Orca Lolita ist tot

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Ein tristes und von Menschen verpfuschtes Leben endete: Am 18. August 2023 starb das Orca-Weibchen Lolita im Seaquarium Miami, USA. Man darf wohl sagen: Endlich ist Lolita frei. Das etwa 57 Jahre Schwertwalweibchen soll an einem Nierenleiden gestorben sein, berichten die Betreiber. Erst im März hatten Tierschützer und das Seaquarium Miami verbindlich vereinbart, Lolita in ihre heimatlichen Gewässer an der Westküste der USA in ein Meeresgehege umzusiedeln. Später wollte man sogar versuchen, sie auszuwildern. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatte der auch Toki oder Tokitae genannte Schwertwal in Gefangenschaft verbracht und für zahlendes Publikum den Clown gemacht.

Tokitae: Born to be captured

Einer der im Miami Seaquarium lebenden Orcas, Foto von 1973.
Lolita oder Hugo im Miami Seaquarium, 1973. Orca Hugo starb 1980 im Miami Seaquarium an Verletzungen, die er sich selbst zugefügt hatte. Foto: NOAA

Vor fast genau 53 Jahren begann Tokitaes Leid: Am 8. August 1970 entdeckten die im Auftrag von SeaWorld tätigen Fänger eine große Orcaschule im Pudget Sound vor dem US-Bundesstaat Washington. Mit Flugzeug, Schnellbooten und Sprengstoff trieb man sie in eine Bucht. Dann wurden Jungtiere von ihren Müttern getrennt.

Von den in einem Meeresgehege eingepferchten Orcas suchte man 7 „geeignete“ Jungtiere aus. Darunter die etwa vierjährige Tokitae, die dann für 6.000 US-Dollar ans Miami Seaquarium verkauft worden sein soll. Zwei weitere wurden nach Japan verfrachtet und jeweils einer nach Texas, Australien, Großbritannien und Frankreich, heißt es in einem Dokumentarfilm. Die restlichen Tiere ließ man frei.

Gewaltsame Entführung von Jungtieren

Der Fang – wie beim Lebendfang von wilden Meerestieren üblich – war eine äußerst brutale Angelegenheit, wie Originalaufnahmen zeigen und Zeugen berichten.

Sie beschreiben dramatische, herzzerreißende Szenen mit schreienden Tieren. Am liebsten hätte man sie alle befreit, erzählen sie, doch bewaffnete Männer bewachten das Meeresgehege streng.

Zahlreiche Todesfälle bei der Fangaktion

Orca mit springendem Baby.
Ein artgerechtes Leben in Freiheit war Tokitae nicht vergönnt. Foto: Skeeze/Pixabay

Eine Orca-Mutter ertrank bei dem verzweifelten Versuch, zu ihrem Jungen zu gelangen. Etliche weitere Tiere starben bei der Aktion. Um die erlaubte Fangquote nicht zu gefährden und unnötigen Aufruhr in der Bevölkerung zu vermeiden, beschwerten die Fänger die Tierleichen mit Steinen und Ankern und entsorgten sie im tieferen Wasser. Doch das misslang. Wenige Monate später wurden die Leichen an einen Strand gespült.

In der Folge brach in den USA ein Sturm der Entrüstung los. Er führte dann immerhin dazu, dass die Regierung des Bundesstaats Washington den Fang von Orcas verbot. 1972 folgte der Marine Mammal Protection Act, der unter anderem die Entnahme von Meeressäugern in US-Gewässern verbietet.

Tokitaes Familie: der L-Pod

Tokitae stammte aus der L-Pod genannten Orca-Familie. Ein noch lebendes Familienmitglied, das geschätzt 95-jährige Weibchen Ocean Sun (oder L25), soll Tokis Mutter sein. Der L-Pod gehört zur stark gefährdeten Population der Southern Resident Orcas, von denen es nach Angaben der Marine Mammal Commission nur noch 74 Tiere gibt. Mit ihren Fangaktionen in den 1960er- und 1970er-Jahren vernichtete die Delfinariumsindustrie rund ein Viertel dieser Population. Davon haben sich die Southern Residents niemals richtig erholt. Denn seitdem bedrohen zusätzliche Gefahren wie Nahrungsknappheit und Meeresverschmutzung ihr Überleben.

Southern Resident Orcas

Die Southern Resident Orcas leben vor der nordamerikanischen Westküste und bestehen aus drei Familiengruppen („pods“). Sie gehören zu den stabilsten Gesellschaften bei nicht-menschlichen Säugetieren und besitzen sogar eigene Dialekte.

Delfin-Elend im Miami Seaquarium

Das 1955 gegründete Seaquarium Miami ist eines der ältesten Aquarien der USA. Das Betonbecken, in dem Tokitae ihr „Leben“ verbrachte, ist nicht einmal so groß wie ein Olympiaschwimmbecken (50 x 25 m): Es misst nur etwa 24 x 11 m und ist an der tiefsten Stelle nur rund 6 m tief – die 6 m große Tokitae hätte darin „stehen“ können!

Das winzige Becken von Tokitae / Lolita im Miami Seaquarium
Das winzige Becken von Tokitae/Lolita im Miami Seaquarium. Frode CJ/Pixabay

Bis 1980 gab es hier einen weiteren Schwertwal. Hugo starb, als er seinen Kopf immer und immer wieder gegen die Wand des Betonbeckens rammte. Orca-Suizid?

Daneben werden im Seaquarium Große Tümmler, Weißstreifendelfine, Seelöwen, Seehunde und Manatis gehalten.

Sammelsurium des Grauens

Ein Delfin im Miami Seaquarium, der Tokitae (Lolita) Gesellschaft leisten musste.
Auch Große Tümmler und andere Meeressäuger müssen im Miami Seaquarium das zahlende Publikum unterhalten. Natalie Scott/Unsplash

Das Miami Seaquarium geriet wegen schlechter Haltungsbedingungen für Meeressäuger immer wieder in die Schlagzeilen. 2019/2020 starben innerhalb eines Jahres 5 Große Tümmler und 1 Seelöwe unter unnatürlichen Umständen.

Die Untersuchungsberichte der zuständigen APHIS-Behörde des US-amerikanischen Landwirtschaftsministeriums von 2021 und 2022 lesen sich wie ein Sammelsurium des Grauens: schmutziges Wasser, Futterentzug, vergammeltes Futter, kranke Tiere, Becken ohne Sonnenschutz. Tokitae musste bis 2021 sogar trotz offensichtlicher Kieferverletzungen weiter an den Shows teilnehmen. Zumindest für sie hat das Leid der Gefangenschaft nun ein Ende.

Artgerechte Haltung von Delfinen und Walen gibt es nicht

Trainerin steht auf dem Kopf eines Schwertwals in Sea World, Orlando.
Einem Tier auf der Schnauze herumtrampeln: Was genau sollen Zuschauer hier über die intelligenten, extrem sozial lebenden Meeressäuger lernen? Gefangenschaftshaltung dient nur einem Zweck: Möglichst viel Geld auf Kosten der Tiere zu scheffeln. Foto: matmoe/Pixabay

Als Naturschutz und Aufklärung verbrämte Delfinhaltung soll Zuschauer anlocken und ihnen Sinnhaftigkeit vorgaukeln, wo es doch nur ums Geld geht.

Fakt jedoch ist, dass
– die in Delfinarien gehaltenen Arten generell NICHT vom Aussterben bedroht sind und
– die Gefangenschaftshaltung den frei lebenden Verwandten NICHT im Geringsten hilft!

Das, was man Delfinen in menschlicher Obhut beibringt, hat absolut NICHTS mit natürlichen Verhaltensweisen zu tun. Im Gegenteil: Das, was Besucher dort sehen, verleitet sie oft zu falschem Verhalten bei Begegnungen mit Delfinen in freier Wildbahn. Gerade in den USA gibt es immer wieder Probleme: So werden wilde Delfine gefüttert und angefasst. Deutliche Zeichen der Aggression werden fälschlich als Spielverhalten interpretiert.

Zum Clown degradiert

Was soll man auch lernen, wenn diese intelligenten und in komplexen Sozialverbänden lebenden Tiere den Menschen als Clowns und Unterhaltungskünstler vorgeführt werden?

Am Ende ehrte Tokitae doch noch in ihre Heimat zurück. Ihre Asche wurde nach Washington State gebracht, wo Lolita gefangen wurde. In einer traditionellen Zeremonie nehmen Mitglieder des Stammes der Lummi Nation dann Abschied von Tokitae. In der Kultur der Lummi gelten die Southern Resident Orcas als „Verwandte und Vorfahren im Wasser“.

Titelfoto: Tokitae/Lolita im Miami Seaquarium bei einer Vorführung. Frode CJ/Pixabay


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