Seehundjäger

Voraussichtliche Lesedauer: 12 Minuten

Seehundjäger (Schleswig-Holstein) und Wattenjagdaufseher (Niedersachsen) erschießen an der deutschen Nordseeküste und auf den Nordseeinseln jedes Jahr viele Hundert kranke, verletzte oder verlassene, meist junge, Robben (Seehunde und Kegelrobben). Angeblich ersparen sie diesen Tieren „unnötige Leiden“. Die Beurteilung, ob ein Seehund oder eine Kegelrobbe „notgetötet“ werden muss, treffen sie situativ allein. Doch können Seehundjäger das überhaupt beurteilen? Sie sind schließlich nur Hobbyjäger, die zusätzlich geschult werden. Keine Experten.

Richter und Henker der Seehunde

Seehunde standen an deutschen Küsten bereits kurz vor der Ausrottung. Dann, 1974, wurde die Jagd auf die kleinen Robben endlich eingestellt. Unglücklicherweise verblieb die u. a. nach EU-FFH-Richtlinie geschützte Art in Deutschland jedoch im Jagdrecht (mit ganzjähriger Schonzeit), gehört damit weiter zu den jagdbaren Tierarten. Im Gegensatz dazu unterliegen Kegelrobben nicht dem Jagdrecht. Zuständig für das Management beider Arten und darüber hinaus sämtlicher Meeressäuger sind in Deutschland ausschließlich Seehundjäger oder sogenannte Wattenjagdaufseher. Das ist fragwürdig und nicht mehr zeitgemäß.

Seehundjäger bzw. Wattenjagdaufseher sind Ausdruck eines antiquierten Robbenmanagements: Mann hält ein Gewehr im Anschlag.
Foto: Harrison Haines/Pexels

„Zuständig“ heißt demnach auch, eine Entscheidung über Leben und Tod zu treffen und Letzteres durch einen gezielten Pistolenschuss in den Hinterkopf des Tieres direkt zu vollziehen.

Seehundjäger und Wattenjagdaufseher sollen nach behördlichem und eigenem Verständnis den Gesundheitszustand einer kranken, verletzten oder verlassenen Robbe situativ korrekt beurteilen und dann richtig entscheiden können.

Was macht ein Seehundjäger?

Gemeinsam mit einem echten Seehundjäger konnten Jäger noch bis Ende der 1970er-Jahre für 180 D-Mark ganz legal einen Seehund schießen. Heute sind Seehundjäger wie auch Wattenjagdaufseher Hobbyjäger mit einer Zusatzausbildung, die aktiv keine Seehunde mehr jagen.

Schild Nationalpark Wattenmeer.
© U.Karlowski

Da Seehunde dem Jagdrecht unterliegen, ist ausschließlich der sogenannte „Jagdausübungsberechtigte“, also der Seehundjäger, zuständig für tote, kranke, verletzte oder in Not geratene Robben – auch für sogenannte Heuler (verwaiste Seehundbabys) oder verlassene Kegelrobbenbabys. Das gilt auch im Nationalpark Wattenmeer.

Darüber hinaus gehören zu ihren Aufgaben das Bergen toter Meeressäuger, Kontrollfahrten sowie Informations- und Aufklärungsarbeit.

Wer sind Seehundjäger?

Seehundjäger sind ehrenamtlich tätig. Sie besitzen einen Jagdschein und müssen sich regelmäßig bei Schulungen des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover fortbilden. Im „echten“ Leben haben sie ganz normale Jobs. In Niedersachsen nennen sie sich Wattenjagdaufseher.

Die regelmäßigen Fortbildungen erschöpfen sich allerdings in regelmäßigen, knapp 5-stündigen Veranstaltungen. Hierbei stehen dann Vorträge zu Themen wie „Umgang mit der Öffentlichkeit“ oder zum „Einpacken von Kadavern“ auf der Tagesordnung. Derart „geschult“ sollen diese vom Land bestellten Jagdaufseher dann den Gesundheitszustand von Wildtieren fachgerecht beurteilen können. Das ist absurd.

Die Entscheidung, ein Tier zu töten, trägt in sich eine hohe moralische Verantwortung, Respekt vor dem Leben und veterinärmedizinischen Sachverstand. Es liegt in der Natur der Sache, dass Jägern „Todesurteile“ leichter von der Hand gehen. Kein Wunder, dass die Tätigkeit der Seehundjäger ständiger Konfliktherd ist – nicht nur wegen der heutzutage unpassenden Bezeichnung. Da auf Sylt besonders viele verletzte, kranke oder verlassene Seehund- und Kegelrobbenbabys erschossen werden (müssen?), kam die Insel bereits in den zweifelhaften Ruf eines Friedhofs der Kuscheltiere.

Welche Kosten verursachen sie?

Das Land Schleswig-Holstein zahlt für jeden Einsatz eines Seehundjägers eine Pauschale von 45,00 € – auch für das Erschießen eines Tieres. 2018 erschossen die 40 Seehundjäger aus Schleswig-Holstein 658 Tiere. Den schleswig-holsteinischen Steuerzahler kostete das 29.610,00 €. Mindestens 690 der kleinen Robben wurden 2019 erschossen – allein an der Küste von Schleswig-Holstein (Angabe eines Sylter Seehundjägers vom Februar 2020).

Ein monetäres Interesse kann dabei nicht von der Hand gewiesen werden. So hatte ein Sylter Seehundjäger nach eigenen Angaben 2016 rund 1.000 Seehund-Einsätze. Für die rund 3.000 Einsätze in Schleswig-Holstein 2019 zahlte das Land ca. 135.000 € an Aufwandsentschädigungen. Laut Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein (MELUND) gab es 2020 rund 2.300 Seehundjäger-Einsätze. Dabei starben 441 Tiere per Kopfschuss. Etwa 1.600 sollen bereits tot gewesen sein. 70 Tieren fehlte angeblich nichts. In einer Seehundstation landeten 188 Seehunde.

Warum gibt es heute noch Seehundjäger?

Seit vielen Jahrzehnten versteht es die gut organisierte und politisch bestens vernetzte Jagdlobby zu verhindern, dass Seehunde aus dem Jagdrecht gestrichen werden.

Seehundjäger oder Wattenjagdaufseher sind keine Experten, sondern Hobbyjäger: Mehrere Jäger gehen durch Graslandschaft.
Foto: Jacqueline Macou/Pixabay

Mit Abstand prominentester Vertreter dieser Interessengruppe ist der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (2005 bis 2012) Peter Harry Carstensen (CDU). Der gebürtige Nordstränder bekennt sich seit frühester Jugend als leidenschaftlicher Jäger.

Auch der ehemalige Umweltminister von Schleswig-Holstein und heutige Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz im Kabinett Scholz , Robert Habeck, wollte dieses politisch heiße Eisen nicht anfassen.

„Wir haben die Pflicht, den Seehunden gute Lebensbedingungen zu schaffen. Aber genauso haben wir die Pflicht, todkranken Tieren unnötige Leiden zu ersparen. Keinem Seehundjäger fällt es dabei leicht, Seehunde zu töten, denn sie lieben diese Tiere und engagieren sich ehrenamtlich und mit großem Einsatz für sie. Aber es gehört auch zu ihrer Verantwortung, die kränksten Seehunde von ihren Leiden zu erlösen“.

Robert Habeck in einer Presseerklärung seines Ministeriums (Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein – MELUND) im Februar 2014.

Wir schützen unsere Seehundjäger

An der Haltung von Robert Habeck hat sich bis heute nicht viel geändert. So soll eine Referatsleiterin des für das Management von Meeressäugern in Schleswig-Holstein zuständigen Ministeriums die aktuelle Einstellung des von Jan Philipp Albrecht (Bündnis 90/Die Grünen) geführten Hauses folgendermaßen umrissen haben: „Wir schützen unsere Jäger. Es geht nicht um die Seehunde, es geht um unsere Jäger. Wir werden uns immer hinter sie stellen“.

Fachleute unerwünscht

Aufgrund der nicht mehr zeitgemäßen Gesetzeslage wird selbst Tierärzten weitestgehend die Kompetenz entzogen, im Falle eines Falles einschreiten oder entscheiden zu dürfen.

„Tierärzte dürfen einem Seehund nur dann selbst helfen, wenn ihr tierärztliches Eingreifen umgehend erforderlich ist, sie sind jedoch verpflichtet, umgehend einen Seehundjäger zu benachrichtigen. Aufgrund der spezifischen Anforderungen der Seehunde an Ernährung, Pflege und Betreuung, die dem Ziel der Gesundung und Wiederauswilderung gerecht werden müssen, ist eine länger anhaltende sachgerechte Pflege der Seehunde durch Tierärzte nicht möglich. Deshalb müssen aufgefundene Tiere innerhalb von 24 Stunden an den Seehundjäger oder die Seehundstation Friedrichskoog abgegeben werden. Im Ausnahmefall kann die 24h-Frist überschritten werden, wenn ein Tier noch nicht transportfähig ist“.

Antwort der Landesregierung – Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Patrick Breyer (PIRATEN) – SCHLESWIG-HOLSTEINISCHER LANDTAG Drucksache 18/5449 18. Wahlperiode 2017-06-01

Feuer frei in Herbst und Winter

Wie wenig professionell oder der individuellen Situation betroffener Tier gerecht werdend das Meeressäugermanagement beim MELUND ausgerichtet ist, zeigt auch die Aussage:

„Junge Seehunde, die im August ein Gewicht von weniger als 10 kg oder eine Länge von unter 50 cm aufweisen, sind als Kümmerer einzustufen. Daraus ergibt sich, dass Tier nicht mehr in die Seehundstation eingeliefert werden sollen, sondern als überlebensfähig eingestuft werden bzw. notgetötet werden“.

Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein – MELUND

Folglich verzeichneten Robbenschützer im Herbst und Winter 2021/2022 im Bereich der nordfriesischen Inseln ein Anstieg erschossener Seehunde. Touristen berichten dabei wiederholt, dass ihnen seitens des Seehundjägers erklärt wurde, die aufgefundene Robbe würde gerettet. Später stellte sich dann heraus, dass er das Tier erschossen hat.

Wie ginge es besser?

Seehundjäger oder Wattenjagdaufseher sind der Dreh- und Angelpunkt im Management der deutschen Robbenpopulationen. Doch ist das noch zeitgemäß?

Sicherlich leisten viele von ihnen auch wichtige Arbeit. Niemand kann wollen, dass ein Lebewesen, wenn es unheilbar krank oder schwer verletzt ist, unnötig weiter leidet. Dennoch finden nicht nur wir, dass hier einerseits zu schnell und zu viel erschossen wird. Andererseits werden zu viele Tiere einfach ihrem Schicksal überlassen, damit „Natur Natur sein kann“.

Unverständlich bleibt, warum das Robben-Management in Deutschland ausschließlich nur oberflächlich geschulten Amateuren vorbehalten ist und nicht professionalisert wird. Andere Länder sind da um einiges besser aufgestellt. Es ist ein Politikum und hängt wohl auch mit dem alten Gewohnheitsrecht der friesischen Seehundjagd zusammen. Besser wäre eine professionelle „Robben Task Force“, der z. B. auch Ranger, Veterinäre oder Wildtierbiologen angehören.

Angesichts der hohen Zahl jährlich an deutschen Küsten von Seehundjägern und Wattenjagdaufsehern erschossener Robben bekommt die MELUND-Verlautbarung von der Etablierung eines „umfassenden Systems, das insbesondere den Umgang mit kranken und verletzten Tieren sowie deren Rehabilitierung regelt“, einen seltsamen Beigeschmack. Das heutige deutsche Meeressäugermanagement ist weder ethisch noch faktisch auf der Höhe der Zeit.

Anti Wolfsplakat im Nationalpark Wattenmeer.

Ein Nationalpark fest in der Hand der  Ewiggestrigen: Anti-Wolfsplakat im Nationalpark Wattenmeer. Foto: Sven Deutschendorf

Petition

Tierärzten muss es erlaubt sein, verletzte und kranke Robben zu retten!“ auf change.org, gestartet von der Schauspielerin Janina Fautz und Janine Bahr-van Gemmert (Tierärztin im Robbenzentrum Föhr)

JETZT ABSTIMMEN!

Es ist ein moralischer Imperativ, zumindest zu versuchen, in Not geratenen Wildtieren zu helfen. Es ist unsere Verantwortung. Und die finale Entscheidung, der Tod des Tieres, sollte dabei veterinärmedizinisch ausgebildeten Fachleuten und nicht Hobbyjägern vorbehalten sein.


Warum gibt es in Deutschland kein Meeressäuger-Rettungsnetzwerk?

Meeressäugetiere weisen eine vergleichsweise hohe Jungensterblichkeit auf. Das ist normal. Auch für den Populationserhalt spielt die Rettung verwaister, kranker oder verletzter Seehunde in Deutschland derzeit keine Rolle. Ganz anders sieht das schon bei der Kegelrobbe aus.

Delfin Rettungsfloss.

Derartige Rettungsflöße für gestrandete Delfine und kleinere Wale sind Standard bei den Rettungsnetzwerken in Großbritannien.

Doch auch für Seehunde kann sich die Lage im Falle des Ausbruchs einer weiteren Seehundseuche, plötzlicher Nahrungsverknappung durch Überfischung, einem massiven Fischsterben oder durch Umweltverschmutzung schlagartig ändern.

Aus unserer Sicht sind eine Abkehr vom Antiquierten und die Einrichtung eines professionell organisierten und ausgerüsteten Meeressäuger-Rettungsnetzwerkes in Deutschland dringend geboten. Denn es geht ja auch um Schweinswale und vielleicht bald auch den ein oder anderen Delfin. Selbst Großwale tauchen hin und wieder an Deutschlands Küsten auf. Und was ist dann? Für Rettungsaktionen bei Strandungsereignissen dieser Arten gibt es weder qualifiziertes Personal noch geeignetes Rettungsgerät.

Systemversagen: Einzelgängerdelfine in der Ostsee

Wie unprofessionell das Meeressäugermanagement aus Seehundjägern und Wattenjagdaufsehern mitunter agiert, zeigen außergewöhnliche Vorkommnisse mit Meeressäugern. Darauf ist man weder vorbereitet, noch weiß, damit umzugehen.

Eckernförder Delfin Sandy

Der Eckernförder Delfin Sandy (Gemeiner Delfin) wurde keine 6 Jahre alt. Foto: © Kai Müsebeck

Beispiel hierfür ist der tragische Tod des Einzelgängerdelfins „Sandy“ in der Ostsee. Ostern 2020 tauchte der etwa sechs Jahre alte, noch nicht geschlechtsreife weibliche Gemeine Delfin in der Eckernförder Bucht auf. Dabei entwickelte er eine starke Objektfixierung auf eine etwa 100 bis 150 Meter vor dem Hemmelmarker Strand schwimmenden Markierungsboje.

Mit der Zeit begann der an multiplen Hautkrankheiten leidende Delfin, Menschen als Sozialkontakte zu akzeptieren und sogar zu suchen. Dabei schwamm er auch auf sie zu und ließ sich streicheln. Schnell entstand ein ungeregelter Massentourismus. Appelle von besorgten Bürgerinnen und Bürgern oder Meeresschutzorganisationen, Schutzmaßnahmen zu etablieren, verhallten. Der zuständige Seehundjäger blieb rat-, taten- und kompetenzlos. Ende Januar 2021 starb der schwer kranke Delfin.


Meeressäuger-Rettungsnetzwerke

In anderen Ländern ist das Meeressäugermanagement mit Rettungs- und Strandungsnetzwerken, professionellem Rettungsgerät und vielen bei der Rettung von Meeressäugern einsetzbaren Fachleuten, darunter auch Tierärzte und Taucher, und ehrenamtlich Helfenden sehr viel besser aufgestellt. Hier eine unvollständige Übersicht:

Foto oben: Thorsten Sturm/Pixabay


Weiterführende Informationen