Schiffslärm: taube Pottwale

Schwerhöriger Moby Dick: Taube Pottwale vor den Kanaren

Die Ozeane sind längst nicht mehr still. Ständig dröhnen und hämmern schwere Schiffsdiesel, Offshore-Bohrinseln oder infernalisch laute Airguns bei seismischen Untersuchungen. So hat sich innerhalb der vergangenen vierzig Jahre der Schallpegel im Pazifischen Ozean verzehnfacht. Gleichzeitig häufen sich Meldungen über Strandungen von Delfinen und Walen. Der Zusammenhang zwischen Unterwasserlärm und Schäden bei den sich akustisch orientierenden Meeressäugern sowie damit verbundene Strandungsereignisse ist mittlerweile unstrittig. Meeresschützer sehen in anthropogen erzeugtem Lärm heutzutage einen maßgeblichen Bedrohungsfaktor für Meeressäuger. Deutlich zeigen sich die Auswirkungen bereits bei den vor den Kanarischen Inseln lebenden Pottwalen. Ihr Gehör verschlechtert sich durch den andauernden Schiffslärm zunehmend. Bei den Kanaren gibt es mittlerweile taube Pottwale!

Erster Nachweis für Hörschäden bei Walen

Einen der ersten Nachweise für durch Schiffslärm ausgelöste Hörschäden bei Walen erbrachte der Biologe Dr. Michel André von der Universität Las Palmas de Gran Canaria. Seine Beschallungsversuche zeigten, dass Pottwale, die im Gebiet der Kanarischen Inseln leben, Hörschäden haben. Deshalb kollidieren die Giganten häufig mit Schiffen. Das ist tödlich. Taube Pottwale können sich nährende Schiffe nicht rechtzeitig genug wahrnehmen, um ihnen auszuweichen.

Etwa 100 Schiffe bewegen sich täglich zwischen den Häfen Santa Cruz und Las Palmas. Diese Gewässer sind aber auch der Lebensraum vieler Wal- und Delfinarten, insbesondere von Pottwalen. Aufgrund ihrer Größe und ihres ungewöhnlichen Tauchverhaltens sind sie eine Bedrohung für die Schifffahrt. Denn diese größte Zahnwalart taucht nach Ausflügen in über 3000 Meter Tiefe und bis zu 90 Minuten Dauer ganz unvermittelt auf. Und dann liegen sie, einer riesigen Zigarre gleich, erschöpft und fast regungslos für 5 bis 15 Minuten an der Oberfläche. Ein für Schiffsbesatzungen kaum sichtbares, bis über 50 Tonnen schweres und 20 Meter langes Hindernis.

Hupe soll taube Pottwale warnen

Also wollte man taube Pottwale vor Zusammenstößen warnen. Dazu sollte ein fest an den Fähren installiertes Signalsystem entwickelt werden. Deshalb beschallte ein Team um Michel André über Unterwasserlautsprecher Pottwale mit sechs Geräuschen. Es wurden natürliche Laute und Geräusche wie die Stimmen von Schwertwalen – neben Riesenkalmaren die einzigen natürlichen Feinde von „Moby Dick“ – oder Schiffsmotorengeräusche sowie künstliche Töne wie ein 10kHz-Impuls eingesetzt. Alle Signale lagen im Frequenzbereich des Hörvermögens von Pottwalen (0,2 bis 32 kHz). Insgesamt 57 Tiere wurden aus einem Abstand von etwa 100 Metern zehn Sekunden lang mit etwa 180 Dezibel (dB) Lautstärke beschallt.

Zum Vergleich: Ein Presslufthammer nervt mit etwa 100 dB. Ein Düsenjet mit 140. Allerdings breiten sich Schallwellen unter Wasser ganz anders aus als in der Luft. Das erschwert derartige Vergleiche.

Signale machten kaum Eindruck auf die Tiere

Auch wenn die akustischen Überfälle von Michel André und seinem Team für die Tiere sehr laut gewesen sein müssen, löste doch lediglich der 10kHz-Impuls bei rastenden Walen eine Fluchtreaktion aus. „Von den anderen Signalen ließen sie sich nicht stören. Und während der Schwimmphasen zeigten sie auch auf den 10kHz-Impuls keine Reaktion“, stellte André verblüfft fest. Doch die Hoffnung auf das wenigstens teilweise wirksame Signal zerschlug sich nach weiteren Versuchen. Spielte man den 10kHz-Impuls den gleichen Tieren ein zweites Mal vor, ignorierten sie es.

Hohe und tödliche Toleranz gegenüber Störgeräuschen wie Schiffslärm

Die Ergebnisse machen nach Meinung von Michel André deutlich, welch starke Toleranz die bei den Kanarischen Inseln heimischen Pottwale gegenüber Störgeräuschen entwickelt haben. Der durch Schiffsmotoren und -propeller erzeugte ständige Schiffslärm hat dazu geführt, dass ihr Hörvermögen besonders im Niederfrequenzbereich an Sensibilität eingebüßt hat. Insbesondere Hochgeschwindigkeitsfähren werden von ihnen daher einfach zu spät oder gar nicht wahrgenommen.
Foto oben: Peter G. Allinson/Marine Photobank.