Whalewatching – Fluch oder Segen?

Bootsausflüge zu Walen und Delfinen gehören zu den beeindruckendsten Naturerlebnissen

Für viele Millionen Touristen sind Fahrten zu den Giganten der Meere oder ihren kleineren Verwandten, den Delfinen, der Höhepunkt ihrer Urlaubsreise. Doch Wissenschaftler beobachten zunehmend negative Auswirkungen bei touristisch intensiv genutzten Meeressäugerpopulationen. Fluch oder Segen Whalewatching?

Die Entwicklung ist an vielen Orten bereits aus dem Ruder gelaufen

So sind Delfintouren im Roten Meer sind mittlerweile zu einem traurigen Zirkus ausgeartet. Denn ist eine Delfinschule gesichtet, versuchen die Skipper sich gegenseitig zu übertreffen. Sie veranstalten Verfolgungsjagden und kreisen die Tiere ein. Dann stürzen sich die Touristen johlend in großer Zahl ins Wasser. Denn alle wollen einmal mit Delfinen schwimmen.

Touristen schwimmen auf ruhende Delfine zu.

Hurghada, Rotes Meer: Touristen schwimmen auf ruhende Delfine zu. Foto: DWA

Doch die hysterischen Zuneigungsbekundungen stoßen bei den Delfinen auf nur wenig Gegenliebe. Denn sie vernachlässigen ihren Nachwuchs. Sie kommen kaum zur Ruhe, haben zu wenig Zeit zur Futtersuche oder sozialen Interaktionen. Zudem verschwenden sie wertvolle Energie beim Versuch, den Booten zu entkommen. Deshalb zeigen sie sich zunehmend erschöpft, ruhelos. Sie sind einfach nur noch genervt.

Mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz jährlich

Mit ihrem nur teilweise stimmigen grünen Image verzeichnet die Tourismussparte Whalewatching traumhafte Wachstumsraten. 1991 nahmen etwa 4 Millionen Menschen in 31 Ländern an Bootstouren teil. Bereits 2008 waren es 13 Millionen Whalewatching Teilnehmer aus 119 Ländern. Und der derart erwirtschaftete Umsatz soll 2008 bei über 1,5 Milliarden Euro gelegen haben.

Whalewatching Fluch oder Segen? Rückgang der Großen Tümmler im Doubtful Sound

Kritisch ist die Situation besonders für kleine, isoliert lebende Populationen. Denn für sie bringt unkontrollierter Beobachtungstourismus zur zusätzlichen, tödlichen Belastung. Dies konnte die Forschergruppe des Meeresbiologen David Lusseau von der Universität Aberdeen in Schottland zeigen. Denn die Zahl der im Doubtful Sound, einem Fjord im Fiordland-Nationalpark auf der Südinsel Neuseelands, lebenden Großen Tümmler dank innerhalb von acht Jahren von 67 auf 56 Tiere sank. Für Lusseau ist die Armada der dort operierenden Ausflugsboote Hauptursache für den Rückgang.

Whalewatching Fluch oder Segen? Touristische Treibjagden auf die letzte Irawadi-Delfine im Mekong

Ähnlich dramatisch sieht es für die vom Aussterben bedrohte Restpopulation der etwa 70 im Mekong zwischen Kambodscha und Laos lebenden Irawadi-Delfine aus. Auch dort finden touristische Treibjagden statt, um den seltenen Tieren möglichst nahe zu sein.

Vielerorts Fehlanzeige: Der „Code of Conduct“

Regeln zum richtigen Whalewatching sind ein guter Ansatz, den Tourismusdruck in für die Tiere verträgliche Bahnen zu leiten. Dazu gehören Mindestabstände der Boote, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Heranfahrregeln, Anzahl erlaubter Boote in der Nähe einer Meeressäugergruppe oder No-Go-Zonen. Doch vielerorts existiert ein derartiger „code of conduct“ allerdings erst gar nicht und dort, wo es ihn gibt, ist er oft nicht verbindlich. Aber auch ein verbindlicher „code of conduct“ bedarf der Überwachung durch Ranger oder Küstenwache.

Whalewatching Fluch oder Segen? Vor Sansibar hat der Delfintourismus die Jagd auf Delfine verdrängt

Ginge es nach Wissenschaftlern wie David Lusseau, könnte man auf Basis bereits heute verfügbarer Daten festlegen, welche Meeressäugerpopulationen Whalewatching vermutlich schadlos vertragen und welche nicht. So hat z.B. der sicherlich noch nicht nachhaltige Delfintourismus in Sansibar immerhin die dort einst traditionelle Delfinjagd vollständig verdrängt.

Mit Langzeitstudien müsste man dann herausfinden, ob in den touristisch nutzbaren Populationen langfristige, negative Verhaltensänderungen auftreten oder die Folgen eher kurzfristig bleiben. Für derartige Forschungsvorhaben gibt es allerdings kaum politische Unterstützung oder Forschungsgelder.