Tiefseebergbau

Goldgräberstimmung im ewigen Dunkel

Der mit Abstand größte Teil der Ozeane ist uns verborgen, liegt in ewiger Dunkelheit. Ab etwa 200 m Meerestiefe geht das Sonnenlicht verloren. Die darüber liegende Wasserschicht, in der sich die meiste der für Menschen erlebbaren Artenvielfalt tummelt, ist das Epipelagial. Von 200 m bis hinunter auf 1.000 m spricht man dann vom Mesopelagial. In dieser Dämmerlichtzone ist Fotosynthese nicht mehr möglich. Folglich lebt hier kein Phytoplankton. Dafür viele andere bizarr anmutende Lebewesen, die mit eigenen Leuchtorganen etwas Licht in ihre weitgehend schwarze Umwelt zaubern. Doch Tiefseebergbau wird diese Zauberwelt vernichten!

Leben in der Tiefsee unter extremen Bedingungen

Tiefsee-Eidechsenfisch (Bathysaurus mollis) und ein Blumentier.

Tiefsee-Eidechsenfisch (Bathysaurus mollis) und ein Blumentier.

Ab 1.000 m ist es endgültig zappenduster. Die dunklen Zonen weiter hinab in die Tiefe heißen Bathypelagial (bis 4.000 m), Abyssopelagial (bis 6.000 m Tiefe) und Hadopelagial. Letzteres reicht bis zum tiefsten Punkt der Erde in etwa 11.000 m.

Abyss steht für die Unterwelt in der biblischen Mythologie (Abyssus). Hades ist der griechische Gott der Unterwelt. Sogar die Wortherkunft unterstreicht die Lebensfeindlichkeit dieser Meeresregionen.

Kalt ist es hier. Die Temperatur liegt konstant bei -1 bis 4°C. Und es herrscht ein unvorstellbarer Druck von einer Tonne pro Quadratzentimeter! Kaum glaublich, dass Leben unter derart extremen Bedingungen möglich ist. Und doch ist es das – noch.

Sogar Meeressäugern ist die Tiefsee nicht fremd. Bis in Tiefen von 3000 m dringen Cuvier-Schnabelwale und Pottwale auf der Jagd nach Tintenfischen vor – mindestens.

Tiefseebergbau bedroht unbekannte Artenvielfalt

Unbekannter Tiefsee-Fisch.

Unbekannter Tiefsee-Fisch.

Der alte Satz „Wir wissen von der Tiefsee weniger als vom Mond“ gilt nach wie vor. Nicht einmal 5 % der Tiefsee sind erforscht. Im Verborgenen bleibt nach wie vor, wie die Tiere es dort unten schaffen, mit den Extrembedingungen klarzukommen. Es gibt noch sehr viel zu entdecken.

Casper, das Tiefsee-Gespenst

Im März 2016 geisterte in 4.290 Metern Tiefe vor der hawaiianischen Küste zufällig ein kleiner, fast transparenter Oktopus durch das Sichtfeld des Tauchroboters „Deep Discoverer“ der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde (NOAA).

Ganz allein saß die etwa zehn Zentimeter kleine Krake auf einem flachen Felsen und bewachte ihre Eier – denn es handelte sich um ein Weibchen. Und um eine unbekannte Art.

Als „Casper, das Tiefsee-Gespenst“ wurde er weltberühmt. Neben seiner auffälligen Transparenz wies „Casper“ auf jedem Fangarm nur eine statt der sonst üblichen zwei Reihen von Saugnäpfen auf.

Goldrausch mit verheerenden Auswirkungen

Manganknolle aus dem Untersuchungsgebiet im Pazifik.

Manganknolle aus dem Pazifik.
Foto: Senckenberg/Lins

Jetzt will der Mensch auf der Suche nach Rohstoffen auch in Tiefseeregionen vordringen. Damit droht ein Goldrausch mit verheerenden Auswirkungen auf Tiefseeökosysteme und Tiefseefauna.

In der Tiefsee locken nicht nur unentdeckte Öl- und Gasvorkommen, sondern Felder mit Manganknollen oder an schwarzen Rauchern zu findende Massivsulfide (mineralische metallhaltige Schwefelverbindungen), Kobaltkrusten und Methanhydrat.

Es sieht düster aus für die Zukunft von „Casper“ und all der vielen anderen dort unten lebenden Arten, von denen wir die meisten noch nicht einmal kennen.

Kommerzieller Tiefseebergbau ab 2025?

Manganknollen finden sich in vielen Tiefseegebieten. Das größte bislang bekannte Vorkommen jedoch liegt im äquatorialen Nordpazifik. Es umfasst fünf Millionen Quadratkilometer und ist damit größer als die EU. In Meerestiefen zwischen 4.000 und 6.000 Meter liegen hier auf 60 Prozent des Meeresbodens unzählige Manganknollen. Und der Beginn des kommerziellen Abbaus ist für 2025 geplant.

Claims werden abgesteckt

Am Tiefseebergbau interessierte Länder müssen sich von der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority/ISA), Schürfrechte zuweisen lassen.

Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee.

Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee. Aus dem Report “Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean”

Auch Deutschland ist mit dabei. Im nordpazifischen Manganknollengürtel gelegen, umfasst das deutsche Areal etwa 75.000 Quadratkilometer und ist damit größer als Bayern. Bereits 2006 wurde die Schürflizenz für 250.000 € für 15 Jahre gepachtet. Seit 2015 hat Deutschland auch eine Abbaulizenz. Seitdem wartet man auf den Startschuss seitens der ISA.

Tiefseebergbau geht mit massivem Artenverlust einher

Bereits 2018 konnte eine Studie des Senckenberg-Forschungsinstituts in Frankfurt zeigen, dass Tiefseebergbau (Abbau von Manganknollen) zu massiven, über mehrere Jahrzehnte anhaltenden Artenverlusten führt.

Folglich fordern Wissenschaftler und Meeresschützer ein Moratorium des Tiefseebergbaus und Schutzzonen.

2020 überprüften Experten auf Initiative der Deep Sea Mining Campaign, MiningWatch Canada und Ozeanien-Dialog über 250 wissenschaftliche Publikationen zu Umweltauswirkungen des Tiefseebergbaus. Auch ihr Fazit ist eindeutig: Die Folgen sind irreversible Artenverluste und irreversible Schädigungen der Ökosysteme.

 

Download DSCC fact sheet 1: Deep-sea mining: an introduction

DSCC Report: Preventing Biodiversity Loss in the Deep Sea: A critique of compliance by high seas fishing nations and RFMOs with global environmental commitments
(Vermeidung von Biodiversitätsverlusten in der Tiefsee – Kritische Evaluierung der Einhaltung globaler Umweltverpflichtungen durch Hochseefischerei-Nationen und regionale Fischereikommissionen)

Fotos Tiefsee-Eidechsenfisch und Unbekannter Tiefsee-Fisch aus:
Report “Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean