Munition im Meer: Projekt North Sea Wrecks

Bericht von Sven Koschinski als Vertreter der Deutschen Stiftung Meeresschutz Das Projekt North Sea Wrecks des Deutschen Schifffahrtsmuseums untersucht die Gefährdung durch Munition in der Nordsee. Der Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen war bislang auf die Ostsee ausgerichtet. Ein Arbeitspaket des Projekts zielt darauf, die Gefährdung durch Munition im Meer bekannter zu machen. Dazu diente der Workshop „Umweltbildung im Meeresschutz – Potenziale von Gaming, interaktiven Tools und Citizen Science ausloten!“, der am 1. September in Hamburg stattfand.

Unterschätzte Gefahren durch versenkte Munition im Meer

In Nord- und Ostsee vermutet man noch ca. 1,6 Millionen Tonnen Munition. Ein großer Teil davon geht auf Nachkriegsversenkungen von Munition des Deutschen Reiches bzw. den Alliierten aus. Die Munitionshüllen sind heute meist stark korrodiert und die giftigen und krebserregenden Inhaltsstoffe gelangen in die Umwelt, wo sie sich im Sediment, im Meerwasser und in Muscheln, Krebstieren und Fischen nachweisen lassen.

Durchgerostete Artilleriegranate mit freigelegtem- Sprengstoff und Jungmuscheln

Durchgerostete Artilleriegranate mit freigelegtem Sprengstoff und Jungmuscheln – © Forsvarets forskningsinstitutt (FFI) – Norwegian Defence Research Establishment

Diese Munition ist in der Regel nicht bezündert. Ein großer Teil der Munition kann heute schon mit verfügbarer Technik geborgen werden. Allerdings gibt es praktisch keine zusätzlichen Kapazitäten bei der Vernichtung[1] von Altmunition.

Munitionssprengung Kolberger Heide

© Sven Koschinski

Von den in Kampfhandlungen als „Sperrmunition[2]“ abgeworfenen Minen und Bomben geht zusätzlich eine akute Gefahr aus. Denn sie können nicht immer geborgen werden, sondern müssen z. T. gesprengt werden. Durch bei Detonationen entstehende Schockwellen werden u. a. Meeressäugetiere verletzt oder getötet.

Viele Menschen sind nicht informiert

Die zum Teil komplexe Problematik ist vielen Menschen gar nicht oder nur zum Teil bewusst. Sogar Menschen, die sich mit dem Thema Meer aus anderer Warte beschäftigen, sind nicht immer über Munition im Meer informiert.

Workshop „Umweltbildung im Meeresschutz“ – es gibt viel zu tun!

Der Workshop, bei dem eine Wanderausstellung des Deutschen Schifffahrtsmuseums zum Projekt North Sea Wrecks präsentiert wurde, sollte Potenziale ausloten, das Thema durch innovative Methoden in der Bevölkerung bekannter zu machen.

Neben der präsentierten Wanderausstellung lag der Fokus auf dem interaktiven Tool von Computerspielen, des sogenannten Gaming.

Um Interesse in der Öffentlichkeit am Thema Munition im Meer zu schaffen, ist es wichtig, zielgruppenorientiert einen persönlichen Bezug zu schaffen. Das kann z. B. eine eigene Betroffenheit sein (als Verbraucher, Tourist, Vermieter von Ferienimmobilien etc.). Informierte Bürger können in einem nächsten Schritt durch öffentlichen Druck politische Entscheidungen beeinflussen.

Munition im Meer: Welchen politischen Umgang fordern wir?

Die Problematik der Munition im Meer, graphic record (Mitschrift) des Workshops durch 123comics – www.123comics.net

Wenn zukünftig eine Bergung im industriellen Maßstab ansteht, ist es wichtig, betroffene Kommunen und andere Stakeholder im Prozess mitzunehmen und dazu geeignete Informationen zu entwickeln. Das Thema Munition im Meer sollte weiterhin in Lehrpläne aufgenommen werden, damit jeder Schüler irgendwann einmal davon gehört hat und sich später einmal daran erinnert. Fachleute sollten daran mitwirken, entsprechendes Unterrichtsmaterial zu entwickeln. Für die DLRG ist es bereits ein Thema bei einigen ihrer Schulungen.

Spiele: eine Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen

NGOs und Museen können als Multiplikatoren wirken. Nachteilig wirkt sich dabei aus, dass für Spezialthemen oft nur zeitlich befristete Projektförderungen bereitstehen. (Wander-)Ausstellungen und Kooperation zwischen Bildungsträgern sind dazu wichtige Bausteine.

Um Zielgruppen zu erreichen, die nicht ins Museum gehen, muss das Thema in die Medien getragen werden, die diese Zielgruppen hauptsächlich nutzen. Neben Social Media sind Spiele eine Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen.

Citizen Science – Bürgerforscher gesucht

Im Rahmen von Citizen Science (Datenerhebung durch Laien) könnten Taucher, Fischer, Urlauber oder an der Küste wohnende Menschen angesprochen werden.

Skizze zur Problematik Munition im Meer

Die Problematik der Munition im Meer, graphic record (Mitschrift) des Workshops durch 123comics – www.123comics.net

Typische Munitionsfunde könnten zielgruppenorientiert in weitverbreiteten Citizen-Science-Plattformen beschrieben und zur Meldung von Funden aufgefordert werden. Der Beach Explorer oder sein Schwesterportal Baltic Explorer haben dies zum Teil bereits umgesetzt: https://www.beachexplorer.org/arten/sprengstoff/steckbrief

Die fachliche Betreuung von Meldeportalen ist jedoch aufwendig. Munitionsfunde müssen den Kampfmittelräumdiensten gemeldet werden, damit diese gefahrlos beseitigt werden können.

Munition im Meer: Taucher im Munitionsverklappungsgebiet Kolberger Heide/Ostsee

Forschungstaucher über Munition im Munitionsverklappungsgebiet Kolberger Heide/Ostsee – © Jana Ulrich, GEOMAR

An der niedersächsischen Küste wird sehr häufig Munition freigespült. In Mecklenburg-Vorpommern gab es Munitionsfunde in Strandaufspülungen. In der Kieler Bucht sind Funde von Schießwolle oder Treibladungspulverstangen nicht ungewöhnlich. Wohingegen es auf Usedom die besonders gefährlichen Phosphorfunde aus Brandbomben gibt.

Die potenzielle Explosions- oder Brandgefahr aller Munitionsobjekte stellt dabei eine Herausforderung dar. Eine Voraussetzung für „Laienwissenschaftler“ ist daher ein Bewusstsein für die Risiken.

Fischer anzusprechen ist dabei eine besondere Herausforderung. Typischerweise werden „Munitionsfänge“ wieder zurückgeworfen, weil eine Anlandung oder Übergabe an den Kampfmittelräumdienst „Scherereien“ machen könnte.

Gaming zum Thema Munition im Meer

Gaming kann kleine, von Umweltpädagogen entwickelte Spiele im Rahmen von Ausstellungskonzepten umfassen. Aber auch die von einer breiten Masse der Bevölkerung gespielten Spiele, die zunächst nicht offensichtlich mit dem Thema zu tun haben.

Exponat der Wanderausstellung Projekt North Sea Wrecks

Interaktives Display aus der Wanderausstellung des Deutschen Schifffahrtsmuseums zum Projekt North Sea Wrecks – © Sven Koschinski

Im Rahmen von Ausstellungen konzipierte „pädagogisch wertvolle“ Spiele erreichen nur eine kleine Zielgruppe, die zudem sowieso bereit ist, sich mit Umweltthemen zu befassen.

Ein größeres Bevölkerungspotenzial ließe sich mit Computerspielen erreichen, die gerade „in“ sind. Dazu gehört vor allem Minecraft®, eines der meistverkauften Computerspiele, das zum Microsoft-Konzern gehört. Um ein Thema zu platzieren, muss man Spielestudios dazu bringen, Umweltthemen wie Munition im Meer aufzugreifen.

Beispiele für die Platzierung von Themen in Spielen

Das Rote Kreuz hat durch Beratung von Spiele-Produzenten dafür gesorgt, dass Gamer in realistisch angelegten Action Games mittlerweile von der Völkerrechtsverletzung beim Abschuss eines Rettungsfahrzeugs wissen, da dies mit virtuellen Strafen sanktioniert wird.

Munition im Meer: Sonarbild eines versenkten mit Munition beladenen Schiffs

Sonarbild eines mit Munition beladenen Schiffs, das in der Meerenge des Skagerrak versenkt wurde. Die Munitionsreste sind deutlich als hellere Punkte im zentralen Bereich des zerbrochenen Wracks zu erkennen. © Forsvarets forskningsinstitutt (FFI) Norwegian Defence Research Establishment

Minecraft®-Spieler kennen den Axolotl[3] als Bewohner der mit Minecraft® virtuell konstruierten Welten. Von diesem Tier haben Spieler gewisse Vorteile, wenn sie ihn „halten“. Auch Bienen[4] gibt es in der Minecraft®-Welt, und sie wirken sich positiv auf virtuelle Pflanzen aus.

Es wurde ein Beispiel erzählt, dass Schulklassen, die einen Museumsbesuch planten, bereits vor dem Besuch über eine virtuelle Datingplattform (wie Tinder) mit Ausstellungsstücken in Kontakt treten konnten. Damit dies möglichst nahe an der Realität des Internets ist, lehnten auch einige der Objekte ihre Besucher ab, was zu interessanten Interaktionen führte.

Wie bringt man Narrative zu Munition im Meer in Spiele ein?

Narrative lassen sich in Spiele gezielt einbringen. Aber es erfordert eine gute Kenntnis, wie Gamer „ticken“ und wie man Themen für die Studios attraktiv macht.

Manchmal ist es auch vom Zufall abhängig, welche Themen von der Community aufgegriffen werden. Oder sie entwickeln ein nicht vorhersehbares Eigenleben. Die Entwicklung des Axolotls in Minecraft® koppelt sich mittlerweile vom biologischen Wissen ab. Ähnlich ist es bei Delfinen.

Der Vorteil, bestimmte Narrative über Spiele zu erzählen ist, dass man eine sehr große Bevölkerungsschicht erreicht, die sich mit Umweltthemen bislang kaum oder gar nicht auseinandergesetzt hat. Der Nachteil ist, dass die Wissensvermittlung sehr unspezifisch ist und oft an der Oberfläche bleibt. Um das Potenzial zu nutzen, muss sich ein Museum oder eine NGO daher vollständig dem Thema widmen und bereit sein, mit den Usern, die mehr erfahren möchten, in einen Austausch über das Thema zu treten.


[1] Es gibt in Deutschland nur eine Vernichtungsanlage, die GEKA Munster. Es ist dringend geboten, die Kapazitäten entweder küstennah oder auf einer mobilen Plattform auszubauen.
[2] Zum Sperren von Wasserwegen für feindliche Schiffe.
[3] https://minecraft.fandom.com/de/wiki/Axolotl
[4] https://minecraft.fandom.com/de/wiki/Biene

Weitere Informationen

Dr. Sven Bergmann
Kulturanthropologe und Koordinator Themenbereich „Schiff und Umwelt“
Deutsches Schifffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für Maritime Geschichte
Hans-Scharoun-Platz 1
27568 Bremerhaven
T +49 471 482 07 19
bergmann[at]dsm.museum
www.dsm.museum

Foto oben:
Wanderausstellung des Deutschen Schifffahrtsmuseums zum Projekt North Sea Wrecks – © Sven Koschinski