derzeitigen Gefahrenzone ist dort ebenfalls abgebildet.

2023 startete das spanische Umweltministerium (MITECO) ein Pilotprojekt, um Möglichkeiten zur Prävention und Reduzierung der Orca-Interaktionen zu erforschen. Unter anderem wurden sechs Orcas mit einem Satellitensender ausgestattet, um die Bewegungen der Meeressäuger verfolgen zu können. Auf der Basis der so gewonnenen Daten wurden eine Zeitlang wöchentliche Karten mit den Bewegungsprofilen der Schwertwale erstellt und veröffentlicht. Weitere Ergebnisse des Tagging-Projekts sind bislang nicht bekannt.

Die GTOA forderte die Regierung zudem auf, Konzepte zu erstellen, um Bootsbesitzern die durch Orcas entstandenen Schäden zu ersetzen.

Maßnahmen der portugiesischen Regierung

In Portugal trat am 11. Juli 2023 ein bis Ende des Jahres gültiges Gesetz in Kraft, das die aktive Annäherung an Orcagruppen durch Schiffe des Seetourismus (inkl. Whalewatching-Boote) verbietet. Zudem soll man sich entfernen, wenn sich Schwertwale dem Boot nähern, um Interaktionen möglichst zu vermeiden.

Außerdem werden in Portugal neue akustische Abschreckgeräte getestet, wie der Nationale Seglerverband Portugal im Juni 2023 mitteilte.

Mithilfe erbeten

Der britische Seglerverband Cruising Association kooperiert mit den GTOA-Forschenden und bittet um Mithilfe. Segler sind aufgerufen, mithilfe eines Fragebogens ihre Fahrt in dem betroffenen Gebiet zu beschreiben. Dabei ist es wichtig, auch ereignislose Fahrten durch das Gebiet der Iberischen Orcas zu melden, denn nur so können Trends erkannt und Präventionsmaßnahmen ergriffen werden.

Iberische Orcas

Es handelt sich bei den Iberischen Orcas um eine Subpopulation, die sich von anderen Subpopulationen des Nordostatlantiks unterscheidet. Ihr offizieller Name lautet: Orcas von der Straße von Gibraltar und dem Golf von Cádiz. Diese aus nur etwa 50 Tieren bestehende Subpopulation ist laut Roter Liste der Weltnaturschutzunion IUCN vom Aussterben bedroht und steht unter strengem Schutz.

Die GLADIS-Orcas

Größe und Körperzeichnung machen Orcas unverwechselbar.
© skeeze/Pixabay

Nicht alle Mitglieder der Iberischen Orcas haben es auf Segelboote abgesehen. Bislang identifizierte das GTOA-Team 16 „segelbootaffine“ Individuen aus mindestens 4 verschiedenen Familien mithilfe der Fotoidentifikation. Dabei dienen die Form der Rückenfinne und ihre Markierungen als Erkennungsmerkmale.

Von Seglern eingesandte Aufnahmen ermöglichten so den Vergleich mit Aufnahmen aus dem Foto-ID-Katalog und folglich die Identifizierung der betreffenden Tiere. Sie erhielten den Namen GLADIS-Orcas.

Iberischer Orca an der niederländischen Küste

Mitte Oktober 2022 starb ein Orca nach einer Strandung an der südholländischen Küste. Er war schwer krank, wie die Obduktion an der Uni Utrecht ergab.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das 5,5 m große Tier ein etwa 20 Jahre altes, aus iberischen Gewässern bekanntes Weibchen namens Gala war. Die spanische Organisation Proyecto ORCA katalogisiert die Schwertwale in ihren Gewässern per Fotoidentifikation und erkannte Gala anhand der Form seiner Finne und seiner Markierungen. Das Weibchen soll keinen Kontakt mit Fischern oder Segelbooten gehabt haben. In den vergangenen drei Jahren sei es auch nicht in spanischen Gewässern gesichtet worden. Es ist das erste Mal, dass ein Tier der iberischen Subpopulation so weit nördlich dokumentiert wurde.


Indische Grindwale greifen ein Segelboot an

Nicht nur Orcas interessieren sich für Segelboote. Am 21. Februar 2022 gab es 800 km vor den Kapverdischen Inseln eine unheimliche Begegnung zwischen Indischen Grindwalen (Globicephala macrorhynchus) und einem Segelboot, das auf dem Weg nach Französisch-Guyana war, wie französische Medien berichteten. Sie dauerte drei Tage. Dann zogen die Meeressäuger ab, die Crew war in Sicherheit.

Grindwal

Die auch als Pilotwale bekannten Grindwale sind nach dem Orca mit etwa 7 m Länge die zweitgrößten ozeanischen Delfine. © Wayne Hoggard/NOAA

Im Gegensatz zu den Interaktionen der Orcas rammten die Grindwale die Segeljacht hier jedoch direkt. Immer wieder warfen die mächtigen Meeressäuger ihren Körper gegen den Rumpf, bespritzten die vierköpfige Crew. Diese versuchte vergeblich, die Tiere u. a. mit Musik zu vertreiben. Am Ende hatte der Sperrholzrumpf des Bootes einen 30 cm langen Riss. Zum Glück gelang es der Crew, das Leck abzudichten. Erst nach drei Tagen ließen die Tiere ab und zogen weiter.

Zufällig befanden sich drei Umweltwissenschaftler an Bord. Eine ihrer Vermutungen: Das aggressive Verhalten könnte auf die intensive industrielle Fischerei vor der afrikanischen Atlantikküste zurückgehen. Der Lebensraum dieser Delfinart überschneidet sich mit dem FAO-Fanggebiet 34 (Mittlerer Ostatlantik). Hier werden vor allem hochpreisige Arten wie Roter Thunfisch, Echter Bonito, Gelbflossenthunfische, aber auch Sardellen (Anchovis) gefischt.

Update: erweiterter und überarbeiteter Beitrag. Mit neuem Datum wieder veröffentlicht (Erstveröffentlichung 8/2021).

Titelbild: Das am 1. November 2022 von Orcas beschädigte Boot ist leckgeschlagen und ging unter. © Portuguese Maritime Authority/Autoridade Maritima Nacional


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