Tiefseebergbau – Die Tiefsee

Voraussichtliche Lesedauer: 13 Minuten

Der Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee wird eine uns weitgehend unbekannte Welt irreversibel zerstören. Ein Faktor, der das Interesse am Tiefseebergbau zunehmend befeuert, ist die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen für die Batterieproduktion. Denn der Meeresboden der Tiefsee lockt nicht nur mit unentdeckten Öl- und Gasvorkommen. Hier gibt es zudem wertvolle Mineralien und seltene Erden. Felder mit Manganknollen, an schwarzen Rauchern befindliche Massivsulfide (mineralische metallhaltige Schwefelverbindungen), Kobaltkrusten und Methanhydrat. Doch wenn diese Lebensräume zerstört werden, droht ein Kollaps der Ozeane.

Wir unterstützen als Mitglied der Deep Sea Conservation Coalition (DSCC) und des Bündnisses Seas at Risk den globalen Kampf gegen den Tiefseebergbau.

Die Tiefsee

Die Wasserschicht, in der sich die meiste der für Menschen erlebbaren Artenvielfalt tummelt, ist das Epipelagial. Doch es reicht nur bis in etwa 200 m Meerestiefe. Ab dann geht das Sonnenlicht verloren. Dann beginnt die Tiefsee. Damit bleibt uns der mit Abstand größte Teil der Ozeane weitgehend verborgen. Denn er liegt in ewiger Dunkelheit. Der alte Satz „Wir wissen von der Tiefsee weniger als vom Mond“ gilt nach wie vor. Nicht einmal 5 % der Tiefsee sind erforscht. Bis zum Juni 2021 hatten Geologen gerade einmal 20,6 % des weltweiten Meeresbodens kartiert. Oberflächengestalt und Geologie der Tiefsee sind weitgehend unbekannt. Es gibt noch sehr viel zu entdecken in der größten Terra incogniata unseres Planeten.

Mesopelagial

Von 200 m bis hinunter auf 1.000 m spricht man dann vom Mesopelagial. In dieser Dämmerlichtzone ist Fotosynthese nicht mehr möglich. Folglich lebt hier kein Phytoplankton. Dafür viele andere bizarr anmutende Lebewesen. Mit eigenen Leuchtorganen zaubern sie etwas Licht in ihre weitgehend schwarze Welt. Ab 1.000 m ist es dann endgültig zappenduster.

Bathypelagial, Abyssopelagial und Hadopelagial

Noch weiter hinab heißen die dunklen Zonen der Tiefe Bathypelagial (bis 4.000 m), Abyssopelagial (bis 6.000 m Tiefe) und Hadopelagial. Letzteres reicht bis zum bislang bekannten tiefsten Punkt der Erde in über 11.000 m.

Abyss steht für die Unterwelt in der biblischen Mythologie (Abyssus). Hades ist der griechische Gott der Unterwelt. Sogar die Wortherkunft unterstreicht die Lebensfeindlichkeit dieser Meeresregionen.

Kalt ist es hier. Die Temperatur liegt konstant bei -1 bis 4°C. Und es herrscht ein unvorstellbarer Druck von einer Tonne pro Quadratzentimeter! Kaum glaublich, dass Leben unter derart extremen Bedingungen möglich ist. Und doch ist es das – noch. Im Verborgenen bleibt, wie Tiere, die ständig hier leben, es schaffen, mit den Extrembedingungen klarzukommen.

Tiefsee-Qualle Halicreas minimum

Die Tiefsee-Qualle Halicreas minimum ist nur 30 bis 40 Millimeter klein. Sie hat bis zu 64 Takeln und kommt in Tiefen unter 2000 Meter im Nordwest-Pazifik vor. Foto: Dhugal Lindsay

Leben in der Tiefsee: weitgehend unbekannt

Auf und im Meeresboden in Tiefen von bis zu 9585 Metern herrscht ein reges Treiben. Doch zwei Drittel hier lebenden Organismen können keiner bislang bekannten Gruppe zugeordnet werden. Die (weitgehend unbekannte) Artenvielfalt der Tiefseesedimente ist im Durchschnitt dreimal so groß wie die in der darüber befindlichen Wassersäule. Das sagen Wissenschaftler des Frankfurter Senckenberg Forschungsinstituts.

Zusammen mit einem Team internationaler Forscher werteten sie dafür zwei Milliarden DNA-Sequenzen aus fast 1700 Proben von 15 Tiefsee-Expeditionen aus. Die Studie veröffentlichte das Fachjournal „Science Advances“ Anfang Februar 2022. Sie vermittelt einen ungefähren Eindruck von der unbekannten Artenvielfalt in der Tiefsee. Zumindest von der in und auf den Sedimenten.

Tiefsee Anemone in 1.878 Metern Tiefe.

Diese nicht identifizierte Anemone wurde 2018 zum ersten Mal in rund 1.878 Metern Tiefe gesichtet. Foto: NOAA Office of Ocean Exploration and Research, Windows to the Deep 2018.

Gäste im ewigen Dunkel

Die Tiefsee lockt zudem zahllose Meerestiere an, die erstaunliche Distanzen innerhalb der Wassersäule zurücklegen. Selbst bizarre Mondfische schwimmen bis in über 600 m in die Tiefe. Bogenstirn-Hammerhaie tauchen sturzflugartig in Tiefen von über 800 Metern ab.

Auch Lungenatmern wie Lederschildkröten (1.300 m und tiefer) und Meeressäugern ist die Tiefsee nicht fremd. Cuvier-Schnabelwale und Pottwale tauchen auf 3.000 m und tiefer. Wie sie das schaffen? So ganz genau weiß man es nicht.

Ökosystemleistungen von globaler Relevanz

Eine Vielzahl verschiedener Organismen sorgt dafür, absinkende organische und anorganische Stoffe zu recyceln und/oder zu binden. Daher betonen die Forscher die enorme Bedeutung der Tiefsee-Lebewesen für den globalen Stoffkreislauf.

„Dieses Leben ist als Grundlage für zwei wichtige Ökosystemleistungen von gesamtplanetarischer Bedeutung: das gesunde Funktionieren der Nahrungsnetze in den Ozeanen und das Binden von atmosphärischem Kohlenstoff. Beides beeinflusst unser Weltklima entscheidend“, erklärt Prof. Dr. Angelika Brandt vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Sie fährt fort: „Bislang ist allerdings nur sehr wenig über die Lebewesen auf und in den Tiefseesedimenten bekannt. Wir haben diese Tiefsee-DNA-Sequenzen mit allen uns bekannten und verfügbaren Referenzsequenzen verglichen. Unsere Daten zeigen, dass fast zwei Drittel der auf dem Tiefseeboden lebenden Organismen keiner bislang bekannten Gruppe zugeordnet werden können“.

ISA verwaltet die Tiefsee als gemeinsames Erbe der Menschheit

Auf dem Papier hat die in Kingston auf Jamaika beheimatete International Seabed Authority (ISA) den Auftrag, Tiefseebodenschätze als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ zu verwalten. In der Realität geht es dagegen eher darum, Unternehmen und Investoren bei ihrem spekulativen Ansturm auf Meeresbodenschätze wie Mangankonollen Tür und Tor zu öffnen. Also um sehr viel Geld.

Nicht umsonst sind kleine und verarmte Inselstaaten im Pazifik besonders im Visier der Meeresbodenspekulanten. So drohen die Cook-Inseln, Kiribati, Nauru und Tonga den finanziellen Verlockungen der Unternehmen zu erliegen. Auch Tuvalu hat bereits Interesse bekundet. Ab 2025 soll es dann losgehen mit dem kommerziellen Abbau. Interessierte Länder können sich von der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority/ISA), Schürfrechte zuweisen lassen.

Auch Deutschland ist mit dabei. Im nordpazifischen Manganknollengürtel gelegen, umfasst das deutsche Areal etwa 75.000 Quadratkilometer und ist damit größer als Bayern. Bereits 2006 wurde die Schürflizenz für 250.000 € für 15 Jahre gepachtet. Seit 2015 hat Deutschland eine Abbaulizenz. Seitdem wartet man auf den Startschuss seitens der ISA.

Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee.
Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee. Aus dem Report „Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean“

Wissenschaftler warnen vor den Folgen des Tiefseebergbaus

Bereits 2018 konnte eine Studie des Senckenberg-Forschungsinstituts in Frankfurt zeigen, dass der Abbau von Manganknollen zu massiven, über mehrere Jahrzehnte anhaltenden Artenverlusten führt. Folglich fordern Wissenschaftler und Meeresschützer ein Tiefseebergbau-Moratorium und Schutzzonen.

2020 überprüften Experten auf Initiative der Deep Sea Mining Campaign, MiningWatch Canada und Ozeanien-Dialog über 250 wissenschaftliche Publikationen zu Umweltauswirkungen des Tiefseebergbaus. Auch ihr Fazit ist eindeutig: Die Folgen sind irreversible Artenverluste und irreversible Schädigungen der Ökosysteme. Mittlerweile warnt eine Phalanx von mehr als 500 Wissenschaftlern aus 44 Ländern vor den negativen Umweltauswirkungen des Tiefseebergbaus. Als Lösung und einzig verantwortlicher Weg kommt nach Ansicht der Wissenschaftler und der Organisationen nur ein Tiefseebergbau-Moratorium in Frage.

„Wir kratzen erst an der Oberfläche unseres Wissens über die Tiefsee. Wir haben nur eine Handvoll der Arten dort unten entdeckt, wissen nicht, wie sie leben oder wie die Ökosysteme funktionieren. Gerade erst fangen wir an zu verstehen, dass dort unten keine Leere herrscht. Dort leben lauter wunderbare und einzigartige Lebensformen. Tiefseeökosysteme bilden ein zusammenhängendes System mit dem Mittel- und Oberflächenwasser. Der Abbau von Bodenschätzen wird nicht nur den Tiefseeboden für Tausende von Jahren schädigen. Er könnte auch Folgen für den Rest des Ozeans und die Menschen haben, die davon abhängig sind“.

Dr. Andrew Chin vom Zentrum für nachhaltige tropische Fischerei und Aquakultur der James-Cook-Universität in Australien

Weltweiter Widerstand

Oberster Gerichtshof von Neuseeland untersagt Tiefseebergbauprojekt

Anfang Oktober 2021 verbot der Oberste Gerichtshof Neuseelands ein gigantisches Tiefseebergbauprojekt vor der Küste des Landes. In dem Urteil bestätigt der Gerichtshof, dass der geplante Abbau zu gefährlich, zu riskant und zu umweltschädlich ist. Das Offshore-Bergbauunternehmen Trans-Tasman Resources (TTR) wollte in der South-Taranaki-Bucht 35 Jahre lang jährlich bis zu 50 Millionen Tonnen Eisensand vom Meeresboden fördern. Dabei hoffte man, etwa 5 Millionen Tonnen Eisenerz zu gewinnen. Anschließend wollte man den Rest, also mindestens 45 Millionen Tonnen nicht ergiebigen Sandes, wieder im Meer verklappen.

Die South Taranaki Bight ist eine große Bucht. Sie erstreckt sich im südöstlichen Küstenbereich an der Nordinsel Neuseelands. Hier leben mehr als 35 Meeressäugerarten. Darunter mindestens acht Arten oder Unterarten, die von der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) als bedroht oder gefährdet eingestuft sind. So etwa eine genetisch isolierte und residente Population neuseeländischer Zwergblauwale. Sie wurde erst vor Kurzem entdeckt.

Hinzu kommen einige Māui-Delfine, eine Unterart des Hector-Delfins. Sie sind akut vom Aussterben bedroht. Ihr Bestand liegt nach offiziellen Angaben bei nur noch zwischen 57 und 75 erwachsenen Tieren. Es sind die kleinsten und seltensten Delfine der Welt.

Außerdem leben in der Bucht auch die kleinsten Pinguine der Welt, die Zwergpinguine oder Kororās in der Sprache der Maoris.

Das Tiefseebergbauprojekt hätte den Lebensraum von Zwergpinguinen zerstört

Zwergpinguine sind nur knapp über 25 cm groß und wiegen etwa 1 kg – © iStock.com/ozflash

Regierung soll Tiefseebergbau grundsätzlich verbieten

Die Anträge von Trans-Tasman Resources für das South Taranaki Bight Tiefseebergbauprojekt durchliefen eingehende, wochenlange Anhörungen und Stellungnahmen. Daran beteiligte sich ein breites Spektrum der Zivilgesellschaft. Von Māori-Stämmen, der Fischereiindustrie, von Umwelt- und lokalen Gruppen bis hin zu unabhängigen Wissenschaftlern.

Den Gang vor den Obersten Gerichtshof hatte das Bergbauunternehmen selbst angestrengt. TTR wollte damit vorinstanzliche Urteile aushebeln. Doch die höchsten Richter des Landes beklagten unzureichende Antragsunterlagen. Unter anderem hatte TTR keinerlei Information zu möglichen Auswirkungen auf Meeressäuger und Seevögel eingereicht. Damit scheiterte bereits der dritte derartige Antrag in Neuseeland seit 2013. Für TTR war es der zweite Antrag nach 2014.

Nun fordern die Gegner von der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern eine Grundsatzentscheidung. Ardern soll die Gelegenheit nutzen, ein Moratorium für Tiefseebergbauprojekte vor der Küste des Landes zu verhängen.

IUCN-Weltnaturschutzkongress 2021

Anfang September 2021 stimmte eine Mehrheit der Mitglieder der IUCN auf dem alle vier Jahre stattfindenden IUCN-Weltnaturschutzkongress für ein Moratorium für den Tiefseebergbau. In der Resolution heißt es außerdem, die ISA solle reformiert werden.

Fidschi

Während der IUCN-Konferenz 2021 verkündete der Premierminister von Fidschi Frank Bainimarama ein Verbot für den Abbau von Meeresbodenschätzen in fidschianischen Gewässern.

Northern Territory

Im Februar 2021 kündigte die Regionalregierung des Northern Territory (Nordterritorium, Australien) an, mehrere Tiefseebergbauprojekte zu verbieten. Damit will man sowohl Küstenökosysteme als auch die regionale Wirtschaft vor Gefahren und Schäden schützen.

Jonathan Mesulam von der Allianz der Solwara-Krieger und sein Sohn William.
Jonathan Mesulam von der Allianz der Solwara-Krieger hält mit seinem Sohn William eine ganzseitige Zeitungsanzeige, mit der die PNG-Regierung aufgefordert wird, Tiefseebergbau-Lizenzen zu widerrufen

Vor der Küste des Northern Territory waren 26 Explorationsstätten für den Abbau von Mangan und anderen Tiefseemineralien auf einer Fläche von bis zu 9600 km2 geplant.

Von dieser Entscheidung besonders erleichtert ist dabei die Allianz der Solwara-Krieger in Papua-Neuguinea (PNG). „Wir gratulieren. Seit über einem Jahrzehnt kämpfen wir gegen eine Betriebsgenehmigung für das erste Tiefseebergbauprojekt der Welt. Die in der Bismarcksee geplante Solwara-1-Mine liegt nur 25 km entfernt von meinem traditionellen Dorf“, erklärt Jonathan Mesulam, Sprecher der PNG-Solwara-Krieger.

„PNG benötigt keinen Tiefseebergbau. Wir sind mit reichlich Fisch und produktiven landwirtschaftlichen Flächen gesegnet. Der Abbau von Bodenschätzen am Meeresboden wird nur einer kleinen Anzahl von Menschen zugutekommen. Diese sind reich und haben kein Interesse am Fortbestand unserer Gemeinden und indigenen Lebensweise“, betont Mesulam.


Casper, das Tiefsee-Gespenst

Im März 2016 geisterte in 4.290 Metern Tiefe vor der hawaiianischen Küste zufällig ein kleiner, fast transparenter Oktopus durch das Sichtfeld des Tauchroboters „Deep Discoverer“ der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde (NOAA). Ganz allein saß die etwa zehn Zentimeter kleine Krake auf einem flachen Felsen und bewachte ihre Eier – denn es handelte sich um ein Weibchen. Und um eine unbekannte Art. Als „Casper, das Tiefsee-Gespenst“ wurde er weltberühmt. Neben seiner auffälligen Transparenz wies „Casper“ auf jedem Fangarm nur eine statt der sonst üblichen zwei Reihen von Saugnäpfen auf.

Es sieht düster aus für die Zukunft von „Casper“ und die der vielen anderen dort unten lebenden, uns weitgehend unbekannten Arten.

Defend the deep – Take action now!

Petition gegen den Abbau von Bodenschätzen in der Tiefsee
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