Raubquallen erobern die Ostsee

Bioinvasoren können Ökosysteme gehörig durcheinander bringen

Die ersten Exemplare der Meerwalnuss entdeckte man 2006. Da hatten die Raubquallen in der Ostsee bereits begonnen, die Eier von Dorsch, Grundel, Seestichling oder Wittling aufzufressen. Schon einmal, im Schwarzen Meer, hatte diese räuberische Rippenquallenart (Mnemiopsis leidyi) eine ökologische Katastrophe ausgelöst. Diese dauerte von 1980 bis ins Jahr 2000. In der Regel erorbert sich die in fast allen Ozeanen heimische Meerwalnuss neue Lebensräume mittels Fernreisen als „blinder Passagier“ in Wasserballasttanks von Schiffen.

Nicht zu unterschätzen: Anpassungskünste der Meerwalnuss

Im Oktober 2007 hatten die Raubquallen in der Ostsee bereits die Danziger Bucht sowie den Finnischen und Bottnischen Meerbusen erreicht. Noch gehen Experten davon aus, dass die Neuankömmlinge hier nicht so wüten werden, wie es ihnen im Schwarzen Meer möglich war. Denn dort kam es zu einer Massenvermehrung. Doch dafür könnte es den Raubquallen in der Ostsee schlichtweg zu kalt sein. Denn lediglich im August, wenn die Wassertemperaturen die 20°-Grenze erreichen, herrschen optimale Bedingungen für die hungrigen Einwanderer.

Allerdings sollte man die Anpassungskünste von Mnemiopsis nicht unterschätzen. Denn den eigentlich auf milde Temperaturen angewiesenen Raubquallen gelingt es bereits erfolgreich, auch bei Wassertemperaturen von um die neun Grad Celsius in der Ostsee zu überwintern.

Ökologische Katastrophe im Schwarzen Meer

Bedingt durch die seit 1970 im Schwarzen Meer zunehmende Salinität des Meerwassers sowie Überfischung und Meeresverschmutzung fand Mnemiopsis damals ideale Lebensbedingungen. Zudem hatte sie keine natürlichen Fressfeinde. In den folgenden Jahren entwickelten die gefräßigen Einwanderer dann einen ungeheuren Appetit auf Zooplankton, Fischeier und Krebslarven. Um 1989 betrug die Biomasse der glibberigen Räuber bereits etwa 1 Milliarde Tonnen. Währenddessen ging die Zahl wertvoller Speisefische wie Anchovis oder Sprotten dramatisch zurück.

Rettung kam von ganz allein

Melonenqualle im Schwarzen Meer.

Melonenqualle im Schwarzen Meer. Foto: Cristian Chirita

Zeitweilig erwogen Wissenschaftler sogar, einen der natürlichen Feinde von Mnemiopsis, die mit ihr verwandte räuberische Melonenqualle (Beroe ovata), im Schwarzen Meer anzusiedeln. Melonenquallen saugen ihre Beute in sich hinein und brauchen zwischen drei und fünf Stunden, um eine Mnemiopsis zu verdauen. Angesichts verschiedener Desaster bei der Ansiedlung von Fremdorganismen wie bei der Zuckerrohrkröte in Australien oder mit Mungos auf den hawaiianischen Inseln erschien die Idee jedoch zu riskant.

Doch Beroe ovata kam von ganz alleine. 1997 tauchten die ersten Exemplare im Schwarzen Meer auf. Wahrscheinlich ebenfalls eingeschleppt über abgepumptes Ballastwasser. „Ich konnte es nicht glauben“, freute sich Tamara Shiganova vom Shirov-Institut für Ozeanologie in Moskau. Es begann eine gnadenlose Jagd, Raubqualle gegen Raubqualle. Schließlich endete sie mit dem Zusammenbruch der unterlegenen Mnemiopsis-Population.

Bald neue Raubquallen in der Ostsee?

Wissenschaftler erwarten, dass die Meloenquallen nach getaner Arbeit im Laufe der Zeit im Schwarzen Meer sang- und klanglos aussterben und keine Schäden im Ökosystem verursachen wird. Doch vielleicht sind die Quallenvernichtungskünste der Melonenqualle eines Tages auch gegen bereits eingewanderte Raubquallen in der Ostsee gefragt.
Foto oben: Meerwalnuss, Boston Aquarium: Steven G. Johnson