Tiefseebergbau – Die Tiefsee

14 Minuten

Der Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee wird eine uns weitgehend unbekannte Welt irreversibel zerstören. Ein Faktor, der das Interesse am Tiefseebergbau zunehmend befeuert, ist die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen für die Batterieproduktion. Denn der Meeresboden der Tiefsee lockt nicht nur mit unentdeckten Öl- und Gasvorkommen. Hier gibt es zudem wertvolle Mineralien und seltene Erden. Felder mit Manganknollen, an schwarzen Rauchern befindliche Massivsulfide (mineralische metallhaltige Schwefelverbindungen), Kobaltkrusten und Methanhydrat. Doch wenn diese Lebensräume zerstört werden, droht ein Kollaps der Ozeane.

Meeresretter werden!

Die Tiefsee

Tiefsee-Eidechsenfisch, gesichtet beim letzten Tauchgang der Expedition Windows to the Deep 2019 in 1.610 Metern. Foto: NOAA Office of Ocean Exploration and Research, Windows to the Deep 2018.

Die Wasserschicht, in der sich die meiste der für Menschen erlebbaren Artenvielfalt tummelt, ist das Epipelagial. Doch es reicht nur bis in etwa 200 m Meerestiefe. Ab dann geht das Sonnenlicht verloren. Dann beginnt die Tiefsee. Damit bleibt uns der mit Abstand größte Teil der Ozeane weitgehend verborgen. Denn er liegt in ewiger Dunkelheit.

Der alte Satz „Wir wissen von der Tiefsee weniger als vom Mond“ gilt nach wie vor. Nicht einmal 5 % der Tiefsee sind erforscht. Bis zum Juni 2021 hatten Geologen gerade einmal 20,6 % des weltweiten Meeresbodens kartiert. Oberflächengestalt und Geologie der Tiefsee sind weitgehend unbekannt.

Es gibt noch sehr viel zu entdecken in der größten Terra incogniata unseres Planeten.

Mesopelagial

Von 200 m bis hinunter auf 1.000 m spricht man dann vom Mesopelagial. In dieser Dämmerlichtzone ist Fotosynthese nicht mehr möglich. Folglich lebt hier kein Phytoplankton. Dafür viele andere bizarr anmutende Lebewesen. Mit eigenen Leuchtorganen zaubern sie etwas Licht in ihre weitgehend schwarze Welt. Ab 1.000 m ist es dann endgültig zappenduster.

Bathypelagial, Abyssopelagial und Hadopelagial

Noch weiter hinab heißen die dunklen Zonen der Tiefe Bathypelagial (bis 4.000 m), Abyssopelagial (bis 6.000 m Tiefe) und Hadopelagial. Letzteres reicht bis zum bislang bekannten tiefsten Punkt der Erde in über 11.000 m.

Abyss steht für die Unterwelt in der biblischen Mythologie (Abyssus). Hades ist der griechische Gott der Unterwelt. Sogar die Wortherkunft unterstreicht die Lebensfeindlichkeit dieser Meeresregionen.

Kalt ist es hier. Die Temperatur liegt konstant bei -1 bis 4°C. Und es herrscht ein unvorstellbarer Druck von einer Tonne pro Quadratzentimeter! Kaum glaublich, dass Leben unter derart extremen Bedingungen möglich ist. Und doch ist es das – noch.

Im Verborgenen bleibt, wie Tiere, die ständig hier leben, es schaffen, mit den Extrembedingungen klarzukommen.

Tiefsee Anemone in 1.878 Metern Tiefe.
Nicht identifizierte Anemone, erstmals gesichtet 2018 Mal in rund 1.878 Metern. Foto: NOAA Office of Ocean Exploration and Research, Windows to the Deep 2018
Ein schwimmendes Kopfloses Hühnermonster (Enypniastes eximia)
Das Kopflose Hühnermonster (Enypniastes eximia) ist eine Tiefsee-Seegurke, die schwimmen kann. Sie ist bisher für Tiefen bis 2.100 m nachgewiesen. © NOAA Ocean Exploration and Research
Im März 2016 geisterte in 4.290 Metern Tiefe vor der hawaiianischen Küste zufällig ein kleiner, fast transparenter Oktopus durch das Sichtfeld des Tauchroboters „Deep Discoverer“ der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde (NOAA). Ganz allein saß die etwa zehn Zentimeter kleine Krake auf einem flachen Felsen und bewachte ihre Eier – denn es handelte sich um ein Weibchen. Und um eine unbekannte Art. Als „Casper, das Tiefsee-Gespenst“ wurde er weltberühmt. Neben seiner auffälligen Transparenz wies „Casper“ auf jedem Fangarm nur eine statt der sonst üblichen zwei Reihen von Saugnäpfen auf.

Leben in der Tiefsee: weitgehend unbekannt

Auf und im Meeresboden in Tiefen von bis zu 9585 Metern herrscht ein reges Treiben. Doch zwei Drittel hier lebenden Organismen können keiner bislang bekannten Gruppe zugeordnet werden. Die (weitgehend unbekannte) Artenvielfalt der Tiefseesedimente ist im Durchschnitt dreimal so groß wie die in der darüber befindlichen Wassersäule. Das sagen Wissenschaftler des Frankfurter Senckenberg Forschungsinstituts.

Zusammen mit einem Team internationaler Forscher werteten sie dafür zwei Milliarden DNA-Sequenzen aus fast 1700 Proben von 15 Tiefsee-Expeditionen aus. Die Studie veröffentlichte das Fachjournal „Science Advances“ Anfang Februar 2022. Sie vermittelt einen ungefähren Eindruck von der unbekannten Artenvielfalt in der Tiefsee. Zumindest von der in und auf den Sedimenten.

Eine Vielzahl verschiedener Organismen sorgt dafür, absinkende organische und anorganische Stoffe zu recyceln und/oder zu binden. Daher betonen Forscher die enorme Bedeutung der Tiefsee-Lebewesen für den globalen Stoffkreislauf.

„Dieses Leben ist als Grundlage für zwei wichtige Ökosystemleistungen von gesamtplanetarischer Bedeutung: das gesunde Funktionieren der Nahrungsnetze in den Ozeanen und das Binden von atmosphärischem Kohlenstoff. Beides beeinflusst unser Weltklima entscheidend“, erklärt Prof. Dr. Angelika Brandt vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt.

Sie fährt fort: „Bislang ist allerdings nur sehr wenig über die Lebewesen auf und in den Tiefseesedimenten bekannt. Wir haben diese Tiefsee-DNA-Sequenzen mit allen uns bekannten und verfügbaren Referenzsequenzen verglichen. Unsere Daten zeigen, dass fast zwei Drittel der auf dem Tiefseeboden lebenden Organismen keiner bislang bekannten Gruppe zugeordnet werden können“.

15. Biodiversitätskonferenz des UN-Übereinkommens zur biologischen Vielfalt ↗
Wissenschaftler und Meeresschutzorganisationen fordern Schutz der Tiefsee

Gäste im ewigen Dunkel

Die Tiefsee lockt zahllose Meerestiere an, die erstaunliche Distanzen innerhalb der Wassersäule zurücklegen. Selbst bizarre Mondfische schwimmen bis in über 600 m hinab. Bogenstirn-Hammerhaie tauchen sturzflugartig in Tiefen von über 800 Metern ab.

Auch Lungenatmern wie Lederschildkröten (1.300 m und tiefer) und Meeressäugern ist die Tiefsee nicht fremd. Cuvier-Schnabelwale und Pottwale tauchen auf 3.000 m und tiefer. Wie sie das schaffen? So ganz genau weiß man es nicht.

Pottwal mit Freediver.
Foto: Willyam

Tiefseebergbau: Wissenschaftler warnen vor den Folgen

Bereits 2018 konnte eine Studie des Senckenberg-Forschungsinstituts in Frankfurt zeigen, dass der Abbau von Manganknollen zu massiven, über mehrere Jahrzehnte anhaltenden Artenverlusten führt. Folglich fordern Wissenschaftler und Meeresschützer ein Tiefseebergbau-Moratorium und Schutzzonen.

2020 überprüften Experten auf Initiative der Deep Sea Mining Campaign, MiningWatch Canada und Ozeanien-Dialog über 250 wissenschaftliche Publikationen zu Umweltauswirkungen des Tiefseebergbaus.

Auch ihr Fazit ist eindeutig: Die Folgen sind irreversible Artenverluste und irreversible Schädigungen der Ökosysteme. Mittlerweile warnt eine Phalanx von mehr als 500 Wissenschaftlern aus 44 Ländern vor den negativen Umweltauswirkungen des Tiefseebergbaus.

Als Lösung und einzig verantwortlicher Weg kommt nach Ansicht der Wissenschaftler und der Organisationen nur ein Tiefseebergbau-Moratorium in Frage.

„Wir kratzen erst an der Oberfläche unseres Wissens über die Tiefsee. Wir haben nur eine Handvoll der Arten dort unten entdeckt, wissen nicht, wie sie leben oder wie die Ökosysteme funktionieren. Gerade erst fangen wir an zu verstehen, dass dort unten keine Leere herrscht. Dort leben lauter wunderbare und einzigartige Lebensformen. Tiefseeökosysteme bilden ein zusammenhängendes System mit dem Mittel- und Oberflächenwasser. Der Abbau von Bodenschätzen wird nicht nur den Tiefseeboden für Tausende von Jahren schädigen. Er könnte auch Folgen für den Rest des Ozeans und die Menschen haben, die davon abhängig sind“.

Dr. Andrew Chin vom Zentrum für nachhaltige tropische Fischerei und Aquakultur der James-Cook-Universität in Australien
Die Meeresbiologin und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Prof. Dr. Antje Boetius erklärt uns in knackigen drei Minuten, was ein möglicher Tiefseebergbau für diesen Lebensraum bedeuten würde und welche Tiefseerätsel in der nächsten Zukunft noch gelöst werden müssen.
von: mdr WISSEN „Drei Minuten Zukunft: Tiefsee“

International Seabed Authority (ISA)

Die in Kingston, Jamaika, beheimatete International Seabed Authority (ISA) ist für alle mineralischen Ressourcen am Meeresboden zuständig. Diese sind im Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (SRÜ) als gemeinsames Erbe der Menschheit definiert. Dabei ist die ISA nur für den Teil des Meeresbodens zuständig, der außerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) der Küstenstaaten liegt. Er wird The Area genannt.

Am Tiefseebergbau interessierte Länder können sich von der ISA Explorationslizenzen für Meeresgebiete außerhalb ihrer AWZ zuweisen lassen. Da ist auch Deutschland ist mit dabei. Im nordpazifischen Manganknollengürtel gelegen, umfasst das deutsche Areal etwa 75.000 Quadratkilometer und ist damit größer als Bayern.

Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee.
Weltkarte der Mineralienlagerstätten in der Tiefsee. Aus dem Report „Predicting the impacts of mining deep sea polymetallic nodules in the Pacific Ocean“

Durch beantragte und bereits genehmigte AWZ-Erweiterungen bis in den Bereich des äußeren Festlandsockels verringert sich die Fläche von The Area allerdings. Damit schrumpft auch das Einflussgebiet der ISA.

Tiefseebergbau in Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ)

Innerhalb ihrer AWZ (normalerweise die 200-Seemeilen-Zone, circa 370 Kilometer ab dem Rand des Küstenmeers, der 12-Seemeilen-Zone) dürfen Küstenstaaten ihre Meeresbodenschätze selbst ausbeuten. Daher sind kleine und verarmte Inselstaaten im Pazifik besonders im Visier von Meeresbodenspekulanten. Denn die meisten der bislang entdeckten Vorkommen von Kobaltkrusten und Massivsulfiden befinden sich im Bereich des Festlandssockels dieser Staaten. So drohen die Cook-Inseln, Kiribati, Nauru und Tonga den finanziellen Verlockungen zu erliegen. Auch Tuvalu hat bereits Interesse bekundet. Kaum eines dieser Länder hat eine eigene Bergbauindustrie.

BLUE PERIL

Die Dokumentation BLUE PERIL liefert überzeugende, faktenbasierte Argumente, gar nicht erst mit dem Tiefseebergbau zu beginnen. Es ist die erste wissenschaftlich fundierte visuelle Untersuchung der Auswirkungen des Abbaus von Meeresbodenschätzen im Pazifischen Ozean. Unabhängig von der Industrie und der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA).

BLUE PERIL zeigt ein beunruhigendes Bild der weitreichenden Auswirkungen des Tiefseebergbaus auf Wirtschaft und Lebensweise pazifischer Inselgemeinschaften wie z. B. Hawaii und Kiribati.

Welcome to the blue heart of our planet

Weltweiter Widerstand

Jamaika, Spanien, Deutschland, Costa Rica und Panama

Auf der ISA-Tagung 2022 in Kingston forderten Jamaika, Spanien, Deutschland, Costa Rica und Panama eine „vorsorgliche Pause“ beim Tiefseebergbau.

Chile

Auf der Meereskonferenz 2022 der Vereinten Nationen (UNOC) in Lissabon verkündigte Chile anstelle eines zweijährigen ein fünfzehnjähriges Moratorium auf den Tiefseebergbau.

Neuseeland

Anfang Oktober 2021 verbot der Oberste Gerichtshof Neuseelands ein gigantisches Tiefseebergbau-Projekt vor der Küste des Landes. In dem Urteil bestätigt der Gerichtshof, dass der geplante Abbau zu gefährlich, zu riskant und zu umweltschädlich ist. Das Offshore-Bergbauunternehmen Trans-Tasman Resources (TTR) wollte in der South-Taranaki-Bucht 35 Jahre lang jährlich bis zu 50 Millionen Tonnen Eisensand vom Meeresboden fördern. Dabei hoffte man, etwa 5 Millionen Tonnen Eisenerz zu gewinnen. Anschließend wollte man den Rest, also mindestens 45 Millionen Tonnen nicht ergiebigen Sandes, wieder im Meer verklappen.

Die South Taranaki Bight ist eine große Bucht. Sie erstreckt sich im südöstlichen Küstenbereich an der Nordinsel Neuseelands. Hier leben mehr als 35 Meeressäugerarten. Darunter mindestens acht Arten oder Unterarten, die von der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) als bedroht oder gefährdet eingestuft sind. So etwa eine genetisch isolierte und residente Population neuseeländischer Zwergblauwale. Hinzu kommen einige Māui-Delfine, eine Unterart des Hector-Delfins. Sie sind akut vom Aussterben bedroht. Ihr Bestand liegt nach offiziellen Angaben bei nur noch zwischen 57 und 75 erwachsenen Tieren. Es sind die kleinsten und seltensten Delfine der Welt.

Außerdem leben in der Bucht die kleinsten Pinguine der Welt, die Zwergpinguine oder Kororās in der Sprache der Maoris.

Das Tiefseebergbauprojekt hätte den Lebensraum von Zwergpinguinen zerstört

Zwergpinguine sind nur knapp über 25 cm groß und wiegen etwa 1 kg – © iStock.com/ozflash

Ende Oktober 2022 schloss sich Neuseeland dann den Forderungen nach einem Tiefseebergbau-Moratorium an. „Der Tiefseebergbau könnte irreversible Veränderungen der Ökosysteme verursachen und erhebliche Auswirkungen auf die biologische Vielfalt haben“, erklärte die neuseeländische Außenministerin Nanaia Mahuta. Neuseeland bezieht sich dabei ausdrücklich auf den Tiefseebergbau in internationalen Gewässern, der unter der Kontrolle der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) steht.

Palau, Samoa, Fidschi und Guam

Auf der Meereskonferenz 2022 der Vereinten Nationen (UNOC) in Lissabon forderten die vier Staaten gemeinsam mit 57 Parlamentariern einen Stopp der zerstörerischen Tiefseebergbau-Industrie.

Frankreich

Auf der Meereskonferenz 2022 der Vereinten Nationen (UNOC) in Lissabon forderte der französische Präsident Emmanuel Macron: „Wir müssen den rechtlichen Rahmen schaffen, um den Tiefseebergbau auf der Hohen See zu stoppen und keine neuen Aktivitäten zuzulassen, die Ökosysteme gefährden.“

Northern Territory

Im Februar 2021 kündigte die Regionalregierung des Northern Territory (Nordterritorium, Australien) an, mehrere Tiefseebergbauprojekte zu verbieten. Damit will man sowohl Küstenökosysteme als auch die regionale Wirtschaft vor Gefahren und Schäden schützen. Vor der Küste des Northern Territory waren 26 Explorationsstätten für den Abbau von Mangan und anderen Tiefseemineralien auf einer Fläche von bis zu 9600 km2 geplant.

Von dieser Entscheidung besonders erleichtert ist dabei die Allianz der Solwara-Krieger in Papua-Neuguinea (PNG). „Seit über einem Jahrzehnt kämpfen wir gegen eine Betriebsgenehmigung für das erste Tiefseebergbauprojekt der Welt. Die in der Bismarcksee geplante Solwara-1-Mine liegt nur 25 km entfernt von meinem traditionellen Dorf“, erklärte Jonathan Mesulam, Sprecher der PNG-Solwara-Krieger. „PNG benötigt keinen Tiefseebergbau. Wir sind mit reichlich Fisch und produktiven landwirtschaftlichen Flächen gesegnet. Der Abbau von Bodenschätzen am Meeresboden wird nur einer kleinen Anzahl von Menschen zugutekommen. Diese sind reich und haben kein Interesse am Fortbestand unserer Gemeinden und indigenen Lebensweise“.

IUCN-Weltnaturschutzkongress 2021

Anfang September 2021 stimmte eine Mehrheit der Mitglieder der IUCN auf dem alle vier Jahre stattfindenden IUCN-Weltnaturschutzkongress für ein Moratorium für den Tiefseebergbau. In der Resolution heißt es außerdem, die ISA solle reformiert werden.

Fidschi

Während der IUCN-Konferenz 2021 verkündete der Premierminister von Fidschi Frank Bainimarama ein Verbot für den Abbau von Meeresbodenschätzen in fidschianischen Gewässern.

Petitionen gegen Tiefseebergbau